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Skeptic's Dictionary
 

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©Copyright 1994-2002
  Robert T. Carroll
Professor of Philosophy
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 Tobias Budke

 

 

 

Psychoanalyse

"In den vergangenen fünfunddreißig Jahren haben wiederholte Prüfungen der Literatur keine sicheren Beweise dafür liefern können, dass die psychoanalytische Therapie einer Placebo-Therapie überlegen ist." (Terence Hines, "Pseudoscience and the Paranormal", S.133, 1990)

"Ich bin nämlich gar kein Mann der Wissenschaft, kein Beobachter, kein Experimentator, kein Denker. Ich bin nichts als ein Conquistadorentemperament, ein Abenteurer, wenn Du es übersetzt willst, mit der der Neugierde, der Kühnheit und der Zähigkeit eines solchen."
(Sigmund Freud, Brief an Wilhelm Fließ, 1. Februar, 1900).

"In den 50er und 60er Jahren war die Warnung des Meisters in einem Getöse aufgeregter Stimmen untergegangen. Psychoanalytiker und Psychiater behaupteten, sie könnten sogar die Schizophrenie, die gefürchtetste aller geistigen Krankheiten, heilen, und zwar durch bloße Gespräche mit ihren Patienten."
(Edward Dolnick, "Madness on the Couch - Blaming the Victim in the Heyday of Psychoanalysis", p. 12, 1998)

 

Die Psychoanalyse ist die Großmutter aller pseudowissenschaftlichen Psychotherapien. Als Lieferant falscher und irreführender Behauptungen über den Verstand, über geistige Gesundheit und geistige Krankheit wird sie nur noch von der Scientology übertroffen. So gelten Schizophrenie und Depression in der Psychoanalyse nicht als neurochemische, sondern als narzisstische Störungen. Autismus und andere psychische Krankheiten sind keine chemischen Probleme des zentralen Nervensystems, sondern Probleme, die ihren Ursprung im Verhalten der Mutter haben. Diese Krankheiten bedürfen also nicht pharmakologischer Behandlung, sondern lediglich einer Gesprächs-Therapie. Ähnliche Ansichten werden hinsichtlich der Magersucht und des Tourette-Syndroms vertreten (Hines, S. 136). Welche stichhaltigen Argumente sprechen nun für die psychoanalytische Lehrmeinung in Bezug auf geistige Erkrankungen und ihre Behandlung? Gar keine!

Freud glaubte das Wesen der Schizophrenie zu verstehen: Sie sei keine geistige Krankheit, sondern eine Störung im Unbewussten (häufig, aber inkorrekt als "Unterbewusstsein" bezeichnet), die ihre Ursache in ungelösten homosexuellen Regungen habe. Allerdings betonte Freud, dass die Psychoanalyse bei Schizophrenen nicht wirken könne, weil solche Patienten die Einsichten ihres Therapeuten missachteten und somit resistent gegen die Therapie seien (Dolnick, S. 40). Später erklärten Psychoanalytiker dann - mit gleicher Überzeugung und ebenso mangelhafter wissenschaftlicher Grundlage - dass Schizophrenie durch "erstickende Mutterliebe" verursacht würde. Frieda Fromm-Reichmann etwa prägte im Jahre 1948 den Begriff der "schizophrenogenen Mutter", also: eine Mutter, deren übertriebene Mutterliebe das Kind in die Schizophrenie treibe (Dolnick, S. 94). Andere Analytiker hatten diese Ansicht mit Anekdoten und Phantasien bereits belegt, bevor Fromm-Reichmann ihre Thesen formulierte. Und in den kommenden zwanzig Jahren sollten noch viele diesen irregeleiteten Vorbildern folgen.

Würde man einen Patienten mit gebrochenem Bein oder mit Diabetes qua Gesprächstherapie oder Traumdeutung behandeln? Natürlich nicht. Man stelle sich die Reaktion vor, wenn man einem Diabetiker erzählte, seine Krankheit sei auf "Selbstbefriedigungs-Konflikte" oder auf "verdrängte Erotik" zurückzuführen! Eine psychoanalytische Erklärung seiner körperlichen Krankheit oder Störung nützt dem Patienten genauso viel wie die Mitteilung, er sei von bösen Geistern besessen. Die Austreibung des Teufels durch einen Schamanen oder Priester oder die Austreibung der Kindheitserfahrungen durch den Psychoanalytiker: Worin liegt hier der Unterschied?

Aus welchen Gründen also sollte jemand heutzutage noch behaupten, dass neurochemische oder andere körperliche Störungen durch unterdrückte oder sublimierte traumatische oder sexuelle Kindheitserfahrungen verursacht werden? Wahrscheinlich aus denselben Gründen, die Theologen dazu bewegen, an ihren aufwendigen Glaubensschemata festzuhalten - trotz aller erdrückenden Beweise dafür, dass ihre Glaubenssysteme wenig mehr sind als gewaltige metaphysische Spinnweben. Ihre Institutionen geben ihnen den Rückhalt, der für die Aufrechterhaltung ihrer gesellschaftlichen Funktion und für ihre Ideen erforderlich ist: die meisten der letzteren jedoch halten einer empirischen Prüfung nicht stand. Gedanken, die nicht überprüft werden, können nicht widerlegt werden. Was nicht widerlegt werden kann und zudem die Unterstützung einer mächtigen Institution oder Einrichtung genießt, kann deshalb über Jahrhunderte hindurch als korrekt und stichhaltig gelten, ungeachtet seiner fundamentalen Leere, seiner Unrichtigkeit und seines Schadenspotenzials.

Das zentrale Konzept der Psychoanalyse ist die Vorstellung von einem Unbewussten, das als Speicher für verdrängte Erinnerungen an traumatische Ereignisse dient. Letztere nehmen ständig Einfluss auf das bewusste Denken und Verhalten. Diese Vorstellung einer unbewussten Verdrängung entbehrt jedoch sowohl jeder wissenschaftlichen Grundlage als auch jeglichen Beweises dafür, dass bewusstes Denken oder Verhalten durch verdrängte Erinnerungen beeinflusst würde. (Für diejenigen, die diesen letzten Satz nicht aufmerksam genug gelesen haben, möchte ich anmerken, dass ich weder die Existenz unbewusster Gedanken noch die der impliziten Erinnerungen abstreite.)

Parallel zu diesen fragwürdigen Annahmen der Psychoanalyse existieren zwei gleichermaßen fragwürdige Methoden, die dazu dienen, die angeblich im Unbewussten versteckten Erinnerungen zu untersuchen: "freie Assoziation" und "Traumdeutung". Beide Methoden können weder wissenschaftlich formuliert noch empirisch untersucht werden. So sind beide eine Art metaphysischer Blankoscheck, der dazu dient, beliebig zu spekulieren, ohne jeden Bezug zur Realität.

Wissenschaftliche Erkenntnisse, die im Hinblick auf die Funktionsweise des Gedächtnisses gewonnen wurden, liefern keinerlei Belege für das psychoanalytische Modell des Unbewussten, das sexuelle und traumatische Erinnerungen - ob im Kindes- oder Erwachsenenalter - verdrängt.

Es existieren jedoch reichlich Beweise dafür, dass es eine Art von Erinnerung gibt, derer wir uns nicht direkt bewusst sind, an die wir uns aber dennoch erinnern. Wissenschaftler bezeichnen diese Art der Erinnerung als "implizite Erinnerung." Es gibt viele Beweise dafür, dass das Speichern von Erinnerungen einer umfassenden Entwicklung der vorderen Hirnlappen bedarf, die Säuglingen und Kleinkindern fehlt. Außerdem müssen Erinnerungen kodiert werden, damit sie lange erhalten bleiben. Fehlt die Kodierung, folgt ein Erinnerungsverlust, wie es mit so vielen unserer Träume geschieht. Ist die Kodierung schwach, bleiben vom ursprünglichen Erlebnis möglicherweise nur bruchstückartige und implizite Erinnerungen zurück. Daher tendiert die Wahrscheinlichkeit, dass Säuglinge sich an Missbrauch - oder überhaupt an irgendetwas - erinnern, gegen Null.

Implizite Erinnerungen an Missbrauch treten zwar auf, aber nicht unter den Umständen, die angeblich der Verdrängung unterliegen. Implizite Erinnerungen an Missbrauch tauchen auf, wenn eine Person während des Angriffs das Bewusstsein verliert und das Erlebnis nicht vollständig kodieren kann.

Ein Beispiel: Ein Vergewaltigungsopfer konnte sich nicht an die Vergewaltigung erinnern. Der Vorfall ereignete sich auf einem mit Ziegeln gepflasterten Gehweg. Die Worte 'Ziegel' und 'Weg' kamen ihr immer wieder in den Sinn, aber sie brachte sie nicht mit der Vergewaltigung in Verbindung. Als man sie erneut an den Tatort führte, verlor sie völlig die Fassung, obwohl sie sich nicht an das Geschehene erinnern konnte (Daniel L. Schacter, "Searching for Memory - the brain, the mind, and the past", S. 232, 1996). Es ist unwahrscheinlich, dass Hypnose, freie Assoziation oder irgendeine andere therapeutische Methode ihr zu der Erinnerung an das Ereignis verhelfen könnte. Sie hat keine unmittelbare Erinnerung, weil sie wegen der Brutalität des Angriffs nicht imstande war, das Trauma zu kodieren. Ein Psychoanalytiker oder ein anderer Therapeut für "unterdrückte Erinnerungen" könnte höchstens eine falsche Erinnerung im Opfer erzeugen - was einem weiteren Missbrauch ihrer Person gleichkäme.

Wesentlich verknüpft mit der psychoanalytischen Ansicht der Verdrängung ist die Annahme, dass das elterliche Verhalten gegenüber Kindern, insbesondere die Mutterliebe, die Ursache für viele, wenn nicht für die meisten Probleme im Erwachsenenalter ist - ob es sich um Persönlichkeitsstörungen, emotionale Probleme oder Geisteskrankheiten handelt. Es besteht wenig Zweifel daran, dass Kinder, die während ihrer Kindheit grausam behandelt wurden, als Erwachsene sehr stark durch eine solche Behandlung geprägt sind. Es ist ein weiter Weg von dieser Tatsache hin zu der Vorstellung, dass alle sexuellen Erfahrungen in der Kindheit im späteren Leben Probleme verursachen oder dass alle Probleme im späteren Leben - sexuelle Probleme mit einbezogen - auf Kindheitserfahrungen zurückzuführen seien. Die Beweise für diese Annahmen fehlen schlicht.

Psychoanalytische Therapien stützen sich in vielerlei Hinsicht auf eine Suche nach etwas, das wahrscheinlich gar nicht existiert (verdrängte Kindheitserinnerungen), eine Annahme, die wahrscheinlich falsch ist (dass Kindheitserfahrungen die Probleme des Patienten verursacht haben) und eine therapeutische Theorie, die so gut wie keine Chancen hat, richtig zu sein (dass das Aufrufen verdrängter Erinnerungen ins Bewusstsein für die Heilung erforderlich ist). Und dies sind nur die Grundlagen jenes aufwendigen Gedankengebäudes, das vorgibt, tiefe Geheimnisse des Bewusstseins und Verhaltens zu erklären. Wenn aber die Grundlagen schon falsch sind, wohin soll dann die Therapie führen?

Trotz alledem hat die von Sigmund Freud (1856-1939) in Wien vor einem Jahrhundert entwickelte Methodik der Psychoanalyse auch Gutes gebracht. Freud sollte als einer unserer größten Wohltäter gelten - allein schon deshalb, weil er als erster den Wunsch verspürte, diejenigen zu verstehen, deren Verhalten und Denken die Grenzen der von Gesellschaft und Kultur geprägten Konventionen überschreiten. Dass es nicht mehr allgemein üblich ist, Verhaltens- und Geistesgestörte zu verurteilen und verspotten, ist nicht zuletzt auf die von der Psychoanalyse gepredigte Toleranz zurückzuführen. Und was auch immer an Intoleranz, Ignoranz, Heuchelei und Prüderie bezüglich des Verständnisses unseres sexuellen Verhaltens zurückgeblieben ist, kann kaum Freud angelastet werden.

Psychoanalytiker erweisen Freud keine Ehre, wenn sie blindlings den Doktrinen ihres Meisters in diesem oder irgendeinem anderen Bereich folgen. Und so schließen wir mit den Worten des Psychiaters Anthony Storr, der einmal sagte: "Die von Freud praktizierte Methode, leidenden Personen über längere Zeiträume zuzuhören, anstatt ihnen Befehle oder Ratschläge zu erteilen, bildet die Grundlage für einen Großteil der modernen Psychotherapien - was sowohl für den Patienten, als auch für den Therapeuten ein Gewinn bedeutet." (Storr, 120)

 

Nachtrag des Übersetzers

Freuds Problem war im Grunde - wie er selbst im Zitat am Anfang des Eintrags mehr oder weniger zugibt - dass er kein Wissenschaftler war oder besser: dass er bei der Psychoanalyse auf die Wissenschaftlichkeit verzichtete, die er zuvor als angehender Neurologe gelernt hatte. Verteidiger der Psychoanalyse, die diese Unwissenschaftlichkeit zugeben, weisen eher auf die therapeutischen Erfolge hin (Freud selber allerdings sah die Psychoanalyse als unteilbar an: Theorie und Therapie sollten sich gegenseitig stützen). doch gerade in diesem Bereich ist Freuds eigene Leistung minimal: Insgesamt veröffentlichte er sechs Fälle, die er zum Teil als "geheilt" betrachtete; aber diese Deutung hält einer kritischen Überprüfung kaum stand (Dewdney, S. 71f.). Gleichzeitig sagt ein Heilungserfolg nur wenig über die Richtigkeit der zugrundelegenden Theorien aus: Viele Menschen fühlen sich auch durch Homöopathie oder Scientology-Auditing "geheilt", ohne dass dies ein Urteil über ihr theoretisches Fundament zuließe.

Freuds eigenes Leben ist zweifellos faszinierend, und vermutlich ist die Annahme zutreffend, die Psychoanalyse sei zu einem großen Teil das Produkt von Freuds eigenen psychischen Problemen und seiner Kokainsucht (ähnlich wie sich vieles bei Marx auf seine permanenten Geldprobleme zurückführen lässt). Etwas verkompliziert wird eine Diskussion über Freud dadurch, dass er selber häufig in seinen Aussagen schwankte und auf diese Art viel Stoff für Zitatenjäger gab - sucht man lange genug, wird man schon fündig.

Die Psychoanalyse hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts in zahlreiche "Schulen" zersplittert (darunter etwa Jungsche Psychoanalyse oder die von Jacques Lacan), die zum Teil wohl versuchen, zu retten, was zu retten ist, zum Teil (etwa bei Jung) ganz und gar in den mystischen Nebel gelenkt wurden (es ist nicht überraschend, dass sich Clarissa Pinkola Estés als "geschult in Jungscher Psychoanalyse" bezeichnet). Parallelen zu einer Religion drängen sich geradezu auf: Die heroische Gründerfigur, Abtrünnige, die ersten Schismen, Sektenbildung, Fehlen jeglichen Interesses am Wahrheitsgehalt der Theorien, geistige Abschottung der Praktizierenden, Initiation (Lehranalyse!), Exegese der Worte des Meisters ... Was auch immer die Psychoanalyse sein mag: Wissenschaft ist sie nicht.

Leserkommentar

 

Literaturtips (deutsch)

Dewdney, A.K.: Alles fauler Zauber? Basel Boston Berlin 1998. Kapitel 3, S. 67-85.

Eysenck, H.-J.: Sigmund Freud: Niedergang und Ende der Psychoanalyse. München 1985 (orig. The Decline and Fall of the Freudian Empire, 1985).

Zimmer, Dieter: Tiefenschwindel. Die endlose und die beendbare Psychoanalyse. Reinbek bei Hamburg 1995 (1986).

(englisch)

Dawes, Robyn M. House of Cards - Psychology and Psychotherapy Built on Myth,(New York: The Free Press, 1994).

Dineen, Tana. Manufacturing Victims: What the Psychology Industry is Doing to People (Montreal: Robert Davies Multimedia Publishing, 1998).

Dolnick, Edward. Madness on the Couch - Blaming the Victim in the Heyday of Psychoanalysis (New York: Simon & Schuster, 1998).

Hines, Terence. Pseudoscience and the Paranormal (Buffalo, NY: Prometheus Books, 1990).

Feinberg, Todd E. and Martha J. Farah. editors, Behavioral neurology and neuropsychology (New York : McGraw-Hill, 1997).

Freud, Sigmund. Civilization and its Discontents.

Freud, Sigmund. Future of an Illusion.

Gold, Mark S. The Good News About Depression : Cures and Treatments in the New Age of Psychiatry (New York: Bantam Books, 1995).

Marquis.Julie. "Erasing the Line Between Mental and Physical Ills," Los Angeles Times, October 15, 1996.

Papolos, Demitri and Janice Papolos. Overcoming Depression 3rd ed. (HarperCollins, 1997).

Pincus, Jonathan. and Gary. Tucker. Behavioral Neurology, 3rd ed. (New York: Oxford University Press, 1985).

Schacter, Daniel L. Searching for Memory - the brain, the mind, and the past (New York: Basic Books, 1996).
Review

Storr, Anthony. Feet of Clay - saints, sinners, and madmen: a study of gurus (New York: The Free Press, 1996).

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