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Skeptic's Dictionary
 

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Wolfsfrau

von Tobias Budke

 

Titel eines Bestsellers der amerikanischen Psychologin und Geschichtenerzählerin Clarissa Pinkola Estés. Die Wolfsfrau ist eine Beschreibung von Ms Estes' Arbeit als Jungianische Psycho- und Märchentherapeutin und versucht, alte Märchen und Legenden in Beziehung zu emotionalen und psychischen Prozessen moderner Frauen zu bringen. Zweck der Wolfsfrau ist es, der Frau von heute zu ermöglichen, ihre "Wolfsnatur" wiederzuentdecken und die untergeordnete Rolle, die sie bisher im Leben gespielt hat, gegen wahre Freiheit auszutauschen. In dieser Hinsicht ist das Buch eindeutig ein Teil des "spirituellen" oder "mythischen" Feminismus und steht im scharfen Gegensatz zum "politischen" Feminismus.

Estés selber bezeichnet sich als Psychoanalytikerin Jungianischer Prägung und als cantadora (Geschichtenerzählerin). Sie teilt die übliche psychoanalytische Überzeugung, dass Träume der "Königsweg zum Unterbewussten" darstellen; ihre Therapiemethoden sind unter anderem Geschichtenerzählen, Handarbeiten, Theaterspielen und die sogenannte "Interaktive Trance". Die Geschichte (das Märchen) ist für sie in Bezug auf das kollektive Unterbewusste dasselbe wie der Traum für das Individuum: Märchen und Legenden liefern Hinweise auf und geben Informationen über psychische Prozesse, derer sich der Mensch normalerweise nicht bewusst ist. Es bestehen Parallelen zur "Märchentherapie" Jean Ringwalds und zum sogenannten "Katathymen Bilderleben" Hanscarl Leuners.

Grundannahme der Wolfsfrau ist die "tierische" Natur der Frauen, die "Urinstinkte", die "im Lauf mehrerer Jahrtausende systematisch plattgewalzt, abgeholzt, ausgeplündert, unterdrückt [...]" (S. 13) worden seien. Die Parallelität zwischen wilden Tieren, insbesondere Wölfen, und "wilden Frauen" zieht sich wie ein roter Faden durch die Seiten. Estés zufolge leben die meisten Frauen heutzutage unter einer Zivilisationsschicht, die dringend überwunden werden muss, ein Akt, den sie als "Psycho-Archäologie" bezeichnet, obwohl ihre ständigen Metaphern von "Knochen" und "Skeletten" eher auf Psycho-Paläontologie hindeuten. Das Unglück der Frauen resultiert daraus, dass sie verlernt haben - unter dem Druck der bestehenden Verhältnisse - dieser inneren Wildheit zu lauschen. In diesem Sinne hängt sie einem platonischen Idealismus an: Es gibt diese "ideale" Frauengestalt, die in ihrem Wesenskern durch alle Zeiten hin gleich bleibt. Sie bescheinigt allerdings diesem Wesenskern "Humanität und Integrität" (S. 21), was beruhigend ist, denn gerade Wildheit und Aggressivität im männlichen Geschlecht sind für eine derart große Zahl an Grausamkeiten und Verbrechen in der Menschheitsgeschichte verantwortlich, dass man sie per se doch nicht unbedingt als positive Eigenschaften werten sollte. Aber es wird rasch klar, an wen sie sich mit ihren Vorstellungen wendet: An Frauen, die konstant das Gefühl haben, unterdrückt, depressiv und fade leben zu müssen, obgleich sie doch so viel Interessantes, Kreatives und Mutiges in sich haben - und beim Freilegen dieser Eigenschaften will Ms Estés helfen.

    "Das Material in diesem Buch ist allein darauf ausgerichtet, Frauen ein Gefühl für die ihnen innewohnende Stärke zu vermitteln." (S. 25)

Ein wissenschaftlicher Anspruch besteht dabei nicht, wie sie freimütig einräumt, indem sie ihre Leserinnen bittet, nicht rational und vom Verstand her an den Text heranzugehen (S. 30), sondern den "dritten Gehörgang" zu verwenden, der für "Seelenklänge" zuständig sein soll. Die Seele gilt als "unsterblich" (S. 169) und verfügt über "Intelligenz" (S. 180). Feind dieser Seelenkraft und Oberschurke in ihrer Weltsicht ist dabei der "Räuber", eine zerstörerische Tendenz, die allen Frauen innewohnt (S. 44). Er tritt häufig als "animalischer Liebhaber" (S. 60) auf und wird mit mehreren Märchengestalten, so etwa Blaubart, identifiziert. Er ist es auch, der im Märchen von den roten Schuhen (s.u.) sowohl Schuster als auch Teufel spielt, um die Protagonistin ins Verderben zu führen.

Dabei geht sie hermeneutisch vor: Die in ihrem Buch erzählten Märchen werden zunächst in einer recht eigentümlichen Version wiedergegeben - laut der Autorin stammen diese Versionen häufig von anderen cantadoras - und danach auf psychologische Erkenntnisse hin abgeklopft. Als Beispiel möge hier die Geschichte von dem Mädchen mit den roten Schuhen dienen (S. 230ff.) In Ms Estés' Fassung, die deutlich von der Hans Christian Andersens abweicht, fertigt sich das arme Mädchen selber rote Schuhe an, die dann von der älteren Dame, die sie bei sich aufnimmt, weggeworfen und verbrannt werden. Ein Schuster schenkt ihr neue, feuerrote Schuhe, mit denen sie zur Konfirmation geht, was überall auf Missbilligung stößt; schließlich wird sie von einem alten Soldaten verhext, und die Schuhe zwingen sie zum Tanzen. Während eines Tanzanfalls betritt sie einen Friedhof und wird von einem Geist verflucht, in alle Ewigkeit zu tanzen. Schließlich schlägt ihr der Scharfrichter auf ihren Wunsch die Füße ab. Diese Version stammt der Autorin zufolge von ihrer Tante Tereza, die ihr die "ungarisch-germanische" Version erzählte. Ihre Interpretation folgt sogleich: Die zuerst angefertigten Schuhe sind der selbst zurechtgeschusterte Lebensstil, wobei die Füße die Grundlage der Psyche darstellen. Das Mädchen wird allerdings gelobt für den kreativen Akt, die Schuhe selber anzufertigen. Doch dann kommen die Fallen: Die alte Dame baut dem Mädchen einen "goldenen Käfig", der ihre Entwicklung hemmt, denn "in solchen Häusern muss man stillsitzen, brav sein und den Mund halten ... " (S. 241). Falle Nummer zwei ist die "vertrocknete Alte", die dem Kind die Lebenskraft absaugt; der dritte Schlag ist die Verbrennung der selbstgemachten Schuhe, die den Verlust der seelischen Integrität symbolisieren sollen. Danach zeigt sie nicht nur ein krankhaftes Verlangen nach neuen roten Schuhen (interpretiert als "falscher" Ersatz, da sie sie ja nicht selber angefertigt hat), sondern nach der Begegnung mit dem Soldaten (= Teufel) ein krankhaftes Suchtverhalten (den Tanz), durch dessen "höllische Qualen" (S. 236) sie wieder zu Sinnen kommt. Der Scharfrichter heilt sie schließlich, indem er ihr Suchtverhalten brutal beendet (bis dahin ist sie in insgesamt acht Fallen getappt).

Estés fordert die Leserin auf, das Märchen "genauer [zu] analysieren" (S. 235). Folgen wir dieser Aufforderung und beschränken uns zunächst auf die von "Tante Tereza" gelieferte Fassung. Die alte Frau, die das Mädchen aus Armut und Hunger rettet und liebevoll umsorgt, ist keineswegs eine freundliche Pflegemutter, sondern ein Seelenvampir, der die Entwicklung des Mädchens hemmt; ihr - objektiv verzeihlicher - Fehler ist es, die selbstgemachten Schuhe zu verbrennen, was ebenfalls viel mehr Schaden anrichtet als sämtliche Wohltaten Gutes leisten können. Der Schuster ist nicht etwa ein verschmitzter Kumpel, der dem Kind eine Freude bereiten will, sondern ein bösartiger Schurke, einem Heroin-Dealer nicht unähnlich, und der lustige Soldat ist natürlich der Teufel. Das Gespenst wiederum, das das Mädchen - grundlos, wie es scheint - verflucht, symbolisiert die Sucht als solche und die Isolation von der Gesellschaft, während der Scharfrichter zwar zunächst versucht, dem Mädchen nicht zu schaden, aber schließlich seine Füße abschlägt; danach hat das Mädchen keine Füße mehr und ist wieder arm, aber seine Sehnsucht nach roten Schuhen ist gestillt. Allerdings ist auch die folgende Interpretation denkbar: Die roten Schuhe, die der freundliche Schuster dem Mädchen schenkt, sind Ausdruck ihrer Fröhlichkeit und ihrer Lust am Leben; erst der Kontakt mit dem Soldaten macht sie "böse" und zwingt das - völlig schuldlose - Mädchen zum Tanzen, wobei das Gespenst ihre Zwangsisolation und der Scharfrichter die brutale Gewalt der vorherrschenden Konventionen vertritt. Oder wie wäre es mit: Die selbstgemachten Schuhe sind die frühkindliche Sexualität, die das Mädchen bei der alten Frau unterdrücken muss; sie schläft mit dem Schuster (die roten Schuhe5 als Verlust ihrer Jungfräulichkeit) und wird dann vom Soldaten verführt, womit sie in ein ausschweifend sexuelles Leben eintritt; dann wäre das Gespenst wohl eine Geschlechtskrankheit (= Isolation), während der Scharfrichter den Arzt darstellt, der sie durch schmerzhafte Eingriffe "heilt" (sie hat danach allerdings keinen Sexualtrieb mehr). Die Leserin sei aufgefordert, sich noch weitere Interpretationen auszudenken; ich vermute, alle werden etwa gleich plausibel ausfallen. Diese Art von "hermeneutischer Psychologie" ist im Grunde nichts anderes als Astrologie - welcher psychische Prozess lässt sich nicht mit irgendeinem der zahllosen Märchen, Sagen und Legenden in Zusammenhang bringen, insbesondere, wenn man so fleißig an der eigentlichen Erzählung hämmert und feilt wie Ms Estés? Dass Andersens Fassung fundamental anders aussieht, sollte einen schon nicht mehr wundern; trotz des vermutlich arbeitsreichen Anpassung des Originals an die gewünschte Interpretation - niemand soll mir erzählen, dass die Geschichte älter ist als die Analyse - ist die Erzählung selbst für ein Märchen außerordentlich unlogisch und unglaubwürdig. Die alte Dame ist farbenblind - wie viele Charaktere in alten Märchen fallen Ihnen ein, die an Farbenblindheit leiden? Vom Standpunkt der Autorin aus muss sie natürlich farbenblind sein, denn sonst funktioniert die Geschichte nicht. Darüber hinaus ist sie reich und hat auch einen Kutscher - aber sonst keine Bediensteten? Oder sind die auch alle farbenblind und erkennen nicht, dass das Mädchen die roten Schuhe trägt, bevor die Leute in der Kirche sie sehen? Der Kutscher ergreift das Mädchen und reißt ihm die Schuhe von den Füßen - ist der Scharfrichter zu dämlich dazu? Die alte Frau stellt die Schuhe auf einen hohen Schrank - warum verbrennt sie sie nicht, nachdem sie so offensichtlich gezeigt haben, dass sie verhext sind? Und warum ist das Mädchen am Ende der Geschichte wieder arm, wo sie doch die einzige Erbin der reichen alten Dame sein müsste? Fragen über Fragen. Andersens Fassung ist stärker christlich geprägt und in sich geschlossener: Das Mädchen vergisst das Vaterunser in der Kirche, weil es sich so sehr über die roten Schuhe freut; dadurch werden die Schuhe verhext, und der Tanz beginnt. Sie wird von einem Engel an der Kirchentür verflucht, weiter zu tanzen, und der Scharfrichter schlägt ihr nach der Beichte die Füße ab und fertigt Holzkrücken für sie an; aber noch hat sie nicht genug gebüßt, und die roten Schuhe tanzen vor ihren Augen, als sie die Kirche betreten will. Schließlich stirbt sie und gelangt in den Himmel, wo ihr vergeben wird. Keine angenehme Moral, aber wenigstens nicht zusammengebraut, um eine bestimmte Lesart zu stützen. Vermutlich unfreiwillig ehrlich ist Estés, wenn sie zugibt, dass es sich bei einem weiteren Märchen um ihre eigene "analytische und Theaterversion" (S. 278) handelt. Ich habe es vielleicht immer noch nicht verstanden, aber geht es bei der Jungschen Märchenanalyse nicht um das "kollektive Unterbewusste", das aus uralten, überlieferten Märchen rekonstruiert werden soll? Führt Estés hier nicht ihre eigene Methodologie - so unsinnig sie auch ist - ad absurdum? Oder darf man an alten Sagen und Legenden nach Lust und Laune herumpfuschen, wenn man eine cantadora ist?

Es ist ein geschickter Zug von Ms Estés, die erzählten Märchen in einer Version wiederzugeben, die wirklich niemand überprüfen kann, denn sie stammen zumeist von "Tante Katie" (Blaubart, S. 44; Vasalisa, S. 81), "Tante Tereza" (Mädchen mit den roten Schuhen, S. 230), "Miss V.B. Washington" (Manawee, S. 119), "Mary Unkalat" (Skelettfrau, S. 139), "namenlosen Erzählern aus der Alten Welt" (Hässliches Entlein, S. 174) ... Wie schrieb Günter Wallraff damals über einen Artikel in der Bild-Zeitung? "Was man erfindet, hat man exklusiv." Wenn es erlaubt ist, ein wenig zu spekulieren: Man kann sich die Vorgehensweise der Autorin lebhaft vorstellen. Ein "klassisches" Märchen wird gelesen und als irgendwie relevant für weibliche psychische Prozesse empfunden. Leider hat es jedoch Ecken und Kanten, die nicht so richtig ins Bild passen wollen; gleichzeitig fehlen Dinge, die doch eigentlich sehr hübsch in die - bereits vorliegende - Interpretation passen würden. Kein Problem: Die Ecken und Kanten werden abgeschliffen, die fehlenden Elemente kreativ eingefügt, und voilà! das Endprodukt wird dann Tante Katie untergeschoben, die sich wahrscheinlich auch nicht mehr wehren kann.

Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus - sei es nun Natur-, Geistes- oder Literaturwissenschaft - ist das Buch vollkommen wertlos. Ethnologinnen und Religionswissenschaftlern dürfte gleichermaßen schwindlig werden, wenn sie sehen, mit welcher Leichtigkeit Gottheiten, Fabelwesen, Mythen und Sagen aus so unterschiedlichen Kulturen und historischen Epochen wie dem antiken Griechenland, dem alten Indien, dem klassischen Ägypten, der Navajo-Indianer und dem europäischen Mittelalter zusammengewürfelt werden, um den angeblich so gewonnenen Erkenntnissen mehr Gewicht zu verleihen (ehrlich gesagt erinnert diese Vorgehensweise an diejenige Erich von Dänikens, der wahllos Kulturen und Legenden plünderte, um überall Außerirdische zu finden). Wohlwollend kann man diese Vorgehensweise eklektisch nennen; chaotisch wäre vermutlich zutreffender. Man kann nur spekulieren, welche "Wilde-Mutter-Religionen" (S. 101) sie meint, die vom "Monotheismus vertrieben wurden". Weibliche Gottheiten gab es in allen Panthea der Antike, aber das macht sie noch nicht zu "Mutterreligionen", auch wenn Mutterfiguren natürlich eine Rolle spielen. Jede Historikerin wäre vermutlich leicht amüsiert, wenn jemand die Kulturen des alten Indien, Ägypten und des Mittleren Ostens als "matriarchalisch" (S. 251) bezeichnen würde. Aber die Quellenangabe für diese Information ist ohnehin nur "es heißt". Die von Estés verwendeten Metaphern sind wenig mehr als eine sinnlose Kakophonie an Bedeutungsschwere mit willkürlich hergestelltem Bezug zum Seelenleben von Frauen und einer Interpretation, die völlig im leeren Raum schwebt. Gelegentlich muss auch die Biologie herhalten: "Alle Geschöpfe kommen mit einer Reihe von naturgegebenen Anlagen zur Welt, die sich dann bei Gelegenheit entfalten und zeigen." (S. 51) Soweit kein Einwand, aber der folgende Sprung ist charakteristisch:

    "In der Biologie wird die Anlage als jener Teil einer Körperzelle verstanden, der das Potential erhält, den Keim alles dessen, was sich im Laufe des Wachstums entwickeln wird. Wir, als Frauen, sind von der psychologischen Anlage her mit intuitiven Vorahnungen begabt [...]"

An diesem Beispiel wird klar, dass auch - nicht verstandene - naturwissenschaftliche Prozesse als hohle Metaphern für irgendetwas "Bedeutsames" herhalten müssen. Ein Saguaro-Kaktus gilt als "weise" (S. 236), weil er widerstandsfähig ist - und natürlich muss er die unsterbliche Urkraft symbolisieren, denn niemand entkommt Estés' Interpretationswalze.

Als persönliche Beleidigung werte ich als leidenschaftlicher Fan des Altenglischen (des Englischen vor und bis kurz nach der normannischen Invasion 1066) ihre Etymologie des Wortes witch (Hexe), das sie unberechtigterweise auf wit (wissen) zurückführt, obwohl es natürlich auf das altenglische Wort wicce1(Zauberin) zurückgeht, dessen letztendliche Herkunft ungeklärt ist (und das keineswegs frauenspezifisch war: wicca ist der "Zauberer").

Ms Estés Talent bei der Aufdeckung von "Symbolen" ist atemberaubend. Es gibt so ziemlich nichts, was nicht als Symbol für irgend etwas anderes herhalten kann und muss, damit die Interpretation eines Märchens der vorgegebenen Linie folgt. Die Freudsche Tradition, in Träumen (hier: Märchen) Hunderte von Symbolen für irgendetwas zu finden, wird von Estés so eifrig fortgesetzt, dass die Wolfsfrau an manchen Stellen wie eine Parodie auf die Traumdeutung wirkt. Aber dafür ist das Buch leider nicht witzig genug.

Einen guten Einblick in Estés' Geschichtsverständnis bietet das folgende Zitat (S. 183):

    "Noch im letzten Jahrhundert wurden Frauen für ihren Widerstand gegen die vorherrschenden Sittengesetze öffentlich angeprangert und mitsamt ihren symbolischen Geisteskindern unter dem Gejohle des Volkes auf Scheiterhaufen verbrannt."

Was meint Estés nur damit? Hexenverbrennungen? Im letzten Jahrhundert? Der letzte dokumentierte Hexenprozess fand 1793 in Polen statt, aber seien wir großzügig und nehmen es nicht so genau damit. Inwieweit verstießen diese Frauen (es waren auch reichlich Männer, Kinder und sogar Tiere unter den Opfern) gegen die vorherrschenden Sittengesetze? Und was stellen die "symbolischen Geisteskinder" dar, mit denen zusammen die Frauen verbrannt wurden? Schriften und Bücher, die also - und das ist mit Sicherheit keine zufällige Anspielung - wie in der NS-Zeit verbrannt wurden, um gefährliches Gedankengut zu unterdrücken? Vermutlich haben wir es hier mit einem weiteren Beleg für ein Phänomen zu tun, das Karl Bruno Leder in Todesstrafe so beschreibt:

    "Es ist ferner gesagt worden, dass die Frauen zu jenen Zeiten noch aus alter heidnischer Überlieferung über Geheimwissen auf dem Gebiet der Krankenpflege, der Kräuterkunde und ähnlichem verfügten. [...] Damit, scheint mir, ergreift man nachträglich noch die Partei der Inquisitoren und stempelt die Opfer eben doch zu Hexen. Genau das aber waren sie nicht; sie waren im vollsten Sinne des Wortes unschuldig." (S. 176)

Die "modernen Hexen", die sich auf ihre "verfolgten Ahninnen" berufen, sind nur ein weiterer kindischer Auswuchs des "spirituellen Feminismus". Es ist wirklich kaum zu glauben, dass Estés im Nachwort Dutzenden von Leuten für "Hilfe bei oft obskuren historischen Details" (S. 460) dankt. Was können die schon getan haben, wenn ihr trotzdem noch solche katastrophalen Fehler unterlaufen?

Natürlich hat Estés auch zum Suchtverhalten etwas zu sagen: "[...] in neun von zehn Fällen kann man das neurotische Zwangsverhalten von Frauen auf die Hungersnot ihrer Seele zurückführen." (S. 246). Beleg? Auch Wölfe haben gelegentlich Heißhunger. Oder lieber Psychiatrie? "Auch heute werden Frauen zunächst einmal für verrückt erklärt, wenn sie nach beruflichen Positionen der Spitzenklasse greifen und den dazugehörigen politischen und kulturellen Einfluss ausüben wollen."(S. 257) Kaum eine Wissenschaft entkommt ihr, und keine einzige scheint sie auch nur ansatzweise verstanden zu haben.

Manche Beispiele Estés' kann man nur als perfide bezeichnen. Sie erwähnt etwa CNN-Berichte über kuwaitische Frauen, denen von den moslemischen Gesetzgebern nach Ende des Golfkrieges der Prozess - offenbar ohne Bestrafung allerdings - gemacht wurde, da sie während des Krieges lebensnotwendige Autofahrten unternommen hätten; Autofahren ist den Frauen im Islam jedoch verboten4. Bei allem Respekt vor anderen Kulturen, aber ein solches Verhalten ist natürlich lächerlich, ungerecht und fanatisch. Und dieses Verhalten, das auch bei Männern weltweit nur Kopfschütteln und anti-arabische Gefühle auslösen dürfte, wird von Estés als Allegorie für die allgemeine Unterdrückung der weiblichen Kreativität verwendet!

Das Buch watet hüfttief in den abgedroschensten esoterischen Vorstellungen, wobei nicht immer klar wird, was Metapher ist und was von der Autorin für bare Münze genommen wird. An Sehen mit den Fingern erinnerte mich die Erzählung von der "Sohlenhaut" (S. 33). Estés spricht Frauen einen sechsten Sinn zu, den sie "Intuition" nennt (S. 37); mit dieser Intuition scheinen Frauen schon von der Eizelle an begabt zu sein (S. 52), und sie wird von der Mutter auf die Tochter weitergegeben (S. 87f.). Estés vergleicht sie mit "einer Wünschelrute" oder einer "Kristallkugel" (S. 81). Häufig ist von "Einweihungen" (S. 66) die Rede, so etwa von einem "Einweihungstraum" (S. 74), der zur " Bewusstseinserweiterung" führt, der "keine Grenzen gesetzt" seien (S. 74). "Sieben Schritte" sind zur Einweihung nötig (S. 88ff.); die Parallelen zu antiken Mysterienkulten sind offensichtlich. Man trifft ständig auf "Lichtkräfte" (S. 95), die im Inneren wiederentdeckt werden müssen. Feldenkrais und Ayurveda mitsamt dem "sechsten Sinn" werden als sinnvolle Therapieformen akzeptiert (S. 212). Die antiken "Heptomaden" (siebenjährige Lebenszyklen) feiern Auferstehung in Estés Phasenmodell der weiblichen Psyche (S. 447f.), die als wichtiges Element den "ätherischen Körper" hat (S. 448). Als ob die Jungsche Psychoanalyse selber nicht schon esoterisch genug wäre, finden sich hier zusätzlich noch Elemente aus der Antroposophie,  den antiken Mysterienkulten, der übersinnlichen Wahrnehmung und so weiter.

Außerordentlich unangenehm ist die Blut-und-Boden-Ideologie der weiblichen Natur, über die man nur mit Mühe schreiben kann, ohne den sachlichen Boden wissenschaftlicher Diskussion zu verlassen.. Die "Wilde Frau" steht Estés deswegen so nahe, weil sie "in eine Familie von spanisch-mexikanischer Abstammung hineingeboren und später von einem weitverzweigten Clan hitziger Ungarn adoptiert wurde." (S. 15) Man vergleiche diese Aussage mit: "Das Handeln und Feilschen liegt mir im Blut, weil ich in eine jüdische Familie geboren und später von redseligen Arabern adoptiert wurde.", und man erhält einen guten Eindruck von der Denkweise der Autorin. Die westliche Zivilisation ist für Estés "überzüchtet" (S. 164); die menschliche (sprich: moderne) Kultur ist "grausam" (S. 185). In ihrer Familie (der Ruf des Blutes?) wimmelt es angeblich von ungarischen und mexikanischen Geschichtenerzählerinnen; überhaupt gehören die Erzählerinnen bei ihr einer "uralten [...] Sippe" von Troubadouren, Mystikern, heiligen Bettlern und so weiter an. Die "Vorfahren" sind nicht nur für Estés, sondern auch für ihre Freundinnen wichtig, da man nur bei ihnen das wahre Selbst und die innere Zufriedenheit erlangen kann (S. 214). Wichtig ist es, "Stolz auf die eigene Blutlinie" zu erlangen (S. 216). Es wird gerne auch mal "bis aufs Blut und mit dem Schwert" gekämpft (S. 77), und Frauen sind aufgrund ihrer Menstruation3 "von Natur aus Instrumente der Leben/Tod/Leben-Natur" (S. 163). Zwar soll der Körper so akzeptiert werden, wie er ist, aber bei "verkrüppelten Schustern" (S. 256) kann ja doch etwas nicht stimmen, denn schließlich wurde dem Teufel früher nachgesagt, er sei an einer Behinderung zu erkennen.

Insgesamt kann man Estés' Frauen- (und Menschen-) Bild nur als reaktionär-romantisch bezeichnen; es wimmelt bei ihr von Ur-Kräften, Ur-Instinkten, unveränderlichen, ewigen, unzerstörbaren Dingen, Essenzen, Wesenheiten ... Ähnlich irrational ist ihr Bild von der Natur, wobei Wölfe für alles mögliche herhalten müssen; im Grunde genommen greift Estés die Vorstellungen mittelalterlicher Bestiarien auf, denen zufolge Tiere lediglich Symbole für menschliche Eigenschaften sind und in denen die Natur im Namen von Moral, Philosophie oder Psychologie sozusagen schanghait wird. Estés über den weiblichen Körper:

    "Die überall mehr oder minder lautstark verkündete Aufforderung, den Körper gewaltsam umzugestalten, erinnert mich an die gewaltsame Abholzung, Rodung und generelle Ausschlachtung dieser Erde." (S. 217)

Wohlgemerkt, es geht nicht um Folter und Verstümmelung, sondern lediglich um Dinge wie Gewichtsabnahme oder Fitness. Und Ms Estés muss entweder auf dem Mond leben oder bewusst einseitig argumentieren, um zu übersehen, dass - legitime und überzogene - Idealvorstellungen menschlicher Schönheit schon lange Frauen wie Männer plagen und daher mit der "Moderne" nichts zu tun haben. Aber wenn man wie sie den Körper für ein "Gottwesen" mit "Urkraft" hält (S. 220/222), dann ist jede Veränderung an ihm natürlich ein Sakrileg. Über die haltlose Vorstellung, der Körper sei "von Natur aus gesund", braucht man eigentlich keine Worte zu verlieren.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Grundsätzlich habe ich viel Sympathie für die vorgeblichen Ziele des Buches, und niemand kann ernsthaft bezweifeln, dass in so ziemlich allen menschlichen Gesellschaften Frauen häufig in die Unmündigkeit und Unterwürfigkeit hinein erzogen werden (übrigens kein Element, das auf einen wie auch immer definierten "Westen" beschränkt wäre). Es ist allerdings auch offensichtlich, dass sich die Lage zumindest bei uns gebessert hat und weiter bessert, auch wenn dieser Prozess von vielen Menschen als zu langsam und instabil empfunden wird. Natürlich bleibt noch viel zu tun, damit wir über die rechtliche Gleichstellung hinaus auch zur sozialen, psychologischen und beruflichen Gleichstellung kommen. Aber Bücher wie die "Wolfsfrau" sind verheerend für die Sache der Frauen, denn sie vernebeln nicht nur die Ursachen von Ungerechtigkeit und Ungleichheit hinter einem gelblichen Schleier von Esoterik und haltlosem Psycho-Geschwätz, sondern suggerieren den Leserinnen darüber hinaus noch Schein-Lösungen, die auf den ersten Blick attraktiv wirken, aber tatsächlich ins Nichts führen. Fortschritt ist nur durch intelligente Analyse, harte Arbeit, geschicktes politisches Vorgehen und Widerstandskraft gegen Rückschläge möglich. Weder die "radikale gesellschaftliche Transformation" des postmodernen noch die reaktionär-esoterischen Phantasien des spirituellen Feminismus helfen in irgendeiner Weise. Wenn ich Verschwörungstheorien anhinge, würde ich fast vermuten, dass sowohl Estés als auch "Feministinnen" wie Sandra Harding bezahlte Agentinnen des Patriarchats sind, angetreten, um die Sache der Frauen endgültig zu desavouieren.

Das Buch ist leider sehr beliebt und findet sich nicht nur in vielen Haushalten, sondern auch in allen Büchereien. Ich gebe gerne zu, dass ich darüber wütend bin. Zahllose Frauen haben das Buch bereits gelesen, und viele weitere werden es noch tun. Damit verschwenden sie Zeit und Energie, und wenn sie den Fehler machen, dem Inhalt Glauben zu schenken, dann begeben sie sich ins selbstgewählte Exil jenseits jeder vernünftigen Auseinandersetzung. Natürlich hat Ms Estés keinen wissenschaftlichen Anspruch, und natürlich spielt die Vernunft bei ihr keine Rolle. Aber jeder Mensch, der gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung ist, muss wissenschaftlich und vernünftig denken, denn darin liegt der Schlüssel für den Fortschritt - nicht in mystisch-esoterischen Spinnereien.

Wäre es zynisch, Ms Estés zu unterstellen, sie habe nach Belieben alle möglichen Elemente aus der Esoterik zusammengezimmert und sich dann an den Verkaufszahlen gesundgestoßen, wohl wissend, dass viele Frauen anfällig sind für esoterischen Pseudo-Feminismus? Lassen wir ihr das letzte Wort: "Die heißhungrige Frau ist extrem verletzbar und frisst normalerweise jede Giftpille, die ihr als 'Seelenmedizin' verschrieben wird, solange sie nur mit genug Zucker überzogen ist." (S. 230)

Ich hoffe nicht.

Anmerkung zur Übersetzung von Mascha Rabben: Liebe Frau Rabben, ich lasse mir ja gerne Neologismen wie" Eingeschlafenheit" (S. 178), "Talentiertheit" (S. 200) oder "passioniertes Engagement" (S. 103) gefallen und nehme auch wenig Anstoß an dem leicht salbadernden Stil, der vermutlich dem Original angemessen ist. Auch die falsche Übersetzung aus dem Spanischen (S. 143; dadme heißt gebt mir, nicht gib mir) lasse ich durchgehen. Aber wenn ich auf Seite 68 lese, wie die Wehrmacht an die Oberfläche zitiert wird, dann bin ich doch versucht zu fragen: Welche Armee und wer hat das Kommando?

 

1 Gesprochen "witsche", nicht "wikke".
2 Was, bitteschön, ist eine "afro-amerikanische Sage" (S. 119)? Ist es eine Sage, die von einer Afro-Amerikanerin erzählt wird? Wenn ich also jemandem eine Talmud-Geschichte erzähle, wird sie dann zu einer deutschen Geschichte? Da Löwen in der Sage vorkommen, handelt es sich doch wohl eher um eine afrikanische Sage, und als solche sollte man sie auch bezeichnen.
3 Estés zufolge ist den Männern die Menstruation ihrer Frauen "unangenehm und peinlich", weil sie sie an ihre eigene Sterblichkeit erinnert (!)
4 Natürlich gibt es keinerlei Angaben zu Quellen, Namen von Journalisten oder Ausstrahlungsdaten. Sollte diese Geschichte von vorne bis hinten nicht stimmen, möchte ich mich in aller Form bei den Menschen Kuwaits entschuldigen. An der Argumentation ändert dies allerdings nichts.
5 Übrigens praktiziert mein Freund der Schuhmacher Safer Sex, denn er wickelt die roten Schuhe in unauffälliges Packpapier ein!

 

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