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Akupunktur

Akupunktur ist eine traditionelle chinesische medizinische Technik zur Beeinflussung des chi (ch'i oder qi) zur Balancierung der gegensätzlichen Kräfte yin und yang. Chi, eine angebliche "Energie", die alle Dinge durchdringt, fließt nach dieser Überzeugung durch den Körper entlang 14 Hauptwegen namens Meridianen. Wenn Yin und Yang in Harmonie zueinander stehen, fließt das chi frei durch den Körper, und der Mensch ist gesund. Ist er krank, verletzt oder infiziert, so geht man davon aus, dass ein Hindernis an einem der Meridiane das chi blockiert. Akupunktur besteht darin, dass Nadeln in bestimmte Teile des Körpers gestochen werden, die dann - so sagt man - ungesunde Blockaden des chi entfernen und die Verteilung von Yin und Yang wiederherstellen. Manchmal sind die Nadeln auch gezwirbelt, erhitzt oder gar einer leichten elektrischen Spannung, Ultraschall oder bestimmten Wellenlängen des Lichts ausgesetzt. Ganz gleich, wie man es macht, der wissenschaftlichen Forschung ist es nicht gelungen, nachzuweisen, dass Akupunktur gegen irgendeine Art der Erkrankung hilft.

Eine Variante traditioneller Akupunktur nennt sich Aurikulotherapie oder Ohr-Akupunktur . Es ist eine Diagnose- und Behandlungsmethode, die auf dem unbestätigten Glauben beruht, das Ohr sei die Landkarte der inneren Organe. Ein Problem mit einem Organ wie beispielsweise der Leber wird behandelt, indem man eine Nadel in einen bestimmten Punkt am Ohr sticht, der mit dem betreffenden Organ korrespondieren soll. Ähnliche Ideen bezüglich Körperteile als Organlandkarten werden von Iridologen (die Iris als Karte des Körpers) und Reflexologen (der Fuß ist die Karte) vertreten. Eine Abart der Aurikulotherapie ist "Klammerpunktur", eine Behandlungsmethode, die Klammern in bestimmte Teile des Ohrs heftet in der Hoffnung, solche wunderbaren Effekte zu erzielen wie etwa das Rauchen aufzugeben. Es gibt keine wissenschaftlichen Belege für irgendeine dieser Theorien oder Praktiken.

Akupunktur wird in China seit mehr als 4.000 Jahren verwendet, um Schmerzen zu lindern und Krankheiten zu heilen. Traditionelle chinesische Medizin basiert nicht auf dem Wissen von moderner Physiologie, Biochemie, Ernährungswissenschaft, Anatomie oder irgendeines anderen bekannten Heilverfahrens. Sie basiert ebensowenig auf der Kenntnis von Zellchemie, Blutkreislauf, Nervenfunktionen, der Existenz von Hormonen oder anderer biochemischer Substanzen. Es gibt keine Verbindung zwischen den Meridianen der traditionellen chinesischen Medizin und der tatsächlichen Anordnung von Organen und Nerven im menschlichen Körper. Das amerikanische National Council Against Health Fraud, Inc. (NCAHF) (eine private, auf freiwilliger Basis beruhende und gemeinnützige Organisation, die sich mit Fehlinformationen, Betrug und Quacksalberei in Gesundheitsdingen befasst) stellt fest, dass von allen 46 medizinischen Fachzeitschriften, die vom chinesischen Ärztebund (CMA) herausgegeben werden, keine sich mit Akupunktur oder anderen traditionellen chinesischen Behandlungsmethoden befasst. Dessen ungeachtet wird vermutet, dass zwischen 10 und 15 Millionen US-Amerikaner etwa 500 Millionen Dollar im Jahr für Akupunktur ausgeben - für alle möglichen Zwecke, von Schmerzlinderung über Drogenentzug bis hin zu AIDS-Bekämpfung.

Trotz fehlender wissenschaftlicher Bestätigung wird Akupunktur verwendet in der Behandlung von: Depressionen, Allergien, Asthma, Arthritis, Blasen- und Nierenproblemen, Verstopfung, Durchfall, Erkältungen, Grippe, Bronchitis, Schwindelgefühlen, Rauchen, Erschöpfungszuständen, gynäkologischen Problemen, Kopfschmerzen, Migräne, Lähmung, hohem Blutdruck, PMS, sexuellen Schwierigkeiten, Stress, Schlaganfällen, Sehnenzerrung und Sichtproblemen. So scheint es, dass, während China weitere Fortschritte in der wissenschaftlich abgesicherten Behandlung von Krankheiten macht, viele Menschen in den USA, Deutschland und anderen Teilen der Welt Rückschritte machen und nach metaphysischen Ursachen für ihre physischen Probleme suchen.

Im März 1996 klassifizierte die Federal Drug Administration (FDA; US-Behörde für Zulassung von Medikamenten) Akupunkturnadeln als medizinische Geräte, die von geübten Könnern frei verwendet werden können. Bis dahin hatten Akupunkturnadeln als medizinische Geräte der Klasse III gegolten. Diese Klasse bezieht sich auf Geräte, deren Nützlichkeit und Sicherheit so zweifelhaft sind, dass sie nur in zugelassenen Forschungsprojekten verwendet werden dürfen. Aufgrund dieses "experimentellen" Status hatten sich viele Versicherungsgesellschaften ebenso wie Medicare und Medicaid (amerik. öffentliches Gesundheitssystem) geweigert, Akupunktur in ihren Leistungskatalog aufzunehmen. Diese neue Einstufung bedeutet sowohl häufigeren Gebrauch als auch verstärkte Forschung im Bereich der Nadeln. Sie beinhaltet ebenfalls, dass Versicherungsgesellschaften möglicherweise bald nicht mehr in der Lage sein werden, die Zahlung für sehr fragwürdige Akupunkturbehandlungen verschiedener Erkrankungen zu vermeiden. Nichtsdestotrotz meint Wayne B. Jonas, Direktor des Büros für Alternativmedizin an den National Institutes of Health in Bethesda, Md, dass die Neu-Einstufung von Akupunkturnadeln "eine sehr kluge und logische Entscheidung" sei. Das Büro für Alternativmedizin unterstützt die Forderung nach neuen Untersuchungen über die Wirksamkeit von Akupunkturnadeln und ist sehr bereit, größere Mengen von Steuergeldern dafür auszugeben. Allerdings wird man in den USA und anderen westlichen Ländern nicht Akupunktur testen, sondern etwas sehr stark Eingeschränktes. Was man testen wird, ist die Wirksamkeit von Nadeln, die in Muskeln gestochen werden. Falls dies zu einer Absenkung des Blutdrucks führt, ist das keine Bestätigung der Akupunktur, da traditionelle chinesische Akupunktur keine wissenschaftliche, sondern eine metaphysische Theorie ist; metaphysische Theorien können nicht empirisch überprüft werden. Die Frage, wie eine physische Nadel eine metaphysische Wesenheit wie chi beeinflusst, wird wohl kaum auf der Tagesordnung der Tester stehen. Natürlich kann man traditionelle Akupunktur auch nicht widerlegen. Daher liegt eine vollkommene Harmonie zwischen Beweis und Widerlegung vor: Beide sind gleichermaßen unmöglich.

Vermutlich ist die häufigste Verteidigungslinie, auf die sich Anhänger in Ost und West zurückziehen, wie folgt: Die pragmatische: Akupunktur funktioniert! Was bedeutet das? Es bedeutet sicher nicht, dass das Stechen von Nadeln in den Körper blockiertes chi befreit. Es bedeutet höchstens, dass eine gewisse Erleichterung eintritt. Die NCAHF hat ein Positionspapier herausgegeben, in dem klargestellt wird, dass "Forschungen in den letzten zwanzig Jahren nicht erweisen konnten, dass Akupunktur gegen irgendeine Krankheit wirkt" und dass "die wahrgenommene Wirkung der Akupunktur wahrscheinlich auf einer Kombination von Erwartungshaltung, Suggestion, Operantem Konditionieren und anderer psychologischer Mechanismen beruht ..." Kurz, die meisten der wahrgenommenen positiven Wirkungen der Akupunktur sind vermutlich der Macht der Suggestion und dem Placebo-Effekt zuzuschreiben.

Die häufigste Erfolgsmeldung der Akupunktur bezieht sich auf Schmerzlinderung. Forschungen haben ergeben, dass viele Akupunkturstellen stärker mit Nervenendungen versehen sind als umliegende Hautbereiche. Manche Untersuchungen deuten darauf hin, dass Nadelstechen in bestimmte Stellen das Nervensystem beeinflusst und die körpereigene Produktion von natürlichen Schmerzmitteln wie Endorphinen und Encephalinen anregt und einige Neuralhormone freisetzt, unter ihnen Serotonin. Eine andere Theorie besagt, dass Akupunktur die Schmerzweiterleitung von Körperteilen zum zentralen Nervensystem blockiert. Diese Theorien über chemische Stimulation und Blockade von Nervenimpulsen sind empirisch überprüfbar. Sie bedienen sich der Sprache der westlichen wissenschaftlichen Sicht der anatomischen und neurologischen Systeme des Körpers. Sogar in diesem Bereich sind die meisten Belege für die Wirksamkeit der Akupunktur denjenigen ähnlich, die es für andere sogenannte "alternative" Heilverfahren gibt: Sie sind größtenteils anekdotischer Natur. Leider gibt es für jede Anekdote eines Menschen, dessen Schmerzen durch Akupunktur gelindert wurden, eine andere Anekdote von jemandem, dem durch Akupunktur nicht geholfen wurde. Manchmal ist die Linderung real, aber nur kurzlebig. Die Behandlung ähnelt hier einer Betäubung: Der Patient benötigt danach Hilfe beim Gehen oder Autofahren, fühlt sich gut für eine Weile, dann kehrt der Schmerz in ein oder zwei Tagen zurück. Alles, was man bis heute mit Sicherheit sagen kann, ist: Nadeln in den menschlichen Körper an traditionellen Akupunkturstellen zu stechen scheint häufig wirksam bei der Schmerzlinderung zu sein. Allerdings stimmen die meisten Schmerzforscher darin überein, dass 30 bis 35 Prozent von Schmerzpatienten allein von der Suggestion oder dem Placebo-Effekt profitieren und es egal ist, welche Behandlungsform genau verwendet wird.

Es gibt noch andere Probleme in der Schmerzforschung. Das Messen von Schmerz ist vollständig subjektiv, und traditionelle Akupunkteure bemessen den Erfolg ihrer Behandlung praktisch nur auf diese Art, wobei sie sich auf ihre eigenen Beobachtungen und Patientenberichte verlassen, anstatt objektive Labortests durchzuführen. Außerdem ist es bei vielen Menschen, die auf Akupunktur (oder Therapeutic touch, Reiki, Irisdiagnose, Meditation, etc.) schwören, so, dass sie mehrere einschneidende Veränderungen in ihrem Leben zur gleichen Zeit vornehmen und damit eine Ermittlung signifikanter Ursachen in einer Kontrollstudie erschweren.

Sollten Kontrollstudien zeigen, dass Nadelstechen wirklich bei Drogensucht oder AIDS hilft, werden die Akupunkteure dann Genugtuung fordern? Werden sie behaupten, das chi fließe in denselben Bahnen wie das Blut oder die Nervenimpulse und dass es ein Paralleluniversum neben dem physischen Universum gebe, eine Art ursprünglicher Harmonie zwischen chi/yin/yang und dem Körper? Theoretisch könnte man alles, was zum Beispiel bei der Ausschüttung von Endorphinen nachgewiesen wird, auch auf chi zurückführen, ungeachtet der Nutzlosigkeit und Überflüssigkeit dieser Theorie. Doch was, wenn herauskommt, dass Nadelstechen weder hohen Blutdruck senkt noch Bronchitis heilt? Wird man das dann als Beweis gegen chi akzeptieren?

Einige der Akupunkturstudien des Büros für Alternativmedizin am National Institute of Health ähneln normalen Kontrollstudien, aber keine Kontrollstudie kann jemals die Existenz von chi, yin, yang oder irgendeiner anderen Wesenheit überprüfen. Man hat auch Tests durchgeführt, in denen man die Patienten in zufällige Gruppen unterteilte, von denen einige mit Akupunktur behandelt wurden, während die anderen "Scheinakupunktur" bekamen. Letztere bestand darin, dass Akupunkturnadeln in Körperzonen gestochen wurden, die nicht zu den klassischen 500 Punkten gehören. Es erscheint etwas unvernünftig, Menschen mit Nadeln in den "richtigen" Körperstellen mit solchen zu vergleichen, die Nadeln in den "falschen" Stellen haben, es sei denn, man hätte zuvor sicher herausgefunden, dass Nadelstechen definitiv dabei hilft, Schmerzen zu lindern, und befände sich nur noch auf der Suche nach den besten Stellen. Man betrachtete die "Scheinakupunktur" als analog zu einer Placebobehandlung, aber war sie es? Wenn bessere Resultate damit erzielt werden, dass man die traditionellen Körperstellen verwendet, beweist dies die Wirksamkeit traditioneller Akupunktur? Natürlich nicht. Es beweist lediglich, dass nach 4.000 Jahren die Chinesen herausbekommen hatten, wo man die Nadeln am besten hineinstechen sollte, um Schmerzen zu lindern oder ähnliche Effekte zu erzielen. Aber keine Studie dieser Art wird Aufschluss darüber geben, ob chi-Blockaden aufgehoben wurden oder Yin und Yang aus dem Takt sind. Kontrollstudien mit objektiven Messmethoden könnten jedoch ermitteln, wie viel vom Erfolg der Akupunktur auf nichts anderes als subjektive Einschätzung der Beteiligten zurückzuführen ist. Sie könnten auch klarstellen, ob diese Erfolge kurz- oder langlebig sind.

Zum Schluß: Kann Akupunktur schaden? Nun, abgesehen von denen, die sich keiner anderen Behandlung unterziehen, obwohl die moderne Medizin ihnen helfen könnte, bestehen noch weitere Risiken. Es gibt Berichte von Lungen- und Blasenverletzungen, von zerbrochenen Nadeln und von allergischen Reaktionen auf Nadeln, die aus anderen Materialien als reinem OP-Stahl bestanden. Akupunktur kann außerdem dem Fötus in der frühen Schwangerschaft schaden, da sie möglicherweise die Produktion von ACTH (Adrenocorticotropisches Hormon) und Oxytozin fördert, was sich auf die Wehen auswirken kann. Und schließlich besteht natürlich die Infektionsgefahr, die von nicht sterilen Nadeln ausgeht.

Anmerkung des Übersetzers: Der Medizinhistoriker und Sinologe Paul Unschuld (s.u.) zeigt auf, dass es so etwas wie eine einheitliche chinesische Medizin nie gegeben habe und ihre Popularität im Westen zwar zu-, in China selber aber abnehme. Fach- und Qualijtätskontrollen sind unbekannt, und Geheimwissen spielt auch heute noch eine bedeutende Rolle (wie auch beim Reiki).

Leserkommentar

 

Weiterführende Literatur
(englisch)


Barrett, Stephen and William T. Jarvis. editors. The Health Robbers: A Close Look at Quackery in America, (Amherst, N.Y.: Prometheus Books, 1993).

Barrett, Stephen and Kurt Butler. editors. A Consumers Guide to Alternative Medicine : A Close Look at Homeopathy, Acupuncture, Faith-Healing, and Other Unconventional Treatments (Buffalo, N.Y. : Prometheus Books, 1992).

Huston, Peter. "China, Chi, and Chicanery - Examining Traditional Chinese Medicine and Chi Theory," Skeptical Inquirer, Sept/Oct 1995.

Raso, Jack. "Alternative" Healthcare: A Comprehensive Guide (Amherst, NY: Prometheus Books, 1994).

(deutsch)

Unschuld, Paul U.: Chinesische Medizin. Beck'sche Reihe, Wissen. München 1997.

 

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