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Chi
(ausgesprochen "tschi") ist das chinesische Wort zur Beschreibung der "natürlichen Energie des Universums". Diese Energie, obgleich "natürlich" genannt, ist in Wirklichkeit spirituell oder übernatürlich und Teil eines metaphysischen und nicht empirischen Glaubenssystems. Nichtsdestotrotz stellen Chi-Gläubige Behauptungen auf, die empirisch getestet werden können. Ihre Vertreter geben an, die Existenz von Chi beweisen zu können, indem sie Menschen heilen und Zaubertricks vollführen, so zum Beispiel ein Eßstäbchen mit einer Papierkante zu zerbrechen, oder Kampftechnik-Tricks wie das Zerbrechen eines Ziegelsteins mit bloßen Händen oder Füßen.
Chi-Kung (Qi Gong) wird als die "Wissenschaft und Anwendung" von Chi bezeichnet, das man sich als Energiefeld innerhalb des Körpers vorstellen darf. Körperliche und geistige Gesundheit werden angeblich
dadurch verbessert, daß man lernt, wie man Chi durch Kontrolle von Atem, Bewegung und Willensakten manipulieren kann. Es wird sogar behauptet, man könne das Immunsystem durch das eigene Chi stärken. Die meisten
Westeuropäer und Amerikaner kennen Kung Fu, Tai Chi oder Aikido und die Demonstrationen der Anwender, die Steine mit der bloßen Hand zerschmettern oder die Bewegungen eines Gegners in der Dunkelheit spüren. Diese
Zurschaustellungen sowie Erzählungen von noch mächtigeren Fähigkeiten werden als Beleg für die Macht derjenigen verbreitet, die Chi meistern. Die Anziehungskraft einer solchen Idee ist offensichtlich: Wer wäre nicht
gerne in der Lage, enorme Kräfte freizusetzen, die in einem schlafen? Und das Training ist nicht schlecht. Es ist gut, auf Ernährung und Sport zu achten und körperliche Stärke sowie Selbstdisziplin zu fördern. Das
Selbstbewußtsein, das sich aus solchen Übungen ergibt, sogar von albernen Dingen wie Bretter oder Steine zerschmettern, ist eine gute Sache. Wollte ich spekulieren, wie Chi und Kampfsport zusammenkamen, würde ich
vermuten, daß ein antiker chinesischer Kriegsherr seine Truppen in Stimmung brachte, indem er sie ihre Energie, ihr Chi, bündeln ließ, bevor sie in den Kampf zogen. Die besten Krieger wurden dann als Beispiele für
diejenigen herangezogen, die ihr Chi im Griff hatten. Schon bald kam man von weit her, um die Geheimnisse des Chi zu lernen! Ein neuer Stern am Himmel! Die Früchte dieses Sterns sind im 20. Jahrhundert im Westen in
Form von Tausenden von Kampfsportschulen aufgetaucht. Wie oben erwähnt haben diese Übungszentren für Kinder und Erwachsene ihre guten Seiten. Viele konzentrieren sich auf Selbstverteidigung und stärken Selbstbewußtsein
und Selbstwertgefühl, auch wenn sie nicht unbesiegbar machen. Es gibt jedoch auch dunkle Seiten an diesen Schulen, wie ein ehemaliger Chi Kung-Schüler, Graham Broad, feststellt:
Mehrere Jahre lang machte ich asiatischen Kampfsport aus Spaß und um fit zu bleiben. Letztes Jahr hörte ich jedoch auf, als die Behauptungen gewisser Anwender über die außerordentlichen Taten des Chi Kung
(Qi-Gong), die sie vollbracht oder miterlebt hatten, zuviel für mich wurden, als daß ich sie schweigend hätte hinnehmen können. Man machte mir klar, daß ich unwillkommen war, weil ich diesen Glauben nicht teilte.
In meiner Heimatstadt, London, Ontario, Kanada, gibt es mehr als 35 Kampfsportschulen mit über 3.000 Schülern, viele davon Kinder. Nicht alle dieser Schulen pflegen einen mystischen Zugang zu Kampfsport, aber viele
tun es. Einer der Lehrer gab an, sein Lehrer konnte durch nichts weiter als Berührung unterrichten - das übertragene Chi enthalte die Lektion des Tages! Kampfsportliteratur ist voll mit Behauptungen über Chi
K'ung. Eine ganzseitige Anzeige im "Inside Kung-Fu"-Magazin brüstet sich damit, die "Scientific Premium Company USA" könne "Sie lehren, Chi-Kraft zu entwickeln." Für nur 47,95 Dollar
(etwa 85 DM) erhält man (frei Haus!) ein "Chi-Kraft-Poster, Chi-Kraft-Büchlein ... und Instruktionen, wie man seine eigene Chi-Kraft-Stimme bildet." Weitere 29,95 Dollar (etwa 50 DM) bezahlt man für eine
"Druckpunktekarte". Und: "Bewegen Sie Gegenstände durch Chi-Kraft, ohne sie zu berühren. Bewegen Sie einen Gegenstand nur durch Ihre Augen. Löschen Sie eine Kerze nur mit Ihren Augen. Heben Sie eine
Schüssel mit Yin Chi an ... vertreiben Sie Vögel oder Hunde mit Ihren Augen ... löschen Sie Schmerzen vollständig durch Druckpunkte aus ... bei den meisten klappt es auf Anhieb! Falls Sie jedoch Hilfe brauchen,
rufen Sie uns gebührenfrei an!" Bis jetzt konnte ich dem Sirenengesang widerstehen, diese "dunklen Geheimnisse des Orients" zu lernen, aber es macht Mut, zu wissen, daß es eine 0130-Hotline gibt -
für den Fall, daß ich es nicht schaffe, Dinge zu vollbringen wie "Vögel vertreiben". (Das erinnert mich an einen Gag von Steven Wright: "Ich kann Vögel schweben lassen - aber keinen
interessiert's."). Beunruhigend ist allerdings, daß diese Anzeige monatlich in dieser Zeitschrift und einigen anderen für mehr als ein Jahr geschaltet wurde. Soweit ich weiß, jetzt immer noch. Es scheint
also so zu sein, daß die Scientific Premium Company genügend Antworten erhält, um die Anzeige bezahlen zu können. Die Ausgabe März/April 1994 von "Karate International" bringt einen Artikel, dessen
Autor, James Patrick Lacy, der - nachdem er sich todesmutig entschlossen hat, die 'Wissenschaft entscheiden zu lassen' - ein Experiment beschreibt, in dem ein Meister des Chi-Kung eine Fliege von den Toten
auferstehen läßt. Lacy schreibt: "Man fängt eine Fliege und steckt sie in eine kleine Ginsengflasche ... die Flasche wird mit Wasser gefüllt ... die Fliege sieht wie tot aus und das Wasser wird abgelassen.
Man legt die Fliege auf ein Stück Papier, und ich sehe zu, wie (der Qi-Gong-Meister) sein heilendes Qi etwa siebenmal über Fliege streichen läßt. Wir setzen uns und warten einige Minuten ... das Experiment ist
abgeschlossen, als ich die Fliege aufstehen und herumlaufen sehe." Lacy kommt atemlos zu dem Schluß, daß "viele über echtes Qi sprechen, aber wenige versuchen, es in solchen echten klassischen
Experimenten zu beweisen." Da frage ich doch: Warum? Die Konsequenzen aus all dem sind nicht bedeutungslos. Während der Glaube an Chi in der Kultur Asiens fest verwurzelt ist, werden viele westliche Menschen
überzeugt, daß Chi Gong psychokinetische Kräfte vermittelt sowie einem Unverwundbarkeit und Immunität gegen Krankheiten, sogar AIDS, gibt (einem kürzlich in "Inside Kung-Fu" erschienenen Artikel zufolge).
Schüler einer Kampfsportschule, an der ich war, vollführten Übungen zur Pflege von "innerer Kraft" und "Körperwiderstand", die beinhalteten, sich mit kräftigen Schlägen und Tritten in den
Magen, vor das Schienbein, die Oberschenkel und Unterarme treten und schlagen zu lassen, bis hin zum Solarplexus und den Rippen. Da ich keine 75 Dollar pro Monat bezahlen wollte, um innere Verletzungen zu erleiden,
gab ich es auf. Eine große Zahl derjenigen, die wieder und wieder in den Magen geschlagen wurden, um "Chi-Kraft" zu bilden, waren Minderjährige, und es wurde nicht ein Wort über die möglichen Spätfolgen
solcher Prügel gesagt, ganz zu schweigen von dem unmittelbaren Risiko, sich schlagen zu lassen. Verletzte Schüler wurden ermahnt, ihre Bemühungen zu verdoppeln, um weitere Verletzungen zu vermeiden.
Ich kenne sogar einen Physikstudenten, der darauf bestand, sein Lehrer sei in der Lage, einen Schüler mit einer kleinen Berührung "durch die Halle fliegen" zu lassen. Ich teilte ihm mit, daß es kaum Beweis
für psychokinetische Fähigkeiten sein könne, einen Schüler zu boxen und zu Fall zu bringen, aber er beharrte darauf, daß solche Dinge möglich seien. Ich schrieb es gegenseitiger Bestärkung zu.
Welche empirischen Belege gibt es für Chi oder seine Anwendung? Dieselben wie für jede andere übernatürliche oder psychische Superkraft: es funktioniert! Man muß nur diejenigen fragen, die daran glauben. Sie können
die Resultate ihres Glaubens sehen und fühlen. Skeptiker denken eher, daß sie einer Selbsttäuschung unterliegen. Wir zweifeln nicht an ihren Gefühlen und Erfolgen, nur an ihren Erklärungen. Die Vorstellung, es gebe eine
Art von fließendem Energiekörper im Inneren des physischen Körpers und man könne mit seiner Nutzbarmachung erklären, wie ein physischer Schlag einen Stein zerbricht oder ein Stäbchen schneidet, erscheint ebenso unnötig
wie weit hergeholt. Eine ähnliche Vorstellung wird zur Erklärung von Akupunktur oder Reiki bemüht. Beide leiten Chi um. Das Konzept einer fließenden Energie im Körper steht ebenfalls hinter Therapeutic Touch und
Massagetherapie. Ich wäre der Letzte, der sich über eine Massage beschwert, aber ich bleibe dabei, daß ihre positive Wirkung rein physische Ursachen hat und nichts mit metaphysischen Fata Morganas wie Chi zu tun hat.
Weiterführende Literatur (englisch) China, Chi, and Chicanery Unified Kung-Fu Association Description of Shaolin Gung Fu Chi Tai Chi ohne viel Chi Huston, Peter.
"China, Chi, and Chicanery - Examining Traditional Chinese Medicine and Chi Theory," Skeptical Inquirer, Sept/Oct 1995.
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