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von Tobias Budke "Alte Kräuterbücher erzählen, dass Frauen des aus Kraut und Wurzeln
gebrühten Aufguss [des Löwenzahns] als Schönheitsmittel verwendeten." Gesundheit aus der Apotheke Gottes, S. 34
Die Österreicherin Maria Treben ist die Autorin eines Ratgebers namens "Gesundheit aus der Apotheke Gottes" und eine Vertreterin der alternativen Medizin
, die bei ihr aus der Behandlung mit verschiedenen natürlich gewachsenen Kräutern und Heilpflanzen besteht. In ihren Ratschlägen zur Behebung der unterschiedlichsten Krankheiten vermischt
sich ein altertümlich wirkendes Gottvertrauen mit einem in dieser Branche üblichen Misstrauen gegen die Schulmedizin. Laut dem Vorwort gibt es ein Wort von Pfarrer Kneipp,
demzufolge "für jede Krankheit ein Kräutlein gewachsen" sei. Dieser Leitsatz zieht sich durch das ganze Buch: Von Amputationsschmerzen bis Bluterkrankheit, von
Gebärmutterproblemen bis Mundgeruch, von Multipler Sklerose bis Diabetes - nichts entgeht der Behandlung durch Heilkräuter. Die Anwendung soll durch Einreiben, Auflegen,
Verzehr oder als Tee erfolgen und verspricht in den meisten Fällen "Hilfe" oder zumindest "Linderung". Man weiß bei Frau Treben sofort, woran man ist. Schon im
zweiten Absatz des Vorwortes ist ein Verweis auf "geopathische Störungen"
zu finden, die durch einen "erfahrenen Rutengänger" untersucht werden sollen. Solcher Art auf Esoterik pur eingestellt, wird man nicht enttäuscht. Wie
bei der alternativen Medizin üblich, hat Frau Treben weder irgendwelche auf normalem Wege erworbenen medizinischen Kenntnisse, Abschlüsse oder Zertifikate; sie führt ihr Wissen
auf eine "höhere Macht" zurück und benennt hier ganz konkret die "Gottesmutter". Ihr Motiv für das Buch? "[...] um sie [ihre Erfahrungen] der Menschheit nutzbringend
darzubieten." Auch die Homöopathie kommt nicht zu kurz; dazu kommt die Vorschrift, dass man viele Kräuter nur bei Sonnenlicht pflücken sollte, was verdächtig an Aromatherapie oder Bach-Blüten
erinnert. Geradezu unökologisch mutet ihre These an, die Menschheit würde, wüsste sie um die Heilkraft der Brennessel, "nichts als Brennessel anbauen" (S. 14). Nun
ja. Störender, da vermutlich ernster gemeint, sind die andauernden Verweise auf Gottes Gnade, durch die wir in den Genuss der heilenden Kräuterkräfte kommen. Frau Treben
scheint sich niemals die Frage gestellt zu haben, warum der Herrgott die Krankheiten überhaupt zunächst einmal in die Welt setzt. Wahlweise wird auch die Gottesmutter Maria
bemüht, um einem Kräutlein den richtigen frommen Anstrich zu geben. Frau Trebens Beschäftigung mit der Heilkunde erfährt gelegentlich auch einmal Unterstützung durch ein
kleines Wunder (S. 21f.), und "letztlich liegt alles in Gottes Händen" (S. 33). Hildegard von Bingen darf natürlich nicht fehlen (S. 52 oder 68); der Artikel über das Kleinblütige
Weidenröschen wird von einem waschechten
Anthroposophen ergänzt (S. 56). Als kleiner Tribut an die neokeltische Esoterik finden jedoch auch die Druiden
Erwähnung (S. 37), wie überhaupt alles, was "uralt" ist und nach "Urvätersitte" abläuft, ganz großartig dasteht. Schurkisch hingegen die Neuzeit: Zu "Beginn der
Arzneimittelindustrie [wurden] alle hochwertigen Heilpflanzen in Grund und Boden verdammt, um das Volk von den Heilkräutern wegzubringen und den chemischen Arzneimitteln zuzuführen." (S. 46). Oder: "In unserer
umweltverschmutzten Zeit häufen sich die Fälle, in denen aus geröteten und plötzlich zu wachsen beginnenden Warzen Hautkrebs entsteht." (S. 47). Einige Beispiele dürften reichen, um das Niveau der
Broschüre richtig einordnen zu können. So heißt es auf Seite 20: "Alle seelischen Empfindungen des Menschen werden über die Niere abreagiert." Auf Seite 49 erfahren wir von der
Weisheit unserer kleinen vierbeinigen Freunde: "Wenn die Kröte von der Spinne gebissen wird, eilt sie zum Wegerich. Damit wird ihr geholfen." Die wahren Helden des Buches aber
sind die Schwedenkräuter, bei denen es platzsparender gewesen wäre, zu schreiben, was sie alles nicht heilen. Auch Alkoholiker können sie bedenkenlos zu sich nehmen, obwohl
sie mit 40prozentigem aufgebrüht werden, denn: "Nach glaubwürdigen Laboruntersuchungen übertönen die Kräuter den Alkohol und gelten als Medizin." (S. 65).
Niemand wird wirklich überrascht sein, dass Frau Trebens Heilerfolge sich durchweg auf anonym bleibende Menschen beziehen, denen auf wundersame Weise innerhalb kürzester
Zeit geholfen werden konnte. Wir haben Frau Trebens Wort dafür, obwohl ihr manchmal auch selber mulmig zu werden scheint und sie mit Nachdruck schreibt: "Solche Berichte
sind durch Briefe belegbar!" (S. 65). Gelegentlich werden ihre Kuren von Ärzten bestätigt, aber in den meisten Fällen gibt die Schulmedizin einfach auf. Mit diesen Kräutern kann man
wirklich alles heilen und beheben; erstaunlicherweise scheint es keine Pflanzen zu geben, die so etwas Unchristliches wie etwa Abort bewirken. Frau Treben selber hat ihren Kräutern
auch selber rege zugesprochen; man ist etwas verwundert, dass sie jedes Jahr zur Kur nach Jugoslawien fuhr. Ihre Kenntnisse bezog sie wohl von ihrer Mutter und aus alten
Kräuterbüchern, wenngleich sich auch schon mal andere Autoritäten per Radio melden: "Hier spricht der Hausarzt.", gefolgt von Anweisungen zur Kräuterkunde, genau passend
zum Leiden von Frau Trebens Mutter (S. 27). Die Wege des Herrn laufen offenbar auch über Funkwellen. Frau Treben selber scheint ein abenteuerliches Leben gehabt
zu haben. Laut ihrem Büchlein beginnt ihr Tag um sechs und endet um elf; ihre Mutter leidet an Darmkrebs; ihr einjähriges Enkelkind beißt so enthusiastisch an ihr herum, dass
Kräuterbedarf entsteht. Typhus befällt ihr vierjähriges Kind, ihr Schwiegervater stirbt an einer Prostatavergrößerung, und ein Wolfshund attackiert ihren Sohn. Auch sie selber erlebt
mehr Abenteuer als Indiana Jones: Balken fallen auf ihre Beine, giftige Insekten verwandeln ihren Daumen in eine "Knackwurst", und beim Wäschewaschen stößt sie sich
beinahe ein Auge aus - von Nierenkoliken ganz zu schweigen. Wie gut, dass es die Kräuter gibt. Alles, was über die alternative Medizin gesagt wird, trifft auch auf Frau Trebens Anekdoten zu; aber eine Vorstellung, die
von vielen geteilt wird, verdient etwas mehr Erläuterung. Pfarrer Kneipp in allen Ehren, aber die Vorstellung, dass die Natur - hier: die Pflanzen - dazu da sei, dem Menschen zu
nützen, ist über alle Maßen romantisch, naiv und eindeutig falsch. Es ist sicher nicht auszuschließen, dass manche pflanzlichen Wirkstoffe (auf denen ja auch große Teile unserer
Pharmazie beruhen) heilende Wirkung bei bestimmten Erkrankungen haben können. Diese Wirkung ist jedoch nichts als Zufall und liegt weder in der Absicht der Pflanze noch in
der Absicht der Natur, wie immer man sie definieren mag. Wie alle Lebewesen existieren Pflanzen, um sich zu erhalten und Nachkommen in die Welt zu setzen, die die genetische
Ausstattung der Pflanze weitergeben, letzten Endes zum Nutzen der beteiligten Gene. Wenn Teile einer Pflanze positive Wirkungen auf den menschlichen Körper haben, um so
besser für uns. Anders verhält es sich mit schädlichen Wirkungen: Die sind meist alles andere als zufällig, sondern durch die Evolution geschaffene biologische und chemische
Abwehrsysteme, um sich Fressfeinde vom Leib zu halten. Schlangenhaut und -fleisch, zu Ragout verarbeitet, mag schmackhaft und nährstoffreich sein, aber das war nicht im
Plan der Schlange enthalten; ein giftiger Schlangenbiss jedoch nützt der Schlange und ist durchaus "beabsichtigt". Was bleibt? Ein weiteres Produkt aus der Heil-Esoterikschmiede, das mit den Ängsten und
Beschwerden der Menschen auf zynische Weise Profite einfährt. Dieses Mal handelt es sich nicht um New Age-Trips und Handauflegen, sondern um die christlich-frömmelnde
Variante, angereichert mit Naturromantik, Blut und Boden sowie Ablehnung alles Modernen. |