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Skeptic's Dictionary
 

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Chaostheorie

Zweig der Mathematik, der sich mit den Veränderungen nichtlinearer dynamischer Systeme und ihrer prinzipiellen Unvorhersagbarkeit aufgrund mininaler Abweichungen der Anfangsbedingungen befasst.

Im Grunde handelt es sich bei der Chaostheorie um eine Renaissance der klassischen Mechanik Newtons; man darf die Unvorhersagbarkeit der sogenannten "chaotischen" Entwicklung eines Systems nicht mit der fundamentaleren Unvorhersagbarkeit der Quantenmechanik verwechseln.

Ein bekanntes Beispiel ist die Unmöglichkeit, das Wetter für einen längeren Zeitraum präzise vorauszusagen. Innerhalb des komplexen dynamischen Systems "Klima" können die kleinsten Abweichungen der Anfangsbedingungen mit der Zeit zu enormen Unterschieden führen. Das Bild vom Flügelschlag des Schmetterlings in China, der in Kansas einen Tornado erzeugt, grenzt mittlerweile schon an ein Klischee.

Die Chaostheorie ist noch nicht sehr alt (obgleich ihre Grundlagen ins 19. Jahrhundert zurückreichen) und erfreut sich seit ihrer Entwicklung ungebrochener Popularität bei Mathematikern und Nichtmathematikern, nicht zuletzt durch die Möglichkeit, viele ihrer Aspekte mit Hilfe von entsprechender Software graphisch darzustellen. Dem Laienpublikum wurde sie vor allem durch Michael Crichtons Roman Jurassic Park bekannt, in dem er die computerisierte Leitung und Verwaltung des Dinosaurierparks als dynamisches System beschrieb, das am Ende ins Chaos kippt.

Im Zuge des Postmodernismus blieb es nicht aus, dass auch die Chaostheorie (ähnlich wie die Relativitätstheorie, die Quantenmechanik, die Topologie etc.) eingespannt wurde, um Aussagen über Literatur, Soziologie oder Psychologie zu machen und ihnen den Anstrich exakter Wissenschaftlichkeit zu geben. Worum es dabei geht, wird in diesem Kommentar im Vorlesungsverzeichnis der WWU Münster vom Sommersemster 2000 angedeutet:

    "Die Chaos-Theorie ist eine Ansammlung von Theorien, die universelle Gesetze der Übergänge Ordnung-Unordnung-Ordnung beschreiben. Es sind Theorien über Ordnung in der Unordnung und Unordnung in der Ordnung. Bislang hat die Chaos-Theorie in der Mathematik und in den Naturwissenschaften große Erfolge gefeiert. Jetzt gilt es, die Chaos-Theorie auch für die Soziologie zu entdecken.
    In den folgenden Modellen und Theorien werden die Grundlagen des Chaos dargestellt: Fractals, Lyapunov Characteristics, Period-doubling Bifurcations, Strange Attractors, Intermittence, Theory of Critical Phenomena, Coupled Oscillation etc."

Es scheint, dass der Verfasser der Meinung ist, die Chaostheorie sei geeignet, um das Verhalten von Menschen oder Gruppen zu erklären (obwohl dies nicht ganz klar wird - was meint er mit "entdecken"?). Seine Liste von Elementen der Chaostheorie spricht allerdings für eine gewisse Hybris, denn jedes einzelne dieser Elemente würde für ein komplettes Seminar vollkommen ausreichen (man kann über "etc." nur spekulieren). Und man sollte nicht vergessen, dass die Chaostheorie sich mit deterministischen Systemen beschäftigt - falls man sie also für die Soziologie entdecken kann, würde dies bedeuten, dass wir es bei der Gesellschaft mit einem solchen System zu tun hätten. Sollte das Ziel des Dozenten hingegen sein, den Studierenden der Soziologie eine Einführung in die Mathematik als solche zu geben, fürchte ich, dass er ihnen ein bisschen viel auf einmal zumutet.

Die Attraktivität der Chaostheorie für die postmodernistische Elite liegt zum Teil vermutlich an dem Begriff "Chaos" selber - er klingt irgendwie gesellschaftlich relevant und auch ein bisschen nach Revolution, und selten vergeht eine Diskussion ohne den gelehrten Hinweis, dass "Chaos" eigentlich "übergeordnete Ordnung" bedeute. Wie fassen Postmodernisten den Begriff "Chaos" auf? Versuch einer Definition von Gilles Deleuze und Félix Guattari:

    "Chaos ist definiert nicht so sehr durch seine Unordnung als vielmehr durch die unendliche Geschwindigkeit, mit der jede Gestalt annehmende Form in ihm verschwindet. Es ist eine Leere, die nicht ein Nichts, sondern etwas Virtuelles darstellt und alle möglichen Partikel enthält sowie alle möglichen Formen erzeugt, die auftauchen, nur um sofort wieder zu verschwinden, ohne Konsistenz oder Bezugsrahmen, ohne Auswirkung. Chaos ist die unendliche Geschwindigkeit von Geburt und Verschwinden."

Da Deleuze und Guattari in ihrem Werk häufiger auf Chaos als mathematischen Begriff zurückkommen, lohnt es sich vielleicht, darauf hinzuweisen, dass diese Auffassung von Chaos nichts mit Mathematik zu tun hat. Man erkennt schattenhaft die Fluktuationen im Quantenvakuum aus der Quantenmechanik sowie die Schwarzen Löcher der Astronomie; was mit "unendlicher Geschwindigkeit" gemeint ist, bleibt unklar.

Hier ist Steven Best, Autor von Chaos and Entropy:

    "Postmoderne Wissenschaft hat drei hauptsächliche Einflussbereiche: Thermodynamik [...] Quantenmechanik [...] und Chaostheorie."

Niemand hat jemals Belege dafür vorgebracht, dass sich die Chaostheorie außerhalb der Naturwissenschaften sinnvoll anwenden ließe, sei es in den Sozialwissenschaften, der Literaturwissenschaft oder dem Management. Es ist auch kaum vorstellbar, wie dies aussehen sollte. Das Prestige der exakten Wissenschaften düfte hier wieder einmal dazu führen, dass mathematische Modelle sozusagen schanghait werden, um den nicht-exakten "Wissenschaften" den Anstrich der Präzision zu verleihen. Dies hat Stanislav Andreski schon 1972 festgestellt:

    "Das Rezept für Autorschaft in dieser Art von Geschäft ist so einfach wie lohnend: Man nehme ein Lehrbuch der Mathematik, schreibe die weniger komplizierten Teile ab, füge einige Hinweise auf die Literatur in ein oder zwei Zweigen der Sozialforschung hinzu, ohne sich über Gebühr darum zu kümmern, ob die Formel, die man hingeschrieben hat, irgendeine Beziehung zu den realen sozialen Handlungen hat, und gebe dem Produkt einen wohlklingenden Titel, der suggeriert, dass man einen Schlüssel zu einer exakten Wissenschaft kollektiven Verhaltens gefunden hat."

Im Postmodernismus kommt noch das mangelnde Verständnis für mathematisch-naturwissenschaftlich präzise definierte Begriffe und ihre bedenkenlose Verwendung in ihrer alltagssprachlichen oder gar selbst definierten Bedeutung hinzu. "Relativität", "Unsicherheitsprinzip" (engl. principle of uncertainty - dt. meist als Unschärferelation wiedergegeben), "Non-Linearität" und eben "Chaos" - all diese Ausdrücke erwecken doch irgendwie Vorstellungen von "(De-)Konstruktivismus" und dem "Ende der exakten Wissenschaft". Darauf kann man lange warten. Die Naturwissenschaften sind heute exakter als je zuvor und haben aber auch gar nichts mit Postmodernismus in irgendeiner Ausprägung zu tun.

Eine ganz neue Art von Missbrauch der Chaostheorie ist - und jetzt alle festhalten - Psychotherapie durch Chaostheorie. Von "Quantenheilung" hatte ich schon gehört, aber "Chaostheorieheilung" ist mir neu. Was die Esoterik und die alternative Medizin betrifft, hat die Postmoderne endlich mal recht: Anything goes.

Leserkommentar

Literaturtips

Sokal, Alan/Bricmont, Jean: Eleganter Unsinn.

Gross, Paul R./Levitt, Norman: Higher Superstition. John Hopkins University Press 1998 (1994).

Andreski, Stanislav: Die Hexenmeister der Sozialwissenschaften. Paul List Verlag München 1974 (Original 1972: Social Sciences as Sorcery).

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