Server Freies Bremerhaven
Der folgende Text wurde uns freundlicherweise in einem Brief zur Veröffentlichung im Internet zur Verfügung gestellt.
Auf der Jagd in den Katakomben...
Eigentlich hatte ich in dem Blatt von 1854 nur am Projektor nur eine Stelle gefunden und war zu faul, sie abzuschreiben. Deswegen habe ich mir eine Kopie des Fotos vom Mikrofilm gemacht. Beim genauen Lesen haben ich dann eine ganze Bande von Blüten entdeckt:
Da wäre zunächst mal die perverse Schrift! Aber selbst die ist nicht so schlimm wie die Tasache, daß diese beknackten Germanen je nach der Position im Wort 2 verschiedene Zeichen für den gleichen Laut, ja, den gleichen Buchstaben verwendet haben! Da ist zum Beispiel das Wort "Ausstellung." Da ist das 1. "s" eine kleines, rundes "s". Das nachfolgende "s" für die Silbe "stell" ist ein hohes, steiles "s". Das Wort "so" hat ein hohes steiles "s", "also" hat eine kleines, rundes "s". "Taschen" hat eine hohes, steiles "s". Ils sont foux, les Germaniacs!
Die Schreibweise von Wörtern ist auch mixteriös! "Sirup" gab's damals nicht, nur "Syrub". "Krachmandeln" von heute waren einst "Krackmandeln".
Gnadenlos waren die Leute damals, so sie reich genug waren, um sich derlei Scheiß erlauben zu können:
Hierdurch bringe ich meinen geehrten Kunden zur Anzeige, daß der
Friseurgehilfe Peter Stück aus Göttingen nicht mehr in meinem
Geschäft arbeitet und demnach nicht befugt ist, Aufträge oder
Vorabzahlungen für mich in Empfang zu nehmen.
Bremen, Dec. 1854, Gottfried Ihe, Friseur.
Das war aber noch die sanfte Version...
Leute zu suchen, war auch recht einfach:
Ja, Recht und Ordnung waren noch etwas wert! Das haben auch die gemerkt, die vom Gericht verknackt wurden - zu einer Gefängnisstrafe und zur Zahlung ihrer "Atzung" dieserhalben...
Fressalien waren wirklich etwas wert - sehet diese Anzeige:
"Roggen" gab's nicht zu essen. Man nahm mit "Rocken" vorlieb. Und an die Röcke ging dieses hier :
Man ging miteinander auf der einen Seite samtpfotig um, auf der andere Seite brutal und rücksichtslos. Die Werbung war ... echt amerikanisch:
Asphalt-Arbeiten
entgegen zu nehmen und darüber zu contrahiren.
Indem ich solches zur gefälligen Kenntnisnahme bringe bemerke ich, daß Herr Hennings mit seinem vorzüglichen Material alle möglichen Asphalt-Arbeiten auszuführen im Stande ist und außer Trottoirs, Dächern u.s.w. auch die Trockenlegung der Grundmauern von Gebäuden, der Keller und Zisternen, so wie daß Ueberziehen feuchter und lothrechter Wände mit Asphalt vornimmt.
Zu Fußboden in Kirchen, zu Hausfluren und Dreschtennen ist der Asphalt ebenfalls ein ganz vorzügliches Material, dabei ganz unverwüstlich und von unendlicher Dauer. Eine haltbarere und zweckmäßigere Dreschdiele, als von Asphalt ist fast gar nicht denkbar, weshalb ich die Herren Landwirthe hierauf noch besonders aufmerksam mache und zugleich bitte, mich mit recht vielen Aufträgen zu beehren.
Bremerhaven, 1. Aug. 1854.
C.Meyer, Architekt.
Mühlenstr. No. 4.
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Der vorstehenden Anzeige des Hrn. Architekten Meyer füge ich ergänzend noch Folgendes hinzu.
Der Asphalt, welchen ich verarbeite, ist reiner unvermischter Asphalt aus den Minen des Herrn D.H. Hennings in Limmer bei Hannover, welcher Asphalt von den ersten Autoritäten als der beste von allen bis jetzt entdeckten Lagern anerkannt worden ist.
Mein Material ist daher am allerwenigsten mit den vielen vermischten und künstlichen Asphalten zu verwechseln, in der Regel in Blöcken an die Baustelle gelangt, welche die Gewinnsucht meistens aus, Gott weiß, welchen und wie vielen Ingredienzien zusammen gebraut ist.
Ich liefere mein Material im reinen prüfbaren Zustande an die Baustelle und darf mit Recht dasselbe als das Vorzüglichste in seiner Art unverhohlen empfehlen, weshalb ich bitte, Herrn Meyer mit recht vielen Aufträgen zu beehren, die ich möglichst prompt und auf die zufriedenstellendste Weise ausführen werde.
Atteste von königl. und städtischen Baubehörden, sowie von der Londoner Industrie-Ausstellung über die Güte meines Materials und meienr gelieferten Arbeiten befinden sich bei Herrn Meyer zur gefälligen Einsicht.
Hochachtungsvoll
J.D.F. Hennings
Asphaltfabrikant,
zur Zeit beschäftigt auf dem königl. hannov. Fort Wilhelm.
Das "Fort Wilhelm" war eine Festungsanlage hier in der Nähe. Damals regierte noch der "König von England und Hannover" diese Welt.
Auf der gleichen Seite auch noch ein Inserat für "Reisekoffer, Hutschachteln und Reisetaschen" - darunter eines für "frisches Rattengift".
Streitigkeiten wurden durchaus auch öffentlich ausgefochten ["Mittheiler an der Unterweser", 1854] :
Was das wohl ist??? Na, schauen wir doch in die ältere Ausgabe:
Ebendaselbst finden wir noch einen anderen energischen Menschen:
Da waren die "Lautsprecher" eben tatsächlich noch "laut Sprechende"...
Und "Brod" gab es - nicht auf Bezugsschein - aber zu festen Preisen. Und die Preise (für Korn und für Brot!) wurden von "Oben" vorgeschrieben:
Leher Brodtaxe für den Monat März 1854. Den Bäckern des hiesigen Amts wird hiermit der Kornpreis zum Verbacken bestimmt : a. Weizen, der Himten zu 2? 1 Ggt. b. Rocken, " " " 1 " 16 " und muß hiernach das Brod wiegen : A. Weizenbrod. Weißbrod für 4 & ......... 5 Loth 2? Quent. " " 8 " ......... 11 " 1? " B. Rockenbrod. Ein Brod von ausgesichtetem Mehl für 1ggr - (Pfund-Zeichen) 26 Loth 2 Qt. " " " " " " 4ggr 3 " 10 " - " " grobes Brod für 1 ggr ............... 1 " 10 " 2 2/3 " " " " 4 ggr ............... 5 " 10 " 2 2/3 Lehe, den 3. März 1854. Königlich=Hannoversches Amt. Ostermeyer
Das hier konnte ich allerdings lesen, obwohl ich mir die Augen reiben mußte, weil ich es nicht so ganz glauben konnte und wollte, was ich das las :
Eine heute zum dritten Male milchgewordene blau
schimml Kuh, von guter Lage und 9 Quartier hoch.
Bramel, 4. Februar 1854. Michels, Schullehrer.
Obrigkeitliche Bekanntmachungen.
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B e k a n n t m a c h u n g .
Durch Erkenntnis des Obergerichts vom 22. Juni. v. ???,
theilweise modificirt durch das Erkenntniß des Ober-
Appellationsgerichtes der vier freien Städte Deutschlands
zu Lübeck, vom 7. Januar d. Js., wurden
erstens : der hiesige Einwohner und Maurermeister Johannes Stubbe,
wegen Verfälschung und Versuchs eines Betruges,
so wie wegen Versuches der Verleitung zu einem falschen
Zeugnisse in eine Zuchthausstrafe von 2 Jahren und 2
Monaten bei seinen Kräften angemessener Arbeit,
zweitens : der Mauermann Dietrich Heinrich Brüning aus
Spaden und der Arbeitsmann Friedrich Wilhelm Kamp aus
Bielefeld Abgabe falschen Zeugnisses und Beihilfe zum
Betruge, in eine Gefängnisstrafe von 2 Monaten
und zum Ersatz der Atzungskosten verurtheilt.
Bremerhaven, am 6. Januar 1854.
Das Amt der freien Hansestadt Bremen.
Thr. Boistelier, Dr.
Gar nicht fern vom Hungerturm des Charles Dickens...
Da wundert auch dies nicht:
Putzen will gelernt sein! Das sagt uns heute unsere Werbung nicht zu Unrecht... Der Umgang mit Maschinen erfordert Putzen und Wartung. Davon muß man etwas verstehen. Doch - siehe da! -
Hat also der spätere Ehemann meiner Tante wohl richtig formuliert: "Kinder müssen gehorchen wie Hunde."
Der Mann war übrigens Jäger...
Passender Hund gesucht? Hier ist (anno 1854) einer entfleucht :
Die Sprache war früher noch leichter zu durchschauen. Den Spruch mit dem "Kreistier" bringe ich jetzt nicht, sondern das Wort "Gemeinnützliches", also etwas, das der (All)Gemeinheit nützlich ist. Und nicht "nützig", wie die schlamperten Deutschen heute schreiben. Wobei zu fragen wäre, ob die Reformer dieses Wort auch entdeckt und wieder auf die richtige Spur zurückgebracht haben???
Da hätte ich noch was :
Echte Cölln'sche Brust-Caramillen sind stets vorräthig bei
G.A. Artkamp
Echte schwarze Comptoir=Dinte, pr. Mergel 4 gr, pr Flasche 14 grt., bei
Abnahme des ganzen Vorraths, circa 40 Flaschen, bedeutend billiger.
G.A. Artkamp
Zu vermiethen : Zwei complete Wohnungen mit Zubehör auf Ostern.
C. Mönnich
Zu vermiethen. Drei separirte complete Wohnungen habe ich zu vermiethen.
E. v.d. Harde, Osterstraße No. 6.
Auf Ostern eine schöne Balconetage an der Ecke der Leher= und
Mühlenstraße, mit Aussicht nach der Weser und Geeste. Die Zimmer
sind sämmtlich heizbar, tapeziert und mit Rouleaux versehen; Sparherd und
Spülcloset sind ebenfalls vorhanden. Der Miethpreis ist 150 ?
v. Ronzelen
Mein an der Kurzestraße belegenes Wohnhaus, worin mehrere heizbare
Zimmer, Kammern, Cisterne, Keller und Stallung, steht zu vermiethen.
Reflectanten wollen sich bei mir melden.
Lehe. Fr. August Peters.
Und es finden sich noch Dinge wie "baare Zahlung" oder "der zu Klippkanne domicilirte Kaufmann", der sucht "einen Hausknecht auf sogleich". Eine "Edictalladung" verhieß nichts Gutes. "Chocolade" war schon besser. Wenn es Besonderes gab, so fand sich dafür ein "alleiniges Depositoir"...
Es gab "gemeinnützliches", nicht gemeinnütziges, wie heute. Den Schinken gab es aus Westphalen. Auch hatte man "Mahagoni-Fourniere". Suchmeldungen waren ein "Signalement". Wer aber denkt, daß man altmodisch war, der irrt! Es gab bereits Inserate, die auf dem Kopf standen!
Dann gab es auch den "Clubb Union" oder "ein Schiebkarren", offensichtlich nicht "einen".
Wollte einer Geld verleihen, so ging es auch um "Pupillengelder".
Daß ein "Omnibus" eine Erfindung des Automobilzeitalter ist, habe ich widerlegt gefunden : Schon 1854 wird für "Omnibusfahrten" geworben, die zwischen Stade und Bremerhaven stadtfinden.
Sogar eine Leihbibliothek gab es in der Stadt. Neueingetroffene Bücher wurden sogleich per Inserat bekannt gemacht und dabei Inventurnummer und Titel angegeben.
Das waren noch Zeiten, damals...
Die Leute hatten (1854) und in den folgenden Jahren so ihre Holprigkeiten mit der Orthographie und mit der Schreibweise von Namen und derlei Zeug. So wurde ein Pastor "Dreier" auch mal als "Dreyer" geschrieben. Den Namen "Addix" fand ich wenige Jahre später als "Addicks". Die Fische endeten oft als "Hering", aber auch als "Heering" und Häring".. Und dies nicht etwa in handschriftlichen Notizen, sondern in der Werbung in der Zeitung! Daß ein "Doktor" als "Docktor" geschrieben wurde, fand ich jedoch nicht. Da muß sich jemand 'was gedacht haben...
Das waren noch Zeiten, damals...
Da gab es im letzten Jahrhundert mal einen Einwohner namens "Israel Direktor". Phantastische Erfindung. Stellt Euch vor, der ist Lehrling und es ruft jemand nach ihm : "Herr Direktor!"...
Das waren noch Zeiten, damals... Verdammt harte Zeiten! Bei den ersten Arbeiten im Hafen (1827) : Von 4.30 morgens bis 20.oo Abends mußte so ein Arbeiter schuften. Stimmberechtigt war er bei den Wahlen nicht. Das waren zum Beispiel 1837 bei einer Gemeindewahl (1590 Einwohner!) nur 5,6%. Dafür aber lag die Wahlbeteiligung bei fast 100%. Bei 89 Personen kein Kunststück...
Zum (möglichst eigenen) Dach über den Kopf zu kommen, war verdammt schwer - und manche mußten trotz Grundstücks wieder aufgeben! Die Grundstücke bekam man nicht "einfach so", sondern man mußte sich bewerben. Jawoll! Und dann wurde entschieden, wer denn genehm sei. Einer, der konvenierte, fiel aber leider finanziell auf die Nase und konnte sein Haus nicht bauen. Deshalb hat er aufgegeben und ist ausgewandert nach Amerika. War auch klüger, denn 1830 - als er das Grundstück kaufte - waren die Auflagen für den Grunderwerb : den Bauplatz einfrieden, einen festen Weg davor anlegen und innerhalb von 2 Jahren ein Haus zu bauen.
1845 dann war dieses Anwesen dem Grobbäcker Johann Heinrich Büssenschütt 2630 Taler wert, für die er es (Ernst ab)kaufte, trotz geringen Komforts, denn erst 1855 erteilte ihm die Bauverwaltung die Genehmigung, auf dem Hof ein "Privat" zu bauen - ein Toilettenhaus.
Mit dem Wasser war das ohnehin ein Problem : Es gab in Bremerhaven keines. Also baute der Maurermeister Johann Hinrich Eits 1838 einen Wasserturm und dazu eine Wasserleitung von Lehe (das gibt es mindestens seit 1273) nach Bremerhaven. Er erhielt aber 1852 Konkurrenz durch die Firma des Melchior Schwoon. Aber die beiden Vögel waren raffiniert und beendeten den ungesunden Wettbewerb, indem sie ihre Kinder miteinander verheirateten.
1846 wurde die "Allmende" für Leherheide aufgehoben und jeder Hofbesitzer in Lehe erhielt ein Stück Land in der "Leher Haide".
Die Leher waren ein sehr kriegerisches Volk...
Schon um 1500 hatten sich die Leher das Fehrmoor angeeignet, auf dem eine Mühle (für die Versorgung der Burg bei Sievern) gestanden hatte. Burg und Mühle waren vom Bremer Erzbischof Burchard Grelle 1343/44 errichtet worden, die Verwaltung hatten die Ritter von Bederkesa.
Bremerhaven ist übrigens in manchem eine recht fortschrittliche Stadt gewesen : 1847 wurde der elektromagnetische Telegraph Bremen-Bremerhaven in Betrieb genommen. Das war der erste auf dem Kontinent.
Die Auswanderer, die es aus dem Land trieb, die meisten mit dem Schiff nach Amerika, waren ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Es gab Zeiten, wo pro Jahr mehr als 5 (oder 7 ?) mal so viele Menschen durchzogen als die 3 (bzw 4) Städte zusammen Einwohner hatten. Bremerhaven war nur ein kleiner Ort, der neben Lehe, Geestemünde und Geestendorf lag. Diese Orte wuchsen räumlich zusammen, geistig nicht - da herrschte Krieg.
1852 hatte Lehe alleine 3253 Einwohner.
Lustig war auch einiges. So wurden 1869 Geestendorf und Geestemünde zusammengelegt zu einer Gemeinde. Das geschah allerdings gegen den Willen Geestemündes. Amüsant die Tatsache, daß sich David den Goliath einverleibt hat, denn (wenn ich mich nicht irre) Geestendorf war deutlich kleiner als Geestemünde, hat aber bei der Obrigkeit Druck gemacht, weil man nicht für die vielen (armen) Arbeiter Leistungen erbringen wollte, aber trotz dieser Belastung keine Gelder bekam.
Die Obrigkeit wieherte auch am 8.8.1893, als normierte Hausnummernschilder Pflicht wurden in Lehe.
Außerdem wieherte es kräftig auf der Pferderennbahn, die 1896 freigegeben wurde. Diese Untergrabung öffentlicher Sitte und Moral war sogar mit 400 m Zementbahn ausgestattet. Es gab auch eine Rennbahn, auf der Steherrennen ausgetragen wurden: Auf geneigten Bahnen fuhren Motorradfahrer und die Radfahrer hechelten hinterher. Alle natürlich mit dem preussischen Schnauzbart...
Alle. Bis auf die Pferde. Die hatten keinen.
In den neueren Zeitungen bin ich auch wieder tiefschürfend informiert worden. Wenn ich dabei sehen muß, daß zur Zeit allein in Sachsen nur rund 80% der Haushalte an die öffentliche Kanalisation angeschlossen sind, bin ich nicht sicher, in welchem Jahrhundert ich eigentlich lebe.
Armes Deutschland
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