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Skeptic's Dictionary
 

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Personologie

    Menschen mit dünner, weicher, lockerer oder porzellangleicher Haut neigen dazu, sowohl emotional als auch körperlich leichter beeindruckbar zu sein ... Diejenigen mit dünnen, feinem Haar sind emotional feinsinnig ... Eine dicke, volle Unterlippe zeigt spontane Großzügigkeit gegenüber Freunden und Fremden sowie Gesprächigkeit an ... Ein Mensch mit Garmisch-Patenkirchen-Nase (Skischanzenform) ist meist jemand, der ... schlecht mit Geld umgehen kann. George Roman, Personologe

Personologie ist eine New-Age-Variante der alten Pseudowissenschaft der Physiognomie, die davon ausgeht, dass die äußere Erscheinung, vor allem das Gesicht, den Schlüssel zu den vorherrschenden Charakter- und Temperamenteigenschaften eines Menschen liefert. Die zugrundelegende Theorie fußt offenbar – wie auch bei der Graphologie – auf sympathischer Magie und Intuition.

Die Personologie wurde laut Naomi Tickle, der Gründerin des International Centre for Personology – nicht zu verwechseln mit dem Personology Institute of San Diego oder dem Institute for Advanced Studies in Personology and Psychopathology in Coral Gables, Florida - in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts von Edward Jones entwickelt, einem Richter aus Los Angeles. Jones, so Tickle, „entwickelte eine Faszination für die Beziehung zwischen Gesichtszügen und Verhaltensmustern der Menschen, die vor ihm und vor Gericht erschienen." Dann, wie so viele naive Menschen, glaubte er, seine persönlichen Beobachtungen seien frei von Voreingenommenheit und stellten wissenschaftliche Daten dar. Richter Jones ging so weit, seine „neue Wissenschaft" in der Öffentlichkeit zu verbreiten.

Euer Ehren mag sehr gut in der Technik des „kalten Lesens" gewesen sein, aber er machte keine kontrollierten Experimente, um die Auswirkungen der Selbsttäuschung und der Neigung zur Bestätigung zu minimieren, die uns alle daran hindern, unsere Erfahrungen angemessen zu bewerten. Er hätte sich besonders um den Forer-Effekt sorgen sollen, wenn man die Geschichte anderer, ähnlicher Hellsicht-Versuche wie etwa Astrologie oder Phrenologie bedenkt.

Jones beging den selben Fehler, den auch Franz-Joseph Gall, der Erfinder der Phrenologie, machte: Er glaubte, er habe ein Muster erkannt, und machte keine Versuche, diesen Glauben wissenschaftlich zu überprüfen. Gall vermeinte ein Muster zwischen der Kopfform und Arten von Wahnsinn und Kriminalität zu erkennen. Jones vermeinte, bei den Angeklagten ein Muster zwischen ähnlichen Gesichtszügen und ähnlichen Verbrechen zu erkennen. Keinem kam in den Sinn, dass, sobald sie anfingen, an diese Ideen zu glauben, es leicht für sie sein würde, sie bestätigt zu finden.

Laut Ms Tickle wurde die „Wissenschaft" bei Robert L. Whiteside erledigt, einem Zeitungsherausgeber, der „1.068 Testpersonen untersuchte und eine Genauigkeit von über 90% fand." Whiteside ist der Autor von Face Language (New York, F. Fell Publishers, 1974). Whiteside wurde zum Anhänger, nachdem er Jones dabei beobachtet hatte, wie dieser eine „kalte Lesung" bei seiner Frau während einer öffentlichen Vorlesung durchführte. Whiteside war verblüfft, wie Jones so viel über sie wissen konnte, ohne sie zu kennen. Allerdings sucht man vergeblich nach Veröffentlichungen von Mr Whiteside in wissenschaftlichen Zeitschriften. Obwohl Whiteside und seine Arbeit von der wissenschaftlichen Gemeinschaft vollständig ignoriert wurden und werden, ging das Wachstum der Personologie ungehindert weiter.

Noch mehr „Wissenschaft" wurde von einem anderen Whiteside hinzugefügt. Laut Bill Whiteside, der eigener Aussage zufolge bei Robert Whiteside gelernt hat, gibt es eine wissenschaftliche Verbindung zwischen Genen und Verhalten und eine zwischen Genen und dem Aussehen. Daher zieht er den – nicht logischen – Schluss, es müsse auch eine Verbindung zwischen Verhalten und Aussehen geben.

    In den vergangenen Jahren haben [Wissenschaftler] nachweislich festgestellt, dass unser genetisches Erbe sich in unserer Struktur und daher auch in unseren Verhaltensmustern niederschlägt.

Er könnte genausogut argumentieren, dass die – genetisch determinierte – Augenfarbe der Schlüssel zum Verständnis der Persönlichkeit ist.

Will man Bill Whiteside glauben, so

    gibt es 68 Verhaltenszüge in der Personologie. Ein geschulter Beobachter identifiziert jeden von ihnen durch Beobachtung, Messung oder Berührung. Es gibt fünf Bereiche für Wesenszüge: Körper, Automatische Ausdrücke, Handlung, Gefühl und Emotion, und Denken. Die Platzierung jedes Zuges in einen Bereich entwickelt sich logisch aus seinem Ort und seiner Beziehung zu einer entsprechenden Region im Gehirn.

Das klingt alles sehr wissenschaftlich, aber nichts, was über das Gehirn bekannt ist, stützt diese Vorstellungen. 

Kurz, Personologie ist attraktiv, weil ihre Vertreter verblüfft darüber sind, wie genau sie ist. Diese Verblüffung entspringt vor allem einem Mangel an Verständnis für Dinge wie den Forer-Effekt, die „kalte Lesung" und der Selbstbestätigung. Der Glaube an die Personologie wird dadurch bestärkt, dass ihre Anhänger nur nach bestätigendem Datenmaterial Ausschau halten. Sie ignorieren nicht nur alle Daten aus der Neurowissenschaft, die ihren Auffassungen widersprechen, sondern sie überprüfen ihre Ergebnisse nicht systematisch auf eine Weise, die sie falsifizieren könnte.

 

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