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Skeptic's Dictionary
 

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IQ und Rasse

    "Die drei Hauptstrategien, um ein Thema zu vernebeln, sind das Einführen von Belanglosigkeiten, das Erzeugen von Vorurteilen und das Lächerlichmachen ... " ---Bergen Evans, The Natural History of Nonsense

    "Wenn Sie Aussagen über rassische Unterschiede treffen, die auf nicht-existierendem Datenmaterial basieren - und zur Zeit gibt es nichts Brauchbares darüber - dann sind Sie nichts als ein Terrorist."--Jerome Kagan, Professor für Psychologie, Harvard University

    "All die Jahre fand ich die ganze Idee des IQ-Tests geschmacklos und habe mich daher mehr und mehr von Mensa entfernt" - Isaac Asimov

"IQ" ist eine Abkürzung für "Intelligenzquotient". Der IQ eines Menschen soll ein Maßstab für die "Intelligenz" dieses Menschen sein - je höher die Zahl, desto intelligenter; Intelligenz ist angeblich ein Ding, eine Eigenschaft oder eine Reihe von Verhaltensweisen. "Intelligenz" ist jedoch ebenso sagenhaft wie das Einhorn. Nicht, dass es nicht Menschen gäbe, die intelligent sind - natürlich gibt es sie. Und einige sind intelligenter als andere. Der Mythos entsteht dadurch, dass man glaubt, nur eine Art von Verhaltensweisen zähle als "intelligent". Die meisten Leute erkennen problemlos, dass es Menschen mit fantastischem Gedächtnis, mit mathematischer Begabung, mit musikalischem Talent, handwerklichen Fähigkeiten oder Sprachbegabung gibt - einige sind gut darin, Analogien zu erkennen, andere können besser kombinieren, wieder andere vielleicht besser zusammenfassen. Und ebenso selbstverständlich gibt es Menschen, die in mehr als nur einem dieser Bereiche herausragen. Kurz, es ist angebrachter, von menschlichen Intelligenzen anstelle von menschlicher "Intelligenz" zu sprechen.

Daher erscheint es grotesk, dass die Arthur Jensens und William Shockleys dieser Welt eine Korrelation zwischen Rasse und Intelligenz gefunden haben wollen. Und auch The Bell Curve von Herrnstein und Murray muss eher unwahrscheinlich anmuten, da Rasse ebenso mythisch ist wie Intelligenz. Sogar die Fundamentalisten mit ihren Adam und Eva-Geschichten können klar erkennen: Wir sind alle vom selben Schlag. Es gibt ebenso wenig ein Rassengen oder einen Gensatz für Rasse, wie es ein Intelligenzgen oder einen Gensatz für Intelligenz gibt. Das heißt natürlich nicht, dass die biologische Konstitution eines Menschen kein bedeutsamer Faktor wäre, wenn es um individuelle Intelligenz in verschiedenen Bereichen geht. Auch soll das nicht bedeuten, dass die offensichtlichen körperlichen Unterschiede zwischen Menschengruppen, die als Mongolisch, Kaukasisch, Negroid etc. bezeichnet wurden, nicht über Jahrtausende hinweg von der Evolution bestimmt wurden - daran kann es keinen Zweifel geben. Die Hauptmechanismen für die Entwicklung dieser Rassenunterschiede sind natürliche und geschlechtliche Auslese, wie bei allen menschlichen Eigenschaften, die das Ergebnis von Evolution sind.

"Es gibt eine genetische Variabilität von etwa 15 Prozent zwischen zwei beliebig ausgewählten Individuen.", so Wissenschaftsautorin Deborah Blum."Weniger als die Hälfte davon - etwa 6 Prozent - lässt sich durch bekannte rassische Gruppierung einordnen. [...] Eine willkürlich ausgewählte Weiße kann daher leicht genetisch enger mit einer Afrikanerin verwandt sein als mit einer anderen Weißen." ["Rasse: Viele Biologen plädieren für die Aufgabe der ganzen Vorstellung", Deborah Blum, The Sacramento Bee, 18.10.1995, S. A12]

Joseph Graves, ein Evolutionsbiologe an der Arizona State University-West in Tempe, betont, dass die meisten Leute und Forscher, die Korrelationen zwischen Hautfarbe und verschiedenen natürlichen Begabungen etablieren wollen, keine Genetiker seien.

    Diese Leute wissen nichts über Evolutionsgenetik. Sie sprechen davon, dass es interessante Probleme gebe, die mit Rasse und Biologie zusammenhängen. Da es jedoch, wie ich meine, keine wirklichen Rassen gibt, frage ich mich, wo diese Probleme sein könnten. Es macht mich zornig, dass ich wertvolle Zeit für mein Hauptforschungsgebiet (die Genetik des Alterns) opfern muss, um Argumente für eine Debatte vorzubringen, die gar nicht geführt werden sollte. [Graves, laut Blum]

C. Loring Brace, ein Anthropologe an der Universität von Michigan, meint: "Rasse ist ein Schimpfwort [i.O. race is a four-letter word], das keine Grundlage in der biologischen Wirklichkeit hat." [Blum]

Natürlich sind körperliche Attribute wie Haut- und Augenfarbe, Form des Augenlids und des Haars etc. genetisch determiniert. Es stimmt ebenfalls, dass die Begabung eines Menschen für jede Art von Intelligenz zum größten Teil von genetischen Faktoren abhängt. Was nicht stimmt, ist die Vorstellung, dass ganze Menschenrassen über Gen-Sätze verfügen, die sie als Gruppe intelligenter machen als andere Rassen. Diejenigen Gene, die zum Beispiel die musikalische Begabung, das visuelle Vorstellungsvermögen oder die Fähigkeit zum abstrakten Denken beeinflussen, sind nicht mit jenen identisch, die die Zugehörigkeit zur kaukasischen, mongolischen oder negroiden Gruppe bestimmen. Wenn man sich fragt, warum Asiaten an Kaliforniens Universitäten überrepräsentiert, Schwarze oder Latinos aber nur schwach vertreten sind, dann wird man vergeblich nach einer genetischen Antwort suchen. Man täte besser daran, sich mit solchen Faktoren wie Familienstrukturen, ethnischen Traditionen und gesellschaftlichen Bedingungen zu beschäftigen.

Und doch ist es keine geringe Leistung, zwei mythische Elemente im Namen der Wissenschaft zusammenzubringen und dadurch die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu ziehen. Sind es vielleicht die Zahlen oder die Statistiken, die manche beeindrucken? Kaum. Auch die elaborierteste Zahlenanalyse, die eine Beziehung zwischen Phlogiston und dem Äther aufzeigen würde, hätte heutzutage eine Chance, angenommen zu werden. Warum also ist es bei der Rasse-IQ-Angelegenheit anders? Wie kommt es, dass vernünftige Menschen Ideen wie Ariertum oder rassische Überlegenheit ernst nehmen? Manche tun dies vermutlich als einfache Möglichkeit, Macht auszuüben. Die Mitgliedschaft in einer Rasse ist ein schneller und einfacher Weg, die eigene Überlegenheit klarzustellen - und sie ist ganz einfach zu erreichen: Man wird hineingeboren. Wenn man der richtigen Rasse angehört, hat man das Recht auf Überlegenheit und eine Berechtigung für Ungleichheit. Es ist selbstverständlich auch eine Rechtfertigung für Rassismus, denn wo so offensichtlich minderwertige Menschen Erfolg haben, kann das nur daran liegen, dass sie die wirklich höherwertigen Menschen um ihr Erbe betrügen. Darüber hinaus rechtfertigt es, an Dinge über einen selber zu glauben, die keinerlei objektiven Wert haben. Ein wirklich minderwertiger Mensch kann so legitimieren, dass er sich selber für höherwertig auf Grund seiner Rassenzugehörigkeit hält. Dadurch wird es ihm ermöglicht, jedwedes Scheitern und jeden Charakterfehler rationalisieren und sie dem ungerechten Vorteil zuschreiben, den diejenigen bekommen, die er für minderwertig hält. Er kann sich sogar vorgaukeln, seine braune Haut sei weiß und er verdiene dadurch irgendwie, an den Errungenschaften jedes anderen seiner Rasse teilzuhaben.

Sind also die Untersuchungen, die zeigen, dass Afro-Amerikaner oder andere Minderheiten besser oder schlechter abschneiden als die sogenannten "weißen" Amerikaner, ohne Wert - das heißt, sind die Arbeiten von Leuten wie Herrnstein und Murray wertlos? Nein. Ihre Ergebnisse sind wertvoll, aber haben auch eine große Sprengkraft auf Grund unserer Geschichte rassistischer Politik. Ergebnisse wie diese werden unvermeidlich von weißen Rassenfanatikern ausgeschlachtet und verzerrt werden, um ihre eigenen politischen Ziele zu fördern und um weitere Rassenkonflikte anzufachen, anstatt mit ihnen die Rassenbeziehungen in den USA zu verbessern. Ergebnisse wie diese leben von Korrelationen, und obgleich Korrelationen für einen konventionellen empirischen Wissenschaftler nichts zu bedeuten haben, sind sie Brot und Butter für rassistische Forscher. Der Aufruhr, den die Bell Curve auslöste, fand rasch ein Ende, weil eine fortdauernde Seifenoper ihren gesellschaftlichen und Unterhaltungswert übernahm: der O.J. Simpson-Prozess. Tatsächlich fordern Herrnstein und Murray in beinahe jedem Kapitel soziale Reformen, um die Lage der Schwarzen in Amerika zu verbessern. Diese Forderungen mögen unaufrichtig erscheinen, aber sie passen trotzdem nicht ins Bild, demzufolge die Lebensbedingungen der Schwarzen in Amerika genetische Ursachen haben. Falls Gene die Ursache für die jungen Gangster der schwarzen Unterschicht sind, die sich in beinahe jeder amerikanischen Großstadt tagtäglich umbringen, so ist es sinnlos, Schul- und Ausbildungsprogramme zu verlangen oder eine Änderung der Einstellung schwarzer Männer und Frauen zur Familie zu fordern, wie es sogar der schwarze Rassenfanatiker Louis Farrakhan bei seinem Millionen-Marsch gemacht hat.

Man kann nicht leugnen, dass die Mehrzahl der jungen Männer, die sich in den Bandenkriegen umbringen, Minderheiten angehört. Aber man kann leugnen, dass die Gründe für ihre Gewaltbereitschaft und ihre Amoral in ihrer Rasse liegen. Das ist falsch und eine Beleidigung für den großen Teil der Schwarzen und anderer ethnischer Gruppen, die anständige und gesetzestreue Bürger sind. Man kann auch nicht leugnen, dass Minderheiten insgesamt schlechter ausgebildet und an den höheren Schulen unterrepräsentiert sind, ebenso wie in den gehobenen und Fachberufen. Aber man kann leugnen, dass der Grund dafür darin liegt, dass ihre Rasse sie genetisch minderwertig und außerstande macht, mit dem "weißen" Amerika mitzuhalten. Es stimmt zwar, dass viele Minderheiten wegen ihrer Rasse nicht an der Universität sind oder als Ärzte, Rechtsanwälte, Lehrer oder Automechaniker arbeiten. Sie werden diskriminiert und von Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten ausgeschlossen auf Grund von Rassenvorurteilen .

Möglicherweise kommt einmal der Tag, an dem wir im Stande sein werden, Menschen verschiedener Rasse als menschliche Wesen zu sehen, ohne aus dem Blick zu verlieren, was besonders und einzigartig über Rassen- oder Ethniezugehörigkeit ist. Wir müssen nicht farbenblind werden, und wir sollten nicht versuchen, rassische Unterschiede zu ignorieren. Aber wir sollten sie aus der richtigen Perspektive betrachten: Wichtig für unser Werden, aber bedeutungslos für unseren Status als menschliche Wesen, fähig zu höchsten moralischen und geistigen Errungenschaften wie auch zu viehischer Brutalität und hirnloser Dummheit.

Bis dahin sollten wir auf Peter Singer hören:

    "Die Gentheorie impliziert nicht, dass wir unsere Bemühungen einstellen sollten, andere Gründe für die Ungleichheit der Menschen zu überwinden. "

    "Der Umstand, dass der Gruppen-IQ einer Rasse einige Punkte höher ist als der einer anderen Gruppe, gestattet es einem nicht, zu sagen, dass alle Mitglieder der höheren IQ-Gruppe intelligenter sind als alle Mitglieder der niedrigeren IQ-Gruppe."

    Rassismus ist auch durch einen hohen IQ nicht zu rechtfertigen (Singer, 1993).

     

Herrnstein, Richard J./Murray, Charles: The Bell Curve. New York 1994. Sehr einflussreiches Buch in der Tradition Arthur Jensens, der Anfang der siebziger Jahre für großes Aufsehen sorgte. Gemeinsame These: IQ ist vor allem ererbt, nicht erworben; zwischen IQ und Rassenzugehörigkeit besteht ein Zusammenhang, wobei die Schwarzen am schlechtesten abschneiden.

Phlogiston: Im 19. Jahrhundert wurde über den Verbrennungsvorgang spekuliert und das Phlogiston erfunden, weil man sich die seltsame Gewichtszunahme von Substanzen nach dem Verbrennen nicht erklären konnte. Inzwischen ist Phlogiston genau wie Äther (s.u.) eine Metapher für eine nicht existierende Substanz, die zuvor lange Zeit ernst genommen wurde.

Äther: Da man die Wellenausbreitung im leeren Raum im 19. Jahrhundert noch nicht verstand und davon ausging, Wellen benötigten ein Medium (wie etwa Luft für Schallwellen), würde diese superfeine Raumsubstanz postuliert. Die Korpuskulartheorie des Lichtes machte sie überflüssig, auch wenn wir heute noch vom Äther sprechen, wenn wir Radiowellen meinen.

 

Anmerkung des Übersetzers: IQ oder g oder wie man es nennen will befindet sich offenbar allmählich auf dem Rückzug aus der wissenschaftlichen Diskussion, vor allem aufgrund der Erkenntnisse der aus der Soziobiologie hervorgegangenen Evolutionspsychologie (entwickelt von Tooby/Cosmides).  Vereinfacht ausgedrückt geht die Evolutionspsychologie davon aus, dass eine Fähigkeit wie "allgemeine Intelligenz" sich evolutionär nicht hätte entwickeln können. Was sich stattdessen entwickelt hat, sind zahlreiche Systeme und Sub-Systeme, die ursprünglich für bestimmte Aufgaben vorgesehen waren, deren große Anzahl und sogenannte "emergente" Eigenschaften uns den Eindruck vermitteln, wir hätten es mit einem einzigen großen System zu tun. Eine Messung wäre daher nur innerhalb eines klar identifizierten und abgegrenzten Sub-Systems möglich (etwa Erinnerungsvermögen in Bezug auf Farben statt auf Formen). Das Bild eines Arztes, der Krankheiten per Ferndiagnose und Teleskop von der Mondoberfläche aus behandelt, beschreibt die IQ-Forschung vielleicht nicht ganz unzutreffend.

Wenn man die Debatte politisch betrachtet, ist es amüsant, zu sehen, wie Zeiten und Seiten sich ändern. Die Kritik an der IQ-Forschung kam immer, wenn sie nicht direkt wissenschaftlich motiviert war, aus der "linken" Ecke. Nun erhält diese Kritik Schützenhilfe von der Soziobiologie, die wiederum vielen "Linken" als Inbegriff des Bösen gilt. Kurioserweise möchten nämlich gerade viele "Linke" an der "allgemeinen Intelligenz" festhalten, um ihre Vorstellung vom Menschen als einem von der Biologie fast komplett gelösten Lebewesen aufrechterhalten zu können. Damit stehen sie vor einem Dilemma: Sagen sie, diese "allgemeine Intelligenz" existiert, dann müsste man sie grundsätzlich auch messen können, und die Kritik an der IQ-Forschung sollte sich dann eher auf die Fehler der Vorgehensweise als auf den Inhalt der Forschung selbst beziehen. Sagen sie jedoch, diese "allgemeine Intelligenz" sei unmessbar, können sie ebenso gut eine Seele voraussetzen oder auf kartesianischen Dualismus zurückgreifen. Man kann den Kuchen nicht gleichzeitig essen und behalten.

Es ist vielleicht nicht überflüssig, darauf hinzuweisen, dass weder Soziobiologie noch Evolutionspsychologie wie auch immer "Rechts" oder "Links" sind.

 

Weiterführende Literatur (englisch)

  • Augstein, Hannah. ed., Race: The Origins of an Idea, 1760-1850 (Bristol, UK: Thoemmen Press, 1996).
  • Evans, Bergen. The Natural History of Nonsense (New York: Alfred A. Knopf, 1957), ch. 14, "The Skin Game."
  • Gould, Stephen J. The Mismeasure of Man (New York, Norton: 1981).
  • Higgins, A.C. Review of William Tucker's The Science and Politics of Racial Research
  • Marks, Jonathan. "Black, White, Other" in Natural History, 12/94.
  • Montagu, Ashley. Man's Most Dangerous Myth: The Fallacy of Race, 6th ed. (Altamira Press, 1997)

  • (deutsch)

  • Gould, Stephen Jay: Der falsch vermessene Mensch.
  • Shipman, Pat: Die Evolution des Rassismus. Frankfurt a.M. 1995 (1994). Amerik. Original: The Evolution of Racism.
  • Zimmer, Dieter: Der Streit um die Intelligenz. München 1975.

 

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