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Skeptic's Dictionary
 

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Professor of Philosophy
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Kolonialismus

In diesem Zusammenhang wurde der Ausspruch eines britischen Offiziers berühmt; im Jahr 1840 erwiderte er auf den Protest eines Brahmanen, der meinte, suttee [Witwenverbrennung] sei eine nationale Tradition, und die Engländer dürften sich nicht einmischen, mit dem Satz: "Meine Nation hat auch ihre Tradition. Wenn z.B. Männer dort Frauen lebendig verbrennen, dann hängen wir sie an den Galgen. Pflegen Sie Ihre nationalen Traditionen, und ich pflege hier die meinen.
-
Barrington Moore (zit. nach Benard/Schlaffer)

 

Der Begriff Kolonialismus bezieht sich auf einen internationalen politischen Akt, und zwar die Ausübung der Herrschaft in einem Lande durch eine Elite, die aus einem anderen Land stammt. In diesem Sinne waren die römischen Expansionsfeldzüge ebenso Kolonialismus wie die arabischen Eroberungskriege der frühen moslemischen Zeit oder in heutiger Zeit die israelische Besetzung Palästinas. Trotzdem wird dieser Ausdruck vor allem für die Ausbreitung der europäischen Mächte über die ganze Erde verwendet, die im sogenannten "Zeitalter des Imperialismus" große Teile der Welt mehr oder weniger unverbrämt unter sich aufteilten und überall dort, wo sie Erfolg hatten, Herrschende einsetzten, die aus dem sogenannten "Mutterland" stammten. Von den Einheimischen dieser Länder wurde dies meist als Fremdherrschaft empfunden, und es kam häufig zu Rebellionen oder Aufständen, die jedoch im Regelfall an der technologischen und organisatorischen Überlegenheit der Mächtigen scheiterten. Das Zeitalter des Kolonialismus endete in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als mehr und mehr vormals kolonisierte Staaten ihre Unabhängigkeit erlangten.

Kolonialismus gilt heute bei den Menschen der "Dritten Welt" oder bei einer großen Zahl westlicher Intellektueller als furchtbares Verbrechen, und der Vorwurf des Kolonialismus (oder Imperialismus, Eurozentrismus etc.) reicht üblicherweise aus, um eine Diskussion darüber zu beenden, ob der Kolonialismus nicht auch positive Seiten für die Unterdrückten gehabt haben könnte. Grundsätzlich gilt die Regel, dass Völker/Staaten "sich selbst regieren" sollen; in der Praxis bedeutet dies, dass die Regierung des Landes X aus Menschen bestehen sollte, die Einheimische des Landes X sind.

Stellt man sich ganz vorurteilsfrei die Frage, ob Kolonialismus immer und prinzipiell etwas Schlechtes ist, dann kann die Antwort nur "nein" lauten, und zwar aus ganz offensichtlichen Gründen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war Deutschland im Grunde eine aufgeteilte Kolonie, und niemand wird wohl behaupten wollen, die deutsche "Selbstregierung" sei besser für die Deutschen gewesen als die Besatzungsherrschaft. Auch im Kambodscha Pol Pots oder im Uganda Idi Amins wäre eine Kolonialregierung sicherlich willkommen gewesen (Pol Pot wurde ja durch eine Invasion Vietnams gestürzt). Eine Machtelite, die derart grauenhafte Verbrechen begeht, sollte mit jedem verfügbaren Mittel bekämpft werden, und eine Invasion durch eine Kolonialmacht gehört sicherlich dazu.

    "Die Souveränität hat ihre Grenzen. Wenn eine Regierung die grundlegenden Menschenrechte missachtet und [...] mit Kollektivmorden und einer Politik ethnischer Säuberungen Verbrechen an der Menschheit begeht, sind die demokratischen Länder - die heute glücklicherweise auch die mächtigsten und wohlhabendsten sind - zum Handeln verpflichtet." - Mario Vargas Llosa

Auch weniger extreme Fälle können durchaus Anlass dazu geben, den Kolonialismus neu zu bewerten. Wenn ein Staat seine Bürger systematisch als politische Waffe verhungern lässt, verliert seine Regierung jegliche Legitimität, und eine Kolonialherrschaft ist ihr vorzuziehen. Wenn ein Staat ethnische Minderheiten (oder sogar Mehrheiten) verfolgt, unterdrückt und diskriminiert, sollte seine Legitimität zumindest in Frage gestellt werden. Führt der Staat Angriffskriege gegen Nachbarstaaten, so wäre zu überlegen, ob eine Intervention etwa der UN nicht weiter gehen sollte als im Falle Kuwait-Irak; ein Sturz des Diktators selber war im Bereich des Möglichen.

Auch Faktoren, die gemeinhin als "nichtstaatliche" oder "halbstaatliche" Verfolgung bezeichnet werden, sollten berücksichtigt werden. Hier spielt vor allem die Frage nach der Situation der Frauen in einer Gesellschaft eine Rolle. Wenn man an universelle Menschenrechten festhalten will, muss man zur Kenntnis nehmen, dass sie den Frauen in vielen Staaten dieser Erde vorenthalten werden: Recht auf persönliche Würde, Recht auf körperliche Unversehrtheit, Recht auf freie Meinungsäußerung, Recht auf freie Berufswahl etc. etc. In demokratischen Staaten oder solchen, in denen eine Demokratisierung in Angriff genommen wird, haben die Frauen und ihre Verbündeten zumindest die Chance, sich über Wahlen, Zeitungen und Demonstrationen zu wehren und sich Gehör zu verschaffen. Aber wer hilft den Frauen, die in einer feudalen Wüstenmonarchie weggesperrt und misshandelt werden? Ist internationale militärische Intervention wirklich vollkommen außerhalb jeder Diskussion?

    "Enver Hodscha herrschte noch über Albanien, als ich eines Abends mit einem Freund durch die Straßen von Tirana ging. Der Freund erklärte mir, es sei für sein Land das Beste, wenn ein größeres Land komme und es besetze. Wenn es den Albanern überlassen werde, meinte er, werde man es nur zerstören." -Richard Swartz

Wenn man all diese Anstöße bedenkt, ist es eigentlich verwunderlich, dass UN-Interventionen nicht wesentlich häufiger stattfinden. Dass der Kolonialismus einen so schlechten Ruf hat, liegt vor allem daran, dass nur wenige Kolonialmächte sich um einen besseren Ruf bemühten oder bemühen. Natürlich war in der Zeit des klassischen Kolonialismus die Verbesserung der allgemeinen Lage der Menschenrechte niemals ehrliches (wenn auch durchaus vorgegebenes) Ziel einer Intervention, und gelegentlich folgte auf die Eroberung die Ausbeutung, Versklavung und Entrechtung der einheimischen Bevölkerung. Dass dies jedoch nicht so sein muss, sieht man an den Nato-Interventionen im Kosovo und seit neuestem in Afghanistan.

    "Die klassischen Kriegsgründe sind: Eroberung, geostrategische Interessen, Kampf um Handelsrouten, Absatzmärkte und Rohstoffvorkommen. Keiner dieser Gründe spielt bei dem gegenwärtigen Konflikt eine Rolle. Daher das ungläubige Rätselraten über die Motive des Westens. [...] Ein Krieg aus humanitären Gründen erscheint den Skeptikern unvorstellbar, doch ihre Suche nach bösen amerikanischen Hintergedanken hat bisher keine Früchte getragen. Womöglich handelt es sich tatsächlich um ein historisches Novum." -Hans Magnus Enzensberger zum Kosovo-Konflikt

Und es ist naiv, anzunehmen, es habe vorher keine Ausbeutung, Versklavung und Entrechtung gegeben; und es hat keinen Sinn, einen zu dieser Zeit noch utopischen "modernen" Maßstab an die Kolonialherren anzulegen; außerdem  waren nicht alle Veränderungen negativ. So schafften die Engländer etwa die suttee (Witwenverbrennung) in Indien ab und verbesserten die Stellung der Frau erheblich; die Japaner modernisierten die Mandschurei und statteten sie mit Infrastruktur aus; nach der russischen Invasion wurde das Leben für große Teile der afghanischen Bevölkerung erheblich leichter und ganz bestimmt besser, als es  jetzt unter der "Selbstregierung" der Taliban ist.

    Die britische Kolonialherrschaft vor den dreißiger Jahren nützte der großen Mehrheit der Afrikaner. Aber sie bot wenig Raum für die politischen Ambitionen der zahlenmäßig begrenzten Gruppen, die später in den Vordergrund treten und die politische Nation formen sollten. (P.T. Bauer)

In keinem dieser Fälle fanden Invasionen und Eroberungen aus menschenfreundlichen Motiven statt, aber spielt das wirklich eine Rolle? Wenn in einem Staat seit Jahrhunderten Völkerschaften miteinander im Krieg stehen und das Land vor die Hunde gehen lassen, ist es dann ein Verbrechen, von außen einzumarschieren und die Parteien erst einmal zu entwaffnen? Natürlich findet diese Entwaffnung statt, weil die neuen Machthaber in Ruhe regieren wollen, aber sind die Auswirkungen nicht trotzdem sehr positiv für die Bevölkerung?

    Diese Maßnahmen [der Engländer in Indien] führten die Frauenfrage direkt in die für Dritte-Welt-Länder charakteristische Zwickmühle: die Kolonialmacht milderte die traditionelle Unterdrückung der Frauen / die nationalistischen Bewegungen kämpften gegen die Kolonialmacht / daher kämpften die nationalistischen Bewegungen auch gegen die Veränderungen in der Unterdrückung der Frauen. Die radikalen Inder setzten sich im Namen ihrer kulturellen Autonomie für Praktiken ein, die moralisch in jeder Hinsicht verabscheuungswürdig waren; nur war ihnen der Kampf gegen die Kolonialmacht wichtiger als die Moral, solange es nur um das Leben von Frauen ging. (Benard/Schlaffer)

Selbst wenn wir davon ausgehen, dass Kolonialismus immer etwas Schlechtes ist: Was bedeutet Kolonialismus? Ist es für die Bevölkerung des Landes Andiristan besser, von Andiristanern unterdrückt zu werden als von Kolonialherren? Das Stichwort "interner Kolonialismus" beschreibt ziemlich präzise, dass eine nicht demokratisch abwählbare Machtelite auch im eigenen Land als "Kolonialherren" auftreten kann. Oder nehmen wir Staaten, in denen zahlreiche verschiedene ethnische Gruppen zusammenleben und die Herrschaft von einer einzigen dieser Gruppen ausgeübt wird. Wenn ein solches System das Resultat eines nationalistischen Befreiungskampfes ist, hat sich dieser dann wirklich gelohnt oder ist er nicht nur die Auswechslung einer Herrschergruppe durch eine andere?

Die Legitimation einer Herrschaft ist eine Frage; eine andere ist, inwieweit manche Staaten überhaupt als unabhängige Einheiten existieren sollten und ob ihren Einwohnern nicht besser damit geholfen wäre, Teil einer größeren, lebensfähigen Union zu werden? Eines der unangenehmsten Erbstücke des real existierenden Kolonialismus war eine häufig vollkommen willkürliche Grenzziehung; man spricht häufig von dem "malariakranken Verwalter, der mit dem Lineal Grenzen zog". Oft waren diese Grenzen das Resultat eines oder mehrerer fauler Kompromisse zwischen den europäischen Staaten, die ihre Einflussgebiete absteckten und sich um die Homogenität der so entstandenen Staaten nicht scherten. Man sollte meinen, nach der Entkolonisierung etwa der afrikanischen Staaten hätten die neuen Regierungen sich erst einmal zusammengesetzt und aufgrund ihrer viel größeren Kenntnis der beteiligten Länder und der dort lebenden Ethnien diese sinnlosen Striche auf der Landkarte ausradiert und durch vernünftige Grenzen ersetzt.

    "Doch die neuen Nationen Afrikas entschieden sich bei der Unabhängigkeit dafür, die kolonialen Grenzen anzuerkennen, anstatt zu versuchen, neue nationale Einheiten wiedererstehen zu lassen. Das Resultat war ein Mischmasch von Staaten [...]" (David Lamb)

Ein Staat benötigt eine gewisse Größe, Ressourcen und zumindest eine einigermaßen funktionierende nationale Identität, sonst kann er nicht funktionieren, und nichts spricht dafür, dass jeder Staat, der existiert, von einem übergeordneten Standpunkt aus auch existieren sollte.

Selten ist ein Politikwissenschaftler wohl so angegriffen worden wie Ulrich Menzel, als er in seinem Buch Das Ende der Dritten Welt und das Scheitern der großen Theorie eine neue Entwicklungspolitik skizzierte, die im Grunde auf eine Art humanistisch begründeten Neo-Kolonialismus hinausläuft. Mit Bezug auf den Nobelpreisträger Gunnar Myrdal und unter dem Begriff "globale Sozialpolitik" fasst er einige Merkmale dieses Ansatzes zusammen:

1) Adressat der Hilfe müssen die Bedürftigen selber sein, wenn nötig, unter Umgehung der örtlichen korrupten Machteliten
2) Hilfe muss sozial und humanistisch begründet und darf nicht von den Interessen des Helfenden geleitet sein.
3) Programmatische Entwicklungspolitik muss zunächst hinter der grundsätzlichen "Ersten Hilfe" zurückstehen
4) Interventionen der Staatengemeinschaft sind unter Umständen gerechtfertigt, etwa bei krasser Menschenrechtsverletzung

Menzels Ansatz (hier nicht vollständig dargestellt) mündet in der Forderung nach einer internationalen "Treuhandschaft" für Krisenregionen dieser Welt: Aufbau von Wirtschaft und Gesellschaft unter der Kontrolle der Industriestaaten, internationale Bekämpfung der Überbevölkerung, Entwaffnung von Bürgerkriegsparteien etc.

Man kann sich die Reaktionen der Kritiker vorstellen, die von vernünftigen Einwänden (ist ein Ressourcentransfer überhaupt machbar oder demokratisch kontrollierbar?) bis zu inhaltsleeren Polit-Phrasen (im Kapitalismus ist kein menschenwürdiges Leben möglich) reichten. Aber die Debatte ist angestoßen, und ich gebe zu, dass ich zu denen gehöre, die "zur Feder greifen, auch wenn sie zustimmen" (Menzel, S. 214).

Und zustimmen tue ich. Ich denke, es läuft letzten Endes darauf hinaus, ob man an universelle Menschenrechte und -freiheiten glaubt oder nicht. Wenn man sie für einen weiteren kulturimperialistischen Trick des dekadenten Westens hält, fein; den Applaus aller Diktatoren hat man damit sicher. Aber den Menschen ist damit nicht geholfen. Daniel Cohn-Bendit bezeichnete diejenigen, die die Legitimität jedweder Regierungsmacht als unumstößlich hinnehmen, als "Souveränitätsfanatiker", und ich denke, er hat recht.

Der historische Kolonialismus war eine Epoche, die unter dem Strich den beherrschten Nationen sicher mehr geschadet als genützt hat, obwohl auch hier eine differenzierte Betrachtungsweise vonnöten ist (der britische Kolonialismus war etwas ganz anderes als etwa der portugiesische). Aber nicht jeder antikolonialistische Kampf war ein Freiheitskampf, und wenn man Menzels Konzeption als Kolonialismus bezeichnen will, dann würde ich sagen, dass der Begriff durchaus seine positiven Seiten haben kann. Man sollte seine Verwendung als "Totschlagsargument" jedenfalls nicht mehr zulassen.

 

Literaturtips

Benard, Cheryl/Schlaffer, Edit: Die Grenzen des Geschlechts. Reinbek bei Hamburg 1988 (1984).

Lamb, David: The Africans. New York 1987 (1983). Deutsch als: Afrika, Afrika.

Menzel, Ulrich: Das Ende der Dritten Welt und das Scheitern der großen Theorie. Frankfurt a.M. 1992.

Follath, Erich: Die letzten Diktatoren. München 1993 (1991).

Bauer, P.T.: Reality and Rhetoric . Cambridge, MA, 1984.

Schirrmacher, Frank (Hg.): Der westliche Kreuzzug. 41 Positionen zum Kosovo-Krieg. Stuttgart 1999.

 

 

 

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