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... der Verstand ist eine Ansammlung von informationsverarbeitenden Systemen, die von der natürlichen Selektion entworfen
wurden, um adaptive Probleme zu lösen, die sich unseren Jäger-Sammler-Vorfahren stellten. --Leda Cosmides & John ToobyDer Verstand ist eine
Adaptation, die von der natürlichen Selektion gestaltet wurde ... Und das letztendliche Ziel der natürlichen Selektion ist es, Gene zu verbreiten ... Unser Geist wurde entworfen, um Verhalten zu erzeugen, dass unter
dem Strich in unserer urzeitlichen Umgebung adaptiv gewesen wäre. --Steven Pinker, How the Mind Works Lebewesen haben Teile, die eindeutig eine Funktion aufweisen; sie existieren für
etwas. Tatsächlich existieren sie für das Überleben und die Reproduktion des Objektes, dessen Teil sie bilden. Folglich ist ein Aspekt des Lebens nicht nur, dass es kompliziert ist, sondern dass es auf adaptive Art
kompliziert ist. Hände, Nieren, Leber, Nasen, Augen, Ohren und so weiter – alles ist adaptiv für irgendeine Funktion. --John Maynard SmithEvolutionäre Anpassung ist ein spezielles
und sperriges Konzept, das nicht ohne guten Grund verwendet werden sollte, und ein Effekt sollte nicht als Funktion bezeichnet werden, wenn er nicht klar und deutlich durch Entwurf und nicht durch Zufall entstanden
ist. Wenn vorhanden und erkannt, Anpassung sollte keiner höheren Ebene der Organisation zugeschrieben werden als durch die Beweislage erforderlich. --George Williams, Adaptation and Natural Selection
Evolutionspsychologie könnte meiner Meinung nach eine fruchtbare Wissenschaft werden, wenn sie ihre momentane Vorliebe für enge und oft unproduktive Spekulation ersetzen würde durch Respekt vor der
vielfältigen Bandbreite vorhandener Alternativen, die ebenso evolutionären Rang haben, im tatsächlichen Auftreten wahrscheinlicher und nicht begrenzt sind auf die Scheuklappensicht, dass evolutionäre Erklärungen
Anpassungen erkennen müssen, die von der natürlichen Selektion entworfen werden. --Stephen Jay Gould
Evolutionspsychologie ist Soziobiologie mit Basis in empirischer Forschung, abzüglich der Spekulationen über die ersten Menschen – das
zumindest behaupten John Tooby und Leda Cosmides. Bei den beiden handelt es sich um ein im Team arbeitendes Ehepaar an der University of California, das den Begriff 1992 prägte. Tooby ist der Vorsitzende der Human
Behavior and Evolution Society (HBES), der Berufsverband der Evolutionspsychologie.Die Soziobiologie erhielt ihren Namen von E.O. Wilsons Sociobiology: The New Synthesis (1975). Wilson ist ein
Naturwissenschaftler und Evolutionsbiologe ebenso wie ein Philosoph. Sein herausragendes Werk befasst sich mit dem Studium des Verhaltens und der Evolution von Insekten. Seine Spekulationen über menschliches
Verhalten führten zu der kontroversen Disziplin der Soziobiologie, die in der Umgebung der Universität mutierte und selbst eine perfekte Anpassung für ihr Wachstum und ihre Ausbreitung in der Umwelt der
Psychologie-Abteilung fand. Die grundlegende Annahme der Evolutionspsychologie ist, dass alles menschliche Verhalten in Bezug auf die Erfüllung eines evolutionären Zieles erklärt werden kann. Die Evolution
hat natürlich keine Ziele, sondern ist ein blinder Prozess, der am besten als eine Reihe von sinnlosen Mechanismen beschrieben werden kann, die nachträglich sinnvoll erscheinen. Um ein Ziel zu haben, müsste die
Evolution die Absicht eines intelligenten Wesens ein. Nur unter der Annahme eines solchen Wesens, sei es nun ein Schöpfergott oder ein Universum mit Bewusstsein, könnte Evolution Ziele haben. Das Hauptziel
der Evolution ist, wenn wir den Evolutionspsychologen folgen wollen, die Reproduktion. Scheinbar kann so ziemlich jedes menschliche Verhalten als Anpassung betrachtet werden, deren Ziel es ist, die Wahrscheinlichkeit
der Reproduktion zu erhöhen. Eine andere Sicht scheint mir plausibler. Wie Nietzsche schon sagte, Tiere mit einem starken Sexualtrieb reproduzieren sich stärker als solche ohne ihn, aber sie haben keinen starken
Sexualtrieb, um sich zu reproduzieren. Ein Katarakt scheint entworfen worden zu sein, um einen wunderschönen Wasserfall zu bilden, und mit reichlich Fantasie kann man sich Katarakte als Adaptationen vorstellen,
aber sie sind es nicht. Wenn es kalt ist und man einen Mantel anzieht, hat man eine Anpassung vollzogen. Wenn eine Spezies Fell hat, dann ist dies keine Anpassung. Die felllosen Vorfahren haben nicht überlebt. Sie haben
keine Nachkommen hinterlassen. Je kälter es wurde, desto vorteilhafter war es, ein Fell zu haben, und um so mehr setzten sich die felltragenden Lebewesen durch. Zwei Beispiele dieser angeblich weniger spekulativen und
mehr empirischen Version der Evolutionspsychologie sind 1) A Natural History of Rape: Biological Bases of Sexual Coercion (2000) von Randy Thornhill und Craig T. Palmer und 2) The Culture of Critique: An Evolutionary
Analysis of Jewish Involvement in Twentieth-Century Intellectual and Political Movements (1998) von Kevin MacDonald.
Vergewaltigung als evolutionäre Anpassung Thornhill und Palmer argumentieren, dass Männer genetisch dazu veranlagt sind, Vergewaltigung
als uralte Strategie einzusetzen, um mehr Nachkommen zu hinterlassen. Daher sollte eine Frau, die die Wahrscheinlichkeit einer Vergewaltigung verringern möchte, sich unattraktiv machen. Erwarten Sie nicht von den
Männern, dass sie viel gegen diese Triebe tun können, da sie „natürlich" und Teil der menschlichen Biologie und Psychologie sind. Das Verhalten von Gruppen von jungen Männern, die im New Yorker Central Park nach der
Puerto Rican Day Parade Sommer 2000 Frauen überfielen, scheint Thornhills und Palmers Behauptungen zu stützen. (Etwa 25 Männer wurden angeklagt, mehr als 50 Frauen überfallen zu haben, während die Polizei daneben stand
und nicht einschritt). Allerdings verhalten sich nicht alle Männer wie hemmungslose amoralische Tiere. Nicht einmal alle heterosexuellen Männer mit starkem Sexualtrieb handeln gemäß dieses Triebes ohne Zurückhaltung.
Viele, vielleicht sogar die meisten, Männer haben ein Gewissen und einen Sinn für Moral, der sie davon abhält, Frauen anzufallen, sogar knapp bekleidete und provokativ auftretende Frauen, auch wenn um sie herum Dutzende
anderer Männer sich nicht zurückhalten. Man fragt sich, welchen evolutionären Sinn diese Forscher dem Gewissen oder der Moral zuschreiben. Eigentlich kennen wir ihn schon: Moral muss entwickelt worden sein, um DNS zu
reproduzieren. Die moralischen Männer, die keine Frauen vergewaltigen, haben ganz klar eine viel bessere Chance, ihren Samen in zahllosen zukünftigen Generationen zu verbreiten. Oder vielleicht ist die Moral eine
Täuschung von Männern, die nicht die Absicht haben, ihr zu gehorchen. Der Unmoralische könnte seine Nachkommenschaft vergrößern, wenn er andere davon überzeugen könnte, enthaltsam bis zur Ehe und monogam in der Ehe zu
leben, während er (der Unmoralische) bei jeder Gelegenheit den Satyr heraushängen lassen würde.Wenn Thornhill und Palmer Recht haben, erscheint es wie ein Wunder, dass die menschliche Spezies überhaupt überlebt hat.
Es kann kaum eine dümmere Strategie zur Erhöhung der Nachkommenschaft geben als Vergewaltigen und Verschwinden. Die Chance, einen Nachkommen zu zeugen, indem man eine verängstigte Frau vergewaltigt, ist viel geringer
als die, die man durch Niederlassen und Sex mit dieser Frau über einen längeren Zeitraum hat. Wenn man seinen Samen an folgende Generationen weitergeben will, dann bleibt man vor Ort und beschützt seine Investition. Man
hält den Samen anderer Männer draußen. Man wählt sich Partner, von denen man glaubt, dass sie die Nachkommenschaft schützen und pflegen werden, damit dieser die nächste Generation erreicht. Wenn die Nachkommen nicht
überleben, dann war das Einpflanzen vergebens. Falls Thornhill und Palmer Datenmaterial haben, mit dem sie zeigen können, dass Vergewaltiger eine sehr niedrige Intelligenz aufweisen, könnte ihre Theorie vielversprechend
sein. Dann – falls die Ausbreitung ihrer DNS ihr Ziel ist – müssen Vergewaltiger zu den dümmsten Mitgliedern unserer Spezies gehören. Die jüdische Evolutionsstrategie MacDonald, ein Psychologieprofessor an der California State
Long Beach Universität, gibt ebenfalls vor, weniger spekulativ und mehr empirisch zu sein als die Soziobiologen. Und doch nimmt er an, dass Juden eine monolithische evolutionäre Strategie parallel zu ihrer
monolithischen Kultur aufweisen, die zum Teil daraus besteht, Antisemitismus zu fördern, um die Gruppe zusammenzuhalten. Laut Tony Ortega von der New Times Los Angeles:
schlägt MacDonald vor, dass Juden – zur Bekämpfung des Antisemitismus – als Teil ihrer evolutionären Strategie verschiedene europäische und amerikanische intellektuelle Bewegungen dominiert haben,
wobei sie manchmal Nichtjuden als Strohmänner verwendeten, und dass diese Bewegungen zur Förderung jüdischer Ziele eingesetzt wurden. ... Als Evolutionspsychologe betont MacDonald, dass Juden besser in IQ-Tests
abschneiden, da sie über die Jahrtausende eine Art Eugenikprogramm durchgeführt haben, getarnt als religiöse Bräuche. Das hat sie nicht nur klüger, sondern auch bessere Bewerber im Darwinschen Kampf ums Überleben
gemacht – was seinerseits Hass und Eifersucht bei Nichtjuden hervorgerufen hat. Antisemitismus ist also kein irrationaler Hass auf Juden, sondern ein wissenschaftlich fassbares Nebenprodukt des jüdischen Erfolges.
Ortega vermutet, dass MacDonalds hauptsächliche Beweise für diese Theorie aus persönlicher Erfahrung mit jüdischen Zimmergenossen auf dem College stammen. MacDonald scheint sein Schicksal als Gelehrter
dadurch besiegelt zu haben, dass er zu Gunsten des Holocaust-Leugners David Irving aussagte.
Evolutionspsychologie kann alles erklären Evolutionspsychologie erklärt mühelos das menschliche Verhalten in Hinsicht auf das „Überleben
des Tüchtigsten". Wenn man annimmt, dass ein Verhalten den Sinn hat, das eigene Genmaterial zu verbreiten, hat man schon die Grundlage dieser Disziplin. Diese Annahme basiert jedoch auf einer anderen Annahme, nämlich
derjenigen, dass Evolution einen Sinn hat, was falsch ist. Die natürliche Selektion ist nicht zielgerichtet und arbeitet nicht darauf hin, Genmaterial zu verbreiten. Individuen haben einen starken Überlebenstrieb; wenn
eine ausreichende Anzahl der Mitglieder einer Spezies diesen Trieb nicht haben, hat diese Spezies kaum eine Chance zu überleben. Spezies überleben – zumindest zum Teil – weil Individuen Instinkte haben und sich so
verhalten, dass ihre Chancen auf das Überleben steigen. Sie wählen diese Instinkte oder ihr Verhalten nicht aus, um ihre Spezies zu erhalten oder um sicherzustellen, dass zukünftige Generationen ihre Gene in sich tragen.
Die Theorien der Evolutionspsychologen sind Erklärungen, die – in der Rückschau – plausibel erscheinen. Aber ihnen fehlt offenbar ein Schlüsselelement wissenschaftlicher Theorie, sprich: Voraussagekraft. Sie
erscheinen ähnlich nützlich zu sein wie der Bibelkode, wenn es um die Zukunft geht, obgleich beide in der Lage sein könnten, die Vergangenheit nachträglich zu erklären. Beide scheinen zur Erklärung der Gegenwart wenig
geeignet. Evolutionspsychologie ist anscheinend nicht in der Biologie verankert, obwohl es stimmt, dass von allen Naturwissenschaften die Biologie am häufigsten zielgerichtete Modelle verwendet. Organe
werden anhand ihres Zwecks beschrieben. Aber Organe haben keinen Zweck. Sie machen, was sie machen, und wenn sie es nicht tun, stirbt der Organismus oder verändert sich gründlich. Das Herz pumpt Blut, aber es wurde
nicht entwickelt, um Blut zu pumpen. Sein Zweck ist es nicht, Blut zu pumpen, denn es hat keinen Zweck. Es hat eine Funktion, und wir fassen diese Funktion als Zweck auf. In vielen Aspekten erinnern einen die
Spekulationen der Evolutionspsychologie an die Psychoanalyse. Sie erklären alles und können daher nicht empirisch getestet werden. Nichts könnte sie jemals widerlegen. Sie bieten plausibel klingende Erklärungen
basierend auf plausible klingenden Spekulationen. Sie erinnern uns daran, wie leicht es ist, Daten zu Gunsten so ziemlich jeder Hypothese zu finden, so lange wir Gegenbeweise ignorieren oder untestbare Hypothesen
aufstellen. Die Evolutionspsychologie scheint Mythen für Akadamiker zu schöpfen. Anmerkung des Übersetzers:
Dies ist einer der wenigen Artikel im Skeptischen Wörterbuch, die ich ganz anders oder vielleicht gar nicht in diesem Rahmen abgefasst hätte. Die Diskussion um Soziobiologie und Evolutionspsychologie ist sehr komplex und natürlich hier nicht umfassend behandelbar. Ich möchte auf die englischen
„reader comments" verweisen, die sehr viel ausführlicher behandeln, was ich hier nur kurz anreißen will; ein längerer Artikel über das Thema folgt vielleicht später. Carrolls Eintrag im
Skeptic's Dictionary
weist ihn eindeutig als Mitglied des "Stephen Jay Gould"-Lagers aus, vermutlich der berühmteste Paläontologe und einer der bekanntesten unter den für das allgemeine Publikum schreibenden Wissenschaftlern überhaupt. Das Problem ist nur, dass Gould keine Autorität auf dem Gebiet der Evolutionsbiologie ist und häufig ganz und gar falsch liegt. So meint etwa John Maynard Smith über Gould, er sei "ein Mann, dessen Ideen so verworren sind, dass es kaum der Mühe wert ist, sich mit ihnen zu befassen", und Ernst Mayr meint knapp: "[Gould und seine Anhänger] stellen ganz offensichtlich die Ansichten der führenden Biologen falsch dar."
Leider geht dies auch Carroll so, und er missversteht einige zentrale Elemente der Evolutionstheorie, insbesondere die beherrschende Rolle, die den Genen im Neo-Darwinismus zugeteilt wird. Anders als er zu
glauben scheint – ich möchte allerdings darauf hinweisen, dass er in den „reader comments" einige Rückzieher macht – haben felltragende Lebewesen nicht einfach „zufällig" ein Fell. Sie haben ein Fell, weil ihre
Vorfahren die entsprechenden Gene für Fell an sie weitergegeben haben. Dieser Informationstransfer ist alles andere als zufällig, und ebenso verhält es sich mit der natürlichen Selektion: Sie stellt ganz klare
Anforderungen, und – anders als Carroll meint – kann man durchaus vorhersagen, wie sich eine Spezies evolutionär entwickelt, wenn man ihre Umwelt kennt oder kontrolliert, etwa in einer Petrischale, in der man
Bakterienkulturen züchtet. Nehmen wir an, wir haben es mit Bakterien zu tun, die eine Temperatur von 40°C gut ertragen können. Erhöhen wir langsam (aus bakterieller Perspektive) die Temperatur, werden allmählich die
Bakterien aussterben, die zum Beispiel 45°C nicht vertragen können; wir können aber leicht voraussagen, dass die überlebenden Bakterien Nachfahren von solchen sind, die höhere Temperaturen ertragen konnten und diese
Gabe weitergegeben haben. Alternativ dazu könnte es eine Mutation geben (möglich) oder alle Bakterien sterben aus (unvermeidlich, wenn wir die Temperatur nur lange genug erhöhen). Zum Reizthema Vergewaltigung: Ohne
Thornhill/Palmer gelesen zu haben, kann man sofort einen logischen Fehler in Carrolls Erläuterungen festmachen. Es klingt zwar nett und gutmenschlich, Vergewaltiger als "die dümmsten Mitglieder unserer Spezies" zu
bezeichnen, aber es stimmt vorne und hinten nicht. Zunächst einmal behauptet niemand, dass diese Verhaltensstrategien irgend etwas mit bewusstem Erleben zu tun hätten; sie sind laut Evolutionspsychologie vielmehr
Strategien, die schon lange vor dem Auftreten des menschlichen Bewusstseins installiert wurden. Daher hat der Begriff "dumm" überhaupt keine Bedeutung (übrigens ist es verwunderlich, dass Carroll, der den Begriff der
"allgemeinen Intelligenz" eigentlich ablehnt, so argumentiert). Ein "reiner" Vergewaltiger wäre vermutlich dumm (oder psychisch krank), aber ein "reiner" treuer Familienvater, der niemals auf den Gedanken der
Vergewaltigung oder des Fremdgehens käme, wäre ebenfalls nicht besonders klug zu nennen, was das Erzeugen von Nachkommen anbetrifft (was wiederum deutlich macht, dass die Begriffe "klug" und "dumm" hier überhaupt nichts
verloren haben). Um einem schnell entstandenen Missverständnis vorzubeugen, möchte ich betonen, dass Vergewaltigung und Fremdgehen zwei sehr unterschiedliche Dinge sind, nur nicht aus der Perspektive des egoistischen
Gens. Ein VW Golf und ein Flusspferd sind ebenfalls vollkommen unterschiedlich, aber wenn sie einem auf den Kopf fallen, interessiert uns nur das Gewicht. Der zweite Fehler ist ein Kategoriefehler. Carroll scheint
davon auszugehen, dass es Vergewaltiger und Nicht-Vergewaltiger gibt. Unsinn. Es gibt Männer, und Männer haben die Möglichkeit, zu vergewaltigen, und reagieren je nach Charakter, Umständen und Zufall so oder
anders darauf. Das gilt natürlich für alle Verbrechen und im Grunde für alle komplexen Verhaltensweisen. Was sollte einen Mann an einer "Doppelstrategie" hindern? Es spricht nichts dagegen, dass ein Mann sowohl die
Familien- als auch die Vergewaltigungskarte spielt, denn das eine schließt das andere ja nicht aus. Auch mit hohem Einkommen kann man trotzdem stehlen und betrügen, nur ist die Versuchung vielleicht nicht mehr so groß
... aber gleich Null ist sie bestimmt nicht. Carroll scheint davon auszugehen, dass man sich für eine Strategie "entscheiden" muss. Seine Anführung der versponnenen Theorien MacDonalds (jeder Mensch darf sich
Evolutionspsychologe nennen) ist sehr schlechter Stil. Der rechtsradikale Historiker David Irving, ein Dauergast der National-Zeitung, hat ein Buch über den "Untergang Dresdens" geschrieben, das sich mit der
Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg befasst. Darf man sich deshalb nicht mehr mit diesem Thema auseinandersetzen, weil Irving es getan hat? MacDonald hat natürlich unrecht, aber das sollte sich aus seinen
Argumenten selber ergeben, nicht durch ad hominem-Attacken. Und es ist ziemlich unangemessen, einen Spinner wie MacDonald als Vertreter der Evolutionspsychologie anzuführen. Das nennt man einen Strohmann
attackieren, und es gehört zu den Spezialitäten von Stephen Jay Gould. Gene weisen natürlich kein zielgerichtetes Handeln auf, aber solche, die sich schlecht reproduzieren, werden nach und nach aus dem Genpool
verschwinden – und „schlecht" macht hier nur Sinn in Bezug auf eine Umwelt, in der sie sich befinden: Ein Fell ist gut, wenn es kalt ist, schlecht bei Wärme. Und es ist ein deutliches Missverständnis, wenn Carroll
annimmt, die Soziobiologie unterstelle der natürlichen Selektion den Zweck, Gene zu verbreiten; es sind die Gene selber, die sich ausbreiten „wollen", und die natürliche Selektion urteilt über den Erfolg ihrer
Bemühungen. Kein ernstzunehmender Biologe behauptet, dass alle Veränderungen eines Organismus adaptiv sein müssen, d.h. das Überleben und die Reproduktion begünstigen. Viele Kleinigkeiten passieren
einfach oder sind Nebenwirkungen anderer Effekte; viele Gene (die Mehrzahl) haben keinen phänotypischen Effekt, was sich aus der Theorie des „egoistischen Gens" exzellent erklären lässt. Aber zu behaupten, ein
Mechanismus wie das Auge, das sich unabhängig voneinander vierzig bis sechzig Mal in der Tierwelt entwickelt hat, habe keinen „Zweck", ist philosophische Wortklauberei. Es hat sich nicht „zufällig" entwickelt, sondern
jeder Schritt in Richtung Auge wurde von der natürlichen Selektion geprüft und für gut befunden. Dazu ist es gar nicht nötig, dass jemandem ein „Endziel" vorgeschwebt haben muss; es gibt in der Natur keine „Endziele".
Aber Trends
in Richtung Auge, Körpersymmetrie, Regulierung des Wärmehaushaltes usw. sind eindeutig zu erkennen. Einer Wissenschaft wie der Soziobiologie vorzuwerfen, sie habe keine Voraussagekraft, ist unfair, denn wir haben es hier mit extrem komplexen Phänomenen und sehr langen Zeiträumen zu tun. Lassen wir dem Herold des Neo-Darwinismus, Richard Dawkins, sowohl eine Voraussage machen als auch eine Bedingung aufstellen, unter der er die natürliche Selektion sofort aufgeben würde.
Voraussage: Sollten wir jemals außerirdisches Leben finden, so wird es durch einen Prozess der natürlichen Selektion entstanden sein. Bedingung: Sollten wir jemals ein Beispiel echter Selbstlosigkeit auf
genetischer Ebene entdecken, so ist die ganze natürliche Selektion hinfällig. Zugegeben, diese Aussagen stammen nicht direkt aus der Evolutionspsychologie, aber zumindest die zweite ist doch schon recht mutig. Die
Suche läuft noch, aber halten Sie nicht den Atem an. Weiterführende Literatur (englisch) reader comments
Alexander, Richard D. The Biology of Moral
Systems (Aldine De Gruyter 1987). Mayr, Ernst.
This Is Biology : The Science of the Living World (Belknap Press, 1998). Mayr, Ernst. Toward a New Philosophy of Biology : Observations of an Evolutionist (Harvard University Press, 1989). Williams, George C. Adaptation and Natural Selection : A Critique of Some
Current Evolutionary Thought (Princeton University Press, 1996). |