Skeptische Ecke
Einführung
Literatur
Wörterbuch
Links
Kommentare
Pressespiegel

International

Portugues

Français

Japanese

Slovakisch

Español (parece abajo)

Skeptic's Dictionary
 

Besucher seit dem 27.04.2001

Algenie

Jeremy Rifkin

"Algenie" ist ein Begriff, der von dem US-Umweltaktivisten Jeremy Rifkin in seinem Buch Algeny geprägt wurde (dt. Genesis zwei, Reinbek bei Hamburg 1986). Zum Zeitpunkt seiner Einführung 1983 war es ein Kunstwort, das „Alchimie" und „Genetik" in Zusammenhang brachte. Rifkin definiert Algenie als das „Verbessern von existierenden und den Entwurf vollkommen neuer Organismen mit dem Ziel, ihre Leistung zu ‚vervollkommnen'."

Rifkin ist vielleicht der lautstärkste Kritiker von Umweltverschmutzung, moderner Biotechnologie, Kernenergie, Computerisierung des Lebens und anderer potentiell schädlicher oder gefährlicher Aspekte des modernen technikbestimmten Lebens. Seit den späten 60ern (Rifkin war unter anderem Mitglied des amerikanischen SDS) setzt er sich ununterbrochen als Aktivist ein, der auf der Straße, in Büchern, vor Gericht und an Universitäten niemals müde wird, auf die von ihm als sehr bedrohlich angesehenen Gefahren unkontrollierter Technologieanwendung hinzuweisen. Er ist Gründer der Foundation on Economic Trends, einer kleinen gemeinnützigen Organisation, die sich seinem Kampf verschrieben hat. Rifkin hat zahlreiche Bücher über Bioethik und die moderne Arbeitswelt verfasst und sich dabei erwartungsgemäßt nicht nur Freunde gemacht (der Biologe und Nobelpreisträger David Baltimore etwa nannte ihn einen „biologischen Fundamentalisten"). Hier soll es vor allem um Algeny gehen, ein Werk, das bei seinem Erscheinen große Aufmerksamkeit fand.

Algeny macht deutlich, wo Rifkins Ziele liegen. Insbesondere ist ihm wichtig, dass die Spezies, die sich in einem langen Evolutionsprozess entwickelt haben, als Einheiten bestehen bleiben sollen und nicht genetisch rekombiniert und sozusagen in ihre Informationsstränge aufgelöst werden sollen, um dann beliebig wieder zusammengesetzt zu werden. Über seine Schlussfolgerungen – Abschaffung der Gentechnik, Verbot des Klonens etc. – kann man geteilter Meinung sein, aber am Wert des grundsätzlichen Zieles – des Erhaltes dessen, was E.O. Wilson Biodiversität nennt – habe ich keinen Zweifel.

Zweifel sind allerdings angebracht, was Rifkins Kenntnisse und Methoden betrifft. „Ich halte Algeny für ein clever konstruiertes Traktat anti-intellektueller Propaganda, das sich als Wissenschaft ausgibt. Im Bereich von Büchern, die als ernsthafte intellektuelle Aussagen wichtiger Denker verkauft werden, habe ich meines Erachtens noch nie ein schäbigeres Werk gelesen." (Stephen Jay Gould). Gould fährt fort, die zahlreichen Fehler und Versäumnisse in Rifkins Werk zu analysieren, etwa die falsche Vorstellung, Darwinismus sei eine Theorie des reinen Zufalls; die Unkenntnis der wissenschaftlichen Methoden; unfaire und selektive Zitate, aus dem Zusammenhang gerissen; Popanzattacken; zahlreiche inhaltliche Fehler (bis hin zu Jaguaren und Geiern auf den Galapagos-Inseln). Zentrales Problem von Rifkins Vorgehensweise ist jedoch laut Gould, dass er einem extremen kulturellen Relativismus anhängt, der wissenschaftliche Ergebnisse nicht als Ergebnis komplexer sozialer Interaktionen mit realen Tatsachen sieht, sondern davon auszugehen scheint, jegliche wissenschaftliche Erkenntnis sei ein rein kulturelles Produkt ohne Basis in der Realität (wer jemals ein postmodernes Traktat über Wissenschaft gelesen hat, wird einiges wiedererkennen; es ist kein Wunder, dass postmoderne Leuchten wie Steven Best oder Stanley Aronowitz Rifkin sehr schätzen).

Für jemanden, der der Gentechnik, dem Klonen und verwandten Technologien kritisch gegenübersteht, ist ein Verbündeter wie Jeremy Rifkin schlimmer als ein eindeutiger Gegner. Wenn ein biblischer Fundamentalist oder ein Ritter des Ku-Klux-Klan schlecht argumentiert, fehlerhafte Angaben macht oder unfaire Taktiken anwendet, um seine Ansichten zu verbreiten, dann ist das im Grunde genommen nur Anlass zur Freude rundherum; wenn jedoch jemand wie Rifkin Ansichten vertritt, die im Grunde genommen und ihrer Radikalität entledigt durchaus einiges für sich haben und dieser Jemand dann ein Buch wie Algeny schreibt, richtet er mehr Schaden als Nutzen an. „Obwohl es möglich ist, dass Rifkins schrille Rhetorik einen gewissen Dienst leistet und eine träge Öffentlichkeit auf ökologische Probleme hinweist, so haben viele Menschen das Gefühl – auch Wissenschaftler, die leidenschaftlichst für den Umweltschutz eintreten – dass Rifkins maßloser Alarmismus auf schlecht fundiertem und unwissenschaftlichen Theoretisieren beruht und dass seine Verzerrungen und Wahnideen dem politischen Zweck schaden, den er anzutreiben sucht." (Gross/Levitt, Higher Superstition, S. 97). Sein Schreibstil kann gelegentlich nur noch als "hysterisch" (Gross/Levitt) bezeichnet werden.

An Rifkins Popularität kann kein Zweifel bestehen, und die Gründe sind ziemlich klar: „Rifkin [...] drückt all die richtigen Knöpfe und setzt all die passenden Schlagworte auf einmal ein." (Gross/Levitt). Außerdem ist Rifkin zweifellos ein PR-Talent, das keiner Gelegenheit aus dem Weg geht, für sich selbst und seine Bücher die Trommel zu schlagen (mittlerweile sind es fünfzehn an der Zahl).

Fazit: Wollen Sie sich kritisch mit Bioethik, Gentechnologie und dem modernen Informationszeitalter auseinandersetzen, dann sparen Sie sich Rifkin und widmen Sie sich ernsthaften Kritikern.

 

Literaturtips (englisch)

 

Gould, Stephen Jay: An Urchin in the Storm. London 1990 (1987). S. 229-246: Integrity and Mr. Rifkin.

Lewis, Martin W.: Green Delusions. Durham and London 1992.

Gross, Paul R./Levitt, Norman: Higher Superstition. Baltimore and London 1998 (1994).

[Skeptische Ecke] [Einführung] [Literatur] [Wörterbuch] [Links] [Kommentare] [Pressespiegel]