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Skeptic's Dictionary
 

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Affensprache

 

Bei einer 30jährigen Afrikanerin namens Koko wurde vor kurzem ein IQ von 95 ermittelt. Da sie nicht sprechen kann, verständigt sie sich durch Zeichensprache; ihr größter Wunsch wäre es, ein Baby zu bekommen. Zum Geburtstag wünschte sie sich einen Lippenstift. Menschlich anrührend, aber nicht wirklich bedeutend? Doch, schon, denn Koko hat einen kleinen „Schönheitsfehler": Sie ist ein Gorilla.

Vergessen wir den Artikel aus der Bild-Zeitung vom 6. Juli 2001. Was ist von den Behauptungen zu halten, man habe Affen – gemeint sind hier meist Schimpansen oder Gorillas – beigebracht, in Zeichensprache zu kommunizieren und dabei festgestellt, dass sie eine beinahe menschliche Ausdrucksfähigkeit besitzen? In Michael Crichtons Buch und Film Congo etwa spielt eine Affendame mit, deren Signale von einem Computer in Stimme übersetzt werden (um es für den Zuschauer leichter zu machen).

Menschenaffen sind unsere nächsten Verwandten, und die beiden Schimpansenarten (Schimpanse und Bonobo) stehen uns genetisch näher als Gorillas und Orang-Utans; tatsächlich stehen sich Mensch und Schimpanse näher als Schimpanse und irgendein anderer Menschenaffe. „Wir sind Affen, und zwar afrikanische Affen." (Richard Dawkins). Der Unterschied im Genom liegt bei etwa 1,2 % - einerseits ist das so gut wie nichts, andererseits ist die Verschiedenheit so offensichtlich, dass Verwirrung auftritt. Es ist klar, dass Menschen außerordentlich äffisch sind. Wie menschlich sind nun Affen?

Kein Zweifel besteht daran, dass Affen nicht nur hochintelligente Tiere sind, sondern auch einen Lebensraum bevölkern, der – anders als derjenige der ebenfalls intelligenten Delfine – unserem Lebensraum ähnlich genug ist, dass Kommunikation nicht ausgeschlossen erscheint. Ebenso wenig kann man daran zweifeln, dass Affen nicht sprechen können, wenn man mit „sprechen" die Fähigkeit meint, Luftströme durch Stimmbänder und Kehlkopf so zu modulieren, dass Laute entstehen, die sinnvoll Dinge und Konzepte darstellen können, wenn man von rudimentärer Kommunikation durch Laute absieht. Affen haben nicht die physiologischen Grundlagen, um auf menschliche Art zu sprechen.

Viele Menschen allerdings auch nicht, und hier setzte die Affenlinguistik in den siebziger Jahren ein. Menschen, die nicht sprechen oder hören können, verständigen sich häufig mit speziell entwickelten Zeichensprachen, etwa ASL (American Sign Language). Damit war das Ziel der Forscher klar: Affen, sehr gelehrige und von Natur aus heftig gestikulierende Tiere, mussten eine Zeichensprache lernen. Zuvor hatte es bereits Versuche gegeben, Affen die normale menschliche Sprache beizubringen, die jedoch alle gescheitert waren.

Washoe war der Name des ersten Schimpansen, der ASL-Zeichen (kein Affe hat jemals ASL als Ganzes gelernt – ASL ist eine hochkomplexe Sprache) Anfang der Siebziger lernte, und seine Trainer waren Allen und Beatrice Gardner. Washoe – und andere Schimpansen nach ihm – lernten Hunderte von Zeichenkombinationen, die meist aus einem oder zwei Worten/Gesten bestanden. Die Schimpansin Sara wurde darin trainiert, zu „lesen"; eine andere Schimpansin namens Lana lernte eine eigens für sie entwickelte Computer-Symbolsprache namens „Yerkish".

Koko sollte sie jedoch alle übertreffen. 1972 begann ihre Trainerin Francine Patterson mit ihrem Team, das noch sehr junge Gorillaweibchen in ASL zu trainieren (Tiertraining ist mit jungen Exemplaren wesentlich leichter und ungefährlicher). Koko konnte alles, was ihre Vorgänger konnten, und mehr: Sie konnte reimen (etwa do blue, squash wash), erfand interessante Metaphern („Elefantenbaby" für eine Pinocchio-Puppe, „weißer Tiger" für ein Zebra) und gab Antworten wie: „Warum kannst du nicht wie andere Kinder sein?" „Gorilla." Es schien offensichtlich, dass Koko im Grunde wie ein Mensch war, und eine Pforte zu einem völlig neuen Verständnis der Primatenwelt schien sich zu öffnen, als erste Zweifel laut wurden.

Der Psychologie Herbert Terrace war begeistert von diesen Möglichkeiten und begann, einen Schimpansen zu trainieren (den er augenzwinkernd Nim Chimpsky genannt hatte). In seinem Buch Nim schildert er seine allmähliche Desillusionierung. Was er unter anderem herausfand, war:

    - Nim begann nur sehr selten von sich aus damit, Zeichen zu verwenden

    - Etwa die Hälfte der Zeichen waren Nachahmungen der Zeichen der Trainer

    - Nim setzte Zeichensprache von sich aus niemals ohne sofort folgende Belohnung ein

    - Wenn Nim etwas wollte, griff er immer zunächst danach; erst wenn dies nicht klappte, verwendete er ein Zeichen

    - Nim unterbrach seine Trainer ständig und erfasste niemals den Umstand, dass Kommunikation zweiseitig ist

    - Nims Fehler waren meistens „Zeichenfehler" und selten „Bedeutungsfehler"

    - Falls Nims Zeichensätze länger als zwei oder drei Zeichen wurden, hängte er einfach wahllos Zeichen an und erweiterte die Syntax nicht

    - Nim verwendete ASL-Zeichen nie, um mit anderen Schimpansen zu kommunizieren, die ebenfalls ASL-Zeichen gelernt hatten, wenn keine unmittelbare Belohnung zu erwarten war.

Schon Noam Chomsky hatte vermutet, dass Affen keine Syntax verwenden und das Wesen der Sprache einfach nicht verstehen, und Terrace stimmte ihm zu. Viele Menschen, die Fernsehdokumentationen gesehen hatten, wollten diese Einwände nicht gelten lassen, aber bei der Betrachtung der ungeschnittenen Videoaufzeichnungen wurde klar, dass die Affen nur sehr selten Zeichensprache verwendeten, ohne direkt aufgefordert worden zu sein; diese Aufforderungen fielen dann meist dem Schneidetisch zum Opfer. Was ebenfalls deutlich wurde, ist der Experimentatoreffekt, der beim Umgang mit lebenden Tieren eine sehr große Rolle spielt. Viele Tiere sehen und hören ausgezeichnet – viel besser als Menschen – und können kurzes Zwinkern, Pupillenerweiterung, kurze Atemstöße, Fußtippen usw. wahrnehmen und als Hinweis erkennen, jetzt etwas Erlerntes zum Besten zu geben. Im deutschen Sprachraum wurde das Pferd „Schlauer Hans" berühmt, das angeblich rechnen konnte; tatsächlich hatte eine kaum bewusste Anspannung seines Besitzers das Tier dazu gebracht, eine entsprechende Anzahl von Hufschlägen etwa auf die Frage „Drei plus Fünf" zu machen. Affen, die Zeichensprache verwenden, tun es nur sehr ungern und selten für Fremde; sie vermissen bei ihnen die Signale, deren sich die Trainer meist nicht bewusst sind.

Dazu kommt, dass Quantität sozusagen in Qualität umschlägt. Ein Affe, der hundert ASL-Zeichen gelernt hat und wochenlang signalisiert, wird irgendwann einmal Kombinationen finden, die originell und „klug" sind, und diese Kombinationen finden dann ihren Weg ins Fernsehen. Das Lernen von ASL stellte eine weitere Fehlerquelle dar, denn die Affen lernten nicht nur kein ASL, sondern verwendeten auch die Zeichen, die sie angeblich beherrschten, nicht wirklich. Das einzige gehörlose Mitglied des Washoe-Teams äußerte sich nach den Experimenten dahingehend, dass er die wenigsten Zeichen des Schimpansen als echte ASL-Zeichen verstanden hätte, weswegen er von seinen Kollegen kritisiert wurde (Pinker, S. 337). Die Psychologin Laura Ann Petitto schätzte das wahre Vokabular von Nim auf näher an 25 als an 125.

    „Selbst wenn man Vokabular, Phonologie, Morphologie und Syntax beiseite lässt, am stärksten bei Schimpansen-Zeichen ist der Eindruck, dass sie es grundlegend, tief drinnen, einfach nicht ‚raffen'. (Pinker, S. 340).

Das Problem mit der sprachlichen Kapazität von nichtmenschlichen Primaten oder anderen intelligenten Tieren (Delfine, Hunde, Schweine) ist, dass Sprache nicht einfach eine Zugabe zur allgemeinen Intelligenz einer Spezies ist. Sprache basiert auf speziellen mentalen Modulen, die sich aufgrund ihres evolutionären Nutzens durchgesetzt haben (man kann sehen, wie weit sie uns gebracht haben). Damit ist echte Sprache (nicht Kommunikation) dem Menschen vorbehalten, ähnlich wie der Rüssel dem Elefanten oder die Syrinx den Singvögeln. Dieser „Sprachinstinkt" fehlt allen anderen Spezies.

Viele Menschen bedauern dies – ich auch – aber eine Schlussfolgerung, die häufig von der Prämisse der Affensprache abgeleitet wird, ist ohnehin falsch und wird von den wissenschaftlichen Ergebnissen nicht berührt: Die Idee, dass wir erst herausfinden müssen, wie menschenähnlich ein Tier ist, bevor wir festlegen, wie schützenswert es sein sollte. Es ist unsinnig, zu sagen: Seht, dieses Tier ist wie ein Mensch, also hat es auch Menschenrechte. Was ist mit den vielen, vielen anderen Tieren, die absolut nicht wie ein Mensch sind? Menschenrechte sind für Menschen; aber es könnte – ganz unabhängig von den geistigen Fähigkeiten der Tiere – an der Zeit sein, unsere Vorstellung von Tierrechten etwas zu erweitern.

 

Literaturtips (englisch)

Pinker, Steven: The Language Instinct. London 1995 (1994). Chapter 11.

Gardner, Martin: Science – Good, Bad and Bogus. Buffalo 1989 (1981). Chapter 38.

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