Initiative neue Schulpolitik
Winfried Stölting
Kolberger Str. 34
27607 Langen
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Fax.: 912616
17.3.2002
Eines der Ergebnisse der PISA-Studie ist, dass das Land Bremen die
höchste Wiederholerquote in der Bundesrepublik Deutschland hat. Diese
Tatsache kann nicht gefallen. Aber sie hat Gründe, die in der bremischen
Schulpolitik liegen. Zwei dieser Gründe seien hier genannt:
Wir betrachten dies als eine Sparmaßnahme, die auf dem Rücken von Klassenverbänden und Lehrkräften rigoros durchgesetzt wird. Der behauptete Integrationseffekt, sofern er sich denn überhaupt nachweisen ließe, ist nie erkennbar geworden, aber stattdessen eine massive Belastung der Unterrichtssituation mit einer verhängnisvollen Tendenz zur Niveausenkung.
Solange Sonderschülern nicht wieder die für sie notwendige Förderung in eigenen Maßnahmen zuteil wird, bleibt die Hauptschule mit den für sie unlösbaren Problemen und dem daraus resultierenden Makel einer "Restschule" behaftet. Das muss sich schnellstens ändern! Sonderschüler und Hauptschüler brauchen wieder echte Lernchancen!
Der geplante Schulversuch:
In einer Situation, in der Schulpolitik nach Verbesserungsmöglichkeiten für Unterricht und Lernqualität sucht, plant die Bremerhavener Schulaufsicht, die Regelversetzung in der Hauptschule von der 7. bis zur 9. Klasse einzuführen. Dieses Vorhaben erscheint uns pädagogisch widersinnig und schulpolitisch schädlich, will man nicht unterstellen, dass es hier einzig um eine skrupellose Methode der Mitteleinsparung oder der statistischen Beschönigung geht.
Unsere Gründe:
Diese Situation bedarf dringend eines anderen Vorgehens.
Die bremische Regelung zum Umgang mit Schulvermeidern bietet hier keinerlei Lösung. Wir brauchen spezielle Einrichtungen, welche die rechtlichen Möglichkeiten besitzen, die Einhaltung der Schulpflicht auch durchzusetzen. Auf Schulvermeidung muss frühzeitig und konsequent reagiert werden, damit eine Wiedereingliederung in die Regelschule schnell erfolgen kann.
Auf keinen Fall dürfen Schulvermeider regelversetzt werden! Ein "Durchschieben" bis in die 9. Klasse bedeutet Versetzung o h n e Verhaltensänderung und kann nur als Bankrotterklärung der Schulbehörde gewertet werden. Eine solche Regelung ist pädagogisch kontraproduktiv und deshalb abzulehnen.
Mit der Wiederholung der Klassenstufe erhält der Betroffene die Chance zur Aufarbeitung seiner Defizite. Er kann Wissenslücken füllen und so das Fundament für eine erfolgreiche Weiterarbeit legen.
In der Regel nutzen Schüler diese Chance. Unsere Erfahrung zeigt außerdem, dass die Nichtversetzung zu einem früheren Zeitpunkt pädagogisch wirkungsvoller ist und eher zu dem erwünschten Sich-Fangen des Schülers führt als eine Wiederholung späterer Klassenstufen.
Auch aus diesem Grund lehnen wir die Regelversetzung bis zur 9. Hauptschulklasse ab. Sie nimmt den Schülern die Möglichkeit, rechtzeitig das solide Fundament zu schaffen, welches einen weiteren Schulerfolg erst ermöglicht.
Eine Regelversetzung würde den Schülern diese Motivation zur Leistung rauben. Das Ziel, am Ende der Schulzeit einen möglichst guten Schulabschluss zu erreichen, liegt für die meisten Schüler viel zu weit in der Zukunft, um zur Anstrengung zu motivieren.
Ein "Durchschieben" aller Schüler in die nächsthöhere Klasse ohne Rücksicht auf die tatsächliche Leistung wird von dazu befragen Hauptschülern als ungerecht empfunden. Ohne Zweifel würde durch die geplante Regelversetzung den Intentionen der Artikel 26 (Erziehung zu einem Arbeitswillen...) und Artikel 27 ("Jeder hat nach Maßgabe seiner Begabung das gleiche Recht auf Bildung.") der bremischen Landesverfassung zuwidergehandelt.
Weiter muss befürchtet werden, dass sich leistungsstärkere
Schüler an einem niedrigeren Niveau orientieren würden, als ihrer
Leistungsfähigkeit entspricht, da sie ja in jedem Fall mit einer
Versetzung in die nächste Klassenstufe rechnen könnten.
Eine Regelversetzung gäbe hier ein pädagogisch und schulpolitisch
nicht zu verantwortendes Signal!
Zur Verringerung der Wiederholerquote brauchen wir dagegen dringend
Förderstunden für Hauptschüler mit Leistungsdefiziten. Diese
Stunden müssen zusätzlich an die Schulen gegeben werden.
Ihre Verwendung ist mit einem Förderplan zu dokumentieren, der
schulspezifisch entwickelt wird. Die Teilnahme am Förderunterricht muss
verbindlich sein und unverzüglich beginnen, wenn sich erste gravierende
Schwächen zeigen.
Keinem Schüler, auch keinem Hauptschüler, darf die positive
Erfahrung verwehrt werden, dass sich Anstrengung lohnt, um das Klassenziel zu
erreichen!
Sollte die Gruppe der regelversetzten schwachen und dann auf Anstrengungslosigkeit trainierten Schüler die H 10 künftig belasten, wäre den leistungswilligen Schülern die Chance zum Erwerb fundierter Kenntnisse für qualifizierte Schulabschlüsse weitgehend genommen. Dies darf nicht geschehen! Es wäre in hohem Maße sozial ungerecht und ein Schritt zur Qualitätsverschlechterung an Bremerhavener Hauptschulen.
Wir sind sicher, dass die von uns vorgeschlagenen Maßnahmen die Arbeit
in der Hauptschule im Sinne einer Leistungssteigerung unserer Schüler
verbessern und die Wiederholerquote erheblich herabsetzen würden.
Die Hauptschule ist deshalb zu einer "Restschule" verkommen, weil durch die
falschen schulpolitischen Maßnahmen chronisch Lernunwillige und
Schulverweigerer so lange in ihr festgehalten werden, dass sie die
Erfolgschancen für die lernwilligen und leistungsbereiten Schüler
auf Dauer verhindern. Nach den klaren Aussagen der PISA-Studie muss die
Hauptschule endlich wieder aufgewertet und attraktiver für Schüler
und Eltern gemacht werden. Dafür sind finanzielle Mittel an der richtigen
Stelle einzusetzen.
Das geplante Vorhaben der Bremerhavener Schulaufsicht ist dafür nicht
nur untauglich, sondern ein Angriff auf die Bildungschancen unserer
Hauptschüler.
Es muss verhindert werden!