21.11.2002
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Informationsdienst Wissenschaft - idw - - Pressemitteilung
Universität Ulm, 21.11.2002
Das Schleudertrauma objektiv nachweisen
Das Schleudertrauma objektiv nachweisen
Die Diagnose wird mit Hilfe elektrischer Muskelsignale gesichert
Jährlich erleiden schätzungsweise 200.000 Menschen in Deutschland bei
Auffahrunfällen ein Schleudertrauma der Halswirbelsäule. In vielen
Fällen sind Kopfschmerzen die Folge. Die Aussage des Patienten,
Tastbefunde des Arztes sowie Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren,
die jedoch zumeist keine Hinweise auf eine Schädigung liefern, sind die
einzige Grundlage, wenn über Therapien oder Schmerzensgeld-Forderungen
entschieden werden muß.
Ein Team aus Unfallchirurgen und Computerspezialisten hat jetzt ein
neues System entwickelt, mit dessen Hilfe die Diagnose "Schleudertrauma"
sicherer und objektiver als bisher gestellt und die Schwere der
Verletzung eingeordnet werden können. Ulrich Bockholt vom
Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung aus Darmstadt
erklärt das Prinzip: "Über einen Helm mit integriertem Monitor wird dem
Patienten zum Beispiel der Flug eines Schmetterlings vorgeführt. Der
Blickwinkel ist sehr eng, so daß der Patient den Kopf drehen muß, um den
Schmetterling verfolgen zu können. Über Sensoren im Helm wird dabei
ständig die exakte Kopfposition und -orientierung registriert. Weitere
Sensoren registrieren die Anspannung der Nackenmuskulatur, auch um eine
Überdehnung zu verhindern."
Der Computer zeichnet die Kopfbewegungen in Echtzeit und 3D auf und
steuert den Flug des virtuellen Schmetterlings, um auszutesten, wie weit
der Patient den Kopf drehen kann und wann die Muskeln Schmerzsignale
abgeben. Gemeinsam mit Unfallchirurgen der Universität Ulm
(Projektleiter ist Dr. Michael Kramer, Abteilung Unfallchirurgie, Hand-
und Wiederherstellungschirurgie) wird die Flugbahn des Schmetterlings
vorab genau festgelegt. Das Ziel besteht darin, die Funktionen der
Muskulatur während bestimmter Bewegungen der Halswirbelsäule zu
überprüfen. Der Rechner ermöglicht den Vergleich der gewonnenen Daten
mit denjenigen gesunder Testpersonen oder anderer Unfallopfer. So können
Funktionsdefizite objektiv erkannt werden.
Das Projekt wurde bereits 1996 mit dem Innovationspreis der Deutschen
Gesellschaft für Unfallchirurgie ausgezeichnet. Mittlerweile ist das
Verfahren an Patienten mit chronischen Schmerzen und bei Patienten mit
akuten Verletzungen im Therapieverlauf getestet worden. Die Daten
ermöglichen mit etwa 90%iger Wahrscheinlichkeit eine zuverlässige
Erkennung von Patienten und gesunden Probanden. Eine ähnlich hohe
Trefferquote wird durch keine andere Untersuchungsmethode erzielt. Nicht
zuletzt für die Versicherungen hat das Verfahren, das erstmals
neurophysiologische Funktionen der Halswirbelsäule berücksichtigt,
enorme Bedeutung. Auch die häufig unbefriedigende Therapie des
chronischen Schmerzsyndroms nach Schleudertrauma kann davon profitieren.
Die Vorteile des neuen Systems liegen für die Forscher und Mediziner auf
der Hand: es stützt sich auf objektiv meßbare und vergleichbare Daten
und nicht wie bisher auf die Erfahrung und den Tastsinn des behandelnden
Arztes. Zudem wird die Methodik nicht nur Spezialkliniken vorbehalten
sein, sondern auch in kleineren Unfallstationen und Gemeinschaftspraxen
zum Einsatz kommen. Die Arbeitsgruppe will das System, das am 20.11.2002
auf der Medica in Düsseldorf mit dem Innovationspreis Medizintechnik
(200.000 Euro) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF)
ausgezeichnet worden ist, auf der Eurospine in Prag (September 2003)
sowie zur Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie in
Berlin vorstellen.
Kontakt:
Dr. Michael Kramer
Abteilung Unfallchirurgie
Hand- und Wiederherstellungschirurgie der Universität Ulm
Steinhövelstraße 9
89075 Ulm
Tel: 0731-500-27258
Fax: 0731-500-27349
e-mail: michael.kramer@medizin.uni-ulm.de
Ulrich Bockholt
Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung
Abteilung Visualisierung und Virtuelle Realität
Fraunhoferstraße 5
64283 Darmstadt
Tel: 06151-155-277
Fax: 06151-155-196
e-mail: bockholt@igd.fhg.de
Peter Pietschmann
Pressestelle der Universität Ulm
Tel. 0731-50-22020
-22021
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