erstellt am: 08. Mai 2001 03:00
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Hiermit möchte ich Ihnen die Leitlinien vorstellen, die der Qualitätszirkel von Pädiatern und Psychotherapeuten im Bereich der KV Hessen und die Arbeitsgemeinschaft Aufmerksamkeitsstörung unter Moderation von Herrn Dr. Michael Schwenger und mir erarbeitet haben.
Diese Leitlinien sind bewußt weit gefaßt, so daß keinem dadurch Schwierigkeiten entstehen, sondern Chancen eröffnet werden sollen. Für Rückfragen stehen wir gern zur Verfügung. Alles Gute! H.J.KühleQualitätszirkel von Kinderärzten und Psychotherapeuten im Bereich der KV Hessen (Moderator: Dr. med. H.-J. Kühle) und Arbeitsgemeinschaft Aufmerksamkeitsstörung Arbeitsgemeinschaft von Ärzten, Diplom-Psychologen und Pädagogen (Moderator Dr. med. M. Schwenger)
Leitlinien zur Diagnostik und Therapie der Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Juni 2000
1. Was ist die Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung (im folgenden als ADHS abgekürzt), an welchen Verhaltensmerkmalen kann sie erkannt werden, wer kann von ihr betroffen sein und welche mögliche Ursache kennen wir?
Die Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung ist eine Störung im limitierten Kapazitätskontrollsystem oder Aufmerksamkeitssteuerungssystem des Gehirns, welche den kontinuierlichen Zugriff auf die eigenen Fähigkeiten stört und zu charakteristischen Verhaltenssymptomen führt. Diese werden bei betroffenen Kindern von Eltern, Lehrern und Erziehern beobachtet, betroffene Jugendliche und Erwachsene beobachten diese auch häufig an sich selbst.
Das diagnostische und statistische Manual - Ausgabe-Nr. IV (DSM-IV) der amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft, welches psychiatrische Diagnosen definiert, benennt Verhaltensmerkmale, die vorwiegend die Aufmerksamkeit betreffen, und Verhaltensmerkmale für Hyperaktivität und erhöhte Impulsivität.
Folgende neun Merkmale weisen auf die gestörte Aufmerksamkeit hin:
Das betroffene Kind …
1 Kann sich schlecht auf Details konzentrieren, macht viele Flüchtigkeitsfehler
2 hat keine Ausdauer bei Aufgaben oder im Spiel
3 scheint oft nicht zuzuhören
4 bleibt nicht bei der Sache, führt oft nichts zu Ende, ist sprunghaft
5 hat Probleme, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren
6 vermeidet häufig, zeigt Abneigung gegen Leistungsanforderungen
7 verlegt, verliert häufig Gegenstände
8 ist leicht ablenkbar
9 vergißt schnell
Voraussetzung zur Diagnose ist, daß 6 von den Merkmalen 1 bis 9 in den letzten sechs Monaten beständig und in erheblichem Ausmaß beobachtet wurden.
Es folgen jetzt die Verhaltensmerkmale nach DSM-IV, die für erhöhte Impulsivität und Hyperaktivität stehen:
Das betroffene Kind ...
10 kann sich nicht ruhig verhalten, ist ständig in Bewegung
11 kann nicht sitzen bleiben, steht häufig auf
12 verbreitet Unruhe, rennt oder klettert häufig herum
13 hat Probleme, in der Freizeit ruhig zu spielen
14 verhält sich wie getrieben, rastlos
15 hat vermehrten Rededrang, redet häufig dazwischen
16 redet los, ohne zu überlegen, platzt mit den Antworten heraus
17 kann schlecht warten, bis es an der Reihe ist
18 unterbricht, stört häufig andere Kinder
- 6 der Merkmale 1-9 und/oder 10 bis 18 sollten in den letzten sechs Monaten beständig und in erheblichem Ausmaß beobachtet worden sein,
- die meisten auf den Patienten zutreffenden Merkmale sollten bereits vor dem Alter von sieben Jahren aufgetreten sein,
- und die Merkmale sollten sich in mehreren Bereichen (Schule, Spiel, Familie …) gezeigt haben.
Nach den Merkmalsbeschreibungen des DSM-IV gibt es Ausmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätsstörungen, bei denen vorwiegend die Aufmerksamkeit (ICD 10: F98.8) gestört ist, aber auch Formen, bei denen vorwiegend die Handlungskontrolle durch Impulsivität und Hyperaktivität gestört ist (ICD 10: F90.1) sowie Mischformen, bei denen die Kinder und Jugendlichen von beidem betroffen sind (ICD10: F90.0).
Die Beschreibung im DSM-IV scheint uns besser als die Klassifikation nach dem ICD 10 die Störungen, die wir in der Praxis sehen, zu treffen. Denn neben den durch ihre Extraversion früh auffälligen Kindern mit “hyperkinetischer Störung” (unter diesen finden sich tatsächlich gehäuft Jungen), gibt es eine fast ebenso große Zahl von Kindern, die nur durch das Nicht-Mitbekommen, Nicht-Dabeisein nur dem sensiblen Beobachter auffallen, da sie die Umgebung nicht stören. Aus der weiteren Entwicklung dieser Kinder sind uns Mißerfolgserwartung, mangelndes Selbstbewußtsein wegen im Vergleich zu den eigenen Fähigkeiten schlechten Leistungen, und Depression gut bekannt. Diese Kinder und Jugendlichen haben den gleichen Anspruch auf Diagnostik und Hilfe wie diejenigen mit zusätzlich stark erhöhter Impulsivität und Hyperaktivität, wie auch all diejenigen Kinder und Jugendlichen, bei denen die Störung mit einer Begleiterkrankung in Verbindung zu stehen scheint: insbesondere bei geistiger Behinderung ist der kontinuierliche Zugriff auf die reduzierten Ressourcen von entscheidender Bedeutung für eine erfolgreiche Förderung.
Neben den Merkmalen, die sich aus der Anamnese z. B. nach DSM-IV ergeben, werden beim unbehandelten Patienten durch den Arzt und Therapeuten unmittelbar beobachtbar:
Aufmerksamkeitsabbrüche gegen den eigenen Willen,
Nicht-Mitbekommen der Vorgänge einer Situation mit unangepaßtem Verhalten als Konsequenz,
impulsive Verhaltenswechsel,
den Handlungszielen unangepaßte Motorik in Kraftaufwand und Ausmaß, die Dyskoordination grober und feiner Bewegungen,
Verletzungen von sich und anderen wegen Unachtsamkeit
sowie ein wenig modulierter, oft starrer oder übertriebener unangemessener Gesichtsausdruck
2. Häufigkeit und Folgerisiken der ADHS ohne Behandlung
Die ADHS ist mit einer Prävalenz von ca. 5% eine sehr häufige Erkrankung. Unbehandelt erreichen die Betroffenen meistens nicht eine Berufstätigkeit, die ihren geistigen Fähigkeiten entspricht, haben Mißerfolg bei Aufbau und Erhaltung sozialer Beziehungen. Ein Drittel der von der kombinierten Störung betroffenen Patienten ist von Jugenddelinquenz bedroht; für Unfälle besteht für alle Gruppen ein sechsfach erhöhtes Risiko, unter allen Patienten mit Schädelhirntraumata sind Patienten mit ADHS insbesondere unter den selbstverschuldeten und schweren Schädelhirntraumata überrepräsentiert. Die unbehandelte ADHS persistiert zu ca. 70% im Erwachsenenalter mit Folgerisiken für z. B. Psychosomatosen, Fibromyalgiesyndrom, Herzinfarkt, Depression, Angststörungen, Substanzmißbrauch und Abhängigkeitserkrankungen (Nikotin, Alkohol, Opiate) und andere sekundäre psychiatrische Störungen.
3. Ursache deR ADHS:
Nach der Summe der Langzeitstudien und der Erfahrung der Teilnehmer mit der Stimulantientherapie sind die Hinweise auf einen meist genetisch bedingten Dopaminmangelzustand im Aufmerksamkeitssteuerungssystem, der beseitigbar ist, erdückend dichter, als daß es berechtigt erschiene, diese Befunde zu ignorieren, auch wenn die Pathophysiologie noch nicht bis ins letzte geklärt ist.
Seit 1995 ist die auf dem Chromosom 5 lokalisierte Synthese eines vermehrt aktiven Dopamintransportproteins (DAT1) in mehreren Studien wieder bestätigt worden. Diese genetische Veränderung fand sich in Familien, in denen in jeder Generation Mitglieder von der Störung betroffen waren. 1998 konnte auch der Exzeß des DAT1 bei betroffenen Patienten in den Strukturen des Aufmerksamkeitssteuerungssystems (Frontalkortex und Striatum) sowie die passagere Normalisierung nach Gabe Methylphenidat nachgewiesen werden.
Berücksichtigt man, daß das limitierte Kapazitätskontrollsystem oder Aufmerksamkeits-steuerungssystem allen Wahrnehmungsprozessen und jeder Handlungskontrolle vorgeschaltet ist, wird die Bedeutung dieser Störung verständlich.
Es werden auch sekundäre Formen der ADHS z. B. beim obstruktiven Schlafapnoesyndrom postuliert. Schlafmangel kann über die durch ihn bedingte Frontalhirnstörung zu ADHS-Symptomen führen; nach Beseitigung der schlafbezogenen Atemstörungen ist aber zu prüfen, ob die Symptomatik nicht im Sinne einer Grunderkrankung weiterbesteht. Gleiches gilt auch für gesteigerte Unruhe nach lebensverändernden Ereignissen.
4. DIAGNOSE:
Die Diagnose ergibt sich aus der Verhaltensbeobachtung und aus den Berichten von Eltern, Erziehern, Lehrern und ggf. anderen wichtigen Personen, die den Patienten im Alltag beobachten. Auch wenn nicht sechs oder mehr der jeweiligen Merkmale von den Eltern angegeben werden, sollte bei Leidensdruck und durch den Arzt oder Therapeuten beobachtbaren (s.o.) ADHS-Verhaltensmerkmalen nach der Differentialdiagnose und der Behandlung von Grunderkrankungen Patienten eine Therapie nicht verwehrt werden.
Zur Differentialdiagnostik können neben der Anamnese und Beobachtung weitere Fragebögen wie z. B. das “Diagnostische Interview für psychische Störungen (DIPS)” für Eltern und Kinder herangezogen werden.
Erfragt werden wie bei jeder pädiatrischen Anamnese alle weiteren Störungen im Hintergrund und Anzeichen von insbesondere familiärer Belastung mit ADHS, Teilleistungsstörungen, Stoffwechselerkrankungen, Epilepsie, Entwicklungsstörungen, genetische Erkrankungen wie das fragile X-Syndrom, peri- und postnatale Traumata, Schlafstörungen und psychiatrische Erkrankungen sowie eigene ernsthafte Erkrankungen. Dazu gehören beim Verdacht auf ein ADHS auch vorbestehende Angststörungen, Zwangshandlungen, Einnässen, schlafbezogene Atemstörungen wie obstuktives Schlafapnoesyndrom und andere primäre oder mit dem ADHS in Verbindung stehende Erkrankungen und deren erstes Auftreten.
Der Untersucher muß sich vergewissern, ob das Verhalten seit langem und in verschiedenen Situationen besteht, um nur situationsbedingte Verhaltensauffälligkeiten auszuschließen.
Eine Möglichkeit, Verhaltensmerkmale der ADHS beim Individuum und im Kontext der Familie zu beobachten, stellt die Videoanalyse einer Spiel-, Lern- und Konfliktsituation dar, die auf die von Jansen und Streit beschrieben Kommunikations- und Lernmuster analysiert werden können.
In Abhängigkeit von den sich aus der Annamnese ergebenden Fragestellungen werden weitere Tests hinzugezogen, um die Ressourcen des Patienten bestimmen zu können. Die Beobachtung des Testverhaltens (z. B. auch am Video) hat besondere Bedeutung, da wir wissen, daß einzelne Testergebnisse z. B. in Papier-und-Bleistift-Aufmerksamkeitstests (wie “bp”- und “d2”-Test) bei motivierten Patienten mit Aufmerksamkeitsstörung normal ausfallen.
Verschiedene Testverfahren haben sich für die einzelnen Fragestellungen bewährt; die Auswahl richtet sich nach den spezifischen Problemen des Patienten.
In seiner Zuverlässigkeit überprüft und wegen des begrenzten Zeitaufwandes gut durchführbar ist die Testbatterie nach Esser mit den Intelligenzmeßverfahren CFT oder PSB, Teilen des psycholinguitischen Entwicklungstest (PET) von Amthauer zur Bestimmung von expressiven oder rezeptiven Sprachstörungen, des Züricher Lesetests und der Aufmerksamkeitstests d2- oder bp-Test. Minderbegabung oder Begleitstörungen sowie eine Überlappung mit Teilleistungsstörungen lassen sich damit sicher erfassen.
Weitere wichtige Verfahren sind z. B. Kaufmanns Assesment Battery for Children (K-ABC), HAWIK(R) oder ähnliche Verfahren.
Es gibt keine bindenden Empfehlungen für weitere Voruntersuchungen.
Wie bei allen Erkrankungen ist die körperliche und neurologische Untersuchung zur Erkennung von Begleiterkrankungen elementar. Sie schließt die Feststellung von Größe, Gewicht und Blutdruck mit ein.
Sinnvoll erscheint ein EEG zum Ausschluß einer Komorbidität mit benignen Partialepilepsien oder anderen Epilepsien. Beim Verdacht auf das Vorliegen von Herzrhythmusstörungen ist ein EKG sinnvoll.
Zu den empfehlenswerten Blutuntersuchungen gehören die Schilddrüsenhormone, um einen mitbestehenden Mangel auszuschließen, der auch Einflüsse auf das Verhalten hätte. Ein Blutbild, Leber- und Nierenwerte sind möglich, aufgrund des nicht hepato- oder nephrotoxischen Abbaus der Stimulantien jedoch nicht zwingend.
5. THERAPIE:
Wichtigster Baustein der Therapie sind zunächst die angemessene Aufklärung und Beratung von Patient und Eltern. Die Erklärung des bislang durch diese oft unverstandenen Verhaltens als einer therapierbaren Zugriffstörung auf eigene Fähigkeiten entlastet von Schuldvorwürfen und macht den Weg für eine erfolgreiche Behandlung frei. Mit Patient und Eltern werden die Behandlungsziele definiert.
Für jeden Patienten mit ADHS muß der Behandler prüfen, welche Chance die Beseitgung des Dopaminmangels im Aufmerksamkeitssteuerungssystem durch Stimulantien bedeutet. Die Wirksamkeit einer gut geführten Stimulantientherapie im Vergleich zu psychotherapeutischen Interventionen oder in Kombination mit therapeutischen Interventionen wurde in der großen prospektiven multizentrischen MTA-Studie richtungsweisend dokumentiert.
Verhaltenstherapie ist eine wichtige Stütze der Behandlung. Ungünstige Sozial- und Arbeitsverhaltensweisen sowie Interaktionsmuster verschwinden zwar umso vollständiger durch die Stimulantienbehandlung, je mehr die Betroffenen durch ihre impulsive Verhaltensdisposition geprägt waren. Meistens ist Verhaltenstherapie jedoch notwendig und hilfreich zur Verbesserung der gegenseitigen Wahrnehmung, zum Erwerb von Selbststeuerung, sozialer Kompetenz sowie zur Einübung und Automatisierung eines angemessenen Arbeitsverhaltens.
Heilmittelbehandlungen (Ergotherapie, Sprachtherapie oder Krankengymnastik) sind zum Aufholen von Defiziten sinnvoll, soweit diese nicht durch die bessere Verfügbarkeit der Kontrolle über Sprache und Motorik unter der Therapie sich erübrigen.
Medikamentöse Therapie mit Stimulantien:
Die Erfolge der Vergangenheit und die Überlegenheit einer genau an die Bedürfnisse des Patienten angepaßten Stimulantienbehandlung in der prospektiven großen MTA-Studie belegen die große Chance, die für die Betroffenen in der Beseitigung des funktionellen Botenstoffmangels durch Stimulantien besteht.
Zum Einsatz kommen die in Wirkung und Nebenwirkungen seit Jahrzehnten gut bekannten Stimulantien Methylphenidat und D,L-Amphetamin in individuell am Erfolg auf das Verhalten bestimmter Menge.
Andere Medikamente wie Neuroleptika oder MAO-Hemmer sowie Kombinationstherapien sind Ausnahmefällen vorbehalten. Bevor ein Patient zum “Non-Responder” erklärt wird, ist die ausreichende Dosishöhe, die ausreichende Einnahmefrequenz und die Compliance gewissenhaft zu überprüfen.
Der behandelnde Arzt muß sich vergewissern, daß dem Patienten aufmerksames Verhalten über den ganzen Tag möglich ist. Dies ist Voraussetzung zum Aufholen der sozialen Defizite und dafür, daß die feinmotorische Koordination ausreichend geübt und Lerninhalte erworben und automatisiert werden können. Deshalb sind sogenannte “Therapiepausen” unsinnig und wegen der nicht vorhandenen Gewöhnung auch ohne medizinische Begründung.
Es gibt keine Korrelation zwischen Körpergewicht und benötigter Stimulantienmenge! Die Intensität der Wirkung im Aufmerksamkeits-steuerungssystem, wie es am Verhalten sichtbar wird, und Blutspiegel von Stimulantien stehen in keiner festen Beziehung. Vielmehr hat die Praxis die kinderärztliche Erfahrung auch aus anderen Bereichen der Arzneitherapie bestätigt, daß Kinder pro kg KG eher höhere Dosen als Jugendliche und Erwachsene benötigen, für den Einzelfall ist jedoch keine Vorhersage möglich. Die individuelle Einzeldosis muß in ausreichend geringen Zeitabständen (bei Methylphenidat meist 3 Stunden) gegeben werden, so daß eine kontinuierliche Wirkung gewährleistet ist.
Die in der Literatur häufig aufgeführte Tagesmenge von 0.3-1mg Methylphenidat z. B. kann deshalb nur zur Orientierung für den Therapiebeginn gelten und muß den individuellen Bedürfnissen angepaßt werden. Die richtige, weil hinreichend wirksame Einzeldosis, ist nur durch Verhaltensbeobachtung ermittelbar. (Die in der MTA-Studie optimal wirksame tägliche Gesamtdosis von Methylphenidat betrug bis zu 1,5mg/kgxTag). Zur Vermeidung von Nebenwirkungen wird bis zum Erreichen der richtigen Wirkdosis stufenweise aufdosiert.
Als eine sichere Methode der Verhaltensbeobachtung zum Finden der individuell angemessenen Stimulantieneinzeldosis und zur Kontrolle des Wirkverlaufes hat sich die videounterstützte Präzisionseinstellung nach Jansen in der Praxis bewährt. Hierbei werden Aufmerksamkeitsleistung, Gesichtsausdruck und Begleitmotorik in einer Spiel- und einer Lernsituation beobachtet.
Die vom Methylphenidat-Hersteller empfohlene Beschränkung des Einsatzes auf Kinder ab sechs Jahren soll im Einzelfall keinem betroffenen Kind eine sinnvolle Therapie vorenthalten, wenn die Diagnose gesichert ist und wie bei jeder Stimulantienbehandlung bei Kindern das Einverständnis beider Elternteile vorliegt.
Schon die diagnostischen Kriterien des DSM-IV verlangen ein Auftreten einiger Symptome vor dem Alter von 7 Jahren. Und die darin beschriebenen Merkmale unterscheiden auch betroffene Kinder von 4-6 Jahren valide von nicht Betroffenen.
Eine Behandlung noch jüngerer Kinder erscheint grundsätzlich auch möglich, wenn die beobachtbaren Verhaltensmerkmale eindeutig bestimmbar sind. Für das Kleinkind- und Vorschulalter sind dringend weitere Studien nötig.
6. Verlaufskontrolle:
Zur Verlaufkontrolle haben sich regelmäßige Vorstellungen, in den ersten drei Monaten öfter, dann viertel- bis halbjährlich, bewährt. Zur Sicherung der Beurteilung und Darstellung des Verlaufs können auch verschiedene Fragebogen zweckmäßig sein. Gerade in der Anfangszeit sind Rücksprachen, auch vom Arzt ausgehend, mit Eltern, Erziehern oder Lehrern oft notwendig und hilfreich. Die Beratung bei Unklarheiten muß organisiert sein, insbesondere auch für meist vorübergehende Begleiterscheinungen der medikamentösen Therapie wie Kopf- und Bauchschmerzen, Einschlafstörungen und Appetitmangel.
Eine je nach Bedarf mindestens halbjährliche körperliche Untersuchung zur Überprüfung von Wachstum und Blutdruck halten wir für zwingend.
Verständnis für die Erkrankung seitens Patient, Eltern und Umfeld, präzise Medikation und. Verhaltensmodifikation sind die Voraussetzung für die gute Mitarbeit der Patienten und damit für einen langfristigen Therapieerfolg. Sie können durch den geschilderten Weg geschaffen und durch die kontinuierliche Beratung und Erfolgskontrolle gesichert werden. Nur die Zusammenarbeit aller kompetenten ärztlichen Helfer (Kinder- und Jugendärzte, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeuten und Allgemeinärzte) wird dem Behandlungsbedarf gerecht werden.
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Ansprechpartner:
Dr. med. Hans-Jürgen Kühle
Kinder- und Jugendarzt
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