Dokumentation: Der Fall Forum des Gesundheitsministeriums


17.3.2002

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Autor Thema:   Heilpraktiker
Behrmann,KA
unregistriert
erstellt am: 09. Februar 2001 19:40           
Was kann und darf ein Heilpraktiker?

Neben den approbierten Ärzten darf nur ein einziger Berufsstand in der Bundesrepublik Deutschland diagnostische und therapeutische Handlungen an Patienten vornehmen - der Heilpraktiker.

Zur Geschichte des Heilpraktikers
Die Entwicklung, die den Heilpraktiker in Deutschland möglich machte, geht in das frühe 19. Jahrhundert zurück. Damals gab es noch eine, z.T. aus dem Mittelalter stammende, Trennung in unterschiedliche medizinische Berufe. Auf der einen Seite gab es Kräuterheilkunde für das arme Volk, auf der anderen Seite ausschließlich im Bereich der "Inneren Medizin" arbeitende Ärzte, die ihre Dienste überwiegend den Wohlhabenden und Adlegigen anboten und auf der Basis der Galen'schen Säftelehre arbeiteten. Für Zahnleiden waren die sog. Bader zuständig, die auch Steinleiden chirurgisch behandelten. Dann gab es noch die Hebammen, die die Schnittstelle zur gynäkologischen Medizin bildeten. Ergänzt wurden diese Dienste durch pflegerische Berufe, die sich aus klösterlichen Wurzeln entwickelten. Dieses bunte Mischmasch der ärztlichen Berufe wurde im geographischen Flickenteppich der Königshöfe und Fürstentümer auf dem Gebiet des ehemaligen Deutschen Kaiserreiches erst zu Beginn des 2. Teils des 19. Jahrhunderts einer gewissen Vereinheitlichung zugeführt. Beginnend mit Regelungen im Königreich Preußen, wo ab 1852 eine ärztliche Ausbildungsverordnung erlassen wurde, wurden auch in anderen dt. Staaten zunächst die Ärzte einer engen staatlichen Reglementierung unterworfen. Dies äußerte sich darin, daß den Ärzten aufgezwungen wurde, Arme umsonst zu behandeln oder kostenlos Totenberichte bei Kriminalfällen zu erstellen oder Obduktionen bei Seuchengefahr vorzunehmen. Die Ärzte waren über diese Art der "staatlichen Fürsorge" verständlicherweise nicht erfreut und konnten nach langjährigen politischen Auseinandersetzungen im Jahre 1869 durchsetzen, daß der Arztberuf der Gewerbeordnung unterstellt wurde und alle ihre Dienste damit auch bezahlt würden.


Allerdings führte diese Entwicklung dazu, daß damit jeder den medizinischen Beruf ausüben konnte - lediglich die Berufsbezeichnung "Arzt" wurde geschützt. Damit konnte im Bereich des damaligen Norddeutschen Bundes jedermann sich als Mediziner bezeichnen und munter drauf los kurieren. Dieses muntere Treiben führte schnell zur Ausweitung der sog. "Medizinerschulen". An diesen Schulen, die keiner staatlichen Regulierung unterworfen waren, konnte sich jedermann gegen Bezahlung ausbilden lassen und mit einer Urkunde versehen in die Lande ziehen. Da es unter diesen privaten Ausbildungsschulen auch Einrichtungen gab, die primär am Geld der Absolventen und weniger an deren Qualifikation interessiert waren, führte dies z.T. zu richtigen "Titelmühlen" mit miserabler Ausbildungsqualität. Der Begriff "Schulmediziner", der heute - allerdings mit anderer Intention - im Jahre 1876 von einem Homöopathen in abwertender Weise geprägt wurde, geht auf diese Fehlentwicklung zurück. Da es damals nur sehr weniger staatliche Universitäten gab, die hochqualifizierte Ärzte ausbildeten, überwogen auf dem therapeutischen Markt die Absolventen fragwürdiger Einrichtungen.

Obgleich die Ärzteschaft sich bemühte, gegen Ende des 19. Jahrhunderts wieder die Kontrolle über den Medizinermarkt zu erhalten, blieben die politischen Anstrengungen erfolglos. Erst im III. Reich wurden erste Schritte zur Neuordnung dieses Sektors unternommen. Zunächst sollte ein zweiter Stand neben den Mediziner - der Heilpraktiker - etabliert werden, dessen Qualifikation auf freiwilliger Basis kontrolliert werden sollte. Im Jahre 1933 etablierten die Nationalsozialisten die Institution des Reichsheilpraktikers, dessen Position von einem Herrn Kees besetzt wurde (Kammerer 1986). Danach wurde eine Organisation der Heilpraktiker gegründet, in die sämtliche heilpraktischen Vereinigungen zwangsintegriert wurden. Die Qualifikation der Mitglieder sollte geprüft und gescheiterte Prüflinge sollten ausgeschlossen und damit vom Markt genommen werden. Allerdings hatte diese Vereinigung nicht mit der Juristerei gerechnet, denn etliche durchgefallene Prüflinge klagten gegen die Entscheidung bzw. störten sich nicht an ihr, denn rechtsverbindlich war die Institution der Nationalsozialisten nicht. So war es faktisch irrelevant, ob ein Prüfling die Überprüfung bestand oder nicht. Praktisch tätig werden konnte er in jedem Fall.

Erst mit dem "Gesetz über die berufsmäßige Ausübung der Heilkunde ohne Bestallung" im Jahre 1939 wurde die bis dahin bestehende allgemeine Kurierfreiheit aufgehoben. Erst auf dieser Basis wurde es rechtsverbindlich möglich, durchgefallenen Prüflingen die Tätigkeit als Therapeut strafbewehrt zu untersagen.

In der Heilpraktikerszene besteht auch heute noch die Auffassung, daß die Nationalsozialisten mit dem Heilpraktikergesetz ein vollständiges Verbot der Heilpraktiker-Schulen erreichen und damit das Heilpraktikermodell auf natürliche Weise auslaufen lassen wollten, weil dadurch den Anwärtern der Zugang in den Ausbildungsmarkt verstellt worden wäre. Dies mag vielleicht eine denkbare Langzeit-Intention gewesen sein, jedoch deutet der Inhalt der Heilpraktikergesetzgebung und der Zeitpunkt ihrer Implementierung (6 Monate vor Beginn des II. Weltkrieges) eher darauf hin, daß die Nationalsozialisten einen "Barfuß-Therapeuten" für das militärische Hinterland benötigten, um genügend Ärzte für die Versorgung der kämpfenden Truppe freigestellt zu bekommen. Sei wie es will - die Entscheidung, Heilpraktikerschulen zu verbieten, überlebte die Nachkriegszeit nicht, denn sie kollidierte mit dem Deutschen Grundgesetz und wurde schließlich mit einem Bundesverwaltungsgerichtsurteil vom 24. Januar 1957 aufgehoben.

Starker Anstieg der Heilpraktikerzahlen in den letzten Jahren
Durch diese Entscheidung kam es in den darauffolgenden Jahren zu einem immer stärkeren Anstieg der Heilpraktikerzahlen in der Bundesrepublik Deutschland (Federspiel und Herbst 1996, Scharl 1996, Statistisches Jahrbuch 1996 und 1998).

1970: 2.732 Heilpraktiker
1972: 2.901 Heilpraktiker
1974: 3.362 Heilpraktiker
1978: 4.866 Heilpraktiker
1986: 8.800 Heilpraktiker
1993: 9.000 Heilpraktiker
1995: 10.000 Heipraktiker
1998: 15.000 Heilpraktiker

Warum gehen die Leute zum Heilpraktiker?
Der deutlichste Anstieg der Heilpraktikerzahlen fällt mit dem Beginn der sog. "New-Age-Periode" zusammen, die Anfang der 80er Jahre begann. Schlagworte wie "Gleichklang mit Kosmos und Natur", "Ganzheitlich", "Spiritualität" oder "Neues Bewußtsein" fanden in der Gesellschaft anklang und begünstigten die Entwicklung.
Der starke Anstieg in den letzten Jahren mag sich auch daraus erklären, daß:

die Arzt-Patienten-Beziehung durch radikale Einsparmaßnahmen gestört ist,
die bundesdeutsche Gesellschaft zunehmend älter wird (heute sind 20% der Bevölkerung mindestens 60 Jahre alt) und damit die Angst vor Siechtumg und Tod sich in der Gesellschaft stärker ausbreitet,
die Kirche ihre geistig-stabilisierende Funktion und ihre Glaubwürdigkeit zu einem erheblichen Teil verloren hat,
der Trend zum Single-Haushalt (auch im Alter) zunimmt und die Mitmenschen in der Stadt und auch auf dem Land immer mehr vereinsamen,
die berechtigten Grundängste vor Arbeitslosigkeit, sozialem Abstieg, Rentenkollaps, Geldumstellung diese Ängste verstärken,
eine sensationslustige und unkritische Laienpresse scheinbare Heilerfolge bejubelt, um ihre Auflage oder ihre Einschaltquoten zu steigern.

Was sind die Grenzen der Heilpraktikertätigkeit?
Heilpraktiker können fast alles tun. Nur einige Tätigkeiten sind Ihnen vom Gesetzgeber untersagt. Ein Heilpraktiker darf:

keine meldepflichtige Krankheiten (z.B. Keuchhusten, Malaria, Röteln) therapieren,
keine Mund-, Zahn- oder Kieferkrankheiten behandeln,
keine Krankheiten der Geschlechtsorgane diagnostizieren oder therapieren und auch keine Geschlechtsorgane untersuchen,
keine Geburtshilfe ausüben,
keine BTM-Medikamente oder verschreibungspflichte Medikamente verordnen,
keine Totenscheine ausstellen bzw. keine Leichenschau vornehmen,
keine Impfungen vornehmen,
keine Untersuchungen bei strafbaren Handlungen nach §§ 81a und 81c StGb vornehmen (z.B. Blutabnahme bei Alkoholdelikten im Straßenverkehr),
keine medizinischen Leistungen im Rahmen der Rehabilitation durchführen.
Ein Heilpraktiker kann ansonsten fast alles. Er darf sogar, was z.B. eine ausgebildete Schwester mit jahrelanger Berufserfahrung nicht darf - Spritzen in die Vene geben! Er kann auch die Wirbelsäule (Chiropraktik) an Stellen manipulieren, wo jeder Fehlgriff eine Lähmung bedeuten kann. Ein Heilpraktiker könnte sogar operieren oder eine Klinik leiten und würde nicht gegen das Gesetz verstoßen.


Unterliegt der Heilpraktiker einer Berufsordnung?
Nein, daß tut er nicht. Es gibt zwar eine Reihe von sog. Heilpraktiker-Verbänden wie:

Kooperation Deutscher Heilpraktikerverbände e.V.
Heilsbachstr.30, Bonn
Interessengemeinschaft Deutscher Heilpraktikerverbände e.V.
Kölner Str.369, Düsseldorf
Bund Deutscher Heilpraktiker e.V. (BDH)
Ostring 9, Unna/Westfalen
Fachverband Deutscher Heilpraktiker (FDH)
Heilsbachstr.30, Bonn
Freie Heilpraktiker e.V. (FH)
Kölner Straße 369, Düsseldorf
Union Deutscher Heilpraktiker e.V.
Ipfweg 5, Schorndorf
Verband Deutscher Heilpraktiker e.V. (VDH)
Celler Straße 84, Hannover
Trotzdem hat die Berufsordnung der Heilpraktiker rechtlich lediglich den Charakter einer Vereinssatzung. Sie gilt nur innerhalb des Vereins, hat keine Wirkung auf nicht im Verband organisierte Heilpraktiker und ist auch vor Gericht nicht einklagbar. Die Heilpraktikerverbände haben bei Verstößen lediglich die Möglichkeit, Vereinsstrafen in Geldform zu zu verhängen oder das Mitglied bei Zahlungsunwillligkeit zwangsweise auszuschließen (Scharl 1990).

Gibt es nur in Deutschland Heilpraktiker?
Nein, aber er hat in der BRD die meisten Möglichkeiten. Die Kompetenzen, die ein Heilpraktiker in der Bundesrepublik Deutschland hat, sind die umfangreichsten in Europa. Nirgendswo anders hat ein Heiler solche Kompetenzen bei gleichzeitig so geringem Haftungsrisiko. Der Grund liegt in den verschiedenen Gesundheitssystemen. n Europa unterscheidet man verschiedene Gesundheitsansonsten Länder, die

Es gibt Länder mit einem sog. "monopolistischen Gesundheitssystem". In diesen Ländern darf nur ausgebildetes Personal (z.B. approbierte Ärzte) eine Behandlung vornehmen. Eine Behandlung durch nicht ausgebildete medizinische Laien ist verboten. Dieses System ist in Österreich, Belgien, Frankreich, Griechenland, Island, Italien, Litauen, Polen, Spanien und der Ukraine etabliert. Die Arbeit von Heilpraktikern ist dort de fakto untersagt bzw. eine Therapieberechtigung ohne Approbation ist nicht möglich und wird hart bestraft.

Es gibt Länder mit einem sog. "gemischten Gesundheitssystem". Hier dürfen sowohl Ärzte als auch Heilpraktiker bzw. Laientherapeuten (Geistheiler) therapieren. Das bedeutet aber nicht, daß die Therapie nichtapprobierter Behandler automatisch in der jeweiligen gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung erstattungsfähig wäre. Es ist aber ebensowenig auszuschließen, daß Alternativmedizin (z.B. Akupunktur) über Gebührenordnungen mitfinanziert werden können, wenn sie von Ärzten ausgeübt wird. Die Länder, die solch ein System haben sind England, Ungarn, Niederlande, Norwegen, Schweden und die Schweiz (hier von Kanton zu Kanton unterschiedlich gehandhabt).
Aufgrund der unterschiedlichen Medizinsysteme ist es für Laientherapeuten bisher nicht möglich, ihren Berufsort innerhalb der EU frei zu wählen. Ärzten hingegen ist es im Rahmen von zwischenstaatlichen Abkommen und allgemeinen innerstaatlichen Regelungen eine relativ freie Berufsausübung zu praktizieren. (Maddalena 1998). Bestrebungen auf europäischer Ebene, primär iniziiert durch die Fraktion der Grünen im Europäischen Parlament, die Einführung eines EU-weit arbeitsberechtigten Heilpraktikers zu implementieren, wurden bisher erfolgreich zurückgewiesen. Diejenigen EU-Staaten, die über ein monopolistisches Gesundheitssystem verfügten, waren bisher dankenswerterweise nicht bereit, diese Entwicklung zu unterstützen.

Hat der Heilpraktiker eine geregelte Ausbildung?
Nein, er hat sie nicht. Im Gegensatz zu den Ärzten, deren Ausbildung in der bundeseinheitlichen Ärztlichen Approbationsordnung geregelt ist, hat der Gesetzgeber im Heilpraktikergesetz keinerlei Regelungen getroffen. Es gibt zwar eine Reihe Heilpraktikerschulen (Marktführer ist dabei die Paracelsus-Schule), die eine mehr oder weniger umfangreiche Ausbildung anbietet. Aber trotzdem ist deren Inhalt weit davon entfernt, mit derjenigen eines Arztes oder einer Krankenschwester vergleichbar zu sein.
Das wirkliche Geld im Heilpraktikerbereich wird dabei nicht durch den Heilpraktiker selbst, sondern vielmehr durch dessen Ausbildung verdient. So werden Summen zwischen 3.000-10.000 DM für eine Ausbildung verlangt. Wo so viel Geld fließt, ist übrigens auch Scientology nicht weit, wie der Skandal um die vom Scientologen Keppler im Badischen betriebenen Keppler-Heilpraktikerschulen einmal mehr beweisen.
Der Gesetzgeber hat keine Heilpraktiker-Prüfung vorgesehen. Der Antrag, den ein Bürger zur Erteilung der Zulassung zum Heilpraktiker beim zuständigen Gesundheitsamt beantragen muß, bedingt lediglich eine eingeschränkte Überprüfung der heilkundlichen Kenntnisse und Fähigkeiten. Einem Heilpraktiker muß bereits die Zulassung gegeben werden, wenn er über ausreichende Kenntnisse der Seuchengesetze und Vorschriften der Anzeigepflicht gemeingefährlicher und übertragbarer Krankheiten und ihrer Erscheinungsformen (Diagnosestellung) verfügt und sich der Grenzen der Heilbefugnis eines Heilpraktikers bewußt ist (Narr und Hess 1994).
Wenn Sie einmal die Prüfungsanforderungen zwischen Heilpraktikern und Medizinstudenten vergleichen möchten, dann geben Sie in eine beliebige Suchmaschine im WWW (z.B. yahoo) einfach das Schlagwort "Heilpraktiker+Prüfung" ein und vergleichen Sie diese Fragen mit jenen der vorklinischen Prüfung oder dem 1. Staatsexamen bei medi-learn.
Trotz der geringen Anforderungen der Heilpraktikerprüfung zeigt die Erhebungen des Kreismedizinalrats Lubbe (1993), wie schlecht die Rate bestandener "Heilpraktiker-Prüfungen" vor dem Gesundheitsamt ist. Im Zeitraum von 1980-1991 bestanden im Regierungsbezirk Detmold gerade einmal 37,2% der Anwärter die entsprechende Prüfung. Dies spricht am ehestern für eine desolate Vorbildung der Heilpraktiker-Anwärter als für eine sonderlich harte Prüfung durch das Gesundheitsamt. Die Zulassungsbedingungen im Heilpraktikerbereich machten es möglich, daß z.B. die Sektenchefin von Fiat Lux (Uriella) jahrelang als Heilpraktikerin tätig sein konnte und erst nach mehreren Schadensfällen die Zulassung entzogen bekam. Jeder Arzt ist seine Berufserlaubnis weitaus eher los - dies zeigt der Fall des Krebsarztes Ryke Geerd Hamer, der seine Approbation wegen psychischer Instabilität entzogen erhielt, lange bevor durch seine Krebsthese der "Neuen Medizin" Patienten zu schaden kamen.


Haftet ein Heilpraktiker im Schadensfall wie ein Arzt?
Nein, das tut er nicht! Zwar obliegt dem Heilpraktiker die Verpflichtung, vor Beginn seiner Tätigkeit eine angemessen Berufshaftpflicht abzuschließen, aber dies allein bringt Ihnen als Patient noch lange nichts. Haben Sie den Schaden durch Fehltherapien erlitten, so ist es in Deutschland leider immer noch so, daß Heilpraktiker nicht so hart bestraft und zur Verantwortung gezogen werden, wie dies bei Ärzte in vergleichbaren Fällen getan wird. Grund dafür ist die oben genannte fehlende Berufsausbildung und vor allem der fehlende Qualifikationsnachweis der Heilpraktikerzunft. Die Gerichte scheinen nach dem Grundsatz zu handeln, daß Unwissenheit schützt ... und bestrafen nur denjenigen Therapeuten wirklich hart, der ausreichend ausgebildet ist und deshalb die Konsequenzen seines Handelns hätte übersehen können. Patienten schauen im Hinblick auf Schadensersatz deshalb beim Heilpraktiker nicht selten in die Röhre! Sie haben nur dann eine reelle Chance auf Schadensersatz, wenn

Sie einen schriftlichen Behandlungsvertrag geschlossen haben
Sie schriftlich beweisen können, daß sie fehlerhaft aufgeklärt wurden
dem Heilpraktiker grobe Fahrlässigkeit nachzuweisen ist, die er aufgrund seiner Tätigkeit und bei angemessener Fortbildung hätte vermeiden können.
Ohne diese Voraussetzungen haben Sie es als Patient gegenüber einem Heilpraktiker schwer, Schadensersatz zu erstreiten. Ärzte hingegen sind weitaus besser haftbar zu machen, denn ihnen obliegt eine weitaus größere Aufklärungspflicht - vor allem dann, wenn es sich um komplementäre, nicht allgemein anerkannte Verfahren handelt.

Dürfen Arzt und Heilpraktiker zusammenarbeiten?
Nein, sie dürfen dies nicht. Den Ärzten wird durch ihre Berufsordnung untersagt, mit Nichtärzten eine gemeinsame Therapie am Patienten durchzuführen (Berufsordnung vom 24.1.1996, Ärztekammer Berlin).


§ 30 Absatz 1:
Dem Arzt ist es nicht gestattet, zusammen mit Personen, die weder Ärzte sind noch zu seinen berufsmäßig tätigen Mitarbeitern gehören, zu untersuchen oder zu behandeln. Er darf diese grundsätzlich auch nicht als Zuschauer bei ärztlichen Verrichtungen zulassen. Personen, welche sich in der Ausbildung zum ärztlichen Beruf oder einem medizinischen Assistenzberuf befinden, werden hiervon nicht betroffen. Angehörige von Patienten und andere Personen dürfen anwesend sein, wenn hierfür eine ärztliche Begründung besteht und der Patient zustimmt.

Absatz 2:
Ein unzulässiges Zusammenwirken im Sinne von Absatz 1 liegt nicht vor, wenn der Arzt zur Erzielung des Heilerfolges am Patienten nach den Regeln der ärztlichen Kunst die Mitwirkung des Nichtarztes für notwendig hält und die Verantwortungsbereiche von Arzt und Nichtarzt klar erkennbar voneinander getrennt bleiben. (....)

Absatz 3:
Der Arzt darf sich durch einen Nichtarzt weder vertreten lassen noch eine Krankenbehandlung oder Untersuchung durch einen Nichtarzt mit seinem Namen decken.

Dabei ist jedoch zu bedenken, daß diese Regelung nicht für Zahnärzte oder Pharmakologen gilt. Diese Berufszweige dürfen (wie jeder andere auch) ohne Probleme die Bezeichnung "Heilpraktiker" führen, da dies in ihren jeweiligen Berufsordnungen nicht untersagt ist. Dies führt zu so erstaunlichen Konstellationen wie jene des Heilpraktikers "Dr. Köhnlechner", der in Wahrheit ein Jurist (nämlich Dr. jur.) war und niemals eine ärztliche Ausbildung genossen hatte. Wenn sich Ihnen also ein Heilpraktiker als "Doktor" vorstellt, hat er
keinesfalls eine ärztliche Berufserlaubnis
ist im Idealfall Zahnarzt oder Pharmakologe
und ist verpflichtet, Ihnen stets den vollen akademischen Grad seines Doktortitels zu nennen.

Zahlen die Krankenkassen die Heilpraktiker-Therapie?
Die Gesetzlichen Krankenversicherungen tun dies nicht, denn es ist den RVO-Kassen aufgrund des Sachleistungsprinzips nicht möglich, solche Leistungen zu vergüten. Ersatzkassen können auf dem Wege der Kulanz leisten, jedoch kann ein Ersatzkassenmitglied die Erstattung rechtlich ebenso wenig verlange. Private Krankenkassen werben verstärkt mit der Bezahlung alternativmedizinischer Verfahren aber auch hier ist es eine Frage der individuellen Vertragsgestaltung, ob für die Dienstleistung eines Heilpraktikers bezahlt wird oder nicht. Da die Gebührenordnung für Heilpraktiker rechtlich unwirksam ist und nur als Orientierungshilfe dient, sollte jeder Patient vor der Behandlung durch einen Heilpraktiker eine schriftliche Honorarvereinbarung treffen und sich diese vor Therapiebeginn bei der Krankenkasse genehmigen lassen. Anderenfalls sind für den Patienten die Kosten nicht kalkulierbar.


Gibt es auch seriöse Heilpraktiker?
Ja, es gibt sie! Um die Verwirrung komplett zu machen, muß man sagen, daß es unter den Heilpraktikern auch Personen gibt, die eine hochqualifizierte therapeutische Ausbildung haben. Wer in Deutschland z.B. als Psychotherapeut arbeiten will, ohne Arzt zu sein (z.B Diplom-Psychologen), muß vorher eine Zulassung als Heilpraktiker beantragen - sogar dann, wenn er jahrelang psychotherapeutische Ausbildung vorweisen kann und nicht die Absicht hat, Außenseitermethoden bei seinen Patienten anzuwenden.

Allerdings gibt es auch Ausnahmen. Wenn es sich z.B. um eine staatlich geprüfte Krankengymnastin handelt, die Feldenkrais-Arbeit anbietet, heißt das noch lange nicht, daß diese Frau in Sachen Feldenkrais staatlich geprüft ist. Bei einem Masseur bezieht sich der Begriff "staatlich geprüft" nur auf nachweislich wirksame Verfahren und eben nicht auf Fußzonenreflexmassage. Deshalb müssen solche Behandler von sich aus unaufgefordert (!) darüber informieren, was sie selbst können und dürfen und was sie nicht dürfen. Für den uninformierten Patienten ist aber die Unterscheidung dieser qualitativ völlig unterschiedlichen Berufsgruppen kaum möglich.

© Roland W. Ziegler (31.5.2000)

Literatur:

Federspiel, K., Herbst, V.
Die Andere Medizin. Nutzen und Risiken sanfter Heilmethoden.
Stiftung Warentest Verlag, 4. Aufl., 1996

Kammerer, E.
Produkte der NS-Zeit.
Dt. Ärzteblatt, 83, 1746, 1986

Maddalena, S.
A Review of legal issues relating to unconventional medicine.
in: Monckton J., Belicza, B., Betz, W., Engelbart, H., van Wassenhoven, M. (Eds.):
COST Action B4 Report: Unconventional medicine. Final report of the management committee 1993-1998. Luxembourg, Office of Official Publications of the European Communities, ISBN 92-828-4672-5, S.35-43, 1998

Lubbe, R.
Die Heilpraktikerüberprüfung 1980-1991 im Bereich des Regierungspräsidenten Detmold - Bestandsaufnahme und Analyse.
Gesundh.-Wes., 55, 254-258, 1993

Narr, H., Hess, R.
Ärztliches Berufsrecht
Dt. Ärzte-Verlag, Köln, 2. Aufl., 12. Ergänzungslieferung, 1994

Scharl, H.
Gesetzeskunde für Heilpraktiker
D. Münks Verlag, Krefeld, 1990

Statistisches Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland, 1996 und 1998

© Roland Ziegler (31.5.2000)


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Fink
unregistriert
erstellt am: 10. Februar 2001 18:28           
<Zahlen die Krankenkassen die Heilpraktiker-Therapie?
Die Gesetzlichen Krankenversicherungen tun dies nicht, denn es ist den RVO-Kassen aufgrund des Sachleistungsprinzips nicht möglich, solche Leistungen zu vergüten. Ersatzkassen können auf dem Wege der Kulanz leisten, jedoch kann ein Ersatzkassenmitglied die Erstattung rechtlich ebenso wenig verlange.>
Es gibt keine RVO-Kassen mehr. Alle gesetzlichen Krankenkassen, zu denen auch die Ersatzkassen gehören, dürfen Heilpraktikerhonorare und von ihnen verordnete Arzneien nicht bezahlen. Werden (von allen Krankenkassen) solche Kosten aus "Kulanz" übernommen, verstößt das eigentlich gegen das Gesetz.
H. Fink

mehner
unregistriert
erstellt am: 10. Februar 2001 18:56           
Sie haben Recht, dennoch wurden bei Budgetüberprüfungen von Arzneiverordnungen in
Niedersachen, erstattete Heilpraktikerrezepte
entdeckt.
MfG Mehner

Dr.C.R.
unregistriert
erstellt am: 10. Februar 2001 19:11           
Vielen Dank Herr Behrmann, wir Ärzte sollten das alle wissen.Unglaublich, was das Gesundheitsministerium da offensichtlich als unbedenklich für die Gesundheit unserer Bevölkerung hält.

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