erstellt am: 18. Dezember 2000 21:52
Offener Brief (Email) an Piotr KraczkowskiLieber Piotr !
Ich bedaure es, dass Du aus dem FALK e.V. ausgetreten bist. Nichtsdestotrotz sehe ich den Grund Deines Austritts einerseits in Deinem mangelnden Verständnis über die Funktion eines Vereinsvorsitzenden und andrerseits in Deinen persönlichen Schwierigkeiten beim Überwinden tief eingeimpfter religiöser Vorstellungen.
Der FALK e.V. ist ein demokratischer Verein. Jedes Mitglied darf seine eigene Meinung behalten. Lediglich der Wunsch nach einem sehr langen Leben sollte allen Mitgliedern gemeinsam sein.
Die Mehrzahl der FALK-Mitglieder, so auch ich, sehen im Glauben an eine unsterbliche Seele eine religiöse Illusion. Ja schlimmer noch: Das Hängen an diesem Aberglauben hat die Entwicklung der Menschheit erheblich verzögert ! Hätten schon vor vielen Jahrhunderten die Menschen dieses Trugbild durchschaut, dann wäre die Wissenschaft auf dem Gebiet der Alternsforschung heute schon sehr viel weiter.
Trotzdem ist es natürlich jedem einzelnen FALK-Mitglied gestattet, für sich persönlich an diesem Glauben festzuhalten. Es ist ja auch sehr schwierig, Glaubensinhalte fallenzulassen, die man jahrzehntelang eingetrichtert bekommen hat, noch dazu, wenn diese Glaubensinhalte einen starken Trost darstellten bezüglich der Unausweichlichkeit des eigenen Todes.
Aber, Piotr, die Natur richtet sich nicht nach unseren Wünschen ! Nur wer ganz genau hinschaut, erfährt einen Hauch von der Wahrheit. Auch wenn es noch so schön wäre, wenn in uns eine unsterbliche Seele schlummern würde: Die Story von der Seele ist ein religiöses Märchen, ein Wunschbild, ein Trost, um die Angst vor dem Tod zu mildern.
Auch wenn es schmerzt, Piotr: der einzige Weg, unsterblich zu werden, besteht in der Beseitigung der biologischen Ursachen von Altern und Tod, so mühsam und, für uns heute Lebenden, unsicher dieser Weg auch sein mag. Religiöse oder philosophische Wunschvorstellungen bringen uns nicht weiter !
Ich als Vereinsvorsitzender sehe mich durchaus berechtigt, diese Ansichten der überwiegenden Mehrzahl der FALK-Mitglieder öffentlich zu vertreten, zumal sie von den Naturwissenschaften 100%ig bestätigt werden.
Ich würde mich freuen, wenn Du nach dem anfänglichen Schmerz über das Zerbrechen dieser Glaubensansicht in Dir (denn nur so kann ich mir psychologisch Deinen Austritt aus dem FALK erklären) zu einer genaueren Erkenntnis bezüglich des Wesens des Menschseins und der Funktionsweise des Gehirns gelangst und bald wieder Mitglied im FALK e.V. wirst.
Auf jeden Fall wünsche ich Dir alles Gute und ein langes und gesundes Leben !
Michael Saxer, Vorsitzender des FALK e.V.
PS: Wir sollten mit unseren Mitmenschen sehr viel mehr Geduld haben. Wenn schon einzelne aktive Befürworter der Kryonik es schwer haben mit dem Aufgeben von tief verwurzelten religiösen Vorstellungen, wie gewaltig muß die Anstrengung für Menschen sein, für die Kryonik noch etwas grundsätzlich Neues ist !
Nichtsdestotrotz dürfen wir unsere wissenschaftliche Argumentation nicht mit Wunschvorstellungen verwässern, sondern sollten in der Öffentlich eine ganz klare Stellung beziehen.
Der Mensch hat keine unsterbliche Seele, die beim Tod irgendwohin entweicht ! Diese Ansicht ist mittelalterlicher Aberglaube ! Die Persönlichkeit eines Menschen, seine Erinnerung, sein Bewußtsein, sind in der materiellen Verknüpfung der Nervenzellen und Synapsen begründet. Zerfällt das Gehirn mit dem Tod, so bleibt nichts von der Individualität eines Menschen übrig.
Die einzige Chance, den Tod zu umgehen, besteht darin, diese Anordnung der Nervenzellen und Synapsen irgendwie zu erhalten, sei es durch Kryonik (Einfrieren in Stickstoff), Plastination (Konservierung in Kunststoff) oder Uploading (Speichern der Struktur des Gehirns auf ein externes Medium, z.B. eine Computer-Festplatte).
Von diesen Möglichkeiten sind nach dem heutigen Stand der Technik die Kryonik und die Plastination bereits durchführbar. Die Kryonik wiederum ist weiterentwickelter als die Plastination und bietet somit heutzutage die beste Chance auf eine mögliche Wiederauferweckung in der Zukunft.