Seitz Mitglied
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erstellt am: 08. November 2000 16:03
Arzneimittelmarkt in den ersten neun Monaten 2000 / Nach wie vor starke Strukturkomponente Wer selbst zahlt, wird wohl innovativer behandelt F r a n k fu r t (HL). Eine überraschend große Diskrepanz zwischen der Entwicklung der Krankenkassenausgaben für Arzneimittel, so wie sie die berufsständischen Apothekenrechenzentren ermitteln, und dem Markt für verordnete Arzneimittel zu Herstellerabgabepreisen, so wie ihn IMS Health ermittelt, deutet darauf hin, daß GKV-Patienten im Vergleich zu Selbstzahlern schlechter mit Innovationen versorgt werden als Selbstzahler. Die Daten im einzelnen: - Die Umsätze auf dem Apothekenmarkt zu Herstellerabgabepreisen haben sich in den ersten drei Quartalen dieses Jahres zum gleichen Vorjahreszeitraum um 4 9 Prozenf auf 22,8 Milliarden DM erhöht. - Der Umsatz der rezeptfreien Arzneimittel sinkt um 1,3 Prozent. Der Grund: Ärzte animieren Patienten zur Selbstmedikation, die jedoch die Verordnungsrückgänge im Segment der rezeptfreien Arzneimittel nicht kompensiert. - Hingegen steigt der Wert der insgesamt verordneten rezeptpflichtigen Arzneien um 7,3 Prozent überproportional. Nach Angaben von IMS erreicht der wertmäßige Marktanteil rezeptpflichtiger Arzneimittel im Verordnungsmarkt bereits 75 Prozent. - Nach Berechnungen der Apothekenrechenzentren sind die Arzneimittelausgaben der Krankenkassen in den ersten neun Monaten 2000 (zu Apothekenverkaufspreisen) aber nur um 3,7 Prozent gestiegen - also nur halb so stark wie der Markt der verordneten Arzneimittel. Wie läßt sich dieser Unterschied erklären? Ursache kann die unterschiedliche Berechnungsmethodik sein: Die Apothekenrechenzentren messen zu Apothekenverkaufspreisen, IMS zu Herstellerabgabepreisen. Ein weiterer Grund ist: Um sich Luft zu schaffen für die Verordnung medizinisch unverzichtbarer Arzneimittel, verzichten die Ärzte immer mehr auf die Verordnung rezeptfreier, oft auch relativ preisgünstiger Medikamente und verweisen Patienten auf die Möglichkeit der Selbstmedikation. Denkbar ist aber auch eine Diskriminierung zwischen GKV-Patienten und Selbstzahlern: Für einzelne Arzneimittelsegmente - etwa für moderne Antidementiva - ist belegt, daß Selbstzahler doppelt so häufig mit innovativen Arzneimitteln versorgt werden und die Wachstumsraten der Innovationen bei Privatversicherten auch stärker sind. Hier erweist sich offenkundig der doppelte Regreßdruck durch Richtgrößen/Individualregreß und Arzneimittelbudget/Kollektivregreß als Bremse, auch GKV Patienten rasch Innovationen zugänglich zu machen. Insgesamt aber wird das Wachstum auf dem Arzneimittelmarkt bei leicht rückläufigen Mengen von innovativen Präparaten getragen, wie eine IMS-Analyse der zehn umsatzstärksten Arzneimittelgruppen zeigt. Danach wachsen die Umsätze der Lipidsenker um 14 Prozent, der Ulkustherapeutika um neun Prozent, der Humaninsuline um 17 Prozent und der Betablocker um gut 10 Prozent. Der Umsatz der zehn führenden Arzneimittelgruppen wächst um sieben Prozent, der Restmarkt nur um vier Prozent. Abgeschwächtes Wachstum im vierten Quartal 2000 Angesichts der Debatte um die Arzneimittelbudget erwartet IMS - wie auch im vergangenen Jahr - ein sich abschwächendes Wachstum für das vierte Quartal 2000. Die Schere zwischen dem Umsatzwachstum der innovativen Produkte und dem Gesamtmarkt werde sich weiter vergrößern. Nach IMS-Berechnungen wird auch das Jahr 2000 durch große Strukturverschiebungen charakterisiert sein: Die Strukturkomponente, in der die Innovationskomponente enthalten ist, hat laut IMS im ersten Halbjahr in Westdeutschland bei acht Prozent, in den neuen Bundesländern sogar bei zehn Prozent gelegen."Arzneiverordnungsreport 2000" mit Überraschungen: 1999 lag der Ausgabenanstieg nur bei 2,9 Prozent Widerspruch zu BMG-Daten Arzte haben "erfolgreich gespart und maßvoll modernisiert" Berlin (rv/hr). Die Arzneiverordnungen der Kassenärzte haben 1999 in der GKV im Vergleich zum Vorjahr nur einen moderaten Kostenanstieg von 2,9 Prozent auf 36,8 Milliarden DM verursacht. Der Ausgabenanstieg für Medikamente fiel damit nur etwa halb so groß aus wie 1998 (plus 4,8 Prozent) und liegt "weit unter dem Durchschnitt" der letzten zehn Jahre. Mit diesen Worten hat gestern in Berlin der Heidelberger Pharmakologe Professor Ulrich Schwabe den "Arzneiverordnungsreport (AVR) 2000" vorgestellt, dessen Mitherausgeber er ist. Der AVR berichtet jährlich über die Verordnungsdaten auf Basis des GKV-Arzneimittelindexes. Die AVR-Zahlen weichen völlig von denen ab, die von der Bundesgesundheitsministerin am 3. März bei der vorläufigen GKV-Bilanz für 1999 präsentiert wurden. Andrea Fischer erklärte damals, es gebe "keine entscheidende Abflachung bei den Arzneiausgaben", die mit plus 8,4 Prozent je Mitglied im Jahresvergleich "die mit Abstand problematischste Entwicklung unter allen Ausgabenbereichen" ausmachten. Mit einer Stichprobe von vier Millionen Rezepten wollen die AVR-Autoren Arzneikosten, neue Therapietrends und Sparoptionen darstellen. Im laufenden Jahr wurden nach den Worten Schwabes die Analysen um ein Viertel auf die 2500 meist verordneten Präparate ausgeweitet, so daß damit 92 Prozent der GKV-Rezepte erfaßt würden. Die "erfolgreichen Sparanstrengungen der Ärzte" basieren nach Angaben von Schwabe auf mehreren Faktoren: - Die Zahl der Verordnungen ist 1999 erneut zurückgegangen, und zwar um drei Prozent auf 738 Millionen. Damit seien die Verordnungen in Gesamtdeutschland auf das Niveau der alten Länder im Jahre 1989 gesunken. -Die Verschreibung von Präparaten, für die nach Einschätzung des AVR keine "ausreichend belegte Wirksamkeit" erbracht wurde, ist nochmals um 13 Prozent gesunken. Damit seien 1999 Einsparungen in Höhe von 735 Millionen DM erzielt worden, fast dreimal so viel wie 1998. -Die Zahl der verordneten Tagesdosen blieb annähernd konstant. Unter "schwierigen Rahmenbedingungen", so Schwabe, hätten die Arzte ihre Bemühungen um eine "maßvolle Modernisierung" der Therapie dennoch fortgesetzt. Stark gestiegen seien die Verordnungen Innovationen AT-Rezeptorantagonisten (plus 50 Prozent), Lipidsenker (plus 24 Prozent), Immuntherapeutika (plus 16 Prozent), Atypische Neuroleptika (plus 21 Prozent) und Selektive Antidepressiva (plus 31 Prozent). |