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Dem in Deutschland überall zu beobachtenden, von interessierten Kreisen
gesteuerten Trend, Lehrstühle für Toxikolgie zu streichen und
Institute für Toxikologie zu schwächen oder gar zu schließen
(s. FAZ vom 8.Juli 1998): "Toxikologie ohne Zukunft?"), möchte nun auch
Kiel, vor allem die Medizinische Fakultät der
Christian-Albrechts-Universität, folgen:
- Nach der Emeritierung des bisherigen Direktors Prof. Dr. Otmar Wassermann
im Jahre 2000 soll der 1975 von ihm für die Universität Kiel
gewonnene C 4-Lehrstuhl zur Aufwertung eines Klinikers (Unfallchirurgie)
entwendet werden mit der Begründung, man könne dort "nur auf eine
C 4-Stelle einen qualifizierten Nachfolger gewinnen". Die Toxikologie soll
mit einer geringerwertigen, abhängigen C 3-Stelle abgespeist und
abgewertet werden. Eine "qualifizierte Nachfolge" scheint für das
Fach Toxikologie nicht erwünscht zu sein.
- Das Kieler Institut für Toxikologie, das neben der im Schrifttum
dokumentierten Forschung durch sein kompromißloses Eintreten für
einen besseren Schutz der Menschen und der Natur und durch seine von
Industrie- und Politikinteressen nicht korrumpierbare Haltung national und
international hohes Ansehen erlangte, soll zur Bedeutungslosigkeit demontiert
werden. Künftig sollen "in enger Zusammenarbeit mit den Pharmakologen"
(Prof. Unger) in einem "Institut für experimentelle Toxikologie"
Arzneimittelnebenwirkungen mit molekularbiologischen Methoden
untersucht werden. Derartige Themen sind Aufgaben der Pharmakologie und
der Pharmaindustrie.
- Der Wissenschaftsrat empfahl am 22.01.1999, das Hygiene-Institut
aufzulösen und "den Lehrstuhl für Hygiene möglichst rasch
in einen Lehrstuhl für Virologie umzuwandeln". Zur Rettung dieses
obsoleten Faches soll das Institut umbenannt werden in "Institut für
Umweltmedizin, Umwelttoxikologie und Hygiene". Dort "soll eine neue
Arbeitsgruppe für Umwelttoxikologie aufgebaut werden" ...
"Umwelttoxikologie" braucht in Kiel nicht "aufgebaut" zu werden, dieser
Schwerpunkt wurde im bisherigen Institut für Toxikologie bereits 25
Jahre lang erfolgreich bearbeitet, auch wenn die Medizinische Fakultät
in Kiel daran bisher kein Interesse hatte. Gleiches gilt für die
"Umweltmedizin".
- Das ehemalige Institut für Toxikologie an der Medizinischen
Universität Lübeck wurde 1998 geschlossen und komplett vom
Pharmakologen (Prof. Dominiak) vereinnahmt. Letzterer sprach sich
dafür für eine "Stärkung der Toxikologie in Kiel" aus. Das
Kieler Institut für Toxikologie ist die letzte unabhängige
Institution mit toxikologischer Fachkompetenz in Schleswig-Holstein.
- Der Landtag von Schleswig-Holstein forderte am 09.10.1998 von der
Landesregierung einen "Bericht zu Situation und Perspektive der Toxikologie
in Schleswig-Holstein". In diesem (Drucksache 14/1959 vom 10.02.1999)
verkündet die Landesregierung "die Erhaltung eines eigenständigen
Institutes für Toxikologie mit den bisherigen human- und
umwelttoxikologischen Schwerpunkten".
Der Wissenschaftsrat empfahl am 22.01.1999 die "Erhaltung des Lehrstuhls
für Toxikologie (C 4) in Kiel".
Die "Strukturkommission" der Medizinischen Fakultät überrumpelte
den Fakultätskonvent in der letzten Sitzung des Sommersemesters 1999
am 19.07.1999 mit ihrem Vorschlag zur "Neukonzeption Bereich Umweltmedizin
- Hygiene - Toxikologie", ohne aber den Konvent über die
Hintergründe zu informieren. Unter bewußt erzeugtem "Zeitdruck"
stimmte der Konvent gegen die Entscheidung von Landtag und
Landesregierung und gegen die Empfehlung des Wissenschaftsrates
und unterstützt damit nur die eigennützigen Interessen einiger
Kliniker, des Pharmakologen und des Hygienikers.
Die Mehrheit des Konvents war sich ihrer Unkenntnis über die
Zusammenhänge nicht bewußt - und stimmte trotzdem ab.
Eine solche katastrophale Entscheidung und derart offensichtliche
Manipulationen einiger Mitglieder einer Medizinischen Fakultät darf
die Öffentlichkeit nicht hinnehmen.
Schon einmal ist in Deutschland ein kritisches wissenschaftliches Fach durch
Wirtschaftsinteressen gezielt vernichtet worden: Die Strahlenbiologie durch
die Atomwirtschaft.
Wenn die Entscheidung von Landtag und Landesregierung und die Empfehlung des
Wissenschaftsrates nicht umgesetzt werden, wird das Fach Toxikologie auch
in Schleswig-Holstein demontiert und die Bevölkerung künftig
nicht mehr durch kritische, unabhängige und fachlich qualifizierte
Informationen geschützt.
Das Institut für Toxikologie in Kiel muß in vollem Umfang
erhalten bleiben, und der Lehrstuhl (C 4) für Toxikologie darf nicht
vernichtet werden.
Kiel, im Oktober 1999
Univ.-Prof. Dr. Otmar Wassermann
Direktor des Institutes für Toxikologie
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
http://www.uni-kiel.de/toxikologie/tox_home.htm
e-mail: wassermann@toxi.uni-kiel.de
Bitte richten Sie Ihren Protest umgehend an die
Ministerpräsidentin des Landes Schleswig-Holstein, Frau Heide
Simonis, Staatskanzlei, Landeshaus, 24105 Kiel (Fax 0431-988 1960;
e-mail: heide.simonis@landsh.de)
und senden Sie mir eine Kopie.
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