Datum: 21.08.2001 20:55:18 Autor: Sven Sp. ©
an alle


Amadeus: Beispiel
Gegen welche Regel verstößt folgender Beitrag? (Das Thema hieß "Israel setzt Angriffe fort")

Überschrift: Die Fähigkeit zum Differenzieren

"und die Akzeptanz feststehender Fakten wären, glaube ich, zwei gute Voraussetzungen, wenn man sich mit den Themen Nahostkonflikt und "Präventivschläge" auseinandersetzt.
Zum Beispiel vermisse ich die Fähigkeit zum Differenzieren bei einigen israelischen Politikern, speziell bei denen, die momentan an der Macht sind. Um ein Bild von deren Haltung zu bekommen, muss man sich nur ein paarmal über Kurzwelle den Sender "Kol Israel" (Stimme Israels) anhören und die dortigen Interviews und Beiträge. Da hört man zum Beispiel Dinge wie "Wer will das noch einen Befreiungskampf der Palästinenser nennen?" (gemeint sind die Terroranschläge, die Aussage soll Kritik an der Kritik vieler westlicher Länder sein). Ich kann mich an keine Stimme aus dem Westen erinnern, die den Terror je als legitimes Mittel bezeichnet hätte und nicht die grauenhaften Selbstmordanschläge (zum Beispiel Tel Aviv) einhellig verurteilt hätten. Man kann "die Palästinenser" nicht auf den Terrorismus reduzieren. Wobei die Absperrungen der Gebiete zum Beispiel so ziemlich _alle_ Palästinenser treffen.
Zur gezielten Tötung: Gibt es in Israel die Todesstrafe? Gibt es gegen die Umzubringenden einen Prozess? Ist Tötung für die bloße _Planung eines Anschlages gerechtfertigt, wenn überhaupt? Aussenminister Peres, dem der Term "Liquidation" nicht gefällt (tut mir ja leid für ihn, aber nichts anderes ist es, egal ob richtig oder falsch) rechtfertigte die Tötungen (meiner Ansicht nach Morde) damit, dass Israel es ja mit Selbstmordattentätern zu tun habe, die so gefährlich seien, dass man sie vor der Grenze abfangen müsse. In der gleichen Sendung von Kol Israel, in der diese Meldung verlesen wurde, wurde aber ein anderer Regierungssprecher interviewt, der davon sprach "Das sind die Leute, die die Anschläge geplant haben". Muss man die auch "vor der Grenze abfangen"?
Dann sind da noch die zivilen Opfer solcher Anschläge. Es reicht nicht, dass die Verantwortlichen nicht gewusst haben, dass in dem Gebäude Kinder waren, nein, sie müssen es _ausschließen können_! Natürlich unterlaufen jedem mal Fehler, aber wenn einem bei sowas Fehler unterlaufen, sollte man es besser ganz sein lassen.
Ebenfalls bemerkenswert war der Film, der letztens lief, namens "Israel, um Himmels willen, Israel" von einem bekannten Publizisten , ich glaube Ralph Giordano, in dem die Lage recht differenziert geschildert wurde (fand ich). Es wurden sowohl Bilder von hingerichteten "Kollaborateuren" (die Sorte Bilder, die man nicht sehen will, aber sehen sollte, wenn man verstehen will), als auch Berichte und Interviews über israelische Gefängnisse gebracht, die Einen wirklih das fürchten lehren konnten. Eine (israelische) Anwältin sprach davon, jedes Gefängnis habe "seine Spezialität", zum Beispiel unterkühlte Räume oder andere Pressalien, die zum Teil schon die Definition von Folter erfüllten. Es wurde auch gezeigt, inwiefern Angst und der Kampf ums Überleben die Geschichte des Staates Israel von Anfang an geprägt haben (diese Angst hat ihren Ursprung in diesem Land, insofern hat man als Deutscher vielleicht auch noch mehr Verpflichtung über das nachzudenken, was man sagt (obwohl ich eigentlich gegen "deutsche Sonderrollen und Sonderverantwortungen" bin)).
Zurück zur konkreten Situation. Ein Argument der Verantwortlichen für die Liquidierungen (auch die Tötung von Mördern ist Mord, oder?) ist, dass Israel das Recht auf Selbstverteidigung habe, wie jeder andere Staat auch. Ich weiß nicht, inwiefern Aktionen, die fast hunderttausend Palästinenser auf die Atraße treiben, die "Rache, Rache" rufen, zur Sicherheit des Landes beitragen... Ausserdem wächst so auf Arafat und die Autonomiebehörde der innenpolitische Druck, die radikalen Kräfte noch stärker zu unterstützen. Das nur aus einem realpolitischen Gesichtspunkt.
Wenn man Ansprüche an Israel als Staat stellt, muss man sie auch an Arafat und die Autonomiebehörde richten. Das ist ein Punkt, der in der deutschen Medienlandschaft meines Erachtens nach, untergeht. Sicherlich könnte Arafat viel verhindern (wieviel er einleitet ist eine andere Frage (als er zB. die Terroristen aus den Gefängnissen entließ, hat er etwas eingeleitet)), wenn er nur wollte. Natürlich um den Preis des politischen Überlebens, aber das ist schließlich keine moralische Rechtfertigung.
Für beide Seiten gilt: Die Fehler des Anderen rechtfertigen nicht das eigene Verhalten. Wenn alle Menschen nur rächen würden, aber nie aggressiv wären, gäbe es nur Frieden. Sobald aber einer anfängt, aggressiv zu sein, führt diese Handlung zu einer Kettenreaktion. Und mit Sicherheit führt die Leugnung einer solchen Kettenreaktion (Sharon: "Es gibt keine Spirale der Gewalt") auch nicht weiter.
Enttäuscht bin ich von einem: Peres. Ich weiß nicht, ob er sich hat vereinnahmen lassen oder versucht, zu retten, was zu retten ist.
Übrigens ist Ralph Giordano als Jude wohl des Antisemitismus unverdächtig, ganz im Unterschied zu vielen Forumsteilnehmern, deren Beiträge von XXXXXX zeugen (möge jeder hier etwas passnedes einsetzen, Länge und Anzahl der Wörter sind egal).

mfg Sven"

Dieser Beitrag wurede trotz mehrfacher Anfrage sechsmal kommentarlos gelöscht. Ich schrieb nach einer Weile zusätzlich eine Analyse des Beitrags und habe versucht Gründe für die Löschung zu finden Hier ist sie:

"Analyse:

Die Moderationsregeln 2, 3, 5, 6, 8, 10 und 11 dürften bei der Löschentscheidung keine Rolle gespielt haben.

zu Regel 1: Das einzige, was meiner Ansicht nach möglicherweise eine Rolle gespielt haben kann, sind die Punkte Beleidigung, Polemik, Falschmeldungen.

a) Ansatz für eine Löschung wegen Beleidigung oder Polemik kann eigentlich nur der letzte Satz und der Satz mit Ausrufezeichen sein. Der Satz mit Ausrufezeichen ist zwar sehr emotional, aber als Meinungs und Gefühlsäusserung legitim. Der letzte Satz wird erst im Geist eines Lesers zu einer hypothetischen Beleidigung. Ich sage nur aus, dass die Beiträge der angesprochenen Personen von etwas zeugen. Möglicherweise wird deutlich, dass ich nicht mit Antisemitismus sympathisiere, was aber auch kein Löschgrund ist.

b) Falschmeldungen

Möglicherweise als Falschmeldung aufzufassendes:

Die Zitate aus Sendungen von Kol Israel: Auf diesen Punkt wird später noch Bezug genommen

Die Berichte über Folter in israelischen Gefängnissen. In diesem Fall schreibe ich über einen Film, den ich gesehen habe. Dieser Film hat nun einmal diese Behauptungen aufgestellt, die mir auch plausibel erschienen. Möglicherweise hat nicht JEDES Gefängnis derartiges vorzuweisen, aber das ändert wenig am Kern der Aussage. Dass so ein Verdacht zumindest sehr ernsthaft bestand, wird auch in einem Artikel von oder über Avi Primor, ehemaliger Botschafter in Deutschland (Buch: "Mit Ausnahme Deutschlands") bestätigt (leider keine genauen Quellenangaben, wegen schlechtem Gedächtnis).

zu Regel 4:

Kampagnenaufruf: Nun, in einem gewissem Sinne ergibt die Überschrift zusammen mit dem ersten Satz einen "Kampagnenaufruf" zum Einsatz des logischen Denkens.

zu Regel 7: Der Beitrag ist von mir. Ich denke, diese Regel ist nicht als Zitierverbot zu verstehen, sondern eher so, dass man nicht einfach Meldungen ohne eigenen Anteil einstellen sollte.

zu Regel 9: Thematisch falsch eingeordnet ist das wohl kaum (Thema: "Israel setzt seine Angriffe fort").

Ich bitte um eine Erklärung!

mfg Sven"

Ich denke nicht, dass diese Anfrage nicht von gutem Willen der Redaktion und ihren Motiven gegenüber geprägt ist...

Inwiefern waren diese Anfragen nicht legitim oder berechtigt? Ergibt sich aus dem sechsmaligen Löschen und der fehlenden Antwort nicht etwa der _Eindruck_ von Willkür?

mfg Sven