Datum: 20.08.2001 23:06:39 Autor: Udo Teichmann ©
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Amadeus: Jenseits von Mitra und Moneten

Hallo Amadeus,

warum heute so ungewohnt schüchtern im Verteufeln?

---Zitat---
Entweder sind die Herren inkonsequent, oder es stimmt nicht was sie sagen, oder sie sind nicht freiwillig hier.
wie mans nimmt, das wirft kein gutes Licht auf unsere Lichtbringer -:)
---tatiZ---

Da nimmt der bibelfeste Amadeus Mitdiskutanten als Teufel wahr, läßt seine Einstellung aber nur schleichend in der eingedeutschten Form als "Lichtbringer" (Luzifer) durchblicken.

Dabei bedarf es weder Teufel noch Dämonen: Es geht hier um den staatsbürgerlichen Minimalkonsens, der in unserer Verfassung festgeschrieben ist, und dabei speziell um Rang und Würde der Meinungsfreiheit. Wo ein mythologisierendes Weltbild apokalyptische Reiter galoppieren hört, spricht Artikel 5 GG mit ruhiger Würde davon, daß wir ertragen müssen, was der andere, und zwar gerade der Andersdenkende, sagt. Löschen von Meinungsäußerung ist die Sünde wieder den Heiligen Geist der Verfassung, einmal in die Sprache transponiert, in der Amadeus die Engel singen und die Teufel zündeln hört.

Und der Konflikt ist immer da, wo Macht ihre Ansprüche gern als Pflicht und die Bevormundung der Unterworfenen gern als Freiheit ausgeben möchte. Wer aber in der besten aller denkbaren Welten lebt, der will mit den Wölfen heulen und mit den Schafen blöken und ist empört über jedes Schaf, das sich weigert zu blöken, ja vielleicht gar in befremdlichen Diskant wie ein Wolf zu heulen versucht.

Die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte proklamierten Grundrechte der Gleichheit aller vor dem Gesetz, der Gedanken-, Rede- und Meinungsfreiheit, gar der Glaubensfreiheit wurden schon 1791 in Reaktion auf die Parolen der Französischen Revolution durch Papst Pius VI. als "Ungeheuerlichkeiten" verdammt. "Kann man sich Unsinnigeres ausdenken", schreibt dieser Papst, "als eine derartige Gleichheit und Freiheit für alle zu dekretieren."
Im Jahre 1832 verurteilt auch Papst Gregor XVI. Gewissensfreiheit als "Wahnsinn".
Pius IX. hat sich zu diesen Werrtungen seiner Vorgänger "aus vollem Herzen bekannt."
Der unfehlbare Papst Pius IX. nannte die österreichische Verfassung von 1867, in der "Meinungs-, Preß-, Glaubens- Gewissens- und Lehrfreiheit statuiert wird" in seiner Allokution 1868 "ein abscheuliches Gesetz".
Das maßgebliche theologische Werk eines katholischen Theologen aus der Zeit Leos XIII. (bis 1903) bezeichnet Gewissensfreiheit als "eine verabscheuungswerte Gottlosigkeit und Abgeschmacktheit".
Aber auch heutige Päpste machen durch ihre theologischen Wortführer klar, daß für die Catholica Meinungsfreiheit keine achtenswerte Errungenschaft der Menschheit ist: "Es kommt für den katholischen Christen, so lange er auf dieser Erde, in statu viatoris, lebt, in erster Linie nicht auf die Einsicht in die einzelnen Glaubenslehren an, sondern auf den Glaubensgehorsam gegen die kirchlische Lehrautorität."

Das, lieber Amadeus, ist der kulturelle Hintergrund, auf dem Du aus der Geborgenheit der geschmeidigen und überaus gebildeten Unterwerfung unter Autoritäten, als fundamentalistischer Propagandist für Mitra und Moneten das Ringen um Meinungsfreiheit und Menschenwürde wahrnimmst. Kein Wunder, daß Du nicht verstehst, was Menschen dazu bringt, Menschenrecht einzufordern.

Sofern es um Grund- und Menschenrechte geht, reden wir als Ungleichzeitige aneinander vorbei. Du sprichst aus einer Tradition, die in der Aufklärung ein Verhängnis sieht, und repräsentierst damit die Geisteshaltung des Menschen vor der Renaissance: Ich denke als Erbe von Renaissance und Aufklärung aus einer Geisteshaltung, die gut 800 Jahre jünger ist. Wer sich heute den Problemen der Zukunft stellen will, wie alt sollte der sein?

Mit freundlichen Grüßen
Udo Teichmann