Datum: 31.07.2001 01:13:47 Autor: Udo Teichmann ©
Hakenkreuz-Mahnmal


TINA: Usurpierung der Opferrolle
Liebe TINA,

denk' noch mal über die Formulierung nach: "Usurpierung der Opferrolle", wo es genau umgekehrt war, die Juden wurden von den NAZIs zum Opfer bestimmt, wurden mit Bürokratie und Gewalt gepeinigt und zum Opfer gezwungen, und dann diese unbedachte Forumulierung, die Juden selbst hätten die Opferrolle usurpiert... Kein Jude hat sich danach gedrängt, von den NAZIs zum Opfer gemacht zu werden, und wenn Juden heute im Kontext des Nationalsozialismus, ihres teuflichsten Todfeindes, das Wort ergreifen, dann täte ein wenig Behutsamkeit in der Formulierung gut.

Es geht bei dem Mahnmal um eine ästhetisch künstlerische Frage, die aber auch eine politische Dimension hat. Wenn irgendwo ein Mahnmal das Todessysmbol der NAZIs verwendet, um der Zwangsarbeiter und der bis aufs Blut gequälten Opfer des NAZI-Terrors zu gedenken, ist ein zweiter Blick und ein gründlicher Gedanke sicher nicht falsch.

Die Verfremdung des Hakenkreuzes entsteht durch Entstellung in der Form und dadurch, daß es aus Stacheldraht gebildet wird. Mir sagt diese Skulptur, daß die mit dem Hakenkreuz symbolisierte NAZI-Herschaft ein Terrorsystem war, in dem Menschen hinter Stacheldraht verschwanden, und die entstellte Form erläutert für mich den Zusammenbruch dieses Regimes. Mir also geht das Mahnmal nicht gegen den Strich. Ich halte die Aussage für durchaus geeignet, um der Zwangsarbeiter in und um Stolberg zu gedenken und der übrigen Opfer des NAZI-Terrors. Aber ich habe nie vor einem Kerl in schwarzer Uniform mit Hakenkreuz zittern müssen, bin nicht hinter dem NAZI-Stacheldraht gepeinigt und gedemütigt worden, habe unter diesem Symbol nicht alle Menschen meiner Familie und Bekanntschaft in den Tod gehen sehen, ich habe keine Albträume unter diesem Symbol, wache nicht schweißgebadet nachts auf, weil mir dieses Symbol die Luft zum Atmen raubt. Ich hätte daher ein sehr weites Herz, wenn dieses Mahnmal in dieser Form Opfern der NAZIs Probleme machte, es zu überarbeiten.

Herr Spiegel war auf die Besonderheit dieses Hakenkreuzmahnmals hingewiesen worden und er waltete seines Amtes, wenn er dort hinfuhr und mit dem Bürgermeister redete. Das waren ja alles keine NAZIs, die Leute wollten ja gerade der Opfer des Nationalsozialismus gedenken. Da mußte doch eine auf Sympathie gründende Verständigung möglich sein. Und die war ja auch möglich, jedenfalls mit dem CDU-Bürgermeister. Daß der Künstler in seiner Eitelkeit und seiner künsterischen Freiheit gekränkt wurde, weckte dessen Widerstand. Aber auch dieser Mann ist eigentlich ein Verbündeter der Opfer des NAZI-Terrors.

Danach erst fangen die Probleme an.
Durfte Herr Spiegel als Vorsitzender des Zentralrats der Juden sich einmischen?
Nach meiner Meinung spricht durchaus nichts dagegen. Über das Holocaustdenkmal ist zehn Jahre und länger debattiert und gestritten worden. Kunstfreiheit schließt die Freiheit der Kunstkritik ein. Und erst recht wenn Kunst unbeabsichtigt Menschen existenziell belastet.

Zu braunem Dreck wird die Debatte, wenn Spiegel in Kontinuität zu dem NAZI-Terrorregime gesetzt wird und er als Nachfolger von Reichspropagandaminister Goebbels hingestellt wird, der mit einem Machtwort über Kunst und entartete Kunst befiehlt. Diese Insinuationen sind bodenlos dämlich oder perfide böse.

Macht und Einfluß von Paul Spiegel und dem Zentralrat der Juden beruhen einzig auf dem Leiden, das ihnen von ihren deutschen Mitbürgern zugefügt wurde, und der daraus resultierenden Rücksichtnahme und dem taktvollen Mitgefühl ihrer heutigen deutschen Mitbürger. Aber, Du siehst ja selbst, da haspeln sofort Leute los, die Juden irgendwie aus Deutschland herausdefinieren wollen. Und in diesem Zwiespalt, daß es einerseits Sympathie und Mitgefühl für die Opfer gibt, auf der anderen Seite jeden Tag zahlreiche Anfeindungen und Drohungen, muß man Partei ergreifen. Und die tief in der Wolle gefärbten Antisemiten und Rechtsextremisten lassen nichts unversucht, aus dem Opfervertreter einen Unterdrücker und Deutschenschinder herbeizulügen. Und all diesem braunen Dreck ist eins gemeinsam: die ewig weinerliche Usurpierung der Opferrolle durch die rechten Hetzer. Hier nämlich wird usurpiert, nicht beim Zentralrat der Juden, denn die waren die wirklichen Opfer.

Es ist im übrigen unfruchtbar, die einen Opfer gegen andere Opfer auszuspielen.
Da mache ich nicht mit.

Auch was den Terror Israels gegen den Terror der Palästinenser betrifft, da hat Herr Spiegel genau so viel mit zu tun wie Du und ich. Er ist eine Stimme aus Deutschland, und nicht das Gewissen Israels. Er hat genug damit zu tun, Rudimente von Gewissen in Deutschland auszubuddeln.

Mit freundlichen Grüßen
Udo