Datum: 21.07.2001 12:40:47 Autor: Udo Teichmann ©
G8-Gipfel, die Maske fällt
Alles spricht für Notwehr
Liebe Mitdiskutanten,
zunächst möchte ich meine herzliche Verachtung für alle jene ausdrücken, die hähmisch triumphierende Freude über den Tod dieses jungen Mannes laut werden lassen. Der gewaltsame Tod des gerade mal 23 Jahre alt gewordenen Carlo Giuliani ist ein großes Unglück, besonders für ihn und für seine Freunde und Angehörigen.
Dieser Tod ist ein großes Unglück, weil er die Zerrüttung der Kommunikation innerhalb unserer wohlhabenden Gesellschaften besonders tragisch vor Augen führt. Die ZweiDrittelGesellschaft schafft sich einen Bodensatz an Unglücklichen, Gestrauchelten, Deklassierten, die nicht einfach nur aus Daffke, sondern weil sie bis ins Mark frustriert, entmutigt und gedemütigt nur noch eine unbändige Wut gegen das Establishment kennen, und ihre Ausdrucksmittel sind die Ausdrucksmittel der Gosse, in die sie ein böses Schicksal und unbarmherzige gesellschaftliche Strukturen gestoßen haben: die Sprache der Gewalt.
Manches deutet darauf hin, daß Carlo Giuliani ein eigenbrötlerischer Brausekopf mit radikalen Ansichten war, der sich am liebsten mit seinen Tieren umgab. Früh aus dem Elternhaus abgehauen, braute sich in ihm bei seinem vagabundierenden Straßendasein eine radikale Gegnerschaft gegen die Gesellschaft auf, in der er so erbärmlich deklassiert war. Umso einleuchtender mußten ihm die vernachlässigten Armen der Dritten Welt als seine Leidensbrüder erscheinen, und umso persönlicher wandte sich seine Feindschaft gegen die G8 - Repräsentanten der reichen Staaten, die mit prunkvollem Getue wohl wieder nur in ihre eigenen Taschen scheffeln würden.
Die grotesken Sicherheitsvorkehrungen in Genua sind das Menetekel dafür, daß sich eine kaltschnäutzige ZweiDrittelGesellschaft zwangsläufig ein großes Potential an Feinden schafft, die sich angesichts ihrer Deklassierung nicht beschämt und demütig ducken, sondern in unbändiger Wut zurückschlagen. Und wer sich auf die ZweiDrittelGesellschaft einläßt muß wissen, daß heute die G8-Spitzen solche Sicherheitsvorkehrungen benötigen, morgen aber jeder Bessergestellte, der sich drei warme Mahlzeiten am Tag leisten kann.
Auf diesem Hintergrund sehe ich ihn die Polizeibeamten angreifen. Er schleppt diesen schweren Feuerlöscher heran und will damit verletzen und zerstören, so wie die Gesellschaft ihn jeden Tag verletzt und zerstört. Er fühlt sich im Recht, empfindet seine Gewalttaten wie eine Befreiung. Doch er ist im Begriff Menschen aus Fleisch und Blut, und nicht eine abstrakte Gesellschaft zu verletzen, womöglich zu töten. Und dieser Mensch im Jeep hat auch einen Hintergrund, und er ist von den Angreifern bereits an Kopf und Händen verletzt, von seiner Kopfverletzung hat sich im Jeepinneren bereits ein große Blutlache gebildet. Und er hat eine Schußwaffe und sieht den jungen Mann wutentbrannt mit einem schweren Objekt herbeieilen, um es ihm im nächsten Moment an den Kopf zu schleudern. Und der Jeep steckt fest, Flucht ist nicht möglich. Da schießt er gezielt auf den jungen Angreifer, schießt sich den Weg frei zur Flucht.
Der lebensgefährlich bedrohte Polizeibeamte hat wahrscheinlich noch nicht einmal überreagiert, seine Notwehrsituation war auf tragische Weise so zugespitzt, daß es für ihn wohl kein milderes Mittel gab. Trotzdem ist das ganze Geschehen eine einzige Katstrophe, in der alle Verlierer sind.
Der Tod von Carlo Giuliani bestätigt nicht die stereotypen Vorurteile gegenüber der Staatsmacht. Staatsmacht ist aber reale Macht, es ist dementsprechend gefährlich, seine Ohnmacht gewalttätig gegen die Macht zu richten; es ist aber vor allem auch unmoralisch, durch seine Gewalttätigkeit, wie politisch motiviert auch immer, Menschen an Leib und Leben zu befährden und zu schädigen. Der Tod von Carlo Giuliani bestätigt, daß die Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung und Artikulation politischer Ansichten nicht hingenommen wird, weil Gewalt immer die undemokratischste Sprache ist, ob sie nun eine staatliche Diktatur spricht, oder ein frustrierter junger Mann herausschreit. Das staatliche Gewaltmonopol ist bei allen Fragwürdigkeiten immer noch um Dimensionen besser, als Terror und Gewalt durch demokratisch nirgends legitimierte Brauseköpfe.
Ein trauriger Tag in Genua.
Grund zum Innehalten und Nachjustieren der politischen Gewißheiten auf allen Seiten.
Mit freundlichen Grüßen
Udo Teichmann