Datum: 22.07.2001 21:57:10 Autor: Udo Teichmann ©
G8-Gipfel, die Maske fällt


Michael Holzhey: Kritik des globalen Kapitalismus
Lieber Michael Holzhey,

vielleicht wäre es keine schlechte Idee, wenn Sie meine gutmütig schelmischen Bemerkungen zu Volkswirten und Theologen mit einem guten Schuß Selbstironie fruchtbar machen könnten. In meinem diesbezüglichen neckischen Unsinn versteckt sich jedenfalls genug Hintersinn, um diesem frohsinnig nachzusinnen.

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Vielleicht schauen Sie nochmal genau, wer in gewagter Abstraktion hier Legenden zur Globalisierung aufbaut und wer nach konkreten Verbesserungen sucht.
---tatiZ---

Sie reagieren nach meinem Eindruck tatsächlich technisch-borniert auf die Proteste gegen die Globalisierung. In Wirklichkeit fordern diese Proteste auch nicht naiv die "Abschaffung der Globalisierung" als solche, sondern sie kritisieren den himmelschreienden Mangel an demokratischer Kontrolle und Legitimation all dessen, was im globalen Kapitalismus versucht, sich wie ein Naturereignis darzustellen oder zumindest hinter der Fassade von "Privateigentum" zu verstecken, um jede Forderungen nach einer Demokratisierung der weltweiten Wirtschaftsprozesse mit dicken Nebelwolken oder notfalls auch mit Polizeigewalt abzuwürgen.

Ihre Zurechtweisungen, daß manche Kritiker einfach nur "keine Ahnung" hätten, müßte man zutreffender dahingehend umformulieren, daß sie andere Interessen verfolgen. An dieser Stelle erscheinen Ihre Reaktion überzogen emotional, und gerade deswegen irgendwie naiv: Lesen Sie die Titelgeschichte des neuen Spiegel, dann haben Sie genug Anhaltspunkte dazu, wogegen viele vernünftige Menschen protestieren und wem ein möglichst unkontrollierbarer Globalisierungsprozeß, der sich den Anschein eines vom Menschen unbeeinflußbaren Naturgeschehens gibt, nützt.

Die für jeden einzelnen Menschen wesentlichen Entscheidungen werden im Zuge der Globalisierung mehr und mehr in anonymen Managementabteilungen der großen Konzerne und der weltumspannenden Wirtschaftsinstitutionen gefällt. Die Spitzenmanger der Industrie sind keiner demokratischen Kultur verschrieben, sie hassen es, wenn ihnen in ihr Geschäft von Regierungen oder Gewerkschaften hineingeredet werden soll. In dieser abgrundtiefen Ablehnung des demokratischen Prozesses befinden sie sich in absurder Gesinnungsgemeinschaft mit den gewaltbereiten Randalierern, die auch auf den demokratischen Prozeß pfeifen.

Allein die friedlichen Demonstranten kämpfen für eine demokratische Weltordnung, in der der globale Kapitalismus der Menschheit, und nicht nur den Wirtschaftsmangern und den Investoren verpflichtet ist. Dabei sollten sie von den demokratisch gewählten Politikern unterstützt werden, denn selbst die Spitzenpolitiker des G8-Gipfels sind Gefangene von Wirtschaftsentscheidungen, die nicht vom Himmel fallen, sondern in denen die Wirtschaft die Regierungen zu einem unwürdigen Wettlauf um immer komfortablere "Standortbedingungen" zwingt und mit Investitutionsstop oder Kapitalflucht abstraft, wenn sie nicht spuren wollen.

Die Wirtschaft verlangt immer weitere Deregulierung, aber der Markt, sich selbst überlassen, regelt schecht oder gar nicht. Und da, wo es darauf ankommt, ist auch die Politik offenbar machtlos. Nur zwei Beispiele:

Die Kontrolle der Finanzmärkte steht seit Jahrzehnten auf dem Programm der Weltpolitik, durchsetzen konnten sie sich nicht gegen die übermächtige Lobby der Finanzmärkte, über die massiv in die Politik ganzer Weltregionen und von Regierungen eingegriffen werden kann und immer wieder auch wird, und zwar immer zum obszönen Nutzen ganz weniger und zum Schaden für viele, mit oft runiösen Folgen für die einfache Bevölkerung in den betroffenen Staaten.

Der Abbau der Armut steht seit Jahrzehnten auf dem Programm der Weltpolitik, das Gegenteil ist eingetreten, die Schere zwischen Arm und Reich öffnete sich immer schamloser. 1960 lag das Pro-Kopf-Einkommen des reichsten Fünftels der Weltbevölkerung 30 mal höher als das des ärmsten Fünftels. Heute liegt es 78 mal höher!

So etwas ruft nach einem grundsätzlichen Umsteuern und Umdenken.
Grund genug für Demonstrationen von Hunderttausenden vernünftiger Leute.

Und die Frustration derer, die angesichts der Ohnmacht vor der Wirtschaftsmacht statt zu resignieren zur Gewalt greifen, auch diese Frustration muß ernst genommen werden. Sie ist der undemokratische Schatten, den der undemokratische globale Kapitalismus wirft.

Mit freundlichen Grüßen
Udo Teichmann