Datum: 17.07.2001 03:46:08 Autor: SOZI ©
Nanu, wo ist denn der Thread über Glaubensfragen geblieben?
Claus II
Natürlich meinte ich die protestantische Musik zu Zeiten des Tridentinums, also im 16. Jahrhundert; insofern kein "Seitenhieb", sondern historisches Faktum, erklärlich aus der protestantischen Theologie, dass nur mehr das biblische Wort Gültigkeit habe. Luther allerdings wusste noch um die Verführbarkeit durch Sinneseindrücke; die lutherischen Komponisten sahen sich aber gezwungen, mangels eigener Tradition auf katholische Vorbilder zurückzugreifen. Calvin war da radikaler: nichts, aber auch gar nichts sollte die Gemeinde vom Wort der Verkündigung ablenken; deshalb wurde Mehrstimmigkeit verboten, und Fresken übermalt; noch heute sind die meisten reformierten Kirchen schlicht weiß von innen.
Bach hat mit alledem gar nichts zu tun; sein ungeheures, aber berechtigtes Selbstbewusstsein als Komponist verlieh ihm eine Dickschädeligkeit, einen Willen zur Selbstbehauptung, der ihn jede seiner Stellungen nur danach beurteilen ließ, ob er Musik in seinem Sinne machen konnte, keine kleine Aufgabe, wo er doch gleichzeitig eine Familie mit vielen Kindern zu versorgen hatte. Freilich verstand er Musik nicht als "Kunst" im heutigen Sinne, sondern ganz gemäß der rationalistischen Frühaufklärung als "Kompositionswissenschaft", darin besteht das konstruktive Element, das Sie in einem früheren Post ansprachen. Übrigens, und das zeigt die Konfessionen nivellierende Tendenz der beginnenden Aufklärung, auch Bach, dieser erzprotestantische Komponist, hat eine Missa solemnis für den katholisch gewordenen Dresdener Hof komponiert; das hat ihm immerhin den Titel eines Königl.-sächsischen Kompositeurs eingebracht.
Mit der Abhängigkeit der Oper von höfischer Repräsentation meinte ich eigentlich weniger Wagner (dessen Verhältnis zu Ludwig II. die berühmte Wiederholung der Geschichte als Farce darstellt), als vielmehr die Komponisten, die so absolutistisch gesonnene Monarchen wie Ludwig XIV. oder August der Starke um sich versammelten.
Aber Wagner! Ich kenne keine ärgerlichere Gestalt in der Musikgeschichte. Angesteckt von der in Deutschland grassierenden Hegelei maßte er sich an, musikalischen Weltgeist zu spielen, und seine Träume von der Wiedergeburt der griechischen Tragödie mit wabernden Germanen-Mythen zu versehen. Die Ideologie Wagners ist die des Inzestes. Das Eigene muss so eigen bleiben, dass nur der Inzest die Lösung verspricht; Siegmund und Sieglinde zeugen Siegfried, den tumben Helden, der durch die unbewusste Tat die Welt von Gedanken und Rexflexion befreit. Ein neuer, "germanischer" Mythos soll da offenbar geschaffen werden; so als ob Mythos nicht nur dann Sinn hätte, wenn er selbstverständlich ist. Fragt man, ob er wahr ist, ist er schon kein Mythos mehr, sondern eine Märchenerzählung.
Wagner ist der wahre "Staatsmusikant" des verunglückten zweiten Kaiserreiches, nicht ohne den Wahn des Dritten Reiches zu antizipieren.
Meine Devise lautet: Meyerbeer statt Wagner. Meyerbeer, der Berliner, der an der Pariser Opéra seine größten Triumphe feierte, schuf mit "Les Huguenots" und "Le Prophète" Opern, die die Ohnmacht des einzelnen realen Menschen angesichts der Brutalität angeblich übergeordneter konfessioneller oder politischer Interessen zeigen; der vergebliche, deshalb aber umso berechtigtere Einspruch zweier Liebenden aus unterschiedlichen Lagern gegen die Tyrannei von Ideologien. Da wird ein humanes Engagement spürbar, das man in den Wagnerschen Mythengebilden vergebens sucht.
SOZI