Datum: 09.07.2001 15:41:28 Autor: Udo Teichmann ©
An die Redaktion - Peter Stadler
paul velani: Parteiforen Tendenzforen?
Liebe Mitdiskutanten,
lieber Paul Velani,
vielen Dank für Ihr wirklich Achtung gebietendes Engagement für dieses Forum, und damit für einen lebhaften Gedankenaustausch unter dem Dach eines taktvollen zwischenmenschlichen Umgangstons. Ihre eingestandene Wut und Hilflosigkeit gegenüber den hier schamlos auftrumpfenden Häßlichkeiten spricht ihrem Charakter und Ihrem Stilempfinden nur das beste Zeugnis aus. Die Redaktion wird es schwer haben, sich Ihrem Nievau entsprechend um das Forum zu kümmern.
Es ist in der Tat ärgerlich, daß eine Hand voll systematischer Miesepeter und übellauniger Randalierer unter zahlreichen Pseudos inzwischen die Masse der Beiträge in diesem Forum stellt. Entsprechend öde und unappatitlich muß das Forum daher auf jeden Menschen von Geschmack wirken. Kann man aber, in einem öffentlichen Forum des politischen Meinungsstreits von einer Redaktion wirksamen Schutz gegen Müll und Niedertracht erwarten?
Ja, man kann.
Ein Beispiel dafür ist das Zeit-Forum. Da sorgen Persönlichkeiten der Zeit-Redaktion dafür, daß für gutwillige Diskutierer ein Forum zur Verfügung steht, in dem man nicht knietief durch den Morast dusseliger Faxen sowie menschlicher Dummheit und Niedertracht waten muß. Und diese Persönlichkeiten der Zeit-Redaktion haben auch alle erforderlichen technischehn Instrumente, um mit Störenfrieden und Stänkerern wirksam umgehen zu können.
Dazu aber müsse solche Persönlichkeiten so fair wie gute Fußballschiedsrichter sein und in einem Umfeld arbeiten können, in dem sie sich nur von dieser Fairness, den für alle geltenden Gesetzen und dem guten Geschmack leiten lassen dürfen und nicht dauernden Pressionen ausgesetzt sind, ein bestimmtes Meinungsbild im Forum gewisermaßen zu "erzeugen", indem bestimmte Meinungen ausgeblendet oder schwächer dargestellt werden, als sie in Wirklichkeit sind, oder bestimmte Personen möglichst allgemeinem Spott ausgesetzt werden, weil sich Sachgründe gegen ihre populären Positionen nicht recht finden lassen.
Ein öffentliches Politikforum gedeiht offenbar nur in einem Umfeld, in dem nicht eine bestimmte politische Parteilichkeit Hausrecht beansprucht. Solange sich Teilnehmer wechselweise als Feinde betrachten, und die eigentlich zu überparteilicher Schlichtung berufene Redaktion bewußt oder unbewußt als Tendenzbetrieb fungiert, verliert eine solche Redaktion schlagartig an Achtung und Glaubwürdigkeit, und damit auch an der Kraft, überhaupt noch schlichtend und moderierend in den Kommunikationsprozeß einzugreifen.
In der derzeitigen Situation ist in diesem Forum vom Management des Forums keine Besserung zu erwarten. Es bedürfte einer Neuentdeckung des Ranges der Meinungsfreiheit, die dieses Grundrecht nicht nur zum Dampfablassen für ahnungslose und verantwortungslose Klugschwätzer abhakt, sondern im freien demokratischen Diskurs wirklich den pluralistischen Souverän sprechen hört, und dem Wähler nicht ungehobelt das Wort abschneidet oder seine Äußerungen durch Löschen ganz tilgt. Parteien müssen den Wähler an sich achten, nicht nur den Wähler, der auf die Propaganda der jeweils eigenen Partei hereingefallen ist; denn das ist auch nur eine Form der Verachtung.
In der derzeitigen Situation sehe ich bei den Parteien aber niemanden, der das Format dazu hätte, ein solches Umdenken in Hinblick auf die Meinungsfreiheit zu bewerkstelligen. Eher schon wird wohl nach immer weiter verfeinerten Techniken der Meinungsmanipulation in der Massenmediengesellschaft geforscht werden und den Parteiforen wird in diesem Kontext wohl eine strikt parteitaktische Rolle zugedacht werden.
Vom außen, erst recht von "oben", erwarte ich mir daher keine Verbesserung. Das einzige, was man als engagierter Demokrat ohne Funktion und Mandat tun kann, ist möglichst überzeugende Beiträge zu schreiben und persönlich gemünzte Niedertracht und Schmähsucht möglichst zu ignorieren, am besten aber entsprechende Pseudos erst gar nicht mehr anzuklicken. Alles übrige regelt dann der Markt, der auch für die verdächtigen Lücken, den willkürliche Löscheingriffe erzeugt haben, einen Preis ermittelt. :-))
Mit freundlichen Grüßen
Udo Teichmann