Datum: 27.10.2000 02:13:44 Autor: Udo Teichmann ©
Das C im Namen der CDU


Das "C" im Namen der CDU
Liebe Mitdiskutanten,

in Reaktion auf die moralischen Abgründe des nationalsozialistischen deutschland wurde die CDU als Partei neuen Typs gegründet. Und das "C" im Namen der Partei war ein ganz bewußtes, ganz ernst gemeintes Versprechen: Politik sollte von dieser Partei im Dienst der Moral und aus der Grundüberzeugung des "christlichen Menschenbildes" betrieben werden.

Das "christliche Menschenbild" setzte sich dabei ganz bewußt in Gegensatz zu den Idealisierungen und Projektionen, die das Menschenbild in den mörderischen Ideologien von Nationalsozialismus und Kommunismus dem real lebenden Menschen hier und jetzt so sehr entfremdete, daß der aktuell lebende Mensch leichten Herzens geopfert werden durfte, um eines fernen Tages jenes gefeierte Menschenideal verwirklichen zu können, auf das Rasse oder Klasse zusteuern.

Das politisch-programmatisch definierte "christliche Menschenbild" nimmt den Menschen so wie er ist wichtig. Der einzelne Mensch hier und jetzt, unabhängig von Rasse oder Geschlecht, unabhängig ob leistungsfähig oder behindert, unabhängig ob scharfsinnig oder gedankenträge, jeder einzelne Mensch ist Träger der selben Würde, da diese Würde auf den einen Schöpfer aller Menschen verweist.

Christus selbst verpflichtet die Partei mit seinem "C" im Namen darauf, in erster Linie in der Nächstenliebe den Dienst am Göttlichen zu betreiben. Die CDU steht daher mit ihrem Namen dafür, daß sie sich in ihrer Politik von der christlichen Ethik inspirieren und leiten läßt. Und damit kann dieses "C" zu einem Prüfstein und einer Provokation werden, wenn eine solche Partei Sozialabbau betreibt, die Natur gnadenlos ausschlachtet, Waffen exportiert, nationalistische und fremdenfeindliche Motive zu parteitaktischen Kampagnen subtil instrumentalisert.

Dieses "C" ist ein Ärgernis, denn Politik folgt selten ethischen Grundanliegen sondern meist den gesellschaftlich vorherrschenden Interessen. In unserer zunehmend säkularisierten Welt ist der "christliche" Anspruch der CDU auch längst nicht mehr dazu angetan, höhere Wahlschancen bei einer frommen Bevölkerung zu verschaffen., im Gegenteil,. das "C" bietet in der "verweltlichten Welt" allenfalls eine wohlfeile Angriffsfläche.

Die Frage ist daher, ob nicht die CDU sich dieser heiklen "christlichen" Zusatz-Verpflichtung besser entledigte und zu einer ganz normalen konservativen Partei werden sollte, wie etwa die Tories in Großbritannien.

Oder sollte diese Partei sich immer weiter diesen Dorn im Fleische zumuten, gebunden zu bleiben an fundamentale christliche Ansprüche, auch wenn der politische Alltag doch immer wieder bloß eine Kette von Treulosigkeiten gegenüber diesen hohen Ansprüchen sein sollte.

Oder sollte diese Partei das "christlich" in ihrem Namen zur Dekoration und sentimentalen Folklore ausdrücklich beibehalten, wobei dann die ausgebufften Machtspiele aus der geschichte des "christlichen Abendlandes" handfeste Anregungen für das politische Kräftemessen bieten dürfen.

Was ist die Position der Partei in diesem Spannungsfeld zwischen Ethik und Politik und Christentum?

Mit freundlichen Grüßen
Udo Teichmann