Datum: 13.10.2000 13:10:29 Autor: Udo Teichmann ©
Nobelpreisträger Gao Xingjian von CDU-Forum inspiriert?
fetz braun: Uhrenvergleich?
Lieber Herr Braun,
---Zitat---
"Die Busstation" wurde 1983 uraufgeführt. Gab's da dieses Forum schon? Gab's da das Internet schon?
Aha.
---tatiZ---
Ich möchte Ihren Scharfsinn durchaus nicht bestreiten. Wenn man die Zeit als einsinnig linear in Richtung auf die Zukunft verlaufende Größe akzeptiert, hat Ihr Einwand wirklich etwas Bestechendes. Und wenn es hier gewissermaßen um einen literarischen Uhrenvergleich gagangen wäre, könnte man sich mit Ihrem "Aha" als Schlußpunkt des Denkprozesses durchaus anfreunden.
Wie es sich nun aber mit der Metaphorik verhält, kennt die keine Zeit und keinen Ort, sie ist gewissermaßen räumlich und zeitlich heimatlos, und ihr Sinn darum allgegenwärtig. Es geht hier, wie ich zart anzudeuten mich nicht gescheut hatte, nicht um "realistische, psychologisierende Veranschaulichungen" sondern um "abstrakte Assoziationen".
---Zitat---
Das Drama ist zwar in der Alltagsrealität der Volksrepublik China angesiedelt, bedient sich jedoch einer Metaphorik, durch die Gao seine Theaterstücke allmählich von einer realistischen, psychologisierenden Dramatik zu einem Theater der abstrakten Assoziationen entwickelte.
---tatiZ---
Und abstrakte Gedankenverknüpfungen zur Unmöglichkeit von Kommunikation unter Menschen mögen einem schon begegnen, wenn man erlebt, wie freudlos sich hier wortreiches gegenseitiges Desinteresse artikulieren kann, ohne daß daraus echte zwischenmenschliche Kommunikation enstünde, also etwas Verbindendes, etwas Gemeinsames, ein Klima der ebenbürtigen Partnerschaft im Austausch von Gedanken. Statt dessen finde ich hier allzu oft nur ein feindseliges Abblocken fremder Gedanken und eine gehässig-triumphierende Hähme darüber, was für einen absurden Unsinn der andere jeweils verzapft haben soll.
Da mögen einen schon Assoziationen befallen, die an der Möglichkeit von Kommunikation zwischen Menschen ernsthaft zweifeln läßt. Für solche grundstürzenden bitteren Einsichten steht das Werk des Literaturnobelpreisträgers Gao Xingjian, und mein Schlenker, daß er womöglich durch das CDU-Forum inspiriert worden sein mag, ist eine gewollte Absurdität, die als literarisches Stilmittel zusätzlich unterstreicht, wie zutreffend diese Absurdität tatsächlich zu sein scheint.
So etwas tut man eigentlich nicht, daß man die Pointe in einem Text umständlich erläutert. Hier durfte es ausnahmsweise mal sein, weil Ihr erfrischend vordergründiger Einwand so treffend belegt, wie absurd alles Reden unter Menschen sein kann. Also, immer weiter warten auf Godot...
Mit freundlichen Grüßen
Udo Teichmann