Datum: 13.10.2000 01:39:02 Autor: Udo Teichmann ©
Nobelpreisträger Gao Xingjian von CDU-Forum inspiriert?
Nobelpreisträger Gao Xingjian von CDU-Forum inspiriert?
Liebe Mitdiskutanten,
ein Kernthema des exilchinesischen Nobelpreisträgers für Literatur 2000, Gao Xingjian, Jahrgang 1940, also ein 68er, bewegt sich um die Absurdität und Vergeblichkeit des menschlichen Lebens und vor allem darum, daß unter Menschen Kommunikation nicht möglich ist.
"Chezhan" ("Die Busstation"), wurde 1983 auf der Experimentalbühne des Pekinger Volkskunsttheaters uraufgeführt. Das Drama ist zwar in der Alltagsrealität der Volksrepublik China angesiedelt, bedient sich jedoch einer Metaphorik, durch die Gao seine Theaterstücke allmählich von einer realistischen, psychologisierenden Dramatik zu einem Theater der abstrakten Assoziationen entwickelte.
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An der Haltestelle eines Vorortes warten sieben Personen auf den Bus, der sie zu einem Wochenendbesuch in die Stadt bringen soll. Während die Personen in seinen früheren Werken noch über einen eigenen Namen und eine eigene Geschichte verfügten, handelt es sich bei den Fahrgästen der "Busstation" um Typisierungen (die Mutter, der Alte, der Brillenträger) ohne individuelle Züge. Auch in ihren Reden gewinnen diese Figuren keinen persönlichen Charakter, äußern sie doch lediglich gängige Klischees über die alltäglichen Probleme des Lebens. Da sich diese Reden weder aufeinander beziehen noch Handlung erzeugen, erschöpft sich das Tun der Wartenden darin, mit sinnlosem Gerede so lange die Zeit zu verschwenden, bis sie am Ende des Stücks plötzlich merken, daß sie zehn Jahre lang vergeblich auf einen Bus gewartet haben, der niemals kommen wird.
Man wird den Verdacht nicht los, daß Gao durch das CDU-Forum inspiriert wurde. Auch hier wird Tag für Tag der absurde Nachweis erbracht, daß sich in diersem Forum der Beredsamkeit kaum noch aneinander interessierte Menschen aus Fleisch und Blut begegnen, sondern zunehmend nur noch freudlose virtuelle Typisierungen ohne individuelle Züge, und in ihren Wechselreden ist am Auffälligsten, daß sie nicht auf Kommunikation hinauslaufen sondern fast durchgängig eigenbrötlerisch auf die kalte Mitteilung zusteuern, wie sehr der oder die andere verachtet wird...
Aber vielleicht weist ja die Pointe des Dramas den Ausweg. Während nämlich die Masse der Wartenden die Zeit ungenützt verstreichen läßt, hatte sich einer, der "Schweigsame", sofort, nachdem der erste Bus an der verrosteten Haltestelle vorbeigefahren war, zu Fuß auf den Weg in die Stadt gemacht. Ist das die Lösung, diesem freudlosen Ort wortreichen wechselseitigen Desinteresses zu entkommen. Oder gibt es für die Masse der feindselig aneinander Vorbeiredenden doch noch etwas Verbindendes, etwas aus dem Sympathie und Offenheit füreinander erwachsen könnte?
In Gao's Busstation ergibt es sich so etwas nach zehn Jahren, als die versetzten Fahrgäste während eines Regenschauers unter einer Plastikplane Schutz vor der Nässe suchen und sich endlich Zuneigung und Wärme entgegenbringen, so daß sie beschließen, sich nicht mehr länger von der Busgesellschaft täuschen zu lassen, sondern im Vertrauen auf die eigene Kraft gemeinsam zu Fuß in die Stadt aufzubrechen...
Mit freundlichen Grüßen
Udo Teichmann