Datum: 29.08.2000 03:11:40 Autor: Udo Teichmann ©
Handlungsbedarf
Dangerseeker - Freiheit unter 80 Mio gleich Freien
Hallo Dangerseeker,
wie in vielen anderen Fragen auch spitzt sich der Streit um eine Registrierungslosung für ein öffentliches Diskussionsforum im Internet grundsätzlich auf das Problem zu, wie ich Freiheit unter 80 Mio gleich Freien aufrechterhalten kann.
Fast jede Betätigung meiner Freiheit tangiert irgendwie die Freiheit anderer, und umgekehrt. in einer zivilisierten Gesellschaft wird der Versuch gemacht, durch Höflichkeit und gegenseitige Rücksichtnahme dieses systematische Problem der Freiheit in einer Massengesellschaft zu entschärfen. Höflichkeit und gegenseitige Rücksichtnahem sind dabei keine überflüssigen Tanzschulregeln, sondern bilden den Kern der gelebten Gemeinschaft. Ohne Höflichkeit und gegenseitige Rücksichtnahme würde in einer Massengesellschaft das Leben für alle zur Hölle.
In Artikel 2 des Grundgesetzes wird der Maßstab einleuchtend formuliert:
"Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt."
Hier wird also das Programm für eine Geisteshaltung formuliert, die auf Gemeinsinn gerichtet ist und sich sozial verträglich ausdrückt. Aber hier hört auch jedes feri flottierende Fantasieren über "absolute Freiheit" auf. Wir sind alle eingebunden in Gemeinschaften und aus dem prinzip, daß wir alle gleichen Rang haben, folgen gegenseitige Verpflichtungen auf Respekt und Rücksichtnahme. Wer sich nicht an diese Verpflichtungen gebunden fühlt, wird in jeder vernünftigen Gesellschaft mit mehr oder weniger sanftem Zwang zur Ordnung gerufen. Es ist zwar sehr pathetisch und ein wunderbares Thema für flammende Idealisierungen, sich gegen jeden Zwang und alle Reglementierungen auszusprechen, nur muß man dann auch die Konsequenzen ziehen und sich auf eine einsame Insel zurückziehen, so daß eigenes Verhalten Rechte anderer nicht mehr tangieren kann.
Wer aber in Gemeinschaft lebt, erkauft die Nestwärme, den Schutz und die Nützlichkeit der Gemeinschaft damit, daß er seine Freiheit nicht ungezügelt auslebt, sondern in sozial verträglicher Weise immer auch unter dem Blickwinkel, die anderen in ihrer gleichrangigen Freiheit nicht unfair zu benachteiligen.
Nun lehrt die Erfahrung, daß es in jeder Gemeinschaft immer auch Einzelne gibt, die sich unfaire Vorteile verschaffen wollen oder Unfrieden und Streit stiften. Dagegen richtet die Gemeinschaft Gesetze und Reglementierungen auf, um das gedeihliche Zusammenleben auch dann noch zu sichern, wenn nicht alle nett und fair sind. Und unterhalb der Gesetze wirkt die soziale Kontrolle von Blicken, Gesten und Ermahnungen, die sich gegen Mutwillen und Ungehörigkeiten verbal oder nonverbal ausdrücken. Dabei ist ganz besonders wirksam, wenn man sich untereinander kennt, oder über Bekantschafts- und Verwandtschaftsverhältnisse miteinnader zu tun hat. Hier gelten ungeschriebene Normen und Erwartungshaltungen, die schicht- und zeitabhängig oft durchaus im Fluß sind.
Im Internet funktioniert diese zwischenmenschliche soziale Kontrolle nicht mehr, weil jeder sich im Grunde anonym fühlt und soziale Bindungen zu dem jeweiligen digitalen Gegenüber ausfallen, die sich sonst durch das allgemeine Erscheinungsbild, Stimme, Tonfall, Gesichtsausdruck einstellen. Insofern stellt uns das Internet mit unseren virtuellen und digitalen Begegnungen vor ganz neue Sozialbeziehungen, genauer: vor soziale Nichtbeziehungen.
Nun setzen viele auf das Internet, weil dieses nichthierarchische Netzwerk ein Eldorado von Freiheit und Freizügigkeit zu sein verspricht. Die Topografie des Netzes ändert aber nichts daran, daß an den Millionen Knoten dieses weltumspannenden Netzes Menschen sitzen, nette und böswillige, vernünftige und schräge, und wieder stellt sich das Problem der Freiheit in der drangvollen Enge von Millionen gleich Freier.
Man steckt einfach nur den Kopf in den Sand, wenn man sich einbildet, im Internet würde absolute Freiheit klappen. Auch hier ist Freiheit ein Programm und Projekt, an dem auf gleicher Augenhöhe gemeinsam gearbeitet werden muß. Alles treiben lassen ist kein Ausdruck von Freiheit sondern von Verantwortungslosigkeit.
Nun gibt es natürlich unterschiedliche Menschen, die das Projekt Freiheit auch unterschiedlich lösen wollen. Die einen setzen nach ihrer ganzen Art eher auf Reglementierungen, Gesetze, Vorschriften, möglichst lückenlos und womögluich noch drei- und vierfach gegen alle Umgehungsmöglichkeiten mit Zusatzregelungen verziert.
Die anderen leben nach dem Motto, anything goes, und nur in den allerschlimmsten Ausnahmesituationen lassen sie sich schweren Herzens auf Regeln und Gesetze ein.
Und die realen Menschen turnen irgendwo zwischen diesen beiden Extremen herum. Es geht also darum, daß unter Menschen unterschiedlicher Grundausrichtung ein Kompromiß gefunden werden muß, wie weit man im Einzelfall jeweils in Freiheit eingreifen darf oder muß, um ein verträgliches und gedeihliches Miteinander zu schaffen.
Um diese schwierige Kompromißsuche geht es hier. Das ist wichtig genug, daß darüber auch in scharfer Tonlage gestritten werden darf. Aber letztlich sollten wir nicht vergessen, daß diese ganze Kompromißsuche deswegen betrieben wird, um soziale Verträglichkeit und ein gedeihliches Miteinander zu schaffen. Deshalb sollte man bei aller Schärfe in der Auseinandersetzung auf die üblichen Torheiten ad hominem verzichten.
Mit freundlichen Grüßen
Udo Teichmann