Datum: 27.08.2000 23:47:36 Autor: ARTHUR SCHWARZ ©
Forums-Umfrage
Re: Informationskompetenz
"Anlaß für dieses Thema ist die Feststellung, daß wir es im Internet mit einer unzivilisierten neuen Welt zu tun haben, in der eine eigene Netz-Ethik bisher noch nicht entwickelt wurde.
Zivilisation ist das Ergebnis von (Über-)Reglementierung. Im Netz gibt es manche Auswüchse, die bei genauer Betrachtung in aller Regel weder gefährlich noch strafrechtlich relevant sind aber von vielen aus Gründen mangelnder Toleranz abgelehnt werden.
"Es macht den Eindruck, daß das Internet uns vor die Wahl zwingt, entweder auf modernisierte, also sehr resitriktive Kontrolle zu setzen - oder uns einer anonymen Netz-Anarchie zu überlassen."
Der Zwang besteht meistens in den Köpfen derer, die anderen ihr System aufzwingen wollen und leider auch oft genug die Macht dazu haben. Restriktive Kontrolle ist weder modern noch würde sie eine Modernisierung darstellen - ganz im Gegenteil, sie ist archaisch. Gesetzesverschärfung, Restriktion sowie Kompetenzerweiterung der Ermittlungsbehörden führte in der realen Welt nur selten zur Verminderung der Kriminalität oder Steigerung der Aufklärungsquote. Solche Maßnahmen bedeuten jedoch jedesmal eine weitere Einschränkung der Grundrechte aller Bürger.
"Mit dem Begriff "anonym" verbinde ich spontan "anonyme Briefe", also etwas Verächtliches."
Das ist Ihre persönliche Meinung. Ich sehe das (mittlerweile) völlig anders.
"Die Internet-Wirklichkeit dieses unzivilisierten Netzes sieht aber leider so aus, daß Anonymität im Netz oft die einzige Chance darstellt, den anmaßenden Datenbegehrlichkeiten von Staat, Wirtschaft und organisierter Kriminalität auszuweichen.
Das Netz pauschal als unzivilisiert zu bezeichnen ist schlicht ein Vorurteil, das keiner genauen Prüfung standhalten würde. Es existieren weit über eine Milliarde Seiten. Die überwältige Mehrheit dieser straft Ihr (Vor-)Urteil lügen.
Ansonsten haben Sie Recht. Anonymität schützt den ehrlichen Bürger. Der Staat hat die Fürsorge für seine "Untertanen" längst aufgegeben, wenn ihm überhaupt jemals was daran lag.
"Ende April 2000 stellte der Brite Ian Clarke sein "Freenet" vor. Ein paralleles Internet, welches auf der Basis des bestehenden Netzes entsteht und durch spezielle Software einen Verbund von Computern schafft, welche nicht zu kontrollieren sind. Ein Netz also ohne Zensur und mit garantierter Anonymität."
Das Freenet ist nur eines von vielen Projekten, die gegen den "Big Brother" und die einflußreiche Fraktion der Bürokraten und Reglementierer, in der Entstehung sind. Ein "Wettrüsten" auf beiden Seiten ist als Folge obrigkeitsstaatlicher Zensur und Bevormundung nicht ausgeschlossen. Wollen Sie das?
"Der Initiator nimmt dabei in Kauf, daß sein Ansatz eine optimale Bedingung für kriminelle Organisationen, für die Verbreitung von Kinderpornographie und Copyright-Verletzungen schafft."
Kein normaler Mensch nimmt Kinderpornographie billigend in Kauf. Im Gegenteil. Auch im Freenet würde dagegen vorgegangen denn es besteht bei jedem seriösen Betreiber und Nutzer eines Anonymisierungsdienstes ein überlebenswichtiges Interesse, den Missbrauch seines bzw. des Dienstes zu verhindern - nicht zuletzt um den Überwachungsfanatikern keine derartigen Argumente frei Haus zu liefern.
Ich habe einige Zeit überlegt, ob ich zu dem Punkt Kinderpornographie im Internet überhaupt Stellung beziehen sollte. Für manchen üblen Zeitgenossen bzw. Opponenten ist dies eine willkommene Gelegenheit bösartige Verleumdungen in die Welt zu setzen. Daher sage ich es in aller Deutlichkeit: Kinderpornographie ist eines der schlimmsten Verbrechen zu dem der Mensch fähig ist. Eine wirksame Verfolgung ist geboten und der oder die Täter müssen drakonisch bestraft werden.
"Kann man darauf vertrauen, daß sich im offenen Internet systemimmanente Selbstreinigungskräfte entfalten, die von ganz allein schädliche und schändliche Inhalte aussondern, weil sie nicht beachtet werden, oder muß man sich auch im Internet gegen Schmutz, Schund und illegale Machenschaften ganz konventionell zur Wehr setzen?"
Werfen Sie doch mal einen Blick ins Newsnet. Dort hat beinahe jede Newsgroup mindestens einen eigenen Blockwart der sich fast nie an der eigentlichen Diskussion konstruktiv beteiligt aber umgehend in Erscheinung tritt, wenn sich jemand nicht genauestens an die sog. Netiquette hält. Bei genauer Betrachtung sind es letztlich diese Auswüchse als Folge eines Regelwerkes, die eine Diskussion negativ beeinträchtigen.
Für viele ist diese "Blockwartmentalität" der Grund dem Newsnet den Rücken zu kehren und ihre eigenen Diskussionsgruppen einzurichten.
Abgesehen davon achten auch die Betreiber der Newsserver auf Einhaltung gewisser Regeln.
"Es ist eine schlimme Tatsache, daß jeder normale Nutzer des Internet von speziellen Suchmaschinen und digitalen Fangeinrichtungen systematisch beobachtet und balauscht wird. Wer einen Monat lang im Internet surft und dabei jede Woche etwa 5 Stunden online ist, hinterläßt in etwa 900 Dossiers Spuren, die ohne viel Aufwand zusammengeschaltet werden können und neben den gläsernen Konsumenten auch den gläsernen Bürger erzeugen können."
Daher finde ich es merkwürdig, daß Sie, in Anbetracht dieser Erkenntnisse, die auch nur die Spitze des Eisberges darstellen, sich hier für weitere Datenerhebung aussprechen.
"All dies können gute Gründe sein, sich durch weitgehende Anonymität gegen heimliches Belauschen zu schützen. Anders läßt sich die elektronische Privatsphäre und die informationelle Selbstbestimmung unter den heutigen Bedingungen im Internet kaum noch sichern."
Das können nicht nur gute Gründe sein, es sind welche.
"Aus diesem neuen Charme der Anonymität schöpfen nun auch viele Forums-User die Ansicht, daß auch hier Anonymität gewahrt sein muß, wo es nicht um die belauschte Privatsphäre, sondern um die Wahrnehmung staatsbürgerlicher Rechte in und für die Öffentlichkeit geht.
Sehr ausgetüftelte Formulierung.
Manche u.a. auch Sie betrachten die Öffentlichkeit als ein Forum sich zu produzieren bzw. profilieren. Klar, unter diesem Aspekt ist es verständlich das nicht anonym agiert wird. Ziel ist es, den eigenen Namen und die eigenen natürlich hochmoralischen Vorstellungen publik zu machen. Im Grunde ist das Eigenwerbung für persönliche Vorteile (würde aber hartnäckig geleugnet).
Warum sollte ich nicht anonym an einer öffentlichen Debatte teilnehmen dürfen? Es muß ja nicht jeder nach Ihren Vorstellungen diskutieren. Ich fordere ein generelles Grundrecht auf Anonymität mit möglichst wenigen Einschränkungen.
Gerade viele Konservative sehen sich zunehmend unter Druck gesetzt wenn sie von Ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung gebrauch machen. Vom politischen Gegner werden sie oft mit einer Flut aus Verleumdungen eindeckt und nicht selten in die rechte Ecke gestellt. Letzteres versuchten Sie bereits bei mir. Desweiteren sehen sich viele Bürgerliche einer Auseinandersetzung mit dialektisch geschulten, meist linken, Gegnern nicht gewachsen und flüchten sich in stille Gedanken was letztlich bedeutet, daß sie am öffentlichen Diskurs überhaupt nicht mehr teilnehmen.
Viele Bürger fürchten persönliche Nachteile wenn ihre politische Gesinnung detailliert bekannt wird.
Solche Nachteile sind existent und treten auf unterschiedlichste Weise zutage. Sie lassen sich auch nicht mit "aber wir leben doch in einem Rechtsstaat einer freiheitlichen Demokratie" wegdiskutieren.
Warum soll ich mich einer möglichen Schikane durch Gesinnungsmotivierte freiwillig ausliefern?
Hier im Forum existiert Schnüffelei und Auskundschaftung. Das habe ich vielfach beobachtet und auch bereits beschrieben. Wenn ich mich unter Realnamen hier beispielsweise kritisch über die SPD äußern würde, so gehe ich davon aus, daß meine gesammelten Werke meiner hiesigen SPD zugespielt würden.
"Oder gehen diese Gedanken viel zu weit, wo es doch "nur" um die Frage geht, wie kann man sicherstellen, daß in einem öffentlichen politischen Forum einigermaßen friedlich und systematisch über die öffentlichen Angelegenheit gesprochen werden kann, in einem Medium das noch gänzlich unzivilisiert ist und eine Tendenz zur Anarchie mitbringt."
Sie schreiben zum Einen, das Internet sei gänzlich unzivilisiert und dann im nächsten Halbsatz sehen Sie nur Tendenzen zur Anarchie. Das finde ich ist schon sehr verworren.
"Können wir in diesem Forum auf die Selbstreinigungsklkräfte bauen, indem auf Müll und Mobbing und Störflutungen von Unflat-Beiträgen einfach nicht reagiert wird, oder provoziert man durch demonstrative Untätigkeit nur umso dreistere Tabubrüche?"
Was sind Tabus? Brauchen wir Sie grundsätzlich und sind sie in jedem Fall berechtigt? Wer legt sie überhaupt fest? Steckt in vielen Tabus nicht eine versteckte Zensur?
Leute die schwere Tabubrüche begingen sitzen heute im Kanzleramt und in den Ministerien.
"Nach meinem Eindruck kippte dann irgendwann die Strategie des selbstbewußten Ignorierens um in eine Politik des hilflosen Wegschauens. Das Forum wurde so verhunzt und verludert, daß eine Diskussion schlechterdings nicht mehr möglich war. Jeder Gedankengang wurde durch stürmisches Einposten von niederträchtigen persönlichen Schmähungen und pornografischen Störbeiträgen sofort zerstümmelt und niemand hatte mehr Lust, in einem so verunstalteten Forum Antworten zu schreiben."
Übertreiben Sie da nicht ein wenig?
"Etwaige Selbstreinigungskräfte konnten sich gegen die böswilligen und zielstrebig hartnäckigen Attacken gegen das Forum nicht zur Geltung bringen."
Dieser Schluß kann noch lange nicht gezogen werden.
"Die Frage spitzt sich für mich daher zu: Soll man anonymen zerstörerischen Kräften die Macht überlassen, das Forum beliebig ein- oder auszuschalten?
Wie lautet die moderne Antwort auf die Wildwest-Manieren im unzivilisierten Internet?
Wird uns nicht nur die Privatsphäre genommen, sondern auch der Anspruch auf zivilisierten Umgang miteinander.
Wollen wir auf dem Altar der Freiheit ganz bewußt auch das Recht auf Destruktion in Kauf nehmen? Auch wenn diese Destruktion die Ausübung unserer Freiheit zunichte macht?
Wollen wir es uns zur Gewohnheit machen, daß Höflichkeit ein Relikt des Mittelaters wird und im Netz Achtung und Respekt als PC-Dummheiten verhöhnt werden?
Gibt es eine Alternative zum Versteckspiel in der Deckung der Anonymität?"
Rhetorische Fragen bringen keinerlei Fortschritt. Sie bezeugen letztlich nur eine manipulative Absicht.
Abschließend möchte ich mal eine provokative Frage einbringen:
Könnte es sein, das die derzeitige Situation im Internet, die Sie als unzivilisiert und anarchistisch bezeichnen, eine moderne, vielleicht sogar logische, Antwort von Menschen auf Überreglementierung und Bevormundung darstellt?
A. Schwarz