Datum: 26.08.2000 18:38:17 Autor: ARTHUR SCHWARZ ©
Forums-Umfrage


Re: Herr Teichmann
"Schreiben Sie keine Briefe mehr? Telefonieren Sie nicht mehr? Reden Sie in Ihrem Schlafzimmer noch mit Ihrer Ehefrau?"

Das ist die klassische Argumentationsschiene gegen den Datenschutz der Überwachungs(staats)-Verfechter - weiter nichts.

Andersrum könnte ich auch folgendes in die Diskussion einwerfen:
Schreiben Sie vertrauliche Informationen auf Postkarten? Verschicken Sie größere Geldbeträge bar mit der Post? Telefonieren Sie nur in Anwesenheit von "Zeugen"? Hat Ihr Schlafzimmer/Badezimmer/Haus eine Tür? Neigen Sie zum verbalen Exhibitionismus?


"Wir wissen auch, daß Daten ein empfindliches Gut sind und von Datenschutz haben wir alle auch schon gehört."

Ein wirksamer Datenschutz erschwert den Zugang zu personenbezogenen Daten, nicht für Ermittlungsbehörden sondern für schnüffelnde Dritte. Gerade aus diesem Grund wird jede Verbesserung von vielen Lobbyisten bekämpft.


"Mit keinem Wort lassen Sie erkennen, ob Sie wissen, WARUM denn überhaupt über die Notwehrlösung Registrierung nachgedacht wird.

Da haben Sie Recht. Ihre wahre Intention kenne ich nicht aber ich habe eine gewisse Vorahnung. "Notwehrlösung" - markige Formulierung - Notwehr rechtfertigt in jedem Fall drastische Maßnahmen - sofern es sich wirklich darum handelt.


"Ihr "Plädoyer gegen Registrierung" würde Gewicht erhalten, wenn Sie ein praktikables Rezept gegen die Verhunzung und Verluderung des Forums bieten könnten."

Habe ich bereits im Thread "Handlungsbedarf" geliefert - bewährt aber offenbar nichts für Ungeduldige. Die schießen lieber mit Kanonen auf Spatzen...


"Wer nicht gerade unter Einsatz erheblicher (krimineller) Energie seine Spuren systematisch und sehr kenntnisreich verwischt, ist auch ohne ausdrückliche Idenitifizierung im Ernstfall zu identifizieren."

Ihr Versuch diese Praxis zu kriminalisieren läßt tief blicken. Im Internet gibt es tausende Seiten die sich mit der Anonymisierung und dem Datenschutz befassen. Viele Anonymisierungsdienste werden aus rein ideellen Gründen kostenlos betrieben und ohne jegliche kriminelle Absicht auch genutzt. Was ist dagenen einzuwenden, wenn sich z.B. ein chinesischer Dissident aus Schutz vor Verfolgung anonymisiert? Hier liegen Sie übrigens richtig, der Dissident ist ein Krimineller - in China.


"Insofern ist eine bewußte und gewollte Identifizierung gegenüber der Redaktion nur offener und kontrollierter, während sich der Glaube an die Anonymität im Netz als irriges Wunschdenken entpuppt."

Und v.a. ist es dann auch leichter, mit ein bißchen "Sozialarbeit" z.B. bei einem Forumstreffen oder Telefonat entsprechende Informationen zu ergattern. Dies kann z.B. unter falschem Vorwand unbewußt geschehen oder auch ein "Freundschaftsdienst" sein.


"Die Stellen, von denen in Wirklichkeit Gefahr für die informationelle Selbstbestimmung droht, also die Geheimdienste, die professionelle Spähwirtschaft, extremistische Terrorbanden, die greifen nicht auf die Daten zurück, die ein Forumsteilnehmer etwa bei einer Registrierung der CDU per Post mitteilte. Gefährlich sind die Informationsfischer, von denen wir nichts wissen und selten auch nur etwas ahnen, während die Identifizierung gegenüber Vertragspartnern bzw. gegenüber Betreibern von Diskussionsforen (als vertragsähnliche Vertrauensverhältnisse) rechtsgeschäftlich geregelt sind und allen datenschutzrechtlichen Sicherungen unterliegen."

Wieder so ein Äpfel mit Birnen Vergleich. Es mag ja durchaus sein, daß der einzelne Bürger gegenüber Geheimdiensten nur geringe Chancen hat. Allerdings setzen nur totalitäre Systeme Geheimdienste zur Inlandsaufklärung ein. Gegenüber Spähern aus dem privaten oder semiprofessionellen Bereich ist ein Schutz aber durchaus möglich und auch Geboten denn dort liegt ein großes Missbrauchspotential vor wie z.B. der Fall Bercanay zeigt. Absolute Sicherheit gibt es nie.


"Die Anonymität im Netzt ist Selbsttäuschung, die, die unserer informationellen Selbstbestimmung gefährlich werden könnten, für die sind wir ohnehin nicht anonym. Aber die Betreiberin des Diskussionsforums würde die Registrierung auf praktikablem und offenem Weg in den Stand setzen, das Forum gegen mutwillige Störangriffe zu schützen.

Ihre Betrachtungsweise gilt gegenüber Geheimdiensten, Strafverfolgungsbehörden und dem Provider. Für Sie und andere Forumsteilnehmer sowie die CDU bin ich anonym. Bei funktionierendem Datenschutz bleibt das auch so.
Die ausweitende Vernetzung sowie die ständig zunehmende Erhebung und Speicherung von Daten in Verbindung mit neuen Überwachungstechnologien (z.B. CCTV, biometrische Systeme usw.) macht den totalen Überwachungsstaat erst möglich. In kürzester Zeit (irgendwann in Echtzeit) können Daten aus unterschiedlichsten Quellen zusammengeführt und ausgewertet werden.


"Jede Errungenschaft wird über kurz oder lang von zerstörerischen Kräften mißbraucht, jeder Freiheitsraum wird von diesen Knoten aus Niedertracht, Falschheit und Bosheit besetzt."

Die Hauptschuldigen haben Sie vergessen: Die Reglementierer. Sie sind es, die die Freiheit immer weiter einschränken und sich vor allem durch Intoleranz und Bevormundung hervortun - freilich immer zum Wohle der Allgemeinheit. Aber gerade hier liegt eine große Bedrohung der freiheitlichen Demokratie.


"Der Wahn, ein modernes Medium würde sich frei entfalten können, wird hier an jedem Wochenende widerlegt."

Der Wahn alles und jedem zu kontrollieren ist nicht aufs Wochenende beschränkt.


"Ich bin mir durchaus bewußt, daß die Störenfriede und Fälscher und Mobber und Kindsköpfe nur eine Angriffsfront darstellen. Auch die Redaktion muß mitspielen und in ihrer Moderation deutlich werden lassen, welche Achtung sie vor unserer Verfassung und der darin garantierten Meinungsfreiheit hat. Aber die Redaktion kennen wir, die Verantwortlichen sind greifbar, die anonymen Störer dagegen sind ohne Rgistrierung nur unter so erheblichem Aufwand aufzuspüren, daß sie letztlich ungeschoren davonkommen und ihr zerstörerisches Werk immer weiter fortsetzen können."

Genau in diesem Punkt, so vermute ich, liegen Ihre wahren Absichten verborgen. Da Sie offenbar über sehr viel Zeit verfügen und wie ich hörte sogar die Redaktion verklagt haben sollen, glaube ich, daß die Justiz dann in Zukunft noch etwas mehr Arbeit bekommt.


"Ich sehe das Registrierungsverfahren analog zu den Regelungen über die "geheime Wahl". Alle möglichen Vorkehrungen werden getroffen, damit der Wähler am Wahltag seine Stimme geheim abgeben kann. Aber auf dem Weg in die geheime Wahlkabine muß er sich identifizieren und nachdem er sein Kreuz gemacht hat, muß er in aller Öffentlichkeit seinen Wahlumschlag in die Wahlurne werfen. Auch hier greifen Identifizierung, Vertraulichkeit und Öffentlichkeit der Vorgänge systematisch ineinander."

Völlig falsche Analogie! Bei einer demokratischen Wahl läßt sich im Nachhinein nicht mehr ermitteln wer welchen Stimmzettel abgegeben hat. Das ist nicht vorgesehen und darf in einer freiheitlichen Demokratie auch nicht sein. Der Sinn des Verfahrens liegt darin, den Missbrauch im Voraus auszuschließen.
Diese Praktik auf das Forum angewendet, würde völlig ohne Registrierung auskommen. Alle Beiträge würden auf bestimme Kriterien hin geprüft und dann erst veröffentlicht oder ggf. verworfen.

Die Anwendung Ihrer "Registierunglösung" bei einer Wahl käme einer Abschaffung der geheimen und damit freiheitlich demokratischen Wahl gleich da auf dem Stimmzettel quasi ein Verweis auf die wahre Indentiät vermerkt würde.


"Die Realisierung demokratischer Freiheiten setzt den gesunden Menschenverstand voraus, der sich vor Störungen, Fälschungen, Unflat, Gewalt und Bedrohung wirksam zu schützen weiß.

Mut zur Freiheit und gesunder Menschenverstand ja, deshalb keine Registrierung!


"Auch der öffentliche politische Diskurs ist eine wertvolle demokratische Freiheit, die man ebenfalls vor all diesen zerstörerischen Angriffen schützen muß."

Das größte Zerstörungspotential einer freiheitlich demokratischen Diskussion sehe ich in der zunehmenden Reglementierung z.B. Political Correctness, der Meinungsmache, Meinungsbevormundung und Manipulation durch Interessenverbände, Parteien und Medien.


"Gesucht ist eine praktikable Methode, die der Spontaneität und Freiheit des Geschehens möglichst wenig Hindernisse in den Weg räumt - und trotzdem eine wirksame Abwehr von mutwilligen Störungen und eine zuverlässige Unterbindung von Gesetzesverstößen möglich macht."

Sind Sie ein Sponti? Sie reden davon der Diskussion möglichst wenig Hindernisse in den Weg zu räumen und fordern die Errichtung einer Mauer.


"Dazu ist eine Güterabwägung nötig, eine sorgfältige Gegenüberstekllung von Pro und Contra."

Eine solche sorgfältige Gegenüberstellung suche ich bei Ihren Ausführungen vergeblich. Außer Ihrer "Registrierungslösung" die in eigentlichen Sinne keine Lösung ist, haben Sie nichts im Petto. Registrierung und Kontrolle ist die Methode gegen die freie Meinungsäußerung und läuft einer lebhaften, pluralistischen und ehrlichen Diskussion zuwider.


"Ein einspurig-naives Lob des Datenschutzes bringt uns keinen Schritt weiter."

Nur Unwissende, Ignoranten oder Kontrollfanatiker würden den Datenschutz als naiv oder einspurig bezeichnen. Er ist ein starkes Argument und stellt implizit bereits eine Güterabwägung dar.



mG
A. Schwarz