Datum: 26.08.2000 00:16:30 Autor: Udo Teichmann ©
Forums-Umfrage
Plädoyer für Registrierungspflicht
Liebe Mitdiskutanten,
es ist natürlich sehr verdienstvoll, daß "ARTHUR SCHWARZ ©" uns über die Grundlagen des Datenschutzes und der informationellen Selbstbestimmung "leicht amüsiert" ins Bild setzt.
Lieber Herr Schwarz, nun wissen wir also, daß Datenschutz wichtig ist. Und? - Schreiben Sie keine Briefe mehr? Telefonieren Sie nicht mehr? Reden Sie in Ihrem Schlafzimmer noch mit Ihrer Ehefrau? Wir wissen auch, daß Daten ein empfindliches Gut sind und von Datenschutz haben wir alle auch schon gehört. Mit keinem Wort lassen Sie erkennen, ob Sie wissen, WARUM denn überhaupt über die Notwehrlösung Registrierung nachgedacht wird. Ihr "Plädoyer gegen Registrierung" würde Gewicht erhalten, wenn Sie ein praktikables Rezept gegen die Verhunzung und Verluderung des Forums bieten könnten.
Unter Registrierung verstehe ich eine wirksame (postalische) Identifizierung ausschließlich gegenüber der Redaktion unter Beibehaltung der (scheinbaren) Anonymität gegenüber der Internet-Öffentlichkeit.
Die Identifizierung gegenüber der Redaktion wird hier wie eine gewaltige Selbstoffenbarung betrachtet, dabei ist die Idee, man würde im Internet wirklich anonym agieren können, eine bloße Selbsttäuschung. Wer nicht gerade unter Einsatz erheblicher (krimineller) Energie seine Spuren systematisch und sehr kenntnisreich verwischt, ist auch ohne ausdrückliche Idenitifizierung im Ernstfall zu identifizieren. Insofern ist eine bewußte und gewollte Identifizierung gegenüber der Redaktion nur offener und kontrollierter, während sich der Glaube an die Anonymität im Netz als irriges Wunschdenken entpuppt.
Die Stellen, von denen in Wirklichkeit Gefahr für die informationelle Selbstbestimmung droht, also die Geheimdienste, die professionelle Spähwirtschaft, extremistische Terrorbanden, die greifen nicht auf die Daten zurück, die ein Forumsteilnehmer etwa bei einer Registrierung der CDU per Post mitteilte. Gefährlich sind die Informationsfischer, von denen wir nichts wissen und selten auch nur etwas ahnen, während die Identifizierung gegenüber Vertragspartnern bzw. gegenüber Betreibern von Diskussionsforen (als vertragsähnliche Vertrauensverhältnisse) rechtsgeschäftlich geregelt sind und allen datenschutzrechtlichen Sicherungen unterliegen.
Die Anonymität im Netzt ist Selbsttäuschung, die, die unserer informationellen Selbstbestimmung gefährlich werden könnten, für die sind wir ohnehin nicht anonym. Aber die Betreiberin des Diskussionsforums würde die Registrierung auf praktikablem und offenem Weg in den Stand setzen, das Forum gegen mutwillige Störangriffe zu schützen. Jede Errungenschaft wird über kurz oder lang von zerstörerischen Kräften mißbraucht, jeder Freiheitsraum wird von diesen Knoten aus Niedertracht, Falschheit und Bosheit besetzt. Und gerade die modernen Errungenschaften sind die empfindlichsten, oder wieso wird heute jeder Fahrgast vor dem Betreten eines Linienflugzeuges durchleuchtet und auf Waffen abgetastet. Der Wahn, ein modernes Medium würde sich frei entfalten können, wird hier an jedem Wochenende widerlegt.
Ich bin mir durchaus bewußt, daß die Störenfriede und Fälscher und Mobber und Kindsköpfe nur eine Angriffsfront darstellen. Auch die Redaktion muß mitspielen und in ihrer Moderation deutlich werden lassen, welche Achtung sie vor unserer Verfassung und der darin garantierten Meinungsfreiheit hat. Aber die Redaktion kennen wir, die Verantwortlichen sind greifbar, die anonymen Störer dagegen sind ohne Rgistrierung nur unter so erheblichem Aufwand aufzuspüren, daß sie letztlich ungeschoren davonkommen und ihr zerstörerisches Werk immer weiter fortsetzen können.
Ich sehe das Registrierungsverfahren analog zu den Regelungen über die "geheime Wahl". Alle möglichen Vorkehrungen werden getroffen, damit der Wähler am Wahltag seine Stimme geheim abgeben kann. Aber auf dem Weg in die geheime Wahlkabine muß er sich identifizieren und nachdem er sein Kreuz gemacht hat, muß er in aller Öffentlichkeit seinen Wahlumschlag in die Wahlurne werfen. Auch hier greifen Identifizierung, Vertraulichkeit und Öffentlichkeit der Vorgänge systematisch ineinander.
Die Realisierung demokratischer Freiheiten setzt den gesunden Menschenverstand voraus, der sich vor Störungen, Fälschungen, Unflat, Gewalt und Bedrohung wirksam zu schützen weiß. Auch der öffentliche politische Diskurs ist eine wertvolle demokratische Freiheit, die man ebenfalls vor all diesen zerstörerischen Angriffen schützen muß.
Gesucht ist eine praktikable Methode, die der Spontaneität und Freiheit des Geschehens möglichst wenig Hindernisse in den Weg räumt - und trotzdem eine wirksame Abwehr von mutwilligen Störungen und eine zuverlässige Unterbindung von Gesetzesverstößen möglich macht.
Dazu ist eine Güterabwägung nötig, eine sorgfältige Gegenüberstekllung von Pro und Contra.
Ein einspurig-naives Lob des Datenschutzes bringt uns keinen Schritt weiter.
Mit freundlichen Grüßen
Udo Teichmann