Datum: 03.04.2000 18:10:03 Autor: Udo Teichmann ©
Papst Johannes Paul II. für mich ein Heuchler...


Amadeus, katholische Vorläufer und Nachfolger Luthers
   
Lieber Amadeus,

es ist im Grund völlig abwegig, Luther ganz speziell etwas vorzuwerfen, was schon 1400 Jahre vor ihm gängige Geistehaltung der katholischen Kirche war, und was er nicht aus einer neumodischen lutherischen Lehre sondern aus dem jahrhundertelangen Beispiel und den Lehren seiner katholischen, insbesondere dominikanischen Lehrer und Vorbilder aufgesaugt hat wie die Muttermilch. Nun machst Du aber einen - wie Du meinst - wichtigen Unterschied:

---Zitat---
Martin Luther war nicht nur antisemitisch. Er wollte konkret die Judenvernichtung. Darin ist ihm kein katholischer Kirchenfürst und kein Papst gefolgt oder vorrausgegangen. Wenn Dir das Gegenteil bekannt ist, bitte ich freundlicherweise um Dokumentierung.
---tatiZ---

Ach, Amadeus, dieser Nachweis ist hundertfach geführt, auch ich habe genau diesen mordgierigen Antisemitismus schon in früheren Beiträgen hier skizziert (vgl. Erzbischof Agobard von Lyon usw.), doch die Unterscheidung in gewissermaßen zivilisierten Antisemitismus, den Du auch in der katholischen Kirche konzedierst, und dem konkreten Fordern der Judenvernichtung, wie Du es allein in der Luthertradition glaubst finden zu können, diese Unterscheidung ist historisch, theologisch und moralisch unsinnig.

Der katholische Kirchenlehrer Ephräm, von der katholischen Kirche ganz offiziell zum Heiligen erklärt, von seinen syrischen Landsleuten mit dem bewundernden Beinamen "Zither des Heiligen Geistes" belegt, verkündet: "Die Juden sind gotteslästerlich, schmutzig, gefährlich, wie eine ansteckende Krankheit, Sklavennaturen, Wahnsinnige, Teufelsdiener, Mörder, von unersättlichem Blutdurst." Und er warnt: "Flieh vor den Juden, denn nichts gilt ihnen dein Tod uind dein Blut." Und: "Ihre Führer sind Verbrecher, ihre Richter Schurken ... sie sind 99mal so schlecht wie die Nichtjuden."

Aus solchem Ungeist und Unflat kommt die mörderische Tat wie von selbst. Und aus diesem Geist eines kirchenamtlichen Heiligen stachelte der stellvertretende Erzbischof Martinez von Sevilla in höchsteigener Person ab 1378 zur Judenverfolgung auf und unter seiner Führung wurden 1391 viertausend Juden tatsächlich ermordet. Katholische Kirchenfürsten fordern also nicht nur zur Judenvernichtung auf, sie legen gleich mit Hand an und geben nicht eher Ruhe, bis das aufgehetzte Volk dem von ihnen entflammten Blutrausch folgt.

Aber solche Töne und solche Taten waren nicht auf das 12. Jahrhundert beschränkt, noch 1819 kam es in deutschen Landen zu umfangreichen Judenprogromen, ausgehend vom katholischen Würzburg, eingeleitet mit dieser typischen Proklamation - die freilich so auch von lutherischen Christen hätte verfaßt sein können:

"Brüder in Christo!
Auf,. auf, sammelt euch, rüstet euch mit Muth und Kraft gegen den Feind unseres Glaubens, es ist Zeit, das Geschlecht der Christusmörder zu unterdrücken, damit sie nicht Herrscher werden über euch und unsere Nachkommen, denn stolz erhebt schon die Juden-Rotte ihre Häupter ... nieder mit ihnen, ehe sie unsere Priester kreuzigen, unsere Heiligtümer schänden und unsere Tempel zerstören, noch haben wir Macht über ihnen ... darum laßt uns jetzt ihr sich selbst gefälltes Urteil an ihnen vollstrecken ... Auf, wer getauft ist, es gilt der heiligsten Sache ... nun auf zur Rache! Unser Kampfgeschrey sey Hepp! Hepp!! Hepp!!! Aller Juden Tod und Verderben, ihr müßt fliehen oder streben!"

Es war nicht christlich-katholische Moralität, sondern die von der Kirche viel geschmähte Aufklärung, die dem mittelalterlich verschrobenen Ungeist des Antisemitismus geistige Impulse der Toleranz und Vernunft entgegenstellte. Man mag rätseln, ob es der Geist der Aufklärung oder andere Rücksichten waren, die dazu führten, daß es im 19. Jahrhundert auch zu einigen judenfreundlichen Gesten von Seiten der Päpste kam. Gregor XVI empfing einen Juden sogar in Privataudienz im Vatikan und dekorierte ihn mit dem "Erlöser-Orden". Es war allerdings kein weiser Rabbi, den der Papst ehrte, sondern Karl Meyer Freiherr von Rothschild.

Du magst ja meine penetranten Genauigkeiten eigentlich nicht, mutmaßt in ihnen pauschal Halbwahrheiten und Verdrehungen, gar "Vitriolen" - und doch liege ich mit meinen genauen Darlegungen ganz auf der Linie des Papstes: Ich prangere nur "en détail" an, wofür sich Papst Johannes Paul II "en gros" entschuldigt hat. Und ich komme nicht gerne mit all diesen widerlichen Details - angesichts der großen Geste eines päpstlichen "mea culpa" - aber es mußte sein, weil Du hier den Eindruck erweckst, als müßte sich die Kirche ihres Verhaltens protzig rühmen - statt in Betürzung und Scham demütig um Verzeihung bitten.

Mit freundlichen Grüßen
Udo Teichmann