Datum: 03.03.2000 20:30:40 Autor: Udo Teichmann ©
Gasthaus Kellnerglück


Gasthaus Kellnerglück
   

Es war einmal, da gab es fernab in der Hauptstadt des Reichs, dort wo König und Minister zum Wohle des Landes sich verzehrten, ein wunderbar anzuschauendes Gasthaus, und alle Welt rühmte die edlen Speisen und die vorzügliche Bedienung, sodaß auch manch müder Wanderer aus fernen Landen sich frohen Herzens zu diesem vielgepriesenen 'Gasthaus Kellnerglück' durchfragte.

Und der weise König freute sich in seinem Herzen, daß dieses Gasthaus solch ein Schmuck für Land und Leute war, daß er seine Minister rief und als Gesetz verkündete, daß man dem Gasthaus jedes Jahr einen großen Batzen aus dem Staatssäckel auszuzahlen hätte, damit die Qualität der Speisen sowie Bildung und Anstand des Personals nicht etwa des Geldes wegen nachließen.

So ging es herrlich manches Jahr, und der Wirt des Gasthauses wurde rund und runder, wie es denn manchmal sich zutragen mag bei Menschen, denen das Schicksal und die Obrigkeit wohlgesonnen sind. Doch die Hauptstadt zog neben edlen Geistern auch manch Gesindel aus dem flachen Lande an, die ohne Sitte und Anstand die Gäste im Gasthaus Kellnerglück belästigten. Bald hockten sie laut grölend herum und erschreckten die Jungferbn mit Zoten, bald streckten sie frech die Beine auf den Tisch, beschimpften andere Gäste, mäkelten ungehörig an den Speisen herum oder äfften in hoffärtiger Weise die würdigen Kellner nach.

Nun geht der Krug so lange zu Wasser, bis er bricht. Eines Tages daher beschloß der Wirt, daß dieses Treibens ein Ende werden müsse. Und er rief seine Kellner zusamen und trug ihnen auf, ungehörigen Gästen den Tisch abzuräumen und sie, so sie weitertollten, mit Schwung vor die Türe zu setzen.

Gesagt, getan. Die Kellner aber waren durch diese neue Mühe so sehr beansprucht, daß sie kaum noch dazu kamen, die Gäste zu bedienen. Also beriet sich der Wirt mit seiner lebensklugen Wirtin und man verfiel auf den Plan, zur Schonung der tüchtigen Kellner die Selbstbedienung einzuführen. Also reihten sich die Gäste nun an der Theke fröhlich an, bestellten ihre duftenden Speisen und manch Wässerchen, das hurtig trunken macht, und schritten dann wohlgemut an einen freien Tisch, um sich am Wohlleben zu ergötzen.

Die Kellner aber, von der Mühe des Bedienens gänzlich befreit, fanden bald nicht genug zu tun, die paar liderlichen Störenfriede zu entfernen, die dem Gasthaus zur Plage geworden waren. Da packte die Kellner der Übermut, und manch schalkhafte Possen ersannen sich die würdigen Kellner. So schnappten sie wohl einem sittsamen Gast schon einmal mitten beim Mahl die Teller weg, stießen dort mal mit gespieltem Ungeschick feixend einen Weinkrug um, oder zerrten auch schon einmal einen hochangesehen Gast von seinem Platz und setzten ihn unter Hohngelächter an die Luft.

So trieben sie es toll und toller, bis etlichen der Gäste auffiel, daß etwas nicht stimmte. Zwar waren sie dankbar, daß die Kellner ihnen lästige Störenfriede und Rüpel vom Leibe hielten, aber immer öfter trug es sich zu, daß sie ihren Augen nicht trauten, wenn wieder einmal auch einem redlichen Gast plötzlich unter dem Feixen der Kellner der Teller unter der Nase wegzogen wurde. Es gab Beschwerden, doch man war schließlich nur Gast und blickte verlegen nach den hübschen Mädchen, die lachend am Lokal vorbeizogen.

Bald wurde es unruhig in dem ehemals so angesehenen Gasthaus. Die Kellner ließen immer weniger ab von ihrem Schabernack, und wer sich zum Essen niederließ, um sich zu stärken und zu erfrischen, der sah aus den Augenwinkeln immer häufiger, wie rechts und links von ihm die Teller flogen, Weinkrüge umstürzten, Gäste angepöbelt wurden - und man mußte schon froh sein, nicht selbst Opfer der Kellner zu werden.

So hockten die Gäste bald verärgert und verunsichert an ihren Plätzen. Und gar mancher fürchtete den Schalk der Kellner so sehr, daß er sich einschmeicheln wollte in die Willkür der Hausknechte, indem er ihr Treiben mit ängstlichem Beifall bedachte. Andere jedoch, bessere Bedienung gewohnt, stellten die Burschen zur Rede und verwiesen es ihnen, gleichviel ob sie selbst oder Tischnachbarn von ihnen traktiert wurden. Laut erhoben sie ihre Stimme und tadelten den Übermut der Kellner, und andere Gäste schlossen sich zornig dem Tadel an, denn sehr lästig erschien ihnen allen das zügellose Treiben der Mietlinge.

Wie es aber nun einmal so unter Menschen sich zuträgt, so gab es auch etliche, die sich mehr durch das Tadeln der Gäste als durch den Schabernack der Kellner gestört fühlten, und sie stocherten lustlos in ihren Speisen und beklagten sich, daß sie nicht in Ruhe essen könnten, wenn allzu laut die Sünden der Kellner vermahnt würden.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann stochern sie noch heute.