Das Milliardengrab in Bremerhaven
1.
Der Oceanpark ist über das engere Konzept
hinaus ein - vielleicht auch unbewußtes -
Zeichen, wie sich diese Stadt
wirtschaftlich-strukturell ihre weitere Entwicklung
vorstellt. Während andere Regionen das kulturelle
Moment herausstellen (Niederrhein), auf einen
Imagewandel durch Grün, Landschaft und Innovation
(Ruhrgebiet durch IBA) hoffen, durch den Aufbau eines
Wissenschafts- und Forschungsstandortes (Bremen,
Oldenburg und viele andere
Universitätsstädte) den wirtschaftlichen
Wandel beschleunigen möchten, auf die Entwicklung
und Anwendung modernster Informations-, Kommunikations-
und Produktionsverfahren (Bayern,
Baden-Württemberg) hoffen, Handel und Presse
(Hamburg) oder hochwertigen landschaftsbetonten
Tourismus (Ostseeküste) betonen, erwartet
Bremerhaven von der schnellebigen Simulations- und
Animationstechnik den Anstoß für eine
tiefgreifende wirtschaftliche Umstrukturierung.
Bremerhaven setzt damit auf einen privaten Themen- und
Vergnügungspark, auf Konzepte, die wie ein Blick
in die jüngere Geschichte lehrt, sich oftmals als
recht schnellebig erwiesen haben. Die Lunaparks, die
vom New Yorker Coney Island ausgingen, gingen schon in
den 20er Jahren pleite, das öffentliche
sozialdemokratische skandinavische Tivolikonzept ist
dort auch schon meistenorts wieder verschwunden.
Bremerhaven scheint den Weg der südenglischen
Vergnügungsstädte gehen zu wollen, eine
Mischung aus Showeffekten, küstenbezogenen
Attraktionen und billiger Unterschichtunterhaltung. Mit
dieser stadtpolitischen Entscheidung ist angesichts der
wirtschaftlichen Spezialisierung der Regionen eine
Zukunftsentscheidung für die nächsten
Jahrzehnte verbunden, die kaum rückgängig zu
machen ist. Dieser Zusammenhang wurde bisher kaum
reflektiert.
2.
Beim sogenannten Oceanpark handelt es sich um einen
typischen aktuellen Vergnügungspark, der mit der
spektakulären Inszenierung der Themen Ozean,
Wasser und Tropen, Besucher anlocken will. Sein
Konzept, setzt sich aus einzelnen Attraktionsmodulen
(wie Blauer Planet, Harbour Village usw.) zusammen. Es
ist damit ortsunabhängig und austauschbar, kann
also überall gebaut und neu zusammengewürfelt
werden. Der Oceanpark setzt sich zusammen aus
Simulations- und Animationstechniken kombiniert mit
Vergnügungs- und Verkaufstellen. Konsum und
Freizeit bilden eine Einheit. Er ist damit eine
Kombination aus Disneyland, Las Vegas und Ballermann 6.
Mit der konkreten regionalen Situation Bremerhavens als
Hafenstadt an der Wesermündung und an der Nordsee
hat der Ozeanpark wenig zu tun, er besitzt keinen
Ortsbezug. So wird beispielsweise das
Vorläuferprojekt "Großaquarium",
(nachdem Bremerhaven die Konzeption vorfinanziert hat)
unter der Bezeichnung "Ozeanwelt" als
ähnliches Konzept nun in Oberhausen realisiert.
3.
Der Oceanpark zerstört den potentiell
schönsten Ort Bremerhavens, nämlich die alten
Hafenanlagen zwischen Innenstadt und Wesermündung
mit ihrem erlebbaren Hochseedeich. Dieses Gebiet, das
für das Lebensgefühl der Bremerhavener von
entscheidender Bedeutung ist, würde durch den
Vergnügungspark den Bürgern entfremdet und
enteignet. Der Deichspaziergang, der bisher zum
selbsverständlichen Alltagsvergnügen und
Alltagsrecht der Bürger gehört, wird dann zum
Ausnahmevergnügen, das in einer Art Hinterhof nach
einem Hindernislauf nur zwischen allerlei
Attraktionsmodulen stattfindet. Zwar wird
gegenwärtig noch von der Politik der
eintrittsfreie Zugang behauptet, doch scheint mir es
selbstverständlich, daß nach der
Realisierung des Oceanparks ähnlich wie die
Kurtaxe in anderen Städten (beispielsweise in
Cuxhaven) Eintritt für den Deichbesuch erhoben
wird. Den Mittelpunkt der Stadt, der doch wie eine Art
"kollektives bauliches Gedächtnis" das
Lebensgefühl der Bürger ausdrücken soll,
würde ein privater Vergnügungssupermarkt
bilden. Das Image der Stadt würde sich wandeln,
von Schiffahrt, Fisch, Nordsee und Werften, hin zu
einer Scheinwelt aus Plastik, Glas und Illusion. Das
neue "potemkinsche" Image dürfte als
negativer Standortfaktor der ökonomische
Entwicklung der Stadt langfristig schaden, indem er sie
erneut monostrukturiert. Wer möchte schon in einer
"Attrappenstadt" leben?
4.
Der geplante Oceanpark weist, was dem notwendigen
Wandel unseres gesellschaftlichen Verhältnisses
zur Natur betrifft, in die völlig falsche
Richtung. Mit einer vorgegaukelten
"natürlichen" Scheinwelt aus der Retorte
wird eine Alles-Ist-Machbar-Haltung des Menschen
gegenüber der Natur suggeriert. Tiere (Fische)
werden als schnell auswechselbare Schaustücke
genutzt, eine höhere Form der Tierquälerei.
Das Konzept steht in krassem Gegensatz zu einem
umweltangepaßten sanften Tourismus- und
Erlebniskonzept, das gerade für eine Stadt wie
Bremerhaven Zukunft hätte. Auch läßt
der Oceanpark in seiner Parkprogrammatik jede poetische
Annäherung an den Gegenstand "Ozean"
vermissen. Videoclipartige austauschbare Erlebnisse
ohne konkreten Erfahrungshintergrund und ohne
pädagogischen Wert ersetzen authentische
Umwelterfahrung. Zieht man den Stecker aus der
Scheinwelt, so fällt sie in wenigen Minuten in
sich zusammen. Mit dem Oceanpark erhält unsere
Region ein außenwirksames Kitschimage, daß
einer nachhaltige Tourismusentwicklung auf Dauer
schaden wird.
5.
Freizeitparks sind konzeptionell darauf
ausgerichtet, daß sie neben dem Anlockthema
(für das man Eintritt bezahlt) dazu
verführen, möglichst viel Geld innerhalb des
Betreibergeländes auszugeben. Ihr Konzept
muß also nach innen gerichtet sein. Dies ist auch
in den neu vorgestellten Bebaungsplänen
spürbar, die nun von einer Art Insellage des
Oceanparks ausgehen. Der Oceanpark gleicht in seiner
architektonischen Außenwirkung immer mehr einem
"Zirkus im Winterlager" wie neulich zu lesen
war. Auch deshalb ist es illusorisch, vom Oceanpark
eine kaufkraftbezogene Belebung der Innenstadt
Bremerhavens zu erwarten. Vielmehr ist das Gegenteil zu
befürchten: Der Prozeß der Verflachung des
Konsumangebotes (hin zu Filialmärkten,
Billigstangeboten und Kitschläden) wird sich
fortsetzen. Für die Bremerhavener Bauwirtschaft
werden sich aus dem Oceanpark ebenfalls kaum
Arbeitsmöglichkeiten ergeben. Projekte dieser
Größenordnung werden von internationalen
Baukonzernen unter Beteiligung kostengünstiger
ausländischer Zuarbeitungsfirmen errichtet.
6.
Der Oceanpark ist Teil des derzeit boomenden
Themen- und Vergnügungsparkgeschäftes.
Derzeit sind allein in der Bundesrepublik rund 30
dieser Themenparks in Planung oder Bau. Im Unterschied
zu den traditionellen Vergnügungsparks, die sich
meist aus dem mittelständischen
Schaustellergewerbe entwickelten, wird bei den heutigen
Themenparks mit großem Kapitaleinsatz auf eine
Verknüpfung verschiedenster Konsum-, und
Freizeitelemente gesetzt: Modernste Simulations-, und
Animationstechnik kommt hier zum Einsatz. Hierin wird
von einigen Tourismusforschern ein gutes
zukünftiges Geschäft gesehen, andere sehen
dies skeptischer, zumal die Besuchszahlen der
Freizeitparks im letzten Jahr um rund 1%
zurückgegangen sind (nach Opaschewsky). Es darf
erwartet werden, das angesichts der zurückgehenden
oder stagnierenden Kaufkraft, eines immer mehr virtuell
orientierten Freizeitverhaltens, einem touristischen
Gegentrend hin zu Authentizität und Ehrlichkeit
(sanfter Tourismus) vor allem aber angesichts der zu
erwartenden Übersättigung des Marktes (s.o.)
zu einem harten Verdrängungswettbewerb zwischen
den immer größeren Themenparks kommt,
Bremerhaven dürfte hier hier aufgrund seiner
Randlage und seiner schwierigen innerstädtischen
Situation eher zu den Verlierern gehören. Was
lockt die Leute nach Bremerhaven, wenn Chermajeffs
"Ozeanwelt" mit einem ähnlichen Angebot
in verkehrsgünstiger Lage mitten im Ruhrgebiet
(Oberhausen) errichtet wird?
7.
Aufgrund der Randlage Bremerhavens ist eine
längerfristige wirtschaftliche Rentierlichkeit des
Oceanparks kaum zu erwarten. Vergnügungsparks
wurden bisher aus gutem Grund verkehrsgünstig dort
gebaut, wo die Leute wohnen. Außerdem scheint
sich das Freizeitverhalten zu
"enträumlichen", also hin zu virtuellen
Raumerlebnissen zu verändern. Die Leute werden
ihre Freizeit stärker vor Ort und am Bildschirm
verbringen und hoffentlich in ihrem Urlaub authentische
Natur- und Sozialerlebnisse suchen. Nach
anfänglicher Begeisterung wird das Projekt nach
bekannten Vorbildern erodieren, in wirtschaftliche
Schieflage geraten, immer unansehnlicher werden, ein
oder zwei Jahre von Stadt, Land und Arbeitsamt als
Beschäftigungsprojekt gestützt, um
anschliessend endgültig zu kollabieren. Allein die
ständige aufwendige Festivalisierung des Projektes
durch immer neue Attraktionen, Events und Sensationen
könnte einen dauerhafteren wirtschaftlichen
Betrieb dieses Projektes eventuell ermöglichen.
Beispielsweise wurde die erst vor gut einem Jahr
eröffnete "Time-Warner-Movie-World" in
Bottrop schon wieder für Monate geschlossen, um
neue Attraktionsmodule einzurichten. Diese
wirtschaftlich vielleicht erfolgreiche Strategie
hätte für das Lebensgefühl der
Bremerhavener alptraumhafte Wirkungen: Bremerhaven
wäre eine Ort - wie beispielsweise Helgoland im
Sommer - des immerwährenden Trubels und Rummels,
eine Stadt, wo alltägliches Leben für die
Bewohner kaum möglich ist.
8.
Durch die städtebauliche und finanzielle
Konzentration auf die Innenstadt verschlechtert sich
die Lebensqualität vor allem für die Bewohner
Lehes, Geestemündes, Leherheides und Wulsdorfs.
Dies wäre sozial und städtebaulich eine
Katastrophe. Der Verslumungsprozeß, der schon
heutzutage vor allem in Teilen Lehes zu beobachten ist,
wird sich weiter beschleunigen. Der Leerstand der
Geschäftsräume an der Hafen- und
Georgstraße und die Verflachung des
Warenangebotes (Billigstangebote, Secondhandläden
usw.), Entwicklungen die schon heutzutage deutlich
sind, werden sich beschleunigen. Hinter der
aufgeputzten Fassade der Innenstadt und den leuchtenden
Attrappen des Oceanparks würde in den anderen
Stadtteilen Armut und Verfall noch deutlicher
spürbar. Durch die notwendige kommunale
Konzentration auf Mitte, würde das
Infrastrukturangebot in Lehe, Geestemünde,
Leherheide, Wulsdorf und Weddewarden weiter abgebaut.
Der Unterhalt der öffentlichen
Grünflächen, Straßen, der
Kulturangebote usw. würde sich auf
"Mitte" konzentrieren, denn das knappe Geld
muß dort ausgegeben werden, wohin man die
Gäste locken möchte und nicht dort, wo die
Bürger dieser Stadt wohnen. Dies wäre auch
für den sozialen Frieden der Stadt schädlich,
die Kluft zwischen verarmten und anderen
Bevölkerungsschichten würde noch stärker
in Erscheinung treten, als sie schon heutzutage zum
alltäglichen Stadtbild gehört. Denn: Ein
Großteil der Bürger Bremerhavens wird sich
den Oceanparkbesuch nicht leisten können,
während die besserverdienenden Schichten der
weiteren Umgebung mit dem Shuttlesystem über die
verarmte Stadt in eine Schweinwelt einschweben werden,
was einer gespenstischen sozialen Situation
gleichkäme, eine Art "Dritte Welt"
mitten in der "Ersten Welt".
9.
Die finanzielle Attraktivität des Oceanparks
beruht allein auf den gewaltigen öffentlichen
Subventionssummen und den Steuersparmöglichkeiten
möglicher Investoren. Nirgendwo in Europa ist in
diesem Sinne derzeit mehr Geld zu holen als in
Bremerhaven. Nicht Bremerhaven, sondern der prall
gefüllte Subventionstopf lockt die Investoren. Ist
das Projekt nach wenigen Jahren für die Investoren
finanztechnisch und steuerlich abgeschrieben, so
dürfte ihr Interesse schnell erlahmen. Mit diesem
Projekt läßt sich leider auch gutes Geld
verdienen, wenn es scheitert. Bremerhaven, das für
dieses Projekt sein gesamtes "Tafelsilber"
verkauft hat, wird mit dem Oceanpark für viele
Jahre seine Fördermittel an ein einziges
Großprojekt binden, d.h. kleinere Projekte zum
Erhalt der Lebensqualität in dieser Stadt und zur
Schaffung neuer Arbeitsplätze wären praktisch
unfinanzierbar. Bremerhaven setzt seine Zukunft auf
eine einzige ungewisse Karte. Diese
Glücksspielermentalität von Politik und
Magistrat ist unverantwortlich.
10.
Das Oceanparkkonzept behindert eine
allmähliche städtebauliche und
wirtschaftliche Entwicklung des Gebietes am alten und
neuen Hafen und damit auch eine gesunde
marktwirtschaftliche Entwicklung der Innenstadt. Der
Oceanpark dominiert alle anderen wirtschaftlichen und
freizeitbezogenen Aktivitäten in diesem Gebiet
(Zooausbau, Schiffahrtsmuseum usw.) und degradiert sie
zu Randerscheinungen. Dieses Großprojekt ist,
einmal errichtet, nicht veränderungs- oder
irrtumsfähig, allerdings
erweiterungsbedürftig. Weitere Entwicklungen des
Oceanparks, die für das Projekt immanent notwendig
sind werden das bauliche Korsett des Bereiches noch
enger schnallen, so daß beispielsweise auch keine
weitere wissenschaftliche und bauliche Entwicklung des
AWI oder des Schiffahrtsmuseums baulich darstellbar
ist. Der Oceanpark ist ein gigantomanisches Projekt,
das entweder klappt oder scheitert. Ein Fehler im
Konzept oder eine Fehleinschätzung der Bedarfslage
würde zu seinem völligen wirtschaftlichen
Scheitern und damit zum Zukunftsverlust für
Bremerhaven führen.
11.
Es muß befürchtet werden, daß der
Oceanpark gegen starke Bürgerbedenken in einem
politischen und verwaltungsmäßigen Kraftakt
sondergleichen schnellstmöglich durch- und
umgesetzt wird. Es wird also für die Bürger
darauf ankommen, peinlich darauf zu achten, daß
sie ihre gesetzlichen Einspruch- und
Mitwirkungsmöglichkeiten (im Rahmen der
Bauleitplanung, der wasserrechtlichen Genehmigung, der
Umweltverträglichkeitspüfung, des
Naturschutzrechtes usw.) nutzen.
Bürgerbeteiligungsrechte und Fristen müssen
notfalls vor Gericht eingeklagt und durchgesetzt
werden. Hierbei kommt den Bewohnern des Columbuscenters
eine entscheidende Rolle zu, die aufgrund der
gewaltigen neuen baulichen Körper bis in den 13
Stock hinein, ihre Aussicht auf die Unterweser
verlieren. Da dieses Projekt mit sehr heißer
Nadel gestrickt wird, könnte ein
Normenkontrollverfahren, die Rechtmäßigkeit
der Verfahrensschritte prüfen. Eine Fertigstellung
des Projektes bis zur Jahrtausendwende ist daher
illusorisch. Das Durchpeitschen des Projektes
würde die Politik- und Parteienverdrossenheit in
dieser Stadt weiter vergrößern.
12.
Die bisherige Verhandlungstaktik, soweit sie
aufgrund der Geheimhaltungspolitik der Verantwortlichen
überhaupt erkennbar ist, ist dilletantisch. Nicht
als nüchterner Geschäftspartner trat man dem
Entwickler gegenüber, sondern verklärt ihn -
nach Grothe und Chermajeff nun Köllmann - als eine
Art Heilsbringer, als personifizierte letzte Hoffnung
dieser Stadt. Damit hat man sich in völlige
Abhängigkeit von den Projektoren und potentiellen
Investoren begeben, die selbstverständlich andere
primäre Interesse haben, als Bremerhaven
wirtschaftlich zu entwickeln. Als kühl rechnende
Investoren werden sie diese einmalige Chance nutzen,
was schon jetzt daran erkennbar ist, daß Stadt
und Land mit vielen Millionen öffentlicher Mittel
eine private Projektstudie finanzieren, die später
auch anderswo umsetzbar ist, (wie Chermajeff dies
gegenwärtig in Oberhausen übrigens unter
Zuhilfenahme des selben Planungsbüros
praktiziert).
13.
Die politische Begeisterung für das Oceanpark
Projekt ist nicht rational begründbar, sondern
allein psychologisch erklärbar. Die Politik hat
sich darauf eingeschworen, daß am Weserdeich nun
sofort etwas - was auch immer - passieren muß.
Die Bagger müssen schnellstmöglich
anrücken, was immer sie bauen. Die Politiker
fühlen sich gegenüber den Bürgern in
Zugzwang und möchten nun endlich als erfolgreiche
Macher erscheinen, die die vorhandene Lethargie in
dieser Stadt endlich aufgebrochen haben. Daß
diese subjektiv wohlmeinende stadtpolitische Position
zu unverantwortlichen Risiken und unkalkulierbaren
Lasten für das Gemeinwesen führt, wird
völlig verdrängt. Eine Ablehnung des
Oceanparks ist also nach Abwägung der Risiken kein
verstandesmäßiges, sondern ein
psychologisches Problem. Dies macht den rationalen
Diskurs dieses Projektes so unendlich schwierig.
Außerdem wurde schon soviel Geld, soviel Hoffnung
und soviel persönliches Prestige in dieses Projekt
gesteckt, daß viele Politiker, den eventuellen
Gesichtsverlust fürchten, der mit dem Scheitern
des Vorhabens verbunden wäre.Leider wäre es
nicht das erste Mal, daß ein Projekt vor allem
aus politischen Prestigedenken und nicht aus
nüchternem Kalkül errichtet wird. Angesichts
der verzweifelten Situation der Stadt kann der
Oceanpark Bremerhaven allerdings in den völligen
wirtschaftlichen Ruin führen.
14.
Die für ein wirtschaftliches Gelingen des
Projektes notwendigen Besucherströme werden -
verkehrstechnisch gesehen - den privaten Verkehr im
Innenstadtbereich zu bestimmten Tageszeiten
regelmässig zusammenbrechen lassen. Die neuen
notwendigen Parkplätze - beispielsweise auf der
wunderschönen Geestehalbinsel - machen Bremerhaven
zum öffentlichen Parkplatz für einen privaten
Vergnügungspark. Das vorgestellte Shuttlekonzept -
das in den Köllmannplanungen übrigens mit
keinem Wort vorgesehen ist - wäre
städtebaulich und verkehrstechnisch ja nur
realistisch, wenn damit gleichzeitig eine autofreie
Innenstadt verbunden wäre (die ja dieselben
Interessensgruppen, die hinter der Oceanpark stehen,
vehement ablehnen!). Deshalb ist das Shuttleprojekt
nicht mehr als ein ökologisches Feigenblatt zur
Beschwichtigung der Bürger, das bald in den
Schubladen verschwinden wird. Es wird also zu
dauerhaften Spannungen zwischem Bewohnern und Besuchern
kommen, eine denkbar schlechte Bedingung für das
konfliktfreie Zusammenleben zwischen den Bewohnern und
Besuchern dieser Stadt, eine schlechte Situation aber
auch für die Oceanparkbetreiber, die für ihr
Konzept eine breitestmögliche Akzeptanz
benötigen.
15.
Der Stadtbereich, den der Oceanpark überbaut,
ist die historische Keimzelle der Stadtgründung
Bremerhaven, also nicht nur die geografische, sondern
auch die identitätsstiftende und historische Mitte
der Stadt. Der Bereich am innerstädtischen Deich
besitzt für die Bewohner Bremerhavens in ihrem
inneren Stadtplan eine ähnliche Bedeutung wie die
Binnenalster für die Hamburger oder der Domshof
für die Bremer. Das rasche Zuschmeissen der
Hafenbecken, um sie anschließend mit einem
privaten Vergnügungspark zu überbauen,
ignoriert in fataler Weise die Geschichte dieser Stadt
und das Lebensgefühl ihrer Bewohner. Diese
Hafenbecken wurden von Tausenden in mühevoller
Handarbeit errichtet, hier schlug das tätige Herz
der Stadt. An diesem Ort verband sich die Geschichte
der Stadt mit den Lebensgeschichten ihrer Bürger.
Der Oceanpark stellt hingegen ein antiurbanes Konzept
dar, das diesen zentralen Ort in Bremerhaven
privatisiert. Absurd wird die Planung des Oceanparks
auch dort, wo sie im Bereich des kleinen geplanten
Parks den Deich binnenwärts ins Wasser stellt.
Vielleicht ist ist dies ja wasserbautechnisch noch
lösbar. Der Mentalität der Menschen für
die der Deich seit 800 Jahren Sturmflutbauwerk und
Identifikationsobjekt ist, steht dieser Planungsgag
diametral entgegen.
16.
Der Bau und Betrieb des Oceanparks ist mit
beträchtlichen Umweltauswirkungen verbunden. Neben
der verkehrlichen Belastung (Schadstoff- und
Lärmimmission) kommt es zu einem starken
zusätzlichen Energie- und Flächenverbrauch
und zu einer Veränderung des Landschaftsbildes
(beispielsweise des Deiches). Die umweltpolitischen
Verpflichtungen, die Bremerhaven im Rahmen der Agenda
21 und des konkreten Kohlendioxidabbaues eingegangen
sind, können mit einem derartigen Projekt nicht
erfüllt werden. Die Errichtung des Oceanparks
widerspricht jeder nachhaltigen umweltbezogenen
Entwicklung Bremerhavens und paßt nicht in die
umweltpolitische Landschaft der Gegenwart. Allein die
zu erwartenden spürbaren
Benzinpreiserhöhungen würde den Oceanpark ins
Mark treffen, weil sich damit die Anreisekosten
vervielfachen.
17.
Die durch den Oceanpark neu geschaffenen
Arbeitsplätze in Bremerhaven stehen, was Anzahl
und Qualität betrifft, in keinem Verhältnis
zu den gewaltigen öffentlichen Finanzmittel, die
hierzu aufgewendet werden: Für die nun gehandelten
640 Arbeitsplätze werden öffentliche
Subventionen in Milliardenhöhe gezahlt. Die
dafür notwendige weitere Verschuldung der Staats-
und Stadtskassen dürfte teurer sein als die vom
Oceanpark ausgezahlten Löhne. Auch stellt sich die
Frage nach der Qualität und Dauerhaftigkeit der
neuen Arbeitsplätze. Handelt es sich vor allem um
gut bezahlte Vollzeitstellen, um minder bezahlte
Servicestellen, um 610-Mark-Arbeitsverhältnisse,
um Scheinselbständige oder um Saisonkräfte?
Der sekundäre Arbeitsmarkteffekt, der von dem
Oceanpark ausgeht, dürfte ebenfalls recht
bescheiden ausfallen, denn anders als Stellen mit
multiplikatorischen Wirkungen (beispielsweise im
Bereich Forschung, Technologie und Verwaltung) oder
Stellen im produktiven Gewerbe (Zulieferbetriebe!), ist
bei der Beschäftigungsstruktur eines
Vergnügungsparks kaum mit Sekundäreffekten
für den Arbeitsmarkt zu rechnen. Außerdem
ist geplant, die besserverdienende Managementebene (im
Zusammenhang mit dem Spacepark) in Bremen anzusiedeln,
so daß Bremerhaven einmal mehr - was hochwertige
Arbeitsplätze betrifft - leer ausgeht.
18.
Beim Oceanpark handelt es sich um eine
Jahrhundertentscheidung, die die zukünftige
Entwicklung Bremerhavens grundlegender verändern
wird, als jede andere städtebauliche Entscheidung
oder jeder andere politischer Beschluß. Deshalb
kann eine politische Zustimmung Oceanpark nur getroffen
werden, wenn sie von den Bürgern mehrheitlich
getragen wird. Dazu bedarf es einer breiten Diskussion
aufgrund einer umfassendenen Informationslage und nicht
der vorgesehenen alibihaften
"Dreitagediskussion". Die
geheimniskrämerische gutsherrnartigen
Stadtentwicklungspolitik, die selektive Information und
das Schönreden des Projektes, die personelle
Verknüpfung von Oceanparkprojekt und Magistrat
(beispielsweise war Herr Holm gleichzeitig Stadtbaurat
und Geschäftsführer der
Oceanparkentwicklungsgesellschaft!), die seltsame
lobpreisende Semantik in den Verlautbarungen der
Oceanparkentwicklungsgesellschaft nährt das
Mißtrauen in dieses Projekt und verstärkt
die bürgerschaftliche Ablehnung des Oceanparks.
Unter demokratischen Gesichtspunkten sehr bedenklich
ist auch die enge Kooperation zwischen den
Fraktionsvorsitzenden und dem möglichen Investor.
So finden in kurzen regelmäßigen
Abständen vertrauliche Gespräche zwischen den
Fraktionsvorsitzenden und Herrn Köllmann statt,
ein stadtpolitisch einmaliger Vorgang, der ein
bezeichnendes Licht auf das demokratische
Selbstverständnis der Bremerhavener Politik wirft.
Auch deshalb wird ein Bürgerentscheid notwendig,
der den Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt
Gelegenheit gibt, sich zu diesem Vorhaben zu
äußern. Guter demokratische Stil der
Parteien wäre es, dieses Vorhaben ebenfalls zu
unterstützen, um eine Beteiligung der Bürger
an dieser Jahrhundertentscheidung zu ermöglichen,
die ihr Alltagsleben und Lebensgefühl stark
verändern wird.
19.
Das Entweder-Oder-Projekt Oceanpark ist Ergebnis
einer völlig verfehlten
Tourismusförderungspolitik in Bremerhaven.
Tourismusförderung in dieser Stadt hat sich auf
eine im vierjährigen Turnus veranstaltete Sail
beschränkt und einige im jährlichen Rythmus
stattfindende dröge Hafenfeste.
Tourismusförderung in Bremerhaven arbeitet fast
ausschließlich mit dem maritimen Image (und hier
vor allem das der Segelschiffe), hat aber den
Facettenreichtum dieser Stadt, die besonderen
landschaftlichen Schönheiten ihres Umlandes und
das ökologische Potential der Gegend bisher
ausgeklammert (wunderschönes Umland,
Geestebereich, 50er Jahre Architektur, Werften,
Überseehafen, funktionierender Kulturbereich,
Parks usw.). Als Ergebnis sind wichtige
Tourismusbereiche verkommen (Geestemole, Weserbad
usw.). So mußte die Tourismusförderung immer
auf den ganz großen Wurf, auf das Megaevent
vertrösten, das jetzt mit dem Oceanpark,
Bremerhaven aus dem Sumpf ziehen soll.
Phantasielosigkeit und Großmannssucht ersetzt
hier zukunftsweisende Strategie und Alternativen
aufzeigende Planung.
20.
Das Oceanparkprojekt polarisiert und spaltet die
Bremerhavener Bevölkerung. Dort wo angesichts der
schlimmen wirtschaftlichen, stukturellen und
arbeitsmarktpolitische Situation eigentlich breitester
Konsens, Kompromiß und Kooperation gefragt ist,
findet eine unsinnige Lagereinteilung statt.
Große Teile der Politik, des Magistrates und der
Presse handeln in einer wesentlichen Frage der
Bremerhavener Zukunft in einer dumpfen
Schützengrabenmentalität. Dort wo
Neutralität, Sachlichkeit und vorsichtiges
Abwägen gefragt ist, steigert man sich in
terminlichen und ideologischen Aktionismus und
Augen-Zu-Und-Durch-Handeln. Insbesondere die reale
Furcht vor Arbeitslosigkeit wird geschürt und die
minimale und überteuerte arbeitsmarktpolitische
Wirkung des Oceanparks wird als Totschlagargument gegen
eine rationale Kosten/Nutzen/Abwägung verwandt.
Eine unrühmliche Rolle spielt in diesem
Zusammenhang die Nordseezeitung, die das Projekt
herbeischreiben möchte, Gegner, Skeptiker,
Kritiker kaum zu Wort kommen läßt und damit
ihre Neutralitätspflicht verletzt.
21.
Die Öffentlichkeitspolitik der
Oceanparkbetreiber aus Magistrat, Wirtschaft und
Politik genügt nicht dem Inforamtionsinteresse der
Bevölkerung. Vielmehr wird hier im Interesse einer
parteilichen Öffentlichkeitspolitik mit
Erwartungen, Behauptungen und Halbwahrheiten gearbeit.
Die harten Fakten des Oceanparkprojektes kommen erst
allmählich ans Licht der Öffentlichkeit. So
war vor zwei Jahren die Rede von 2000
Arbeitsplätzen, im letzten Jahr reduzierte sich
der arbeitsmarktpolitische Effekt auf 1050
Arbeitsplätze, dann auf 800 (davon 300
Teilzeitstellen) und inzwischen werden 640
Arbeitsplätze öffentlich gehandelt.
Während sich die Arbeitsplatzerwartungen stetig
nach unten korrigieren, werden die Attraktionsmodule
immer mickriger und biederer. Die Ergebnisse der
Designphase 2 bedeuten gegenüber der Designphase 1
viele grundlegende Verschlechterungen für die
Bremerhavener Bevölkerung: beispielsweise wurde
die städtbaulich sinnvolle Überbauung der
Columbusstraße ebenso gestrichen wie ein allen
zugängliches Tropikum. Eigentlich beschränkt
sich die überregionale Attraktivität des
Oceanparks nunmehr lediglich auf den Teil des
sogenannten Blauen Planeten, der ein Grpßaquarium
von rund 6500 qm Fläche beihaltet. Ob eine
derartige schmale Attraktion, die beispielsweise auch
in Oberhausen zu sehen ist, ausreicht, um
Riesenbesucherströme kontinuierlich nach
Bremerhaven zu lenken muß bezweifelt werden.
Andererseits werden die Kosten der öffentlichen
Hand immer größer und der von den Kritikern
befürchtete Milliardenbetrag ist auch in den
Betreiberverlautbarungen fast erreicht.
22.
Völlig undiskutiert bleiben die konkreten
verkehrstechnischen und wirtschaftlichen Auswirkungen
des zweijährigen intensiven Baubetriebes. Weit
mehr als 1 Milliarde Mark soll in der Innenstadt
Bremerhavens innerhalb von knapp 2 Jahren verbaut
werden. Dies macht die Innenstadt zur jahrelangen
Großbaustelle, wird vielen dortigen
Fachgeschäften den wirtschaftlichen Garaus machen
und zu enormen Beeinträchtigungen des
städtischen Lebens führen.
23.
Was seine kulturell-gesellschaftliche Dimension
betrifft, handelt es sich beim Oceanpark um ein
Projekt, das eine völlig neuartige
Dienstleistungsmentalität aufgrund neuartigem
Konsumverhaltens bedeutet. Die räumliche Trennung
von Tourismus, Konsum, Naturerlebnis und
Vergnügungsbereich wird zugunsten einer Freizeit-
und Konsummaschine aufgegeben, die all diese Bereiche
zusammenfaßt und an einem Ort verbindet. Im
Oceanpark kann und soll nicht mehr zwischen Einkauf,
Freizeit, Urlaub und Vergnügen zwischen Simulation
und Realität zwischen Wunsch und Wirklichkeit
unterschieden werden: Freizeitverhalten wird zum
Einkaufsverhalten, Einkaufen soll Spaß machen,
Urlaub wird zum Konsum und die Grenzen von Haben und
Sein verschwinden. Dies ist eine Herausforderung
insbesondere für die tradtionelle Bremerhavener
Geschäftswelt, die mit dem Oceanpark einen
übermächtigen Konkurrenten erhält.
Deshalb ist mit Begeisterung der Bremerhavener
Geschäftswelt für den Oceanpark ein
Stück Todessehnsucht verbunden. Der Bremerhaverner
Geschäftswelt verbleibt nur, sich ebenfalls in dem
neuen Stadtteil "Oceanpark" anzusiedeln oder
allein für den Binnenbedarf Bremerhavens zu
verkaufen. Es ist aber auch eine Herausforderung an das
Lebensgefühl und damit an die kulturelle
Identität der Bremerhavener. Das individuelle und
kollektive Lebensziel des Menschen bedeutet in der
Philosophie derartiger Projekte Konsum: Haben ersetzt
Sein. Alles hat sich diesem Leitmotiv unterzuordnen.
Daß sich damit auch traditionelle soziale Normen
und Werte hin zu einer allein ökonomistischen
Weltsicht verändern muß befürchtet
werden. Das bürgerschaftliche Zusammenleben wird
hektischer, härter, oberflächlicher und
unsozialer. Auch deshalb muß der Oceanpark
verhindert werden!
24.
Die konkrete Vorstellung des Oceanparkprojektes im
Rahmen der sogenannten "Designphase 2"
verstärkt den Eindruck, daß es der
Köllmanngruppe vor allem um die Entwicklung eines
ortsunabhängigen Parkkonzeptes ging, das
schwerpunktmäßig von der öffentlichen
Hand bezahlt wurde. Die halbherzige Art der
Präsentation - die uns 400 000 DM kostete -, das
biedere Design der Modelle, Pläne und Zeichnungen,
die eher antiquierte Form der Darstellung, die gute
Auswechselbarkeit- und Neuverwendungsmöglichkeit
der Ausstellungsmodule, die Selbstdarstellung der
Köllmanngruppe, dies alles macht deutlich,
daß sich die Köllmann AG gedanklich bereits
vom Bremerhavener Projekt verabschiedet hat und man nun
auf eine gute Gelegenheit des Ausstiegs wartet. Auch
das weiterhin offene Finanzierungskonzept bei
steigendem öffentlichen und sinkendem privaten
Anteil und die definitive Einbindung von Stadt und Land
in das betriebswirtschaftliche Betreiberrisiko
über den sogenannten "Garantiefond"
deuten auf einen baldigen Ausstieg von Köllmann
hin. Dies führt dann zu einer traurigen und
spannenden stadtentwicklspolitischen Diskussion: Da man
seit nunmehr fast 4 Jahren alles auf den Oceanpark
gesetzt hat, fehlen nun die ausformulierten
städtebaulichen Alternativen! Für welche
Projekte sollen denn nun die Mittel des
Investitionssonderprogrammes (250 Millionen) ausgegeben
werden? Durch die Konzentration auf das wahnwitzige
Oceanparkprojekt haben wir wertvolle Jahre verloren,
die besser zur Entwicklung einer sozial-, stadt- und
wirtschaftsverträglichen Zukunftsstrategie
für Bremerhaven genutzt worden wären.
Prof. Dr. Jürgen Milchert, im Dezember 1997