Das Milliardengrab in Bremerhaven
1.
Beim sogenannten Oceanpark handelt es sich um
einen typischen aktuellen Vergnügungspark, der mit
der spektakulären Inszenierung der Themen Ozean,
Wasser und Tropen, Besucher anlocken will. Sein
Konzept, setzt sich aus einzelnen Attraktionsmodulen
(wie Blauer Planet, Harbour Village usw.) zusammen. Es
ist damit ortsunabhängig und austauschbar, kann
also überall gebaut und neu zusammengesetzt
werden. Mit der konkreten regionalen Situation
Bremerhavens als Hafenstadt an der Wesermündung
und an der Nordsee hat der Ozeanpark kaum etwas zu tun,
er besitzt keinen Ortsbezug. So wird beispielsweise das
Vorläuferprojekt "Großaquarium",
(nachdem Bremerhaven die Konzeption vorfinanziert hat)
nun in Oberhausen realisiert.
2.
Der Oceanpark zerstört den potentiell
schönsten Ort Bremerhavens, nämlich die alten
Hafenanlagen zwischen Innenstadt und Wesermündung
mit ihrem erlebbaren Seedeich. Dieses Gebiet, das
für das Lebensgefühl der Bremerhavener von
entscheidender Bedeutung ist, würde durch den
Vergnügungspark den Bürgern entfremdet und
enteignet. Der Deichspaziergang, der bisher zum
selbsverständlichen Alltagsvergnügen der
Bürger gehört, wird dann zum teuren
Eintrittsvergnügen. Den Mittelpunkt der Stadt, der
doch wie eine Art "kollektives bauliches
Gedächtnis" das Lebensgefühl der
Bürger ausdrücken soll, würde ein
privater Vergnügungspark bilden. Das Image der
Stadt würde sich wandeln, von Schiffahrt, Fisch,
Nordsee und Werften, hin zu einer Scheinwelt aus
Plastik, Glas und Illusion. Das neue
"potemkinsche" Image dürfte als
negativer Standortfaktor der ökonomische
Entwicklung der Stadt langfristig schaden, denn wer
möchte schon in einer "Attrappenstadt"
leben.
3.
Der geplante Oceanpark weist, was dem
notwendigen Wandel unseres gesellschaftlichen
Verhältnisses zur Natur betrifft, in die
völlig falsche Richtung. Mit einer vorgegaukelten
"natürlichen" Scheinwelt aus der Retorte
wird eine Alles-Ist-Machbar-Haltung des Menschen
gegenüber der Natur suggeriert. Das Konzept steht
in krassem Gegensatz zu einem umweltangepaßten
Tourismus- und Erlebniskonzept, das gerade für
eine Stadt wie Bremerhaven Zukunft hätte. Auch
läßt der Oceanpark in seiner
Prakprogrammatik jede poetische Annäherung an den
Gegenstand "Ozean" vermissen. Videoclipartige
austauschbare Erlebnisse ohne Erfahrung und ohne
pädagogischen Wert ersetzen authentische
Umwelterfahrung. Zieht man den Stecker aus der
Scheinwelt, so fällt sie in wenigen Minuten in
sich zusammen. Mit dem Oceanpark erhält unsere
Region ein tourismusbezogenes Kitschimage, daß
einer nachhaltige Tourismusentwicklung auf Dauer
schaden könnte.
4.
Freizeitparks sind konzeptionell darauf
ausgerichtet, daß sie neben dem Anlockthema
(für das man Eintritt bezahlt) dazu
verführen, möglichst viel Geld innerhalb des
Betreibergeländes auszugeben. Ihr Konzept ist also
nach innen gerichtet. Auch deshalb ist es illusorisch,
vom Oceanpark eine kaufkraftbezogene Belebung der
Innenstadt Bremerhavens zu erwarten. Vielmehr ist das
Gegenteil zu befürchten: Der Prozeß der
Verflachung des Konsumangebotes (hin zu
Filialmärkten, Billigstangeboten und
Kitschläden) wird sich fortsetzen.
5.
Aufgrund der Randlage Bremerhavens ist eine
längerfristige wirtschaftliche Rentierlichkeit des
Oceanparks kaum zu erwarten. Vergnügungsparks
wurden bisher aus gutem Grund verkehrsgünstig dort
gebaut, wo die Leute wohnen. Außerdem scheint
sich das Freizeitverhalten zu
"enträumlichen", also hin zu virtuellen
Raumerlebnissen zu verändern. Die Leute werden
ihre Freizeit stärker vor Ort und am Bildschirm
verbringen und hoffentlich in ihrem Urlaub authentische
Erlebnisse suchen. Nach anfänglicher Begeisterung
wird das Projekt erodieren, in wirtschaftliche
Schieflage geraten und immer unansehnlicher werden.
Allein eine ständige aufwendige Festivalisierung
des Projektes durch immer neue Attraktionen, Events und
Sensationen könnte einen dauerhaften
wirtschaftlichen Betrieb dieses Projektes eventuell
ermöglichen. Diese wirtschaftlich vielleicht
erfolgreiche Strategie hätte für das
Lebensgefühl der Bremerhavener alptraumhafte
Wirkungen: Bremerhaven wäre eine Stadt - wie
beispielsweise Las Vegas - des immerwährenden
Trubels und Rummels, eine Stadt, wo alltägliches
Leben für die Bewohner kaum möglich ist.
6.
Durch die städtebauliche und finanzielle
Konzentration auf die Innenstadt verschlechtert sich
die Lebensqualität vor allem für die Bewohner
Lehes, Geestemündes, Leherheides und Wulsdorfs.
Dies wäre sozial und städtebaulich eine
Katastrophe. Der Verslumungsprozeß, der schon
heutzutage vor allem in Teilen Lehes zu beobachten ist,
wird sich weiter beschleunigen. Der Leerstand der
Geschäftsräume an der Hafen- und
Georgstraße und die Verflachung des
Warenangebotes, Entwicklungen die schon heutzutage
deutlich sind, werden sich beschleunigen. Hinter der
aufgeputzten Fassade der Innenstadt und der leuchtenden
Attrappe des Oceanparks würde in den anderen
Stadtteilen Armut und Verfall noch deutlicher
spürbar. Durch die notwendige kommunale
Konzentration auf Mitte, würde das
Infrastrukturangebot in Lehe, Geestemünde,
Leherheide, Wuldsorf und Weddewarden weiter abgebaut.
Der Unterhalt der öffentlichen
Grünflächen, Straßen, die
Kulturangebote usw. würde sich auf Mitte
konzentrieren, denn das knappe Geld muß dort
ausgegeben werden, wohin man die Gäste locken
möchte und nicht dort, wo die Bürger dieser
Stadt wohnen.
7.
Die finanzielle Attraktivität des
Oceanparks beruht allein auf dem gewaltigen
öffentlichen Subventionssummen und den
Steuersparmöglichkeiten möglicher Investoren.
Nirgendwo in Europa ist in diesem Sinne derzeit mehr
Geld zu verdienen als in Bremerhaven. Nicht
Bremerhaven, sondern der gefüllte Subventionstopf
lockt die Investoren. Ist das Projekt nach wenigen
Jahren für die Investoren finanztechnisch und
steuerlich abgeschrieben, so dürfte ihr Interesse
schnell erlahmen. Bremerhaven, das für dieses
Projekt sein gesamtes "Tafelsilber" verkauft
hat, wird mit dem Oceanpark für viele Jahre seine
Fördermittel an ein einziges Großprojekt
binden, d.h. kleinere Projekte zum Erhalt der
Lebensqualität in dieser Stadt und zur Schaffung
neuer Arbeitsplätze wären unfinanzierbar.
Bremerhaven setzt seine Zukunft auf eine ungewisse
Karte. Diese Glücksspielermentalität von
Politik und Magistrat ist unverantwortlich.
8.
Das Oceanparkkonzept behindert eine
allmähliche städtebauliche und
wirtschaftliche Entwicklung des Gebietes am alten und
neuen Hafen und damit auch eine gesunde
marktwirtschaftliche Entwicklung der Innenstadt. Der
Oceanpark dominiert alle anderen wirtschaftlichen und
freizeitbezogenen Aktivitäten in diesem Gebiet
(Zooausbau, Schiffahrtsmuseum usw.) und degradiert sie
zu Randerscheinungen. Dieses Großprojekt ist,
einmal errichtet, nicht veränderungs- oder
irrtumsfähig. Es ist ein gigantomanisches Projekt,
das entweder klappt oder scheitert. Ein Fehler im
Konzept oder eine Fehleinschätzung der Bedarfslage
würde zu seinem völligen wirtschatlichen
Scheitern und damit zum Zukunftsverlust für
Bremerhaven führen.
9.
Es muß befürchtet werden,
daß der Oceanpark gegen starke
Bürgerbedenken in einem politischen und
verwaltungsmäßigen Kraftakt sondergleichen
schnellstmöglich durchgesetzt wird. Es wird also
für die Bürger darauf ankommen, peinlich
darauf zu achten, daß sie ihre gesetzlichen
Einspruch- und Mitwirkungsmöglichkeiten (im Rahmen
der Bauleitplanung, der wasserrechtlichen Genehmigung,
der Umweltverträglichkeitspüfung, des
Naturschutzrechtes usw.) nutzen.
Bürgerbeteiligungsrechte müssen notfalls vor
Gericht eingeklagt und durchgesetzt werden. Da dieses
Projekt mit sehr heißer Nadel gestrickt wird,
könnte ein Normenkontrollverfahren, die
Rechtmäßigkeit der Verfahrensschritte
prüfen. Eine Fertigstellung des Projektes bis zur
Jahrtausendwende ist daher illusorisch. Das
Durchpeitschen des Projektes würde die
Politik- und Parteienverdrossenheit in dieser
Stadt weiter vergrößern.
10.
Die bisherige Verhandlungstaktik, soweit sie
aufgrund der Geheimhaltungspolitik der Verantwortlichen
überhaupt erkennbar ist, ist dilletantisch. Nicht
als nüchterner Geschäftspartner trat man dem
Geschäftspartner gegenüber, sondern
verklärt ihn - nach Grothe und Chermajeff nun
Köllmann - als eine Art Heilsbringer, als
personifizierte letzte Hoffnung dieser Stadt. Damit hat
man sich in völlige Abhängigkeit von den
Projektoren und potentiellen Investoren begeben. Als
kühl rechnende Investoren werden sie diese
einmalige Chance nutzen, was schon jetzt daran
erkennbar ist, daß Stadt und Land mit vielen
Millionen öffentlicher Mittel eine private
Projektstudie finanzieren, die später auch
anderswo umsetzbar ist, (wie Chermajeff dies
gegenwärtig in Oberhausen praktiziert).
11.
Die politische Begeisterung für das
Oceanpark Projekt ist nicht rational begründbar,
sondern allein psychologisch erklärbar. Die
Politik hat sich darauf eingeschworen, daß am
Weserdeich nun sofort etwas - was auch immer -
passieren muß. Die Bagger müssen
schnellstmöglich anrücken, was immer sie
bauen. Die Politiker fühlen sich gegenüber
den Bürgern in Zugzwang und möchten nun als
erfolgreiche Macher erscheinen, die die vorhandene
Lethargie in dieser Stadt endlich aufgebrochen haben.
Daß diese subjektiv wohlmeinende stadtpolitische
Position zu unverantwortlichen Risiken und
unkalkulierbaren Lasten für das Gemeinwesen
führt, wird völlig verdrängt. Eine
Ablehnung des Oceanparks ist also nach Abwägung
der Risiken kein verstandesmäßiges, sondern
ein psychologisches Problem. Dies macht den rationalen
Diskurs dieses Projektes so unendlich schwierig.
Außerdem wurde schon soviel Geld und soviel
Hoffnung in dieses Projekt gesteckt, daß viele
Politiker, den eventuellen Gesichtsverlust
fürchten, der mit dem Scheitern des Vorhabens
verbunden wäre.
12.
Die für ein wirtschaftliches Gelingen
des Projektes notwendigen Besucherströme werden -
verkehrstechnisch gesehen - den privaten Verkehr im
Innenstadtbereich zu bestimmten Tageszeiten
regelmässig zusammenbrechen lassen. Die neuen
notwendigen Parkplätze - beispielsweise auf der
wunderschönen Rickmershalbinsel - machen
Bremerhaven zum öffentlichen Parkplatz für
einen privaten Vergnügungspark. Dies wird zu
dauerhaften Spannungen zwischem Bewohnern und Besuchern
führen, eine denkbar schlechte Bedingung für
das konfliktfreie Zusammenleben zwischen den Bewohnern
und Besuchern dieser Stadt.
13.
Der Stadtbereich, den der Oceanpark
überbaut, ist die historische Keimzelle der
Stadtgründung Bremerhaven, also nicht nur die
geografische, sondern auch um die
identitätsstiftende und historische Mitte
Bremerhavens. Der Bereich am innerstädtischen
Deich besitzt für die Bewohner Bremerhavens in
ihrem inneren Stadtplan eine ähnliche Bedeutung
wie die Binnenalster für die Hamburger oder der
Domshof für die Bremer. Das rasche
Zuschmeißen der Hafenbecken, um sie
anschließend mit einem privaten
Vergnügungspark zu überbauen, ignoriert in
fataler Weise die Geschichte dieser Stadt und das
Lebensgefühl ihrer Bewohner. Diese Hafenbecken
wurden in mühevoller Arbeit von Tausenden in
Handarbeit errichtet, hier schlug das tätige Herz
der Stadt. An diesem Ort verband sich die Geschichte
der Stadt mit den Lebensgeschichten ihrer Bürger.
Der Oceanpark stellt hingegen ein antiurbanes Konzept
dar, das diesen zentralen Ort in Bremerhaven
privatisiert.
14.
Der Bau und Betrieb des Oceanparks ist mit
beträchtlichen Umweltauswirkungen verbunden. Neben
der verkehrlichen Belastung (Schadstoff- und
Lärmimmission) kommt es zu einem starken
zusätzlichen Energie- und Flächenverbrauch d
zu einer Veränderung des Landschaftsbildes
(beispielsweise des Deiches). Die umweltpolitischen
Verpflichtungen, die Bremerhaven im Rahmen der Agenda
21 und des konkreten Kohlendioxidabbaues eingegangen
sind, können mit einem derartigen Projekt nicht
erfüllt werden. Die Errichtung des Oceanparks
widerspricht jeder nachhaltigen umweltbezogenen
Entwicklung Bremerhavens.
15.
Die durch den Oceanpark neu geschaffenen
Arbeitsplätze in Bremerhaven stehen, was Anzahl
und Qualität betrifft, in keinem Verhältnis
zu den gewaltigen öffentlichen Finanzmittel, die
hierzu aufgewendet werden: Für 950
Arbeitsplätze werden öffentliche Subventionen
in Milliardenhöhe gezahlt. Die dafür
notwendige weitere Verschuldung der Staats- und
Stadtskassen dürfte teurer sein als die vom
Oceanpark ausgezahlten Löhne. Auch stellt sich die
Frage nach der Qualität und Dauerhaftigkeit der
neuen Arbeitsplätze. Handelt es sich vor allem um
gut bezahlte Vollzeitstellen, um minder bezahlte
Servicestellen, um 610-Mark-Arbeitsverhältnisse
oder um Saisonkräfte? Der sekundäre
Arbeitsmarkteffekt, der von dem Oceanpark ausgeht,
dürfte ebenfalls recht bescheiden ausfallen, denn
anders als Stellen mit multiplikatorischen Wirkungen
(beispielsweise im Bereich Forschung und Technologie)
oder Stellen im produktiven Gewerbe
(Zulieferbetriebe!), ist bei der
Beschäftigungsstruktur eines Vergnügungsparks
kaum mit Sekundäreffekten für den
Arbeitsmarkt zu rechnen.
16.
Beim Oceanpark handelt es sich um eine
Jahrhundertentscheidung, die die zukünftige
Entwicklung Bremerhavens grundlegender verändern
wird, als jede andere städtebauliche Entscheidung.
Deshalb kann eine politische Entscheidung für den
Oceanpark nur getroffen werden, wenn sie von den
Bürgern mehrheitlich getragen wird. Dazu bedarf es
eines breiten Diskussion aufgrund einer umfassendenen
Informationslage und nicht der vorgesehenen alibihaften
Dreitagediskussion Die geheimniskrämerische
gutsherrnartigen Stadtentwicklungspolitik, die
selektive Information und das Schönreden des
Projektes, die personelle Verknüpfung von
Oceanparkprojekt und Magistrat (beispielsweise sind
Herr Niederquell und Herr Holm gleichzeitig
Magistratsmitglieder und Geschäftsführer der
Oceanparkentwicklungsgesellschaft!) nährt das
Mißtrauen in dieses Projekt und verstärkt
die bürgerschaftliche Ablehnung des Oceanparks.
Deshalb muß ein Bürgerentscheid ins Auge
gefaßt werden, der den Bürgerinnen und
Bürgern dieser Stadt Gelegenheit gibt, sich zu
diesem Vorhaben zu äußern.
17.
Das Entweder-Oder-Projekt Oceanpark ist
Ergebnis einer völlig verfehlten
Tourismusförderungspolitik in dieser Stadt.
Tourismusförderung in dieser Stadt hat sich auf
eine vierjährig stattfindende Sail beschränkt
und einige im jährlichen Turnus stattfindende
dröge Hafenfeste. Tourismusförderung in
Bremerhaven arbeitet fast ausschließlich mit
einem maritimen Image (und hier vor allem
Segelschiffe), hat aber den Facettenreichtum dieser
Stadt, die besonderen landschaftlichen Schönheiten
ihres Umlandes und das ökologische Potential der
Gegend ausgeklammert (wunderschönes Umland,
Geestebereich, 50er Jahre Architektur, Werften,
Überseehafen, funktionierender Kulturbereich,
Parks usw.). Als Ergebnis sind wichtige
Tourismusbereiche verkommen (Geestemole, Weserbad
usw.). So hat die Tourismusförderung immer auf den
ganz großen Wurf, auf das Megaevent
vertröstet, das jetzt mit dem Oceanpark,
Bremerhaven aus dem Sumpf ziehen soll.
Prof. Dr. Jürgen Milchert im Oktober 1997