Tetanus - alle 10 Jahre impfen
Ralf Behrmann, Kinderarzt
16.9.2000
INFEKTIONSGEFAHR
Im Prinzip besteht bei jeder Stich - oder Bißverletzung eine Infektionsgefahr. Bagatelltraumen sind hier genauso gefährlich wie große Verletzungen. Rostige Nägel, Holzsplitter oder Dornen, die mit Keimen besiedelt sind, werden oft in ihrer Wirkung unterschätzt. Auch kann die Bißwunde eines Hundes oder die Kratzspur einer Katze schon verheilt sein, wenn sich die Tetanussymptomatik bemerkbar macht. Jede verschmutzte Wunde kommt also als Infektionsquelle in Betracht.
Je stärker die Wunde verschmutzt ist, desto größer ist natürlich die Infektionsgefahr und desto schneller und stärker treten Symptome auf. Auch sekundär, also zeitlich etwas später, kann die Wunde noch über Dreck, unsaubere Hände oder Verbandmaterial mit dem Erreger infiziert werden, das vergißt man leicht.
Tetanusbakterien leben unter Abschluß von Luft unter sauerstoffarmen Verhältnisse (im Fachjargon heißt das "anaerob") und bilden Sporen, die dann in der Erde, im Straßenstaub, im Kot von Mensch und Tier usw. überleben. Typischerweise findet man sie im Erdboden, wenn er durch Tierexkremente verunreinigt ist.
Über verschmutze Wunden gelangen die Erreger in den menschlichen Körper, gedeihen besonders gut in tiefen Wunden oder oberflächlich unter der Haut, wo sie von der Luft abgeschlossen sind. Dort bilden sie einen starken Giftstoff (medizinisch "Toxin"), der über den Blutkreislauf ins Nervengewebe gelangt und besonders das zentrale Nervensystem schädigt.
Die Folge sind Muskelkrämpfe, die ohne Behandlung in den meisten Fällen zum Tode führen.
SYMPTOME
Nach einer Inkubationszeit von 3-21 Tagen treten Krankheitszeichen auf. Es kann auch nur 1 Tag zwischen Verletzung und Krankheitsbeginn liegen. Dann ist die Prognose extrem schlecht. Zunächst verkrampfen sich die Kaumuskeln, etwas später sind die Gesichtsmuskeln betroffen. Es kommt zu einem klassischen Gesichtsausdruck mit dem typischen starren Lächeln, das die Mediziner als "Risus sardonicus" bezeichnet.
Weitere Muskelgruppen bleiben nicht verschont. Die Nacken - und Rückenmuskulatur sind so verkrampft, daß der Betroffene völlig überstreckt daliegt. Licht, Geräusche oder Berührung können als Sinnesreize anfallsartige Verkrampungen am ganzen Körper auslösen. Das Schlimme und Grausame der Erkrankung besteht darin, daß der Betroffene dies bei vollem Bewußtsein alles miterlebt. Zwerchfellkrämpfe und Verkrampfungen der Atemmuskulatur des Brustkorbs schließen sich an, ebenso Verkrampfungen der Bronchialmuskulatur. Atemstörungen mit immer flacher werdender Atmung und zunehmender Atemnot schließen sich an. Unbehandelt führt dies zu einem qualvollen Erstickungstod. Wird noch rechtzeitig behandelt, so ist eine Lungenentzündung neben anderen eine typische Komplikation.
Eine stationäre Behandlung ist bei den ersten Anzeichen oder dem Verdacht einer drohenden Erkrankung unvermeidlich. Der Arzt wird bei entsprechender Vorgeschichte die ersten Symptome, insbesondere die zunächst leichten Muskelkrämpfe , erkennen und für eine schnelle Therapie sorgen.
Nur eine Angabe zum Nachdenken: Die Kosten für die Behandlung auf einer Intensivstation betragen für einen an Tetanus erkrankten Erwachsenen mehr als 80.000 DM. Der Impfstoff für eine vorbeugende Auffrischimpfung liegt bei ca. 5 DM ( ohne Arztkosten).
VORBEUGUNG - WAS BEWIRKT DIE IMPFUNG?
Die Schutzimpfung gegen Wundstarrkrampf gehört zu den Routineimpfungen, die schon im Kleinkindalter vorgenommen und bei den Routineuntersuchungen aufgefrischt werden. Oft erfolgt eine gleichzeitige Impfung gegen Diphterie durch ein kombiniertes Impfserum und wird durch eine Polio - Impfung komplettiert.
Man muß zwischen 2 Typen von Impfung unterscheiden:
Eine sog. aktive Impfung dient der reinen Vorbeugung. Hier wird mit der Impflösung ein abgeschwächtes und leicht verändertes Tetanus in die Muskulatur - meist von Gesäß oder Oberarm - gespritzt. Der Körper soll sich mit diesem Toxin auseinandersetzen und Abwehrstoffe ,sog. Antikörper, aufbauen, damit er diese Schutzwaffe im Bedarfsfall jederzeit einsetzen und den Erreger so unschädlich machen kann. Im Abstand von 4 - 6 Wochen sind 2 Impfungen erforderlich, die 3. Impfung dann nach 6- 12 Monaten. Schwangere können sich ebenfalls impfen lassen und brauchen keine Sorge um ihr ungeborenes Kind zu haben. Der Impfschutz hält 5-10 Jahre. Deshalb soll nach 10 Jahren, so die Empfehlung der Ständigen Impfkommission, eine Auffrischung erfolgen.
Die passive Impfung dient dazu, dem Körper Abwehrstoffe gegen das Tetanustoxin zu verabreichen, die er selbst so schnell nicht bilden kann.
Deshalb wird bei Ungeimpften im Verletzungsfall eine Simultanimpfung, also gleichzeitig eine aktive und eine passive Impfung durchgeführt, um einerseits sofort Schutz zu bieten, andererseits den Körper zur Abwehrbildung zu veranlassen. Geschieht dies nach einer Verletzung rechtzeitig, d.h. in den ersten Stunden, so ist das Risiko einer Tetanuserkrankung so gut wie ausgeschaltet.
Merke: Durch Schutzimpfungen ist die Häufigkeit von Tetanuserkrankungen zwar deutlich zurückgegangen, unter den Erkrankten versterben aber immer noch ca. 60%. Deshalb ist die vorbeugende Impfung so wichtig.
Im Verletzungsfall gilt: Ist man in den letzten 5 Jahren geimpft, ist keine erneute Impfung notwendig. Liegt die letzte Impfung 5-10 Jahre zurück, wird eine erneute aktive Impfung durchgeführt. Ist das Zeitintervall von 10 Jahren verstrichen, muß eine Simultanimpfung erfolgen mit Verabreichung des Impfstoffes auf zwei gegenüberliegenden Körperhälften, also beiden Gesäßmuskeln, Oberarmen etc...
Die Impfkosten werden bei Verletzungen von den gesetzlichen Krankenkassen getragen.
KOMPLIKATIONEN UND NEBENWIRKUNG DER IMPFUNG
Die meisten Geimpften bemerken keinerlei Veränderungen.
Gelegentlich (in ca. 5-20%) kann als Nebenwirkung eine leichte Rötung an der Einstichstelle auftreten; dies ist aber harmlos. Wenn allerdings zu früh erneut geimpft wird und eigentlich noch genug Antikörper im Körper vorhanden sind, so kann die Einstichstelle richtig hart werden und auch eine Schwellung der zugehörigen Lymphknoten resultieren. Dies ist dann Zeichen dafür, daß sich der Körper gegen die verabreichten Keime noch massiv wehren kann. (Deshalb ist es auch so wichtig, einen Impfpaß bei sich zu haben. Nur so werden überflüssige Impfungen vermieden. Theoretisch besteht auch die Möglichkeit, vorher den Antikörpergehalt gegen Tetanustoxin zu bestimmen. Dies ist aber ein aufwendiges und teures Verfahren, das sich für die Routine daher nicht eignet. Hinzu kommt, daß nach Aussage von Experten einheitliche Bewertungsstandards noch fehlen.)
Vielleicht kann einige Tagen nach der erfolgten Impfung auch das Allgemeinbefindens leicht beeinträchtigt sein mit "grippeähnlichen" Symptomen wie Abgeschlagenheit, Muskel- und Gliederschmerzen, verminderter Leistungsfähigkeit und eventuell diskret erhöhter Körpertemperatur.
Wichtig ist, daß zum Impfzeitpunkt kein Infekt besteht, der das Immunsystem bereits beansprucht und so zu Komplikationen führen könnte!
Allergische Reaktionen sind noch zu erwähnen. Hier besteht eine Überempfindlichkeit gegenüber dem Trägerstoff des Impfserums, nicht gegenüber dem Impfstoff selbst. Bei Allergikern sollte der Arzt daher eine kleine Testdosis spritzen und dann die Reaktion abwarten. Es stehen aber auch Impfpräparate mit anderes zusammengesetzter Trägersubstanz zur Verfügung.
Kurzfristige Magen - Darm - Beschwerden oder Veränderungen der Blutplättchen wurden nach Impfungen ebenfalls beschrieben.
Gravierende Impfkomplikationen sind extrem selten und daher für die allermeisten von uns nicht zu befürchten. Sie treten nur in ungefähr 1 : 4 Millionen Impfungen auf. Es bleiben also der große Nutzen einer Schutzimpfung gegenüber einem minimalen Impfrisiko abzuwägen! Impfkomplikation bedeutet immer, daß eine schwerwiegende Erkrankung mit bleibenden Folgeschäden in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung aufgetreten ist und auch auf den Impfstoff zurückzuführen ist. Hierzu würden die in extrem seltenen Fällen auftretenden Erkrankungen des zentralen oder peripheren Nervensystems, die z.T. auch mit Lähmungen verbunden sind, gehören.
Merke: Sind bei einer früheren Impfung Begleitreaktionen aufgetreten, oder besteht zum Zeitpunkt der Impfung ein Infekt oder eine entzündliche Erkrankung, so informieren Sie Ihren Arzt und besprechen mit ihm Ihr persönliches Impfrisiko.
WAS TUT MAN IM FALL EINER VERLETZUNG?
In jedem Falle sollte man sich Klarheit über den vorhandenen bzw. fehlenden Impfschutz verschaffen und im Zweifelsfall Rücksprache mit dem Hausarzt nehmen, ob eine Impfung notwendig ist.
Immer sollte eine ausreichende Wundreinigung erfolgen und auch eine spätere Verschmutzung durch Pflaster, Verband etc. verhindert werden. Behandeln Sie nicht zu lange selbst und suchen Sie lieber zur fachgerechten Wundbehandlung einen Arzt auf.
Beobachten Sie auch Bagatellverletzungen, damit sie sich nicht noch entzünden.
Treten nach einer Verletzung später Fieber, Rötung, oder auch nur Allgemeinerscheinungen auf, die Sie nicht deuten können, so ist dies in jedem Falle einen Besuch bei Ihrem Hausarzt wert.
WIE SEHEN BEHANDLUNG UND PROGNOSE EINES ERKRANKTEN AUS?
Neben der allgemeinen Wundreinigung und Wundbehandlung und der eventuellen Gabe von Antibiotika ist der Impfschutz zu überprüfen. In jedem Falle ist bei einem Erkrankten die Gabe eines antitotoxischen Schutzserums, also eines Gegengifts zum Tetanustoxin, erforderlich. Darüber hinaus müssen Muskelkrämpfe verhütet und behandelt werden durch Beruhigungsmittel und und die Muskulatur entspannende Medikamente. Oft sind ein Luftröhrenschnitt und eine künstliche Beatmung nach vorheriger Betäubung des Patienten notwendig. Der Krankheitsverlauf ist unterschiedlich und kann unterschiedliche Schweregrade haben. Er hängt von der rechtzeitigen Therapie und von der Länge der Inkubationszeit ab. Die Prognose ist besonders ungünstig, wenn die Zeit zwischen Infektion und Ausbruch der Erkrankung sehr kurz war (unter 5 Tagen ist sie extrem schlecht), wenn eine aktive Immunisierung fehlt, wenn noch andere Erkrankungen bestehen und wenn der Mensch bereits älter ist. Auch Vergiftungen, z.B. eine Alkoholvergiftung bei starkem Alkoholgenuß, wirken sich extrem ungünstig aus.
MERKE:
Jeder Erwachsene und jedes Kind sollte gegen Tetanus (Wundstarrkrampf) und Polio (Kinderlähmung) geimpft sein.
Kinder sind im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen meist gegen Tetanus, Diphterie und Polio geimpft. Auffrischimpfungen alle 5 - 10 Jahre sollen bei Erwachsenen und Kindern einen zuverlässigen Impfschutz zu Hause und unterwegs gewährleisten.