26.5.2005
Im Februar 2005 wurde im Forum von Kidmed.de (hhtp://www.kidmed.de) folgender Fall geschildert, den ich hier wiedergeben darf. Die Hervorhebungen sind von mir.
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000 - 22.02.2005, 00:51 Uhr
Behrmann.Kinderarzt
...machen Freude und sind hilfreich.
Vor ein paar Tagen kam ein primär total gesunder
kräftiger, muskulöser und vernünftig-cooler junger Mann
von 16 Jahren zu mir.
Er habe seit 3 Stunden mäßige Beschwerden am/im linken
seitlichen Brustkorb in der Achselregion und irgendwie könne er
nicht so richtig durchatmen, fühle sich aber fit.
Besorgt war er schon.
Ich habe ihn genau durchuntersucht (mit EKG) und nichts gefunden.
Dann lief bei mir medizinischer Standard und Erfahrung ab und ich
habe ihn in die Klinik geschickt mit dem Verdacht auf einen
Spontanpneumothorax, was einen Lungenhaut-Riß mit Atmungsausfall
eines Lungenteils oder einer ganzen Lungenhälfte bedeutet.
So war es dann auch.
Ich wollte ihm für den Weg in die Klinik noch ein Taxi
bestellen; er wollte die 900 Meter lieber laufen.
Normalerweise wird dann eine Luftableitung (Thoraxdrainage)
eingestochen und man wartet
bis die Sache zuheilt.
Bei ihm aber scheint es aber mehr zu sein.
Er wurde mit Brustkorberöffnung operiert.
Da wird die Lunge mit der Brustkorbwand verschweißt.
Diese Dinge sind durchaus lebensgefährlich, wenn sich
bestimmte Ventilmechanismen entwickeln, die die intakte Lunge auch noch
beeinträchtigen. Und sowas kann schnell gehen.
Häufig betroffen sind gerade vitale männliche
Jugendliche.
Obwohl es medizinischer Standard war, bin ich ganz stolz auf meine
Diagnose.
Angesehen hat man es dem Youngster nicht.
Man muß stur sein.
das Ganze muß man sich mal bei einem Unheilpraktiker oder
sonstigen Scharlatanerie-Betrüger vorstellen.
Beim Unheilpraktiker wird prizipiell erst mal Scheiße
geredet und dann irgendwas völlig Absurdes von so 400
Abzockerei-Pseudomethoden gemacht.
Beim Homöopsychopathen wird dann erstmal für 180 #EURO#
eine sogenannte Erstanamnese, die einem Horoskop entspricht, erhoben und
irgendeine verunreinigte oder nichts enthaltende Alkohol- oder
Wasserlösung oder Zuckerkügelchen ohne Inhalt verabreicht.
Bei "Kinesiologen" gibts für auch sehr viel Geld auch
betrügerisches Armdrücken.
Bei "Osteopathen" gibts auch idiotisches Rumgfasel und noch
debileres Betrugs-Rummgefummel.
Und so weiter.
Alles ist debil und kriminell.
Nur Psychopathen (denen anderswo geholfen werden muß) und
Vollidioten wird damit scheinbar und vorübergehend "geholfen".
Zu verbreiteteten Betrügermethoden:
http://www.kidmed.de/forum/showtopic.php?threadid=6002
Bei seriösen Ärzten wie mir läufts eben seriös
und da sind solche Ereignisse wie das beschriebene schlicht und
einfach Standard - auch für uns erfreulicherweise.
002 - 22.02.2005, 09:15 Uhr
Minerva
Na Glückwunsch :-)
Wieso konntest du beim Abhorchen nichts finden? Müsste der
linke Lungenflügel nicht irgendwie auffällig klingen?
003 - 22.02.2005, 09:21 Uhr
Behrmann.Kinderarzt
Das kann schon mal sein, wenn der Befund nicht so groß ist.
Jedenfalls hab ich nix gehört.
004 - 22.02.2005, 15:17 Uhr
Cornelia
Ich bin verblüfft, dass der junge Mann noch so fit war. Ich
selbst hatte nach Not-Bauch-OPs auch schon mal einen Pneumothorax und
fand das sehr übel, ein sehr starkes Druckgefühl, als
stände mindestens ein PKW auf dem Brustkorb, kombiniert mit nicht
unerheblicher Erstickungsangst aus starker Atemnot.
005 - 22.02.2005, 17:57 Uhr
Behrmann.Kinderarzt
Er hatte keine sichere Atmungsauffälligkeit, wirkte aber irgendwie
leicht beeinträchtigt und leicht ängstlich (ein
ausgewachsener Mann, vital, groß und muskulös).
Wenn da was Sicheres gewesen wäre und ich was gehört
hätte, wärs ja leicht gewesen.
Ich wollte ja gerade darauf hinweisen, daß es gewisse
Erfahrungs- und Wissens-Automatismen geben muß und keine
Hemmnisse geben darf, sich eventuell in der Klinik zu blamieren.
006 - 22.02.2005, 19:34 Uhr
Cornelia
Hallo Herr Behrmann,
> Ich wollte ja gerade darauf hinweisen, daß es gewisse
Erfahrungs- und Wissens-Automatismen geben muß und keine
Hemmnisse geben darf, sich eventuell in der Klinik zu blamieren.
das habe ich auch so verstanden. ;)
Darum finde ich es ja so bemerkenswert, dass Sie die richtige
Diagnose stellen konnten, trotz der so vergleichsweise milden
Symptome. :-)
Mein Kompliment!
Genau das macht meiner Meimung nach unter anderem einen guten Arzt
aus: Dass er bereit ist, das Risiko einzugehen, sich notfalls auch mal
zu blamieren.
Dass er im Zweifel lieber etwas Harmloses zu ernst nimmt, als
umgekehrt;
dass er bereit ist, im Zweifel auch mal zuzugeben, etwas
nicht
zu wissen, statt so zu tun, als sei er allwissend;
dass er bereit ist, das Einholen einer zweiten ärztlichen
Meinung zu dulden, ohne deshalb beleidigt zu sein, oder dies im
Zweifel sogar selbst anregt. :-)
Schade, dass Sie so weit weg praktizieren. :-)
Gruß
Cornelia
007 - 22.02.2005, 19:51 Uhr
Behrmann.Kinderarzt
So muß es eben laufen und dazu brauche ich keine "Leitlinien"
und kein idiotisches "Qualitätsmanagement", das von Zwanghaften als
vermeintliches Lebenswerk produziert wird:
Zu Letzterem:
http://www.kidmed.de/forum/showtopic.php?threadid=4944
Ein anderer Volltreffer in dieser Art wie mit dem Spontan-Pneumothorax:
http://www.kidmed.de/forum/showtopic.php?threadid=2181
Zwischendurch ists auch sehr gut gelaufen.
Die Lungenentzündungsdiagnosen stimmen fast immer und die
Blinddarmentzündungsdiagnosen sehr häufig, vor allem bei
uneindeutigen Fällen.
Man muß halt wissen, daß nach dem Durchbruch die
Schmerzen und der verdächtige oder eindeutige Tast- und
Klopfbefund erstmal weggehen.
008 - 23.02.2005, 08:15 Uhr
Bobbele
Finde ich gut da können Sie stolz drauf sein. Was mich allerdings
wundert das es so einen jungen Mann zu Ihnen in eine Kinderarztpraxis
kommt, wo ihn vermutlich ein Ambiete aus Plüschtieren erwartet.
Wo ist eigentlich die Grenze, bis zu welchem Alter reicht Ihre
Zielgruppe?
009 - 23.02.2005, 19:05 Uhr
Behrmann.Kinderarzt
Bis 18.
010 - 24.02.2005, 15:02 Uhr
Behrmann.Kinderarzt
Der junge Mann war heute schon putzmunter wieder da.
Der Brustkorb wurde nicht im Ganzen eröffnet, sondern es
wurde per 3 Eingängen endoskopisch operiert.
Auf dem Fußweg ins Krankenhaus hatte er dann doch zunehmende
Atemnot gehabt.
Es war also höchste Zeit.
</quote>
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Die Beschreibung dieses Falls erinnerte mich an einen anderen Fall, der weit weniger gut verlief. Deswegen untersuchten wir die uns davon vorliegenden MRT-Aufnahmen.
Bild 1: hws_kn01.jpg: MRT-Aufnahme einer BWS, ungefärbt
Der Kranke hatte 2 Jahre lang ein enormes Druckgefühl auf der Brust. Ahnen Sie, warum?
Bild 2: hws_kn02.jpg: MRT-Aufnahme einer BWS, das Brustbein rot gekennzeichnet
Bild 2 ist nichts anderes als Bild 1. Wir haben lediglich die von uns entdeckte Anomalie rot markiert.
Warum hatte der Kranke 2 Jahre lang dieses Druckgefühl? War er deswegen nicht zum Arzt gegangen? Doch, das schon. Zu sogar einer ganzen Reihe von Ärzten... Ihnen legte er neben vielen anderen anderen Aufnahmen auch die oben abgebildete Aufnahme Bild 1 vor.
Einer dieser Ärzte war ein Sportarzt. Also jemand, der sich durchaus mit Unfällen auskennen sollte. Betonung auf "sollte"...
Das Erlebnis mit diesem Sportarzt führte den Kranken zu der Frage: "Warum verhalten sich Ärzte wie Vollidioten?" (http://www.ariplex.com/hws/hws_v001.htm)
Ein anderer Arzt war ein Spezialist für chirurgische Skoliosebehandlungen. In einer Spezialklinik für chirurgische Skoliosebehandlung. Also jemand, der sich durchaus mit Unfällen - und erst recht mit der Brustwirbelsäule - auskennen sollte. Sollte...
In seinem Arztbrief, der uns vorliegt, schreibt dieser Spezialist wörtlich:
------------------------------------------------------------------------------- Therapie: Die Beschwerden sind psychosomatischer Art. Sie sind mit den klinisch und röntgenologisch gefundenen Befunden in keiner Weise zu erklären. Ich habe dem Patienten dieses nur andeutungsweise mitgeteilt. Er ist sofort empört aufgesprungen und hat schimpfend den Untersuchungsraum verlassen. -------------------------------------------------------------------------------
Darüber - beim Punkt "Diagnose" - steht in Fettschrift gleich als erstes :
------------------------------------------------------------------------------- Diagnose: hochgradiges psychosomatisches Syndrom -------------------------------------------------------------------------------
Dieser Spezialist ist "Dr. med.", "Privatdozent" (hat habilitiert), ja er ist sogar Chefarzt an dieser Spezialklinik...
Glücklicherweise gibt es im WWW medizinische Bibliotheken mit Bilddarstellungen der Anatomie.
Die Universtität Keio in Japan hat diese beiden Bilder in ihrer Web-Site:
Bild 3: hws_kn03.jpg: Skelettdarstellung einer normalen BWS, von vorne
Quelle: http://web.sc.itc.keio.ac.jp/anatomy/anatomy/anatomy1b1-6.jpg
Bild 4: hws_kn04.jpg: Brustbein einer normalen BWS, von vorne und der Seite
Quelle: http://web.sc.itc.keio.ac.jp/anatomy/anatomy/anatomy1b1-5.jpg
Herr Kazuya Funato vom "Department of Anatomy" der School of Medicine, Keio University in Tokyo, hat mir freundlicherweise die Wiedergabe dieser Bilder erlaubt. Sie stammen aus der japanischen Übersetzung des Buchs "Handatlas der Anatomie des Menschen" von Werner Spalteholz, 1. Band, 13. Auflage, 1933. [1]
Wie man an den Bildern 3 und 4 deutlich erkennen kann, verläuft bei einer normalen Brustwirbelsäule das Brustbein am unteren Ende nahezu GERADE nach unten. Bild 1 zeigt ein dort deutlich geknicktes Brustbein. Der Kranke klagt über starkes Druckgefühl in der Brust. Dieses Druckgefühl kam nach einem Unfall. Dieser Unfall fand statt 8 Monate vor der MRT-Aufnahme.
Bei dem Sportarzt war der Kranke rund 3 Monate nach der MRT-Aufnahme. Bei dem Skoliosespezialisten war der Kranke 1 Jahr nach der MRT-Aufnahme. Der Kranke hatte Schmerzen und hatte ein starkes Druckgefühl.
Fazit:
Wenn ein Arzt mit "Magnetfeldtherapie" [2] sein Geld macht (wie eben dieser Sportarzt), berechtigt dies zu mehr als nur leisen Zweifeln an seiner fachlichen Qualifikation.
Wenn Skoliosekranke eine gewisse norddeutsche Spezialklinik für Skoliosebehandlung weiträumig umfahren, so hat auch dies seinen Grund...
Aribert Deckers
Quellenverweise:
[1] Werner Spalteholz, 1861-1940
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1: J Audiov Media Med. 1999 Dec;22(4):164-70.
The history of Werner Spalteholz's Handatlas der Anatomie des Menschen.
Williams DJ.
Purdue University, West Lafayette, IN 47907-1245, USA. djw {at} vet.purdue.edu
Werner Spalteholz's Handatlas der Anatomie des Menschen is one of the most
elegantly illustrated anatomical atlases of all time. Originally published
in Leipzig as three volumes from 1895 to 1903, the atlas is still widely
used and remains highly regarded by many. The atlas was remarkably popular
during the first half of the 20th century, especially the English version
in North America and the UK.
Unfortunately, the original illustrations and printing plates for the work
disappeared following the Second World War and their fate remains a mystery.
And, in spite of the atlas's popularity, little is known to the men who
prepared the artwork for Spalteholz. It is commonly believed that Max Brodel
contributed illustrations to the atlas, but a close examination of the work
does not confirm this. A century after its inception, Spalteholz's atlas
remains a classic milestone in the history of anatomical illustration.
Publication Types:
Biography
Historical Article
Personal Name as Subject:
Spalteholz W
PMID: 10795378 [PubMed - indexed for MEDLINE]
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Die Geschichte der Handbücher ist weitaus interessanter als man vermuten würde. Hierzu folgende Links:
------------------------------------------------------------------------------- The atlases by Carl Toldt, Johannes Sobotta and Werner Spalteholz are representative of this first generation of anatomical knowledge sources specifically intended for the anatomy curriculum. They soon appeared in English language editions and made their way across the Atlantic, where they were instrumental in exerting a predominantly German influence on academic medicine as it was evolving in America. The Toldt atlas was particularly popular here in the early part of the century. -------------------------------------------------------------------------------
[2] "Magnetfeldttherapie"
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Verlage dürfen sich wegen der Nachdruckrechte per Email an mich wenden.