10.9.2002
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Informationsdienst Wissenschaft - idw - - Pressemitteilung
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen
Fachgesellschaften, 10.09.2002
Massiver Wandel in der Krebsmedizin
In der Krebstherapie verdrängen individuelle Strategien die
herkömmlichen "Alle-bekommen-alles-Konzepte". Heute richten sich
Behandlungen zunehmend nach den jeweiligen Bedürfnissen der Frauen und
den biologischen Eigenschaften ihres Tumors, betonen Experten auf dem
54. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
in Düsseldorf.
Jährlich erkranken in Deutschland schätzungsweise 173.000 Frauen an
Krebs. Brustkrebs führt mit 45.000 Neuerkrankungen die Liste der
Tumorleiden an. Er verursacht 18 Prozent aller Krebstodesfälle bei
Frauen. Pro Jahr diagnostizieren Ärzte hierzulande zudem bei 26.500
Patientinnen bösartige Geschwülste der Geschlechtsorgane, zum Beispiel
Krebs des Gebärmutterkörpers oder -halses sowie des Eierstocks. Dank
effektiver Früherkennung ist Gebärmutterhalskrebs rückläufig. Die
Häufigkeit von Gebärmutterkörper- und Eierstockkrebs verharrt seit 20
Jahren auf gleichem Niveau. Dagegen steigt die Zahl der Frauen, die an
Brustkrebs erkranken.
Trotz vieler Fortschritte haben Ärzte eine entscheidende Hürde bisher
nicht überwinden können: Von wenigen Ausnahmen abgesehen kann ein
Krebsleiden nicht mehr geheilt werden, wenn der Tumor Tochtergeschwülste
(Metastasen) in anderen Organen bildet. Dies belegt auch die Auswertung
der Krankengeschichten von über 15.000 Brustkrebs-Patientinnen, die
Ärzte der Universitätsfrauenklinik Tübingen auf dem Düsseldorfer
Kongress präsentieren: Von 1942 bis 1985 lebten die Betroffenen im
Schnitt noch 20 Monate, nachdem Ärzte Metastasen diagnostiziert hatten;
von 1986 bis 1999 verlängerte sich diese Zeit um nur einen Monat.
Enormer Wandel in der gynäkologischen Onkologie
Diese frustrierend langsamen Behandlungsfortschritte bei
fortgeschrittenen Tumorleiden hat in der Zunft der Krebsmediziner in den
letzten Jahren eine Neuorientierung angestoßen, die sich auf drei
Ansätze konzentriert: Früherkennkung, Individualisierung der Therapie
und sekundäre Prävention, die Verhinderung erneuten Tumorwachstums nach
der Erstbehandlung. "Einen enormen Wandel in der gynäkologischen
Onkologie" beobachten denn auch die Professoren Hans-Georg Bender und
Peter Dall von der Universitätsfrauenklinik Düsseldorf. Sie und ihre
Kolleginnen und Kollegen haben sich hohe Ziele gesteckt:
* Individuelle Therapien sollen die "Viel-hilft-viel-Behandlungen"
oder die "Alle-bekommen-alles-Strategien" ablösen. Neue
wissenschaftliche Erkenntnisse sowie wirtschaftliche Zwänge
treiben diese Entwicklung voran. Moderne Behandlungen richten sich
nach den jeweiligen Bedürfnissen der Patientin und den
biologischen Eigenschaften ihres Tumors.
* Vorbeugende Konzepte rücken in den Vordergrund. Sie sollen
nach einer Primärtherapie - meist einer Operation - Metastasen
oder erneutes Tumorwachstum verhindern.
* Die Vorhersage (Prädiktion) wird wichtiger. Sie hilft den
Ärzten, eine entscheidende Frage zu beantworten: Welche Frau
braucht welche Therapie? Es gilt, jene Patientinnen herauszufiltern,
die ein hohes Risiko tragen, in den nächsten fünf Jahren
Metastasen oder ein Rezidiv - eine Rückkehr des Tumors - zu
erleiden. Denn nur diese Frauen profitieren von einer gezielten
Behandlung nach erfolgreicher Primärtherapie.
* Das individuelle Abschätzen unerwünschter Nebenwirkungen von
Therapien sollte bei jeder Patientin Standard sein.
Neue Konzepte, andere Strategien
Weltweit tüfteln Forscher an neuen Konzepten, erproben Ärzte neue
Kombinationen verschiedener Medikamente und anderer Therapiestrategien.
So berichteten Forscher unlängst von einem wesentlichen Fortschritt bei
der Behandlung bestimmter Brustkrebs-Patientinnen, deren Tumor
"Hormonrezeptor-positiv" war und bereits Metastasen in den
Achsel-Lymphknoten gebildet hatte. Diese Frauen, die ihre Wechseljahre
bereits hinter sich hatten, profitierten von einer Behandlung mit
Anastrozol - einem so genannten Aromatasehemmer - stärker als von der
bisher besten Therapie mit dem Medikament Tamoxifen: Sie blieben länger
krankheitsfrei als jene Patientinnen, die entweder mit Tamoxifen oder
mit einer Kombination aus Tamoxifen und Anastrozol behandelt worden
waren. Noch in diesem Jahr rechnen die Ärzte mit einer Erweiterung der
Zulassung von Anastrozol in Deutschland.
Auch bei der Chemotherapie des Brustkrebses gibt es Fortschritte. Wenn
die Ärzte das Medikament Docetaxel aus der Gruppe der Taxane in den
Behandlungsplan integrieren, verlängert sich ebenfalls das
krankheitsfreie Überleben der Patientinnen im Vergleich zur
Standard-Chemotherapie. "Allerdings ist noch eine längere
Nachbeobachtungszeit erforderlich", schränkt Dall ein, "um diese
Ergebnisse endgültig zu beurteilen."
Nicht nur die vielen, oft eher kleinen therapeutischen Fortschritte
verbessern die Chancen der Patientinnen. Entscheidend wichtig ist ihre
Verknüpfung in einer qualitätsgesicherten Versorgungskette - von der
effektiven Früherkennung über die Diagnostik und Therapie nach dem
neuesten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis, bei der Ärzte
verschiedener Fachrichtungen in Zentren zusammenarbeiten, bis hin zur
angemessenen Nachsorge. Diese Versorgungskette wird sich, so hofft
Professor Hans-Georg Bender, Präsident des Gynäkologen-Kongresses, in
den nächsten Jahren hierzulande fest etablieren.
Für Krebsspezialisten ist die Vorhersage, ob und wie ein Tumor auf eine
Behandlung reagiert, von großer Bedeutung. So verrät der klassische
"Hormonrezeptor-Status" bei Brustkrebs, ob eine Patientin von einer
Hormontherapie - sie soll Metastasen oder Rezidive verhindern -
wahrscheinlich profitieren wird. Inzwischen ermitteln Ärzte auch, ob der
Tumor eine bestimmte Bindungsstelle - den Humanen Epidermalen
Wachstumsfaktor-Rezeptor (HER2) - in großen Mengen produziert. Ist dies
der Fall, können sie ihre Patientin mit einem Trastuzumab genannten
Medikament aus der Gruppe der monoklonalen Antikörper behandeln: Es
vermag den Rezeptor und damit das Tumorwachstum zumindest für einige
Zeit zu hemmen.
Prognosefaktoren stellen die Weichen für die richtige Therapie
Studien an den Frauenkliniken der Technischen Universität München und
der Universität Hamburg belegen die prognostische Bedeutung zweier so
genannter tumorbiologischer Faktoren. Diese kurz uPA und PAI-1
bezeichneten Eiweißstoffe spielen bei der Invasion von Tumorzellen in
das umliegende gesunde Gewebe sowie bei deren Ausbreitung im Körper eine
Rolle. Sie lassen sich mit Labortests im heraus operierten Tumorgewebe
bestimmen. Frauen mit hohem uPA- und PAI-1-Gehalt im Primärtumor tragen
ein großes Risiko, dass der Krebs zurückkehrt. Sie profitieren jedoch
auch deutlich von einer adjuvanten systemischen Chemotherapie.
Auf der Gynäkologen-Tagung wird das Forscherteam aus München und Hamburg
Ergebnisse seiner Studien vorlegen. So erlitten 6,3 Prozent der
Patientinnen mit niedrigem uPA im Lauf von drei Jahren nach der
Primärtherapie ein Rezidiv; bei Patientinnen mit erhöhten Werten lag
diese Drei-Jahres-Rezidivrate bei 14,2 Prozent. Durch eine Chemotherapie
ließ sich das Rezidiv-Risiko der Patientinnen mit erhöhten Werten um
36,9 Prozent senken. Nun prüfen die Ärzte, ob diese Faktoren auch bei
Eierstockkrebs prognostische Bedeutung haben.
Noch unklar ist hingegen die Bedeutung anderer Prognosefaktoren wie etwa
der Nachweis einzelner Tumorzellen im Knochenmark. Keine Beziehung
fanden die Forscher bislang auch zwischen dem Nachweis von Tumorzellen
im Blutserum und dem Tumorstadium oder dem Lymphknotenstatus von
Patientinnen.
Gen-Chips noch Zukunftsmusik
Große Hoffnung setzen Wissenschaftler auf so genannte Gen-Chips: Diese
mikrominiaturisierten Labors sollen künftig individuelle genetische
Profile von Tumoren erstellen. Im Labor können sie schon heute die
Erbsubstanz von Tumoren gleichzeitig auf die Aktivität von Tausenden
verschiedener Gene testen. Damit hoffen die Forscher Gene zu
identifizieren, die für eine Krebserkrankung besonders bedeutsam sind.
Aber noch liefern die verschiedenen Testsysteme unterschiedliche
Ergebnisse. "Solche Tests sind erst dann in der klinischen Routine
sinnvoll einsetzbar", sagt Dall, "wenn sie den gleichen strengen
Anforderungen genügen wie die Testung anderer Prognosefaktoren."
Beratung bei familiärem Brustkrebs hat sich bewährt
Etwa fünf Prozent aller Brust- und Eierstockkrebse sind erblich bedingt.
Eine intensive Beratung der Betroffenen über Früherkennung und
Präventionsmöglichkeiten, die bundesweit an zwölf Kliniken angeboten
wird, hat sich bewährt. "Die Patientinnen vertrauen dem Konzept",
berichtet Peter Dall. Bislang wurden mehrere tausend Frauen beraten. In
3023 Familien haben die Forscher 77 verschiedene Mutationen des
BRCA1-Gens und 63 Mutationen des BRCA2-Gens nachgewiesen. Sind in einer
Familie jeweils ein Fall von Brustkrebs und ein Fall von Eierstockkrebs
oder zwei Fälle von Brustkrebs vor den Wechseljahren aufgetreten, ist
eine Beratung besonders zu empfehlen. Die Familiengeschichte liefert
bislang bessere Informationen zur Abschätzung des Risikos als
verschiedene Rechenmodelle, welche die Forscher noch erproben.
Therapie-Trend: An der Tumorbiologie orientieren
Auch auf therapeutischem Gebiet zeichnen sich deutliche Trends ab: "Die
Zukunft", erklärt Dall, "liegt in der intelligenten Nutzung effektiver
Standardtherapien, also etwa einer Opera-tion, in Verbindung mit
Strategien, die sich an der jeweiligen Tumorbiologie orientieren." Dazu
gehören beispielsweise Immuntherapien. So testen Ärzte bei
Gebärmutterhalskrebs verschiedene therapeutische Impfstrategien. Andere
Immuntherapien erlitten hingegen klinische Misserfolge; nun versuchen
Forscher, ihre Strategien in Laborversuchen weiter zu optimieren.
Gentherapie-Studien geplant
Rückschläge mussten auch die Gentherapeuten einstecken. In der
Krebsbehandlung blieben die erhofften Wirkungen aus. Schlimmer noch: Ein
Todesfall vor zwei Jahren führte den Forschern vor Augen, dass bestimmte
virale Gentransporter ("Vektoren") keineswegs so harmlos sind wie zuvor
angenommen. Die US-Mediziner hatten so genannte Adenoviren eingesetzt.
Nach dem Todesfall erhielten drei US-Labors von der amerikanischen
Arzneimittelbehörde FDA den Auftrag, die Vektoren weiterzuentwickeln,
darunter das Gentherapie-Zentrum der Universität von Alabama. Mit ihm
arbeitet das Gynäkologen-Team um Dall eng zusammen. Noch in diesem Jahr
sollen zunächst in den USA klinische Studien mit Adenoviren der dritten
Genera-tion anlaufen. Die speziell konstruierten Viren sollen sich
beispielsweise nur in den Zellen von Eierstocktumoren vermehren und
diese dabei abtöten. Zumindest bei Nagern ließ diese Strategie
Geschwülste verschwinden. Das Düsseldorfer Team konnte darüber hinaus
bei Versuchen mit Mäusen belegen, dass eine Kombination von Gen- und
Chemotherapie sinnvoll ist.
Rückfragen:
Univ.-Prof. Dr. med. Peter Dall
Oberarzt der Frauenklinik Universität Düsseldorf
Moorenstraße 5
40225 Düsseldorf
Tel.: 02 11/81-1 75 18
Fax: 02 11/81-1 60 23
e-mail: dall@uni-duesseldorf.de
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Pressestelle 54. DGGG-Kongress 2002
Barbara Ritzert
ProScientia GmbH
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Aribert Deckers