Fälschung und Korruption in der Wissenschaft


6.6.2002

Im Buch "Käufliche Wissenschaft. Experten im Dienst von Industrie und Politik., [100] herausgegeben von Antje Bultmann und F. Schmithals, ist ein sehr lesenswerter Buchbeitrag von Herrn Professor Dr. Otmar Wassermann.

Dank der freundlichen Genehmigung von Autor, Herausgeber und Verlag darf ich diesen Beitrag hier wiedergeben.

Das Layout wurde leicht geändert, weshalb die Angaben über die Seitennummern teilweise verschoben sind. Sie dienen nur als sehr grobe Referenz zum gedruckten Buch.

Nach dem Buchbeitrag folgt eine Ergänzung: Eine Pressemitteilung von Herrn Professor Dr. Wassermann zu einer Klage aufgrund seines Buchbeitrags.

Aribert Deckers


Fälschung und Korruption in der Wissenschaft

Otmar Wassermann




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"Da die Zeit kurz ist, werde ich alle Schmeichelei fort- und alle Kritik darin lassen."

Henry David Thoreau, 1863 [1]

"Difficile est saturam non scribere"
- Es fällt schwer, keine Satire zu schreiben.

Juvenal, ca 100 n. Chr. [2]


In den zurückliegenden drei Jahrzehnten meines Berufslebens machte ich eine Reihe von negativen, sehr bedrückenden Erfahrungen mit der Glaubwürdigkeit von "Wissenschaftlern". Viele wissen um solche Mißstände und machen sich schweigend mitschuldig. Einige Beispiele schreibe ich im folgenden nieder.

"Die Wissenschaft" galt lange als Hochburg des Vertrauens, der Objektivität, des akkuraten Strebens nach Wahrheit, als Maß aller Dinge. Wertfreiheit ihres Forschens und Wirkens wurde nur zu gerne von Wissenschaftlern in Anspruch genommen und von der Öffentlichkeit vertrauensvoll geglaubt.

Nachhaltig trübt diesen Glanz Max Born mit folgender Charakterisierung des "Naturforschers" [3]:


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Und an anderer Stelle:

Um den Zusammenbruch ethischer Grundsätze geht es auch im folgenden - und um Korruption und Fälschung.

Die Motive sind vielfältig, die Folgen aber sind meist katastrophal, sehr selten für die hier an den Pranger gestellten "Wissenschaftler", stets aber für die von deren "Gutachten" Betroffenen.

Es geht letztendlich um Verantwortung. Die Fähigkeit hierzu ist leider zur exotischen Rarität geworden, auch bei Wissenschaftlern. Zur Auffrischung der Erinnerung könnte die Lektüre des Buches "Wissen als Verantwortung" hilfreich sein. [4]

Wissenschaftler treten oft als "Gutachter" auf. In unzähligen Fällen werden sie ungerechtfertigt zu "Richtern ohne Robe". [5] Immer muß kritisch hinterfragt werden, für


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wessen handfeste Finanzinteressen und welchen Preis - selbst gegen besseres Wissen "gut" geachtet wird. Fälschung ist keineswegs nur ein Makel unserer Gegenwart.

Gefälscht wurde, seit Menschen miteinander umgehen und sich gegenseitig übervorteilen. Die Variationsbreite ist beachtlich. Lesenswerte Sammlungen bekanntgewordener Fälle wurden bereits veröffentlicht. [6]

Albrecht Fölsing [7] sammelte hierzu spektakuläre Fälle. Die zahllosen kleinen Betrüger aber werden selten entdeckt. Nur zu oft fiel das experimentelle Ergebnis nicht ganz so so "prächtig und eindeutig aus", wie es dem einfältigen Wunschdenken des Wissenschaftler entsprochen hätte.

Es wird nur wenige Wissenschaftler geben, die nicht gelegentlich ihre Ergebnisse "geglättet" haben. Mancher "Ausreißer", also eine Beobachtung oder ein Meßwert außerhalb des "erwarteten " Ergebnisses, wurde wegretuschiert , weil es "nicht paßte" - getreu Christian Morgensterns Palmström. [8]

Ignorant wird dabei in Kauf genommen, daß gerade die sorgfältige und gewissenhafte Erforschung solcher "Ausreißer" sehr oft neue, vielleicht sogar revolutionierende Erkenntnisse über Naturprozesse ermöglichte.

In der Wissenschaft ist Fälschung freilich viel weiter verbreitet, als man annehmen möchte.


Überblick

Aus dem weiten Bereich "der Wissenschaft" wird im folgenden nur ein kleiner Ausschnitt aus den ihrerseits großen Gebieten der Toxikologie (der Wissenschaft von den Giften) und der Arbeitsmedizin beleuchtet.

Damit


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soll angeregt werden, mehr Licht in die bedrückende Dunkelheit zu bringen, in deren Schutz manche "Fachvertreter" in diesen Wissenschaften ihr Unwesen treiben.

Staatsanwälte, Richter und investigativ arbeitende Journalisten, aber auch die Geschädigten, sollen ermutigt werden, sich weit stärker als bisher korrupten "Wisenschaftlern" zu beschäftigen, damit ihnen das gemeingefährliche Handwerk gelegt wird. Nur dann wird den Betrogenen geholfen werden.

Es wird ein Teil des Sumpfes vorgeführt, den die Chemische Industrie speziell mit ihrer Chlorchemie verursacht hat. Manager wie Gutachter, wenig gestört durch Gerichte, betreiben eine Komplizenschaft zum schweren Schaden der betroffenen Menschen. Dabei wird die enge Verflechtung deutlich zwischen

Und es wird gleichermaßen offensichtlich, wie "in diesem von den Kriechspuren des vorauseilenden Gehorsams tiefzerpflügten Lande" (so der Spiegel) selbst die Standesvertretung der deutschen Ärzteschaft, nämlich


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die Bundesärztekammer (ohne Mandat hierfür von seiten der Ärzteschaft), sich wieder einmal der Großindustrie opportunistisch vor die Füße wirft: Wie schon 1986, fünf Wochen nach Tschernobyl, zugunsten der Energiewirtschaft (Anzeigenkampagne des Bundesärztekammerpräsidenten Vilmar: "Kernenergie ist sicher!") und jetzt, erneut als ihr Werbetrommler, für Müllverbrennung.

Überall tauchen dieselben Gutachter wieder auf,


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Die Fälscher in der Wissenschaft spielen als verläßliche Handlanger eine eminent wichtige Rolle: Unter dem Mantel "objektiver Wissenschaftlichkeit" wird im Dienste der Auftraggeber manipuliert.

Ständiges gegenseitiges Zitieren gefälschter Veröffentlichungen soll durch regelmäßiges Wiederholen diese schließlich in "Wahrheit" verwandeln. Es werden weltweit auch gutgläubige, das heißt ahnungslose KollegInnen mit gefälschten Veröffentlichungen und die von den gefährlichen Industrieprodukten direkt geschädigten Menschen und die Gerichte getäuscht.

Schadenersatzansprüche, Strafen und geschäftliche Nachteile werden so von ihren Geldgebern möglichst lange ferngehalten. Derartiges Handeln ist somit strafrechtlich relevant.

Die folgenden Beispiele müssen im größeren Zusammenhang gesehen werden: Es geht um die Interessen der Chemischen Industrie. Die Wurzel des Übels ist fast in jedem Falle die verhängnisvolle Chlorchemie. Sie wird inzwischen sogar von einigen etwas über die nächste Jahresbilanz hinausblickenden Verantwortlichen der Chemischen Industrie als "schwerster Fehler dieses Jahrhunderts" bezeichnet: Gemeint ist die Massenproduktion chlor(bzw. allgemein halogen)haltiger organischer Chemikaliengemische (und ihrer Abfälle bei Her-


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stellung und Vernichtung) mit Hunderttausenden von Einzelstoffen,

Die ubiquitäre Verbreitung unverantwortlicher Produkte der Chemischen Industrie, ihrer Verunreinigungen undAbfälle kann leicht zum Beispiel an den hohen Dioxin-Konzentrationen bei Mensch und Tier abgelesen werden. Chlorhaltige Massenprodukte, wie Pestizide oder Herbizide, wurden in vielen Millionen Tonnen weltweit verstreut, belasten Böden und Grundwasser noch für Jahrhunderte und schädigen langfristig auch die menschliche Gesundheit. Immer mehr wird hiermit u.a. die erschreckende Zunahme des Brustkrebses in Zusammenhang gebracht. Die Gefährdung der Biosphäre durch die Produkte der Chlor- und Halogenchemie wird in ihrem ganzen Ausmaß lieber gar nicht erst untersucht.


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Die Dimension des Problems wird weithin unterschätzt

Gefährliche Produkte der Chemischen Industrie sind ubiquitär verbreitet, schädigen bei der Produktion am Arbeitsplatz, beim Gebrauch und bei deren Vernichtung als Abfall.

"Verbraucher" sind mehr oder weniger alle Menschen einer Gesellschaft. Die Schäden sind diffus verbreitet und werden selten auf die wahre Ursache eines chemischen Schadstoff(gemisch)es zurückgeführt. Der Holzschutzmittelskandal in Deutschland (bei dem die Chemische Industrie als gesundheitsschädlich kannt gewesene Chemikalien mit hohem Propagandadruck in Millionen Häuser entsorgt hat) ist nur ein, aber ein sehr typisches Beispiel.

Die Medien können wesentlich zur formationen über riskante Stoffe und die Hofgutachter ihrer Hersteller beitragen. Da hierbei stets die Geschäfte der Verursacher gestört werden, bieten letztere alles auf, um von sich abzulenken. Desinformierende Presseberichte werden gezielt lanciert oder uninformiert abgeschrieben, weil gründliche eigene Recherchen vielen Journalisten zu zeitaufwendig und zu wenig profitabel sind. Bewährte Gutachter stehen allzeit bereit. Wenn ökonomischer und okölogischer Weitblick nicht zu den wesentlichen Merkmalen des Managements gehören, laufen in diesem Zusammenhang regelmäßig sieben Phasen ab:

Wenn selbst Regierungen, unfähig zu kluger Konfliktlösung, bedenkenlos zur chemischen Keule greifen - bei Demonstrationen oder Kriegen, ob CS-Gas, Agent Orange,


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ge oder Nervengase -, dann machen gewissenlose Chemiefirmen eilfertig das große Geschäft, verläßlich unterstützt von ihren Wissenschaftlern und Gutachtern. Die Folgen sind ihnen gleichgültig. Kriege waren Teilen der Chemischen Industrie stets eine willkommene Bereicherung, im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg, in Vietnam, im Golfkrieg und anderswo. Die lebensfeindlichen Chlorprodukte waren immer erste Wahl, auch in Vietnam. Die Risiken waren den Herstellern und der Regierung bekannt. Unter dem Vorwand "harmlosen Entlaubens feindlicher Urwald-Verstecke" wurde daher systematischer Ökozid betrieben. Weit über 100.000 der etwa 2,8 Millionen Soldaten der Alliierten wurden gesundheitlich geschädigt, da sie vor dem fatalen Chemikaliengemisch nicht gewarnt wurden. Von der ruinierten Gesundheit der Menschen in Vietnam und den anhaltenden Schäden an der Natur spricht im Westen ohnehin niemand. Zur Abwehr der Schadenersatzforderungen, wie Renten und Reparationsleistungen, verschworen sich Industrie, Regierung und Behörden zu einer unheiligen Allianz und bedienten sich im jahrzehntelangen Rechtsstreit zahlloser Gutachter und Fälscher. [11]

Auch große Zeitungen beteiligen sich am schmutzigen Geschäft.

Wer die verharmlosenden Artikel über "weit überschätzte Risiken durch Dioxine" in der New York Times und in der Washington Post liest, sollte daran denken, daß beide Firmen eigene Papierfabriken unterhalten, die mit ihrer Chlorbleiche große Mengen an Dioxinen produzieren. Damit nicht verschärfte Auflagen der Aufsichtsbehörden zu höheren Umweltschutzinvestitionen zwingen, muß daher schon weit im Vorfeld öffentlich jedes Risiko mit


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allen Mitteln geleugnet werden. Diese Art von "Weitblick" hat mit Verantwortung nichts zu tun.

Der Einsatz von Fälschern erschien um so dringlicher, als sich die Gefährlichkeit der Chlorchemie schon am Arbeitsplatz der Hersteller nicht mehr länger verharmlosen ließ: insbesondere die Krebserkrankungen nahmen zu, aber auch andere Krankheitsbilder. Geheimhaltung wurde zur neurotischen Besessenheit, Veröffentlichungen wurden gefälscht [12] [13] und Krankheitsstatistiken unterdrückt. Bis heute ist die bei der BASF durchgeführte "Laboranten-Studie" unter Verschluß. [14]

Die Chemische Industrie verbindet täuschende Hochglanzwerbung problemlos mit Menschenverachtung, selbst gegen die eigenen Mitarbeiter. [15]

Ebenso mitschuldig sind aber auch Gewerkschaftsfunktionäre, die - dem Management untertänig vorauseilend - nichts für die gesundheitlich geschädigten Chemiearbeiter tun, aber politisch geräuschvolle Reden schwingen.

Gesundheitsschäden bei den Anwendern der Produkte, wie Landwirten, Gärtnern, Forstarbeitern, Zimmerleuten, Tischlern etc., werden nicht untersucht. Den Staat interessieren die Ursachen für Gesundheitsschäden seiner BürgerInnen kaum. Interessenverflechtungen schützen die Versursacher.

Die flächendeckende Durchseuchung der Gesellschaft mit den riskanten Produkten der Chlorchemie und deren Folgen macht den konzertierten Einsatz von Gefälligkeitsgutachtern buchstäblich Not-wendig. Gleichzeitig wird bei der betroffenen Bevölkerung, den Steuerzahlerlnnen, kräftig abkassiert, sei es durch ständig steigende Krankenkassenbeiträge, über großzügige staatliche Subventionen für die energiefressende Chlorchemie


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durch extrem niedrige Stromtarife (etwa zwei bis drei Pfennige/kWh !) oder durch zehnmal höhere Kosten der Müllverbrennung - verglichen mit besseren (biologisch- mechanischen) Verfahren - zugunsten der Müllwirtschaft.

Der einzig sinnvolle und verantwortbare Ausweg, nämlich menschen- und umweltverträgliche Produkte zu erzeugen bzw. entsprechende Technologien zu entwickeln, wird kaum beschritten, wenn den Herstellern Weitblick und und Verantwortung und den Politikern zusätzlich der Mut fehlt.

Nachstehend soll von den zahllosen folgenschweren Situationen, welche die Chlorchemie verursacht hat, sonders auf das Beispiel des "Dioxin-Problems" eingangen werden, dessen Brisanz schon häufig, auch in den Medien, dargestellt wurde und bei dem das Unwesen der Gefälligkeitsgutachter besonders deutlich wird.

"Dioxin" wurde zum Inbegriff für extrem Chemikalien, und das aus guten Gründen. Dioxine werden nämlich, wenn auch weit überwiegend unfreiwillig, von einer großen Zahl von Industriebereichen produziert. Beispielhaft seien hier nur genannt: Chemische Industrie, Zementindustrie, Müll-/Sondermüllverbrennung (als Monopol der Energieriesen), Papierindustrie (Chlorbleiche), stahlproduzierende und schrottverarbeitende Industrie, Aluminiumherstellung, Raffinerien (Bleibenzin), Brände bei der Chemischen Industrie und bei Betrieben, welche im großen Stil Chemieprodukte oder deren Abfall lagern, PVC, PCB u.a.m.

Die Wirtschaftsmacht der Dioxinproduzenten, die nach dem Verursacherprinzip haftbar gemacht werden müßten, ist somit gewaltig - und gewalttätig. Um jede


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Gefährdung durch Dioxine herunterzuspielen, ist den Verantwortlichen jedes Mittel recht - von der gezielten Verbreitung von Faischinformationen und verharmlosenden Schriften durch Wissenschaftler und Journalisten bis hin zu Bestechung von Wissenschaftlern und Fälschung von Veröffentlichungen.

Die Mitwisserschaft von Verantwortlichen in der Chemischen Industrie - gleichgültig ob als Kaufmann oder Jurist in der Geschäftsführung oder als Wissenschaftler über hohe Dioxingehalte von Handelschemikalien der Chlorchemie ist erschreckend. Ihr trotzdem emsig betriebener Verkauf zum Beispiel auch für die Herstellung heimtückischer chemischer Waffen (u.a. 50.000 Tonnen "Agent Orange" der USA im Vietnamkrieg) ist von gleicher moralischer "Qualität" wie der vorsätzliche Verschleiß gefangengenommener Menschen als "kostenloses Material" in den weitverzweigten Chemiebetrieben des IG Farben-Konzerns während des Dritten Reiches.

An diesem Pranger steht auch die deutsche Chemische Industrie, wenn sie chemische Waffen oder deren Produktionsanlagen exportiert.

Stellvertretend für diese weltweite Komplizenschaft des Ungeistes zwischen Chemischer Industrie und Militärs seien hier nur genannt: C.H. Boehringer Ingelheim [16] und Monsanto, USA [17] - rücksichtslos gegen die von ihren Produkten Betroffenen.

2,3,7,8-Tetrachlor-dibenzo-p-dioxin, TCDD, wird seit der Seveso-Katastrophe 1976 auch "Seveso-Dioxin" genannt. Es gilt zur Zeit als das am stärksten toxische unter Dioxin-Kongeneren. Die Gefährlichkeit derartiger Chemikalien war der Chemischen Industrie nachweislich nicht "erst seit Seveso", sondern schon etwas früher bekannt


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... seit 1911. Lehrbuchwissen war das schon seit 1919. Das Prinzip Verantwortung freilich ist bei den Dioxinproduzenten - im krassen Widerspruch zu deren Hochglanzpropaganda - weitgehend unbekannt (vgl. Anm. [4], [13], [15]). Sie lesen lieber Kontoauszüge statt kritisehe wissenschaftliche Literatur, die im ersten Drittel dieses Jahrhunderts noch von erstaunlicher Ehrlichkeit war

"Wo Politik ist oder Ökonomie, da ist keine Moral", erkannte Friedrich Schlegel schon 1800 in seiner Schrift "Ideen"...

Die betroffene Bevölkerung, also die Öffentlichkeit, sollte jedoch ihre eigene Macht nicht unterschätzen, sondern sie gebrauchen.


"Käufliche Experten" im "Nachtcafé"

In der Fernsehsendung "Nachtcafé" am 25.02.1989 (SW 3) ging es um die Risiken der Chemischen Industrie und "käufliche Experten".

Meine kritischen Anmerkungen losten einen Bnefwechsel aus mit dem damaligen Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Pharmakologie und Toxikologie, der auch ich angehöre. Da ihrem Vorstand aus naheliegenden Gründen (die Sektion Toxikologie besteht zu etwa zwei Dritteln aus Industrietoxikologen) der Mut zur von mir geforderten Veröffentlichung meines Kommentars fehlte, gebe ich diesen im Anhang ungekürzt wieder. [19]

Ebenso wie die Chemische Industrie agieren auch ihre Gutachter international. Bestens vernetzt, springen sie sich gegenseitig rasch zur Seite, wenn irgendwo brisante Situationen verharmlost und die Bevölkerung "beruhigt"


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werden soll, wenn ganze "wissenschaftliche" Tagungen nur der Untermauerung vorgegebener politischer Wünsche und handfesten Wirtschatfsinteressen dienen sollen, um die Weltöffentlichkeit über die fortgesetzte schleichende Vergiftung durch Produkte und Abfälle ihrer Auftraggeber zu täuschen.

Wenn im fernen Missouri ein korrupter amerikanischer Bundesbeamter den Medien die Harmlosigkeit der Dioxine diktiert, so verbreitet diese frohe - wenn auch gefälschte - Botschaft in Deutschland flink die Chemische Industrie.

Wenn in das internationale Schrifttum Veröffentlichungen eingeschleust werden, welche die Unschädlichkeit von Industriechemikalien beteuern, so werden sie weltweit - auch sie gefälseht sind - zur Täuschung von Behörden und betroffener Bevölkerung durch käufliche Experten gezielt eingesetzt.

Der besseren Transparenz dieser Verfilzung dienen die folgenden Beispiele.


Der "Fall Monsanto" - hohe kriminelle Energie und skrupellose Fälscher

Am Kanawha River in West Virginia, USA, liegt ein kleiner Ort mit dem treffenden Namen Nitro, nahe Charleston, 5.000 Einwohner, Hauptarbeitgeber ist der Chemiekonzern Monsanto. Der Kanawha River ist als "Vorfluter" des Chemiebetriebes längst zerstört. Vor Gericht gaben Monsanto-Mitarbeiter zu, viele Jahre lang täglich etwa 20 Kilogramm Dioxine etwa in den Mississippi eingeleitet zu haben (vgl. Anm. [12], Kemner vs. Monsanto).


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In Nitro hat das U.S. Verteidigungsministerium im 1. Weltkrieg eine Chemiefabrik betrieben und diese später, 1922, an Rubber Service Lab. Inc. verkauft. Monsanto kaufte den Betrieb 1929, produzierte weiterhin Chemikalien für die Gummiherstellung, erweiterte jedoch in den nachfolgenden Jahrzehnten die Produktion auch auf andere Chemikalien, einschließlich solcher für die Papierherstellung. Inwieweit bereits damals Monsanto für die Herstellung dioxinkontaminierter Produkte verantwortlich war, bleibt weiteren Recherchen vorbehalten.

Im August 1948 ergriff Monsanto die Gelegenheit, nach dem Weltkrieg am großen Geschäft mit den Pestiziden zu profitieren und in die Herstellung des berüchtigten Herbizids 2,4,5-T einzusteigen, das aus Trichlorphenol hergestellt wurde. Ab Oktober 1948 lief die Produktion auf Hochtouren, aber auch die dioxinspezifischen Gesundheitsschäden bei den Arbeitern nahmen deutlich zu.

Wie bei vielen anderen Chemiefabriken (zum Beispiel Boehringer Ingelheim, BASF und anderen) ereignete sich auch bei Monsanto in Nitro ein Explosionsunglück in der Trichlorphenol-Herstellung (am 8. März 1949).

Die Zusammensetzung des weitverstreuten, die ganze Stadt gefährdenden Chemiecocktails blieb zwar unkannt, in den nachfolgenden Wochen zeigten sich jedoch bei den betroffenen Arbeitern schwerste Gesundheitsschäden: entstellende Hautschäden ("Chlorakne"), Leber- und Nervenschäden, Störungen des Herz-Kreislauf-Systems, der Harnwege, der Atemwege, der Bauchspeicheldrüse, unerträgliche Schmerzen.

Bereits 1949 diagnostizieile der Arbeitsmediziner Raimond R. Suskind bei einigen Arbeitern unter anderem "schwere Chlorakne, unerträgliche Schmerzen, Müdigkeit, Angst,


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Nervosität, Schlaflosigkeit und Impotenz" (vgl. Anm. [17]). (Das gleiche Spektrum von Gesundheitsschäden wurde wenige Jahre später auch bei den Arbeitern von Boehringer Ingelheim und BASF nach Explosionen ebenfalls in Trichlorphenol-Produktion beobachtet.)

Die untersuchenden Ärzte bestätigten zwar die erwähnten Beschwerden, sahen jedoch "keinen Grund", die Arbeiter nicht an ihren gefährlichen Arbeitsplatz zurückzuschicken.

Die folgenden Jahrzehnte nutzten die Monsanto-Angestellte Judith Zack und R. Suskind von der Universität Cincinnati und ihre Helfer: Durch massive Manipulationen bei der Zusammensetzung des "untersuchten" Kollektivs der dioxingeschädigten Arbeiter vertuschten sie deren stark erhöhte Krebserkrankungshäufigkeit und das Auftreten anderer Erkrankungen.

Die erste dieser groß angelegten und systematischen Fälschungen wurde 1980 im - international durchaus angesehenen - amerikanikanischen - Journal of Occupationa Medicine veröffentlicht, ohne daß die Gutachter der Zeitschrift (welche die zum Druck eingereichten Manuskripte auf wissenschaftliche Qualität und Seriosität prüfen sollen) die eklatante Fälschung erkannten (vgl. Anm. [12] Zack/Suskind).

Diese Fälschung wurde international auch von den Gesundheits- und Umweltbehörden als "wissenschaftliche" Grundlage für die Bewertung von Gesundheitsrisiken durch Dioxin-Kontaminationen herangezogen, ganz im Sinne von Zack & Suskind: "Keine krebselTegende Wirkung durch Dioxine." Der allein dadurch weltweit angerichtete Schaden ist ungeheuerlich.

Es kam jedoch zu einem Gerichtsprozeß, in dessen Verlauf Dr. Zack 1984 unter Eid gestand, daß ihre Veröffentlichung


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gefälscht war (vgl. Anm. [12]). Es sei hier nur am Rande erwähnt, daß Dr. Suskind jegliche Kenntnis über physische, psychische und emotionale Störungen bei den betroffenen Arbeitern abstritt, als er 1956 Monsanto vor der Virginia Workmen's Compensation Commission vertrat.

Als erfahrener Fälscher behandelte er dabei die sorgfältigen Diagnosen von Dr. Nestman, der unterschiedliche Grade psychiscber Störungen - bis hin zu schweren Neurosen - diagnostizierte, auf seine bewährte Weise: Er löschte alle Diagnosen von Psychoneurosen aus den Kopien der Aufzeichnungen von Dr. Nestman. 30 Jahre später gab Suskind dies vor Gericht zu (vgl. Anm. [17]).

Die wissenschaftliche Weltöffentlichkeit wurde 1985 durch eine Veröffentlichung in der renommierten und weltweit verbreiteten britischen Zeitschrift Nature auf diesen Fälschungsskandal aufmerksam gemacht (vgl. Anm. [12], Hay/Silbergeld). Dennoch gibt es auch deutsche Wissenschaftler, wie Greim, Neubert oder Eckert, welche ungeachtet dieser Erkenntnis solche Fälschungen zum Beweis der Harmlosigkeit der Dioxine benutzen. Sie werden am Ende dieses Beitrages gewürdigt. Jeder Wissenschaftler, der sich anmaßt, als Gutachter tätig werden zu können, ist jedoch verpflichtet, die Weltliteratur zu kennen und kritisch zu verwerten.

Die besondere Dramatik, die von der Konspiration zwischen Chemischer Industrie (aber auch anderen Bereichen, wie zum Beispiel der Atomindustrie) und Wissenschaftlern an Universitäten - hier zunächst nur repräsentiert durch R.R. Suskind - ausgeht, ist in der Anklageschrift Kemner gegen Monsanto schwer eindrucksvoll dokumentiert (siehe Anm. [12]), Liebhabern atemberaubender Lektüre sehr zu empfehlen. Jeder Kriminalroman


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verblaßt vor dem Hintergrund dieses Verfahrens und seinen über 6.300 bei Gericht hinterlegten, Monsanto schwer belastenden Dokumenten.

Aber nicht nur die Veröffentlichung von Zack und Suskind ist eine Fälschung. Auch die beiden anderen "Nitro-Studien" von Monsanto, an denen Gaffey bzw. Hertzberg (siehe Anm. [12]) beteiligt waren, sind Fälschungen (vgl. Anm. [11], van Strum/Merrell).

Die Fälscher Zack, Suskind, Gaffey und Hertzberg blieben bis heute unbestraft und haben ihre Fälschungen bis heute nicht zurückgezogen, wie es von Wissenschaftlern mit einen Rest an Gewissen, Ethik und Moral auch heute noch zu erwarten sein sollte.

Die von Monsanto - stellvertretend für die gesamte chlorverarbeitende Chemische Industrie - und ihren Fälschern beabsichtigten und auch zunächst erreichten Auswirkungen der gefälschten "Nitro-Studien" waren ungeheuerlich, denn letztere beeinflußten weltweit die gesamte öffentliche Diskussion über Gesundheitsrisiken durch Dioxine. Die dioxinproduzierenden industriellen Umweltverschmutzer benutzten sie für ihre lautstarke Propaganda. Behörden und Politik sind in der Folge falschen Daten aufgesessen. Die Monsanto-Studien sollten die "einzigartige Resistenz des Menschen gegen Dioxine" belegen.

Diese "Erkenntnis" wurde denn auch in zahllosen Gerichtsverfahren erfolgreich gegen Schadenersatzansprüche vorgetragen. Suskind konnte sogar der American Medical Association, also der nationalen Ärztevereinigung, seinen gefälschten Dioxinbericht unterschieben, der von dieser als verbindliche Meinung arglos übernommen wurde. So saß nicht nur die allgemeine Öffentlichkeit, sondern auch die gesamte Ärzteschaft dieser Fälschung auf.


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Parallelen zu den Verhältnissen in Deutschland, von denen in diesem Beitrag nur wenige Beispiele aufgezeigt werden können, sind keineswegs zufällig.


Der Fall "Syntex & Komplizen" - Bestechung von Wissenschaftlern als Zeugen vor Gericht

Am 21./22.09.1991, vor dem Internationalen Dioxin-Kongreß in Chapel Hill, North Carolina1 USA (23. - 27.09.1991), fand am gleichen Ort die "First Citizens' Conference on Dioxin" statt, also eine Informnationsveranstaltung für Betroffene. Außer mir waren aus Deutschland weder Toxikologen noch Arbeitsmediziner anwesend, wohl fürchtend, Brisantes hinzulernen zu müssen. Ihrer gefälligen Gutachtertätigkeit für Industrie und Versicherungen (Berufsgenossenschaften) freilich wären diese Erkenntnisse nicht gerade nützlich gewesen. Sie verpaßten eine Veranstaltung von historischer Dimension, deren Informationsgehalt denjenigen des nachfolgenden internationalen Auflaufs des "Wissenschaftsestablishments" bei weitem übertraf. Ging es doch nicht nur um die Vermittlung neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Gefährlichkeit von Dioxinen, sondern auch um die Aufklärung der (betroffenen) Öffentlichkeit über Manipulation, Fälschung und Bestechung. Vorgeführt wurden die Machenschaften einiger Firmen der Chemischen Industrie, von Regierungen und Behörden. Die Angeklagten selbst waren nicht erschienen, wahrscheinlich nur ihre "Informellen Mitarbeiter". Ihre moralische Verurteilung ist auch so rechtskräftig.

Der vollständige Wortlaut ist als Tagungsband veröffentlicht. [20].


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Hier soll nur ein Teil des Beitrags von Dr. Gerson Smoger, dem Rechtsanwalt einer großen Zahl Dioxingeschädigter von Times Beach, Missouri, USA, wiedergegeben werden. Dort hatte der Müllschieber Russel Bliss mit seinem "staubbindenden Mix" aus Altöl von Tankstellen und Agent-Orange-Resten und anderen extrem toxischen, hoch dioxinkontaminierten Abfällen von Firmen der Chlorchemiebranche (Syntex, Hoffman-Taff, Nepacco, Independent Petrochemical Corporation, IPC, und Charter Comp.) alle staubenden Flächen in der östlichen Hälfte von Missouri besprüht: alle Straßen der Stadt Times Beach, zahllose Trailer Parks und Lkw-Terminals, ein großes Kürbisgelände - von dem die Menschen der weiten Umgebung ihre Pumpkins für Halloween, ein nationales Kinderereignis in den USA bezogen -, seine eigene Farm (!) und praktisch jede der vielen Pferderennbahnen im Osten von Missouri. Die Folgen waren katastrophal für Tiere und Menschen.

Dr. Smoger vertrat auch den Lkw-Fahrer Alvin Overmann, der auf dem P.I.E. Truck Terminal in Missouri ständig dem infernalischen Dioxinmix ausgesetzt war und gleich drei Erkrankungen erlitt, die alle charakteristisch für eine Dioxinvergiftung sind: Porphyria cutanea tarda, Weichteilsarkom und Chlorakne, die bei weitem nicht alle Dioxinvergifteten entwickeln.

Dr. Smoger prozessierte gegen eine finanzstarke Übermacht von Syntex, IPC und Nepacco (die sich den Prozeß bisher weit mehr als sechs Millionen US-Dollar kosten ließen) für seinen schwerkranken Mandanten (Streitwert: 1,5 Millionen US-Dollar) - und gewann.

Klar, daß die Chemiefirmen glauben, allein durch Geld den Prozeß bis zum Bundes-


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gerichtshof hochtreiben zu können, in der Hoffnung auf "emotionale Amigos" in der Justiz und darauf, daß die Witwe des inzwischen verstorbenen Dioxinopfers Alvin Overmann dies finanziell nicht durchhält. Soweit also kein Unterschied zu deutschen Verhältnissen. Ein ganz wesentlicher Unterschied besteht allerdings darin, daß bei den amerikanischen Kreuzverhören vor Gericht weit ergiebigere Informationsquellen erschlossen werden als hierzulande. Im Interesse der Wahrheitsfindung könnte die deutsche Justiz daraus lernen - "im Namen des Volkes"...

Dr. Smoger widmete seinen Vortrag eingehend den "Wissenschaftlichen Experten" der angeklagten Chemiefirmen und faßte seine vor Gericht von diesen Experten erzwungenen Erkenntnisse wie folgt zusammen:


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Es war eine außergewöhnliche, sehr informative Konferenz. Aber der Sumpf ist noch weit schlimmer.
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"Banbury Conference" - Nur ein Beispiel gewissenloser Manipulation durch die Chemische Industrie

Im Herbst 1990 fand im - eigentlich angesehenen "Banbury Center" in den USA eine Tagung statt zum Thema "Biologische Grundlagen der Risikoabschätzung für Dioxine und verwandte Verbindungen". [21]

Die Chemische Industrie engagierte sich geflissentlich mitgroßzügigen Spenden, allen voran das "Chlorine Institute" der US-amerikanischen Chemischen Industrie.

Arglistig wurden unter die linientreuen eigenen Wissenschaftler einige als unabhängig und kritisch bekannte Persönlichkeiten per Einladung gemischt, um sie dann mit einer gefälschten Presseerklärung zum Ergebnis der Konferenz "über das bisher weit überschätzte Risiko durch Dioxine", als einheitliche Meinung aller anwesenden Wissenschaftlerlnnen, über den Tisch zu ziehen.

Die Rechnung ging aber nicht auf.

Die Täuschung platzte, es kam zu einem Eklat, [22] den die Chemische Industrie freilich weder als Hochglanzbroschüre noch über ihre sonst weltweit so effektiven Propaganda-Verteiler verbreitete.

Der von Dr. Gerson Smoger oben erwähnte George Carlo ist ein enger Freund der Chemischen Industrie, auch einflußreich bei der "Cement Kiln Recycling Association" ---- Sondermüllverbrennung in Zementöfen - und ständiger Berater des "Chlorine Institute". Kein Wunder also, daß er den angeklagten Chemiefirmen eilfertig zur Seite sprang. Seine Sprungleistung wurde denn ja auch mit $21.154,85 honoriert (siehe die Tabelle auf S. 217).


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Der Fall des Dr. Vernon Houk - ein gewissenloser Handlanger der Industrie

Dr. Vernon Houk ist Bundesbeamter und Direktor des "Centers for Environmental Health and Injury Control", einem der "Centers for Disease Control" (CDC).

Diese US -Bundesbehörden sollen umweltbedingte Krankheiten erfassen. Houk ist außerdem "Assistant Surgeon General", also einer der Stellvertreter des höchsten Gesundheitshüters der USA, und damit im öffentlichen Gesundheitswesen sehr einflußreich.

1981 empfahl er die Evakuierung von Times Beach (siehe Anm. [20]), nachdem schwere Krankheiten bei den Bewohnern auftraten und eine große Zahl von Tieren starb.

Im April 1991 läßt Houk sich von der gleichen Firma Syntex, die wegen Times Beach zahlreiche Gerichtsverfahren auf sich zog, für einen Hauptvortrag bei einer von Syntex finanzierten Tagung an der Universität von Missouri anheuern. Ganz im Sinne von Syntex zündete Houk dort eine Bombe mit seiner Aussage, "er hätte sich geirrt, Dioxine seien bei weitem nicht so gefährlich".

Die New York Times machte daraus umgehend zwei Titelgeschichten mit der Botschaft: "Viele Wissenschaftler glauben nun, Dioxin ist nicht so schlecht, wie wir dachten."

Houk wiegelte ab und verharmloste das Dioxinrisiko bei jeder Gelegenheit, gab unzählige Pressekonferenzen hierzu und schwang sich selbst zum Sprecher der Regierung in dieser Angelegenheit auf.

Houk versucht mit allen Mitteln das Dioxinrisiko zu verschleiern, er ver dreht die Wahrheit, zitiert falsch und lenkt dafür die Aufmerksamkeit auf "Radon oder Blei". Er hält die Evakuierung von Times Beach und die des Ortes Love Canal


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(wo Wohnsiedlungen auf hoch dioxinverseuchtem Chemiemüll gebaut wurden und extreme Häufungen an Krebs und Mißbildungen auftraten) für Fehlentscheidungen.

Dagegen erklärte sein Kollege Barry Johnson - ebenfalls Assistant Surgeon General- 1992 gegenüber dem US-Kongreß, die Maßnahme wäre korrekt und auch heute noch würde so entschieden werden.

Houk drängte sich auf, die offizielle Regierungsstudie über die Auswirkungen von Agent Orange auf den Gesundheitszustand der Vietnamkriegsveteranen durchzuführen. Die "Arbeitsgruppe Agent Orange" der US-Regierung warnte: "Es ist gefährlich, an die Vietnamveteranen Schadenersatz zu zahlen, da dann auch die Zivilisten und die Chemische Industrie kommen."

Houks CDC-Mitarbeiter veränderten prompt die vom Verteidigungsministerium erhaltenen Daten bis zur Unbrauchbarkeit.

Houk schloß die am stärksten Kontaminierten aus und reduzierte die Studie gezielt auf Menschen, die den geringsten Kontakt mit Agent Orange hatten.

Schließlich gab er die Studie auf, weil "die mit Agent Orange Besprühten nicht identifizierbar sind und die Studie undurchführbar sei".

Die Fälschungen durch die Bundesbehörde CDC und die gemeingefährliche Rolle des Fälschers Dr. Vernon Houk bezeugte auch Admiral Elmo R. Zumwalt vor Gericht [23] und gegenüber dem US-Kongreß.

So wurde von Houk aus dem CDC lautstark und weit verbreitet: "Agent Orange ist kein Problem!" Und flink schloß sich wieder die New York Times an: "Agent Orange ist sicher!"

Wen wundert es, daß auch das Sprachrohr des Verbandes der deutschen Chemischen Industrie (VCI), nämlich die Chemische Rundschau (Nr 42, 18.10.1991), die vom


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Nothelfer Houk erfundenen Lügen begeistert aufgreift - daraus sogar eine "neue Studie" macht - und in Deutschland weiter streut:

Und das alles, nachdem drei Wochen zuvor auf dem Internationalen Dioxin- Kongreß (Research Triangle Park, North Carolina, USA) genau das Gegenteil berichtet wurde. Sogar das Wall Street Journal (16.10.1992) mußte der Chemischen Industrie eine Lektion erteilen: "Gesundheitsrisiken durch Dioxine größer als bisher angenommen". Eindrucksvoll wird dies durch die Neubewertung der US-EPA 1994 bestätigt.

Houk mischte auf seine Weise auch in der Grenzwertdiskussion über Dioxine mit, zum Beispiel im US-Bundesstaat Georgia: Papierfabriken sind überall berüchtigt für ihren hohen Dioxinausstoß, verursacht durch die Chlorbleiche bei der Papierherstellung. In den USA bekämpfen sie mit allen Mitteln den von der US-Umweltbehörde EPA


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festgesetzten niedrigen Grenzwert für Dioxine im Wasser. 39 Anwälte der Papierindustrie besuchten Dr Houk und ersuchten ihn, gegenüber der Regierung von Georgia die Unbedenklichkeit der hohen Dioxinemissionen zu bescheinigen. Houk lehnte - zunächst - ab. Er dürfe das nicht, wenn die Industrie ihn bitte. Wenn aber die Regierung von Georgia an ihn heranträte, könne er es tun. Die Anwälte von King & Spaulding forderten prompt die Regierung von Georgia auf, Dr. Houk mit einer Bewertung der Dioxinemissionen der Papierfabriken zu beauftragen.

Die Regierung gehorchte.

Mit Erlaubnis des Direktors der CDC schrieb Houk eine Empfehlung, in welcher er - welch ein Zufall! - genau die 50Ofach höhere Dioxinemission der Papierfabriken als unschädlich bewertete, wie die Anwälte von King & Spaulding es wünschten.

Das "Freedom of lnformation Act"- dessen Einführung in Deutschland durch die Industrie seit Jahrzehnten mit verbissenem Widerstand blockiert wird - ermöglichte den Zugang zu den Originaldokumenten: Unter dem Briefkopf der Bundesbehorde CDC schrieb Dr. Houk wörtlich die Wünsche der Papierindustrie ab, die deren Anwälte ihm vorgelegt hatten. Houk gab dies unter Eid zu.

Diese Hintergründe wurden von Marc Smolonsky öffentlich aufgezeigt (siehe Anm. [20]). Auf die empörte Frage eines Zuhörers, "warum Houk nicht längst hinter Gittern sei", antwortete Smolonsky: "So traurig das ist, nach geltendem Recht ist das alles kein Verbrechen. Die einzige Chance, solchen Mißständen beizukommen, besteht in der politischen Abwahl derjenigen, die solche Leute wie Houk für ihre Zwecke haIten. Fragt man aber bei CDC, wie kommt Houk dazu, überall seine verharmlosenden Bewertungen über Dioxine zu verbreiten? Dann erhält man als Antwort: >Dr Houk


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spricht nicht für die Bundesregierung.< Da fragt man sich doch, in wessen Auftrag spricht Dr. Houk...? Er repräsentiert die Interessen bestimmter Kreise, großer Organisationen in diesem Lande."

In Anspielung auf die Aufgabe von Houks Bundesbehörde "Center for Disease Control, CDC" ("Dokumentation der Erkrankungen in der Bevölkerung") nennt die Chemikerin Pat Costner Houk nur noch "die Krankheit, die er selbst kontrollieren soll" (siehe Anm. [20]).

Es wundert nicht, daß Houk auch beim deutschen Bundesgesundheitsamt (BGA) ein geschätzter Freund ist, der seine wertvolle Hilfe beim Verharmlosen in die Dioxinkongresse einbringen soll, die das BGA (verantwortlich: Dr Arpad Somogy) organisiert und für die es Redner und Vorsitzende der verschiedenen Sektionen bestimmt. So geschehen im Januar 1990 in Karlsruhe und im November 1992 in Berlin, wo der Fälscher Houk sogar den Vorsitz der Sektion "Epidemiologie und klinische Forschung" innehaben durfte...


Der "Fall C. H. Boehringer" - der "Tod aus Ingelheim"

Einer der Hauptschuldigen an der großflächigen Kontamination Deutschlands mit toxischen Produkten der Chlorchemie ist C. H. Boehringer Ingelheim. Die Wissenschaftsjournalistin Elvira Spill machte Anfang der achtziger Jahre als erste auf die tödlichen Arbeitsplätze in dieser Firma (und bei der BASF, Ludwigshafen) aufmerksam. Besonders grauenhafte Verhältnisse herrschten in ihrer "Filiale" in Hamburg-Moorfleet. Diese frühen,


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akribisch recherchierten Berichte erschienen damals im Magazin Stern (übrigens auch die ersten Berichte über die Gefährlichkeit von Holzschutzmitteln), welches dafür unter anderem den Entzug von Annoncen der Firma Bayer in Millionenhöhe aufrecht hinnahm. [24]

Die Firmenpolitik von C. H. Bochringer Ingelheim und ihre katastrophalen Folgen für Menschen und Natur hat auch Cordt Schnibben (siehe Anm. [16]) dokumentiert.

Angesichts der erdrückenden Beweislage gab die jahrzehntelang angeklagte Chemiefirma ihre schwere Schuld schließlich sogar in einer "Denkschrift" zu, deren Qualität allerdings eine eigene Anmerkung verdient. [25] Die meisten der durch sie Geschädigten werden nicht einmaldiese als "Abfindung" für ihr Siechtum erhalten.

C. H. Boehringer Ingelheim wurde zum Menetekel der deutschen Chemischen Industrie. Das Zweigwerk in Hamburg-Moorfleet gehörte zu den am meisten verwahrlosten Chemiefabriken in Deutschland, verantwortlicher Betriebsleiter war zuletzt der Chemiker Dr Krum. Kurz vor dem verdienten Ruhestand, brachte er im Hamburger Abendblatt noch einen abwiegelnden Artikel unter. [26] Seine mit Abstand größte Leistung vollbrachte er aber beim fleißigen Schreiben von internen Vermerken und Briefen, die eine wertvolle Fundgrube für Informationen über die Konspiration zwischen Industne, Behörden und Gutachtern darstellen. Vielleicht sind diese Dokumente sein latentes Gewissen.

Die lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen in dieser Fabrik waren dem Werksleiter Krum wohlbekannt:


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Zuallererst aber war dies den Arbeitern bekannt, die dort jahrzehntelang durch die entsetzlichen Arbeitsverhältnisse gesundheitlich schwer geschädigt wurden. Den gefährlichsten Bereich ("HCH-Zersetzer", den Bochringer inzwischen günstig nach Spanien verkauft haben soll..) nannten sie unter Anspielung auf den berüchtigten KZ-Schinder "Eichmann-Ofen - keiner kommt mehr lebend heraus!"

Unter Aufbietung seines gesamten Mutes und politischen Gewichtes hat 1984 der damalige Hamburger Umweltsenator Currilla in einem für den "Chemie-Standort Deutschland" bisher einmaligen Kraftakt diesen hochgefährlichen Betrieb geschlossen. (Die Dunkelziffer solcher schmeichelhaft "Altlasten" genannten Chemie"fabriken" dürfte gerade bei uns in Deutschland, dem "Geburtsland der chemischen Industrie", das heißt aber auch dem Land mit den meisten Primitivproduktionsstätten, gewaltig sein.)

Die "Sanierung" des Boehringer-Geländes in Hamburg dauert an und verursacht der Allgemeinheit gigantische Kosten. Sie wird nie vollständig erreichbar sein. Die Kontamination des Untergrundes mit dem stark dioxinhaltigen Chlorchemie-Mix von Boehringer Ingelheim, diesem Schmuckstück des "Verbandes der deutschen Chemischen Industrie" (VCI), reicht weit über 40 Meter in die Tiefe und in das Grundwasser hinein. Auch die Deponien im weiten Umkreis Hamburgs tragen die Fingerabdrücke Boehringers.


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Eine besonders klägliche Rolle spielten damals die Behörden, wie Gewerbeaufsichtsamt und Gesundheitsbehörde, beide auf seiten des Verursachers:

Das Leiden der bis 1984 wie rechtlose Leibeigene gehaltenen ArbeiterInnen und der Kampf der durch die Emissionen der Firma Boehringer betroffenen Anwohner gegen die Verbindungen zwischen Boehringer und Behörden sind unvorstellbar und inzwischen in das preiswerteste "Wiedergutmachungsverfahren" übergegangen, nämlich das Vergessen ...

Es dürfte kaum überraschen, wer sich in diesem Milieu als Gutachter des Verursachers besonders bewährte: Prof. Dr. Gerhard Lehnert. Als Jahrgang 1930 könnte ihm die Pensionierung helfen, sich aus der Verantwortung für - von der Staatsanwaltschaft bisher - ungezählte "Gutachten" (gut oft nur für die Auftraggeber, ablehnend meist für die Geschädigten, deshalb heißt Herr Lehnert bei manchen nur "Ablehnert") zu schleichen, sicher


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nicht als armer Mann. Lehnert, damals noch in Hamburg, besetzte gleich zwei wichtige Positionen der Arbeitsmedizin: den Lehrstuhl für Arbeitsmedizin an der Universität und die Leitung des Zentralinstituts für Arbeitsmedizin der Stadt Hamburg. Lehnert konnte in Hamburg völlig ungestört und von Industrie und Behörden verehrt seinen Geschäften nachgehen. Daß aber sogar die Leitung der Universität sein Treiben duldete, ist ungeheuerlich. Rektor und Senat und die vielen anderen mitwissenden und duldenden Kollegen sind mitverantwortlich.

Uwe Lahl und Barbara Zeschmar unterzogen diesen Arbeitsmediziner einer interessanten Analyse. [29] Zu Lehnerts Wirken in Hamburg schreiben sie dort:

Lehnert war in Hamburg - und zumindest auch in Schleswig-Holstein - hinreichend bekannt. Er wurde wegen seiner Praktiken nicht aus den genannten, wegen ihrer öffentlichen Auswirkungen wichtigen Amtern entfernt - weder von der Universität noch von der Stadt Hamburg. Er wurde durch die bewährte Seilschaft der Arbeitsmediziner und mit dem Wohlwollen der Regierung nach Bayern berufen: Lehnert erhielt - nach der


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endlich vollzogenen Pensionierung seines "großen Lehrers Valentin" - einen sein Einkommen weiter vermehrenden "ehrenvollen Ruf" auf den Lehrstuhl seines Meisters an der Universität Erlangen. Lehnert wurde sogar von seinen Kollegen der Medizinischen Fakultät zum Dekan gewählt, wodurch ihm ein erweitertes Betätigungsfeld - bei Berufungen, in der Hochschulpolitik und anderswo - eröffnet wurde. Er mischt daher noch immer bei den Berufungen in Arbeitsmedizin und Hygiene mit, um möglichst viele Lehrstühle und Institute für die nächsten zwei bis drei Jahrzehnte mit seinesgleichen zu besetzen. Die Mitglieder der Berufungskommissionen machen beflissen nit. Lehnert ist eben ein verläßlicher Kollege, der "stets und wirkungsvoll auf unserer Seite [der Chemischen Industrie, O. W.] stand". Als solcher sorgt er eben in seinem besonderen "Vermächtnis" noch viele Jahrzehnte nach seinem eigenen Verschwinden für "effizienten Rückhalt" (vgl. Anm. [27], [28]). Die Wiederbelebung von Moral und Ethik in der Wissenschaft wird dadurch aber für weitere Jahrzehnte verhindert.

Lehnerts Schüler Dieter Szadkowski in Hamburg ist im Sinne seines Meisters zuverlässig und fleißig weiter tätig, sogar als Hochschullehrer, und sicher auch für die Industrie vor Gerichten.

Der große rörnische Staatsmann Cicero fragte den Staatsfeind Catilina: "Quousque tandem, Catilina, abutere patientia nostra?" [30]


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Der "Fall BASF"

Die Zusammensetzung des hochtoxischen Gemisches, das bei dem Monsanto-Unfall 1949 über 120 Menschen gesundheitlich schwer geschädigt hatte, war noch nicht aufgeklärt, als die Arbeiter der BASF Ludwigshafen 1953 ein ähnlich folgenschwerer Unfall traf, wieder in der Trichlorphenolherstellung. Die Chemische Industrie hatte nichts hinzugelernt. Die schweren Gesundheitsschäden bei den Betroffenen waren identisch mit denen, die bereits bei Monsanto aufgetreten waren (Repräsentanten beider Firmen trafen sich 1956 denn auch mehrmals mit Dr. Suskind). Werksärzte und Wissenschaftler der BASF und anderer Chemiefirmen tauschten ihre Erfahrungen über Krankheiten der exponierten Arbeiter und von Tierversuchen aus, welche die extreme Toxizität des Chemikaliengemisches dokumentieren. [31]

Während die Ärzte und Wissenschaftler damals um Aufklärung bemüht waren, sind später die gelehrigen Valentin-Schüler daran weniger interessiert (vgl. Anm. [14]).

Nachfolgende Untersuchungen, u. a. durch BASF-Mediziner, bestätigten immerhin die innerhalb der BASF - zum Beispiel dem BASF-Toxikologen Oettel - lange schon als Dioxineffekt bekannt gewesene hohe Magenkrebs-Mortalität der betroffenen BASF-Arbeiten. Durch Unterschlagen mehrerer Todesfälle konnte aber eine ebenfalls erhöhte Lungenkrebssterblichkeit der dioxingeschädigten Arbeiter verheimlicht werden (vgl. Anm. [11], Karmaus). Unter dem wachsenden Druck der Schadenersatzansprüche der Geschädigten bestellte Anfang der achtziger Jahre die Berufsgenossenschaft Chemie (BG Chemie) bei den langjährig "stets und wirkungsvoll


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auf ihrer Seite stehenden" (und als Ablehner von Rentenansprüchen bewährten) Arbeitsmedizinern Lehnert und Szadkowski eine neue "Studie" (siehe Anm. [12]) quasi als Obergutachten für die anstehenden zahlreiche Verfahren, die jeden Zusammenhang zwischen den Krebserkrankungen und der 30 Jahre zuvor erlittenen massiven Dioxinvergiftung auftragsgemäß verneint.

Lehnert entstammt der einschlägig bekannten Schule des oben erwähnten Professors Valentin in Erlangen: Als intimer Industriefreund sorgte dieser unter anderem für die Asbestindustije dafür, daß die Rentenansprüche der über 10.000 asbestgeschädigten, gesundheitlich ruinierten Arbeiter abgelehnt wurden und werden. [32] Wo bleiben die Staatsanwältlnnen und RichterInnen?

Valentin hatte jedoch neben Lehnert noch andere, sehr gelehrige Schüler, unter anderem Egon Schiele, Gerhard Triebig, Hans-Jürgen Raithel und Michael Hartung, sowie den ehemaligen BASF-Werksarzt Andreas Zober, der im Bewährungsaufstieg gar zum "Ärztlichen Direktor" der BASF hochgleiten konnte (vgl. Anm. [14]). Aus dieser Position heraus darf er obendrein noch emsig "Gutachten" für die Berufsgenossenschaften gegen die am Arbeitsplatz gesundheitlich geschädigten Chemiearbeiter schreiben! Daß hier der Bock zum Gärtner gemacht wurde, ist offensichtlich und ganz im $inne der dafür Verantwortlichen.

Das Verharmlosen ist eines ihrer gemeinsamen, vom akademischen Vater Valentin geprägten Merkmale. Die Durchleuchtung ihrer Gutachtenberge wäre dringend ratsam. Mit dem besonders fleißigen Triebig, der allein 1990 und 1991, also in 730 Tagen, 1.260 "Gutachten" - das heißt etwa zwei pro Tag - produziert hat [33], befaßt


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sich endlich seit 1993 die Staatsanwaltschaft Heidelberg,nachdem er [xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
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xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx [3 geschwärzte Balken, A.D.].

Des flinken Zauberers Triebig bedient sich gerne auch die Unfailversicherung der Arbeitgeber, die "Süddeutsche Edel- und UnedelmetaIl-Berufsgenossenschaft", um 200 (jahrzehntelang durch Dioxine geschädigte> Arbeiter der Rastatter Fahlbusch-Hütte, einem berüchtigten Dioxinemittenten, "untersuchen" zu lassen. 1,3 Millionen DM sollten an Triebig vergeben werden (vgl. die in Anm. [12] angeführten Artikel aus Focus, Badische, Neueste Nachrichten u. a.) - erstaunlich, aber wohl in der berechtigten Hoffnung der Auftraggeber, daß er schon nichts finden werde. Die Schadenersatzansprüche der Fahlbusch -Geschädigten beliefen sich auf ein Vielfaches dieser Summe.

Hoffentlich finden auch die geschundenen Arbeiter der Fahlbusch-Hütte mutige Staatsanwältlnnen und RichterInnen. Letztere sollten auch den Vorstand der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Ludwigshafen fragen, warum wohl Triebig dort noch immer das weiteren Gewinn bringende zusätzliche Pöstchen eines Abteilungsleiters besetzen darf.

Den deutschen lösemittelgeschädigten Malern und Lackierern widmete Triebig "Studien", die bei den anscheinend giftfesten Deutschen diejenigen arbeitsplatzbedingten Erkrankungen nicht fanden, die international für diese Arbeitsbereiche beschrieben werden. Derlei erspart Berufsgenossenschaften und anderen Versicherungen sehr viel Geld, das sie den Geschädigten vorenthalten, weil selbst Gerichte derartigen "Gutachtern" noch immer Gehör schenken.


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Beachtlich ist allerdings der klare Blick der Richterin und der Richter des Gelsenkirchener Sozialgerichts: Neben dem Hinweis auf zahlreiche Falschaussagen des Gutachters Triebig widmeten sie ihm folgendes vernichtende Urteil:


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Auch das Kultusministerium von Baden-Württemberg und Rektor und Senat der Universität Heidelberg müssen sich fragen lassen, wie es denn überhaupt zu der Berufung Triebigs kommen konnte und ob er als Universitätsprofessor noch länger haltbar ist. Die sofortige Entlassung ohne jeden Anspruch auf weitere Bezüge wäre eine angemessene Reaktion, die Hoffnung auf Besserung an deutschen Hochschulen aufkommen ließe.

Das Treiben von VALENTIN & Co. wurde dem einen oder anderen Richter - auch in Hamburg gelegentlich denn doch zu toll, wenn sie deren Gutachten "mit erheblichen Mängeln behaftet" sahen und Lehnert gar per Gerichtsbeschluß bestätigten, daß er öffentlich "Experte für Unbedenklichkeit" genannt werden darf (Urteil des Hanseatischen OLG, siehe Anm.[ 12]; vgl. Anm. [5]).

Der massiven Manipulation wurden die aktenkundigen Freunde der Chemischen Industrie, Lehnert und Szadkowski, bei ihrer o. g. BG Chemie-Studie überführt, und zwar vom Arbeitsmediziner und Epidemiologen Friedemann Rohleder vor Gericht und anläßlich des internationalen Dioxin-Kongresses 1990 in Toronto (siehe Anm. [12], Rohleder): Entgegen internationaler Erkenntnis, daß "Chlorakne" kein sicheres, in allen Fällen einer Dioxinvergiftung auftretendes Zeichen ist, benutzten Lehnert und Szadkowski Chlorakne zur Abschätzung der nicht gemessenen Dioxindosis dergeschädigten BASF-Arbeiter. Die Art und Weise der Manipulation wird hier bereits sichtbar. Rohleder schreibt:


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Überführt wurden diese Herren auch von den Epidemiologen Rainer Frentzel-Beyme und Wilfried Karmaus (vgl. Anm. [12]). Der Hamburger Statistiker Berger, der Lehnert und Szadkowski beraten hatte, warnte eindringlich vor einer Veröffentlichung der fehlerhaften Angaben (siehe Anm. [13]). Vergeblich. Lehnert und Szadkowski veröffentlichten ihr Machwerk dennoch, also vorsätzlich, und haben es bis heute nicht zurückgezogen.

Aus dem reichen Lehnertschen Schaffen sei nur noch eine weitere Merkwürdigkeit herausgegriffen. Da er als bewährter Abwiegler unter anderem auch auf der Lohnliste des berüchtigten Holzschutzmittel-Herstellers Desowag-Bayer (später von Bayer an Solvay abgeschoben) stand - vielleicht auch noch steht? -, produzierte er für deren gefährliches Pentachlorphenol (PCP) einen Freibrief: PCP sollte bei den exponierten Arbeitern keine Chromosomenschäden auslösen (siehe Anm. [12], Ziemsen/Angerer/Lehnert). Die Reanalyse der Lehnertschen Gefälligkeitsstudie durch den Epidemiologen Karmaus ergab dagegen einen "deutlichen Effekt von PCP auf die Anzahl der Chromosornenveränderungen" (siehe Anm. [12]).


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Gefälscht wird in der Arbeitsmedizin aber auch andernorts

Die ZDF-Journalistin Sylvia Matthies zeichnete ein exzellentes Psychogramm des Münchner Arbeitsmediziners Prof. Dr Günther Fruhmann auf. Aus dessen Institut wurde der Textilkauffrau Christel Brem, die vom rücksichtslosen Chemikalien- und Pestizid-(Lindan-)Einsatz bei der Textilherstellung schwer erkrankt war, ein 1O0Ofach niedrigerer Wert (468 NANOgramm Lindan/Liter Blutserum) mitgeteilt, als er gemessen wurde (468 MIKROgramm/Liter Serum). Wegen der hier außerordentlich tiefen Einblicke in die Psyche eines deutschen Lehrstuhlinhabers für Arbeitsmedizin führen wir das Fernsehinterview jedes Semester den Medizinstudenten zur Abschreckung vor. Das eindrucksvolle Gespräch zwischen Frau Matthies und Herrn Fruhmann ist im Anhang wiedergegeben. [35]

Warum interessiert sich die Staatsanwaltschaft nicht allgemein für das Institut des Herrn Fruhmann?


Der Fall DESOWAG - und die Hofgutachter

Das Lehnertsche Intimverhältnis zur Chemischen Industrie, speziell zum Holzschutzmittelhersteller DESOWAG, interessierte schon früher das Nachrichtenmagazin Der Spiegel. [36] "Käufliche Experten" nannte letzterer aber auch noch einige weitere. So berichtet Der Spiegel schon 1990:
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Nicht alle ihre gefälligen Freunde konnte die DESOWAG beim Holzschutzmittelprozeß in Frankfurt/Main 1993 vorführen, nur Greim und Schlatter. Was war der DESOWAG deren Auftritt wert? Der liebste wäre natürlich Freund Lehnert gewesen, doch seine Interessenlage war dem Gericht zur Genüge bekannt.

Genau wie im Syntex-Prozeß proklamierten auch in Frankfurt/Main vor Gericht die professoralen Komplizen der Chemischen Indusflie. "Alles ungefährlich! Die Holzschutzmittel verursachen solche Krankheiten nicht!"

Dank der Anklage durch Staatsanwalt Dr. Schöndorf wurden die Verantwortlichen der DESOWAG verurteilt, leider noch viel zu milde.

Die für das Thema dieses Beitrages relevanten Passagen aus dem Urteil, das für das traditionell eher industriefreundliche Gerichtsklima in Deutschland eine revolutionierende Signalwirkung haben könnte, sind im Anhang wiedergegeben. [37]

Deutlicher kann ein Gericht Unfähigkeit und Industriegebundenheit von "Wissenschaftlern" nicht bestätigen. Bleibt nur der dringende Wunsch, daß das Urteil der 26. Großen Strafkammer des Landgerichts Frankfurt/Main zur Pflichtlektüre der deutschen Justiz wird, um die Bevölkerung künftig vor solchen unheimlichen "Sachverständigen" zu schützen.


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Das Riesengeschäft mit der Müllverbrennung und die Rolle der Hofgutachter

Nachdem die Energieriesen RWE, Preußen-Elektra & Genossen erkennen mußten, daß ihre risikoträchtige Atomenergie dem widerspenstigen Volk selbst mit bruta1er Staatsgewalt - Wyhl, Brokdorf, Wackersdorf, Gorleben etc. - nicht näherzubringen war, bemächtigten sie sich des gigantischen Müllgeschäfts. Die Umsatzsteigerungen sind enorm, und fünf bis sieben Prozent der Bausumme einer Müllverbrennungsanlage (MVA) - sie liegt je nach Größe zwischen 400 Millionen und mehr als einer Milliarde DM - sind vorsorglich schon für "verkaufsfördernde Maßnahmen" einkalkuliert: 40 bis 80 Millionen DM pro Anlage sind eine Menge Schmierstoff! Und: In keinem anderen Bereich der Wirtschaft werden höhere Dividenden erzielt als im Müllgeschäft: zwischen 18 und 30 Prozent! "Nur durch Handel mit Waffen und Drogen würden wir noch mehr einnehmen", geben die Müllhändler selbst zu.

Der mit Abstand fleißigste Gutachter und Werber für die Müllverbrennung ist Prof Dr med. Helmut Greim. Greim ist Leiter des Instituts für Toxikologie im "GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit", einer der Großforschungseinrichtungen der Bundesregierung. Letztere bestimmt auch die Forschungsziele. [38] Institutsleiter der GSF sollen möglichst zusätzlich an der Universität München einen Lehrstuhl besetzen, um so auch als "Universitätsprofessor" Einfluß auszuüben, unter anderem auf Berufungen, universitätsinterne Aufgaben, Strukturen, Forschung und Lehre, also auch auf die Ausbildung (besonders im Sinne von Prägung) des akademischen


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Nachwuchses. Die Dimension des gesellschafts- und wissenschaftspolitischen Einflusses solcher Doppelfunktionäre wird in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Und die Regierung des bayerischen "Freistaats" unternimmt nichts dagegen.

Solches ist leider auch anderenorts üblich. Wie lange läßt sich das die junge Wissenschaftlerlnnen-Generation noch gefallen? Greim blockiert also auch zusätzlich einen Lehrstuhl für Toxikologie an der Münchner Universität. Darüber hinaus sitzt Greim in vielen Kommissionen, ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pharmakologie und Toxikologie (DGPT) und instrumentalisiert sie bzw. die dort versammelten Gesinnungsgenossen für seine Interessen. So schreibt er im Mantel der DGPT eine verharmlosende "Stellungnahme" zur Müllverbrennung, läßt andere, auf diesem Gebiet unerfahrene, arglose oder nur willige Kollegen mit unterschreiben und gibt das Ganze als "offizielle Meinung der DGPT" heraus, flink verbreitet durch die Müllverbrenner an alle Land-, Kreis-, Gemeinderäte und Bürgermeister in Deutschland.

Greim ist Vorsitzender der MAK-Kommission (MAK = Maximale Arbeitsplatz-Konzentration). Diese bestimmt, wieviel Gift der Mensch am Arbeitplatz ertragen muß. Dort sitzt Greim einträchtig Seite an Seite mit Lehnert. [39]

Ferner ist Greim Berater des (seinerseits zweifelhaften) Bundesgesundheitsamtes und des Umweltbundesamtes.

Er berät die Bundesregierung in "Umweltfragen" und mischt mit in "Sondergutachten" für die Bundesregierung, wie dem für die "Umwelt", für die "Nordsee". Greim ist verantwortlich dafür; daß die Müllverbrennung in der "Technischen Anleitung Siedlungsabfall" zwingend vorgeschrieben werden sollte. Hätte nicht der Bundesrat


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die Notbremse gezogen, wäre der Coup voll gelungen: In dieser Verordnung, die Kenner nur "Lex RWE" nennen, sollte geschickt verklausuliert ("5% Glühverlust") die Müllverbrennung gegen geltendes Recht, näm]ich gegen die Priorität von Vermeidung und Verwertung, durchgedrückt werden, sehr zum Wohle der Müllwirtschaft...

Greim ist Berater der Bundesärztekammer und Mitglied ihres "Wissenschaftlichen Beirates". Wieder sitzt er neben Lehnert, aber auch Neubert, Schiele, Schlatter und Schlipköter sind dabei. Zielstrebig nutzte Greim auch diese Institution, indem er "im Namen der Bundesarztekammer" einen Freibrief für die Muilverbrennung veröffentlichte [40], ohne vom massiven Protest aus der deutschen Ärzteschaft berührt zu werden..Auch dieses Machwerk wurde an jeden Landrat verteilt, ja weltweit von den müllverbrennenden Energieriesen verbreitet.

Greim und seine MitarbeiterInnen schreiben verharmlosende Artikel über Müllverbrennung. Die internationale Literatur nimmt er nicht zur Kenntnis, sondern nur das, was er selbst schreibt oder was ihm und seinen Auftraggebern "paßt".

Greim benutzt auch gefälschte Literatur zum Verharmlosen des Dioxinrisikos. [41] Greim mischt bei allen Tagungen mit, bei denen das Dioxinrisiko verharmlost werden soll: Karlsruhe (1990), Augsburg (1991), Berlin (1992)... Quousque tandem, Catilina...?

Greim ist dabei, wenn der derzeitige Bundesreaktor- und -umweltminister Töpfer die Dioxinrichtwerte im Boden erhöhen will, damit wegen sonst eingeschränkter landwirtschaftlicher Nutzung keine Regreßansprüche gestellt werden können. Kein redlicher Toxikologe wurde jemals


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einer Erhöhung von Grenz- oder Richtwerten zustimmen.

Greim propagiert - zusammen mit seinen Gesinnungsgenossen - Dioxine als "nur Promotoren", die selbst nicht Krebs auslösen, sondern "nur" das Krebswachstum beschleunigen. Damit sollte im Dienste der Dioxinproduzenten ein wissenschaftliches Konstrukt erfunden werden, wonach die Bevölkerung bis zu einer "Schwellenkonzentration" (deren Höhe von ihm möglichst hoch angesetzt wird) mit Dioxinen belastet werden kann. Die Ist-Belastung wird als harmlos verkauft - durch Greim, Neubert, Schlatter, Lehnert, Szadkowski; Hapke, Triebig; aber auch durch Schlipkoter und einige andere und viele ihrer Schüler.

Greim steht damit im krassen Gegensatz zur Weltliteratur, die eindeutig zeigt, daß Dioxine komplette Kanzerogene sind, für die keine "Schwelle" akzeptabel ist. Er nimmt die international bestätigte Bewertung der US-amerikanischen Environmental Protection Agency (EPA) nicht zur Kenntnis, wonach die lebenslange tägliche Belastung der Bevölkerung mit 0,006 bis 0,01 Pikogramm Dioxin Toxizitätsäquivalenten (TE) pro kg Körpergewicht zu einem zusätzlichen Krebsfall auf eine Million Menschen führt.

Greim preist im Auftrag seiner Industriefreunde die derzeitige Ist-Belastung der Bevölkerung mit 1-10 Pikogramm Dioxin TE pro kg und Tag als völlig harmlos (so bleiben die Dioxinproduzenten vor teuren emissionsmin demden Auflagen verschont) und riskiert damit 1.000 - 1.500 zusätzliche Krebserkrankungen pro 1 Million Menschen nur durch Dioxine, das heißt für Deutschland 80.000 - 140.000 nur durch die derzeitige Dioxin-Belastung (vgl. Anm. [39]).


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Greim eilt zu vielen Anhörungen in Parlamenten und Kreistagen und Greim scheut sich nicht, auch bei Anhörungen die Unwahrheit zu sagen, wie zum Beispiel in Ulm, wo er aussagte, "Dioxine sind beim Menschen nicht krebserregend". [42]

Greim hilft, wenn Bürgermeister oder Landräte eine Müllverbrennungsanlage gegen den heftigen Widerstand ihrer MitbürgerInnen durchdrücken wollen, und hält seinen "wissenschaftlichen" Standardvonrag: "Alles harmlos!"

Greim ist überall, jederzeit, allgegenwärtig - in wessen Auftrag?

Er wurde kürzlich in einer Fernsehsendung vernichtend porträtiert. [43]

Greim hat auch fleißige, gelehrige Hilfskräfte, wie zum Beispiel Klaus-G. Eckert, den Ehemann seiner Assistentin Heidrun Sterzl-Eckert. [44] Die Fließbandgutachten des Herrn Eckert zugunsten der Müllverbrenner - getreu seinem Meister Greim: "Alles harmlos" - sind bekannt.

Die Hauptarbeit leistet sein Textautomat, denn Eckert-Gutachten sind weitgehend identisch, mit Ausnahme kleiner ortsspezifischer Änderungen. DM 50.000,- soll so der Textautomat des Herrn Eckert pro Gutachten erwirtschaftet haben. Der schnellen, leichten Gewinnaussicht konnte selbst der Meister nicht widerstehen: So lieh Greim sich über familiäre Beziehungen Eckerts eine gewinnträchtige Diskette aus, um auch für die in Böblingen gewünschte Müllverbrennungsanlage gutzuachten. Leider übersah er in der geschäftigen Eile, einige Daten und Ortsnamen der Vorgutachten auszutauschen, sehr peinlich. Das Plagiat zerplatzte.

DM 30.000,- bis 40.000,- berechnet Herr Greim für seine Gefälligkeit vom Fließband der schnellen Diskette (siehe Anm. [43]).


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Der von den Müllverbrennern geschätzte Gutachter Eckert liebt seinerseits keine unbequemen - weil die Geschäfte störenden - Daten. So kam ihm und seinem Auftrag, die Müllverbrennung als harmlos darzustellen, die Dichtkunst von Zack, Suskind und Gaffey (siehe Anm. [12]) sehr entgegen: Noch 1989 in einem Gutachten für die MVA Augsburg und 1991 für die MVA in Velsen bei Saarbrücken benutzte er diese seit 1985 weltöffentlich bekannten Fälschungen. [45] Das Wortprotokoll beider Anhörungen ist eine interessante Lektüre. [46] Wie viele derartige Gutachten mag der Textautomat Eckerts bisher ausgespuckt und welchen Umsatz eingespielt haben?

Aus dem Ensemble der notorischen Verharmloser seien schließlich nur noch zwei herausgegriffen, die Herren Neubert und Hapke:

Prof. Dr med. Neubert, als Ernbryonalpharmakologe und -toxikologe an der FU Berlin auf schmalem Fachgebiet spezialisiert, mischt auch im Gutachtergeschäft der Müllverbrenner und anderswo mit. Seine toxikologische Erkenntnisfähigkeit ist jedoch erstaunlich eingetrübt.

Schon kurz nach der Dioxinkatastrophe bei der Icmesa in Seveso 1976 - und bis heute - propagierte Neubert, daß beim Menschen keine nennenswerten Gesundheitsschäden aufgetreten wären. Ein industrieunabhängiger, seriöser Wissenschaftler würde zugeben, daß zwischen auslösendem Ereignis und sichtbar werdenden Erkrankungen Jahrzehnte liegen können. Diese Erkrankungen wurden denn auch in Seveso inzwischen - und werden weiter zunehmend - sichtbar Neubert widerspricht damit in krasser Weise internationaler wissenschaftlicher Erkenntnis.


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Die humantoxikologischen Folgen des massiven Einsatzes von Agent Orange durch die Amerikaner im Vietnamkrieg betrachtet er als nicht existent. Obwohl als "Experte" zu einem Besuch der Opfer in Vietnam aufgefordert, hat er sich dort selbst nicht sachkundig gemacht. Ernst zu nehmende Befunde vietnamesischer Ärztinnen und Ärzte werden von ihm ignoriert.

Ins Weltbild des Industriefreundes Neubert paßt natürlich auch, daß er vor dem Verzehr von Kohl lieber warnt als vor der Gefahr durch Dioxine [47], und Koransky, Hapke und Reeschen helfen dabei gefällig mit...

Neubert hat bei einer vom Kölner Stadtrat veranstalteten Anhörung über dioxinverseuchte Kindergärten festgestellt, daß er "ohne jede Bedenken seine Enkelkinder in dioxinkontaminierte Kindergärten schicken würde". Bleibt nur zu hoffen, daß er entweder keine Enkelkinder hat oder daß deren Eltern ihre Kinder vor dem Großvater wirksam zu schützen wissen.

Fachlich korrekte, wissenschaftlich fundierte Untersuchungen, welche die gesundheitliche Beeinträchtigung durch Dioxine in der Raumluft zeigen, werden von Neubert regelmäßig - auch vor Gericht - diffamiert. Daß er auf dem Fachgebiet der Epidemiologie kaum bewandert ist, stört ihn dabei nicht. Zur Verharmlosung der Gefährlichkeit von Dioxinen scheut sich daher auch Neubert nicht, noch 1990 die berüchtigte Fälschung von Zack und Suskind als "Beleg" zu zitieren, obwohl dieser Betrug schon fünf Jahre bekannt war. Er preist sie sogar als "gut geplante, gut durchgeführte und gut dokumentierte Studie"; die keine krebserregende Wirkung der Dioxine zeige (siehe Anm. [45]).

In einem der für ihn typischen Ausfälle steigerte er sich


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in seinem "wissenschaftlichen" Vortrag zu folgender Höchstleistung:

Wessen Interessen lassen ihn so schäumen ... ? Sein Hauptmotiv scheint der Schutz der Dioxinproduzenten zu sein und die Vernebelung des Dioxinrisikos.

Prof Dr. vet. med. R. J. Hapke war lange Vorsitzender der "Kommission zur Bewertung von Rückständen in Nahrungsmitteln", welche die Deutsche Forschungsgemeinschaft - die ihrerseits etwa zwei Drittel ihres Etats von der Industrie erhält - eingerichtet hatte. Die Qualität der von ihm zu verantwortenden Bewertungen wird noch Gegenstand anderer Veröffentlichungen werden. Hier soll nur seine besondere, tragende Rolle beim "Ernährungsbericht 1992", den die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, DGE, alle vier Jahre der Öffentlichkeit zumutet, gewürdigt werden. Wer außer ihm (und


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seinen oben genannten Gesinnungsgenossen) möchte denn schon die Dioxinbelastung der Muttermilch (die in Industrieländern mehr als dreimal so hoch ist wie in weniger verschmutzten Gebieten) zur "weltweiten Naturkonstanten" umdefinieren?

Hapke ist Garant für eine eklatante Fehleinschätzung auch des Risikos durch Polychlorierte Biphenyle, PCB, in der Nahrung, insbesondere in der Muttermileh. Er kennt die Weltliteratur nicht, sondern verwendet nur das was paßt. Wen wundert's? Dje DGE ist schließlich der Bundesregierung "berichtspflichtig", also abhängig.

Hapke hält die nur durch die gegenwärtige Dioxinbelastung der Bevölkerung verursachten 80.000 bis 140.000 zusätzlichen Krebsfälle in Deutschland für "keine Wirkung" ..,

Über Dioxine verbreitet er statt dessen: "Arbeitsmedizinische Untersuchungen ergaben bei viel großeren Belastungen ... keine Hinweise auf eine Gefährdung der Gesundheit."

Quellen für seine ungeheuerlichen Behauptungen nennt er nicht - er meint aber sicher die bekannten Fälscher Zack, Suskind, Lehnert und Szadkowski (siehe oben).

Internationale Veröffentlichungen, medizinische Untersuchungen und Gerichtsgutachten und nicht zuletzt die von A. Manz und Mitarbeitern sorgfältig durchgeführten Untersuchungen bei den hoch dioxinkontaminierten Boehringer-Arbeitern in Hamburg decken nach und nach eine unglaubliche Menschenverachtung auf: Bisher wurde das wahre Ausmaß von Gesundheitsschäden den Arbeitern der Chemischen Industrie mit allen Mitteln, bis hin zu Fälschung von Veröffentlichungen, Bestechung und Geheimhaltung, im dunkeln gehalten.


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Hapke ignoriert als "Toxikologe" das bittere Schicksal Tausender dioxinvergifteter Chemiearbeiter und zahlloser, durch den US-Einsatz von Agent Orange in Vietnam schwer geschädigter Soldaten und Zivilisten - er hat keinen dieser Menschen gesehen oder gesprochen.

Hapke wagte sogar einen wertenden Vergleich zwischen alternativ und konventionell erzeugten Nahrungsmitteln. Auftragsgemäß stützte er sich dabei vor allem auf zwei "Studien", deren durch Faischung und Manipulation miserable "Qualität" schon seit 1985 bekannt und von Gerichten mehrfach bestätigt worden ist. [48]

Das Gebaren des "Wissenschaftlers" Hapke muß kritisch hinterfragt werden: Verweigert er sich unbewußt jeder nachteiligen Information, die seinen Auftraggebern, den Dioxinproduzenten, in der Industrie, schaden könnte?

Oder ist er zu gewissenhaftem und verantwortungsbewußtem Handeln als Wissenschaftler nicht in der Lage?

Dennoch scheint er der DGE für die Erstellung ihres "Ernährungsberichtes" gut genug zu sein.


Zusammenfassung und Ausblick

Aus einem weiten Dunkelfeld wurden einige wenige Beispiele herausgegriffen, wie skrupellos Wissenschaft1er Industriemteressen dienen, "... sie sehen ihre Grenzen nicht. Ihre politischen und sittlichen Urteile sind daher oft primitiv und gefahilich" (siehe Anm. [3])

Schaden für die Allgemeinheit und für die Natur ist ungeheuerlich.

Diesen gefährlichen Mißständen kann nur dann wirksam


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begegnet werden, wenn künftig Gerichte und Behörden und Politik solchen "Wissenschaftlern" den Einfluß als Sachverständige und Gutachter verweigern. Die Verantwortlichen in diesen Bereichen müssen sich selbst informieren und durch umfassende Aufklarung hierzu in die Lage versetzt werden.


Es genügt nicht, wenn nur wenige einzelne Mißstande anprangern. Zivilcourage ist eine der wichtigsten Eigenschaften, die mehr denn je in dieser Gesellschaft gefragt ist, nicht nur bei den von solchen Gefälligkeitsgutachtern Betroffenen, sondern besonders bei den Wissenschaftlern, Juristen und Politikern. Eine Serie von ausreichend harten Gerichtsurteilen gegen sogenannte "Experten" und ihre Auftraggeber wäre die rechte Anwort auf die gute Frage des aufgebrachten Amerikaners:

"Why, by the hell, are these gangsters not in jail"


Anmerkungen



PRESSEMITTEILUNG

Wahrheit über Fließbandgutachter keine "Ehrverletzung"

Prof. Dr. Otmar Wassermann (emeritiert Mai 2000)

Die unseriösen Machenschaften des gewinnorientierten Heidelberger Arbeitsmediziners Prof. Gerhard Triebig, gegen den z.Zt. die Staatsanwaltschaft ermittelt, wurden von mir im Buch "Käufliche Wissenschaft" (Knaur Verlag 1994, A. Bultmann, F. Schmithals, Hrsg.) angeprangert. Nachdem er sich als Gerichtsgutachter schon erfolgreich disqualifiziert hatte, erteilte jetzt auch das Heidelberger Landgericht Triebig eine gebührende Abfuhr.

Triebig war wegen seiner verläßlichen Ablehnung der Schadensersatzansprüche von Geschädigten bei Berufsgenossenschaften und anderen Versicherungen ehedem ein bevorzugter, weil bewährter Gefälligkeitsgutachter. Er hat mit seinen Fließbandgutachten unzähligen Menschen schwer geschadet, indem er regelmäßig selbst offensichtliche Zusammenhänge zwischen Erkrankungen oder Tod der Betroffenen und gesundheitsschädigenden Einwirkungen am Arbeitsplatz oder aus der Umwelt abstritt. Hierzu produzierte er nicht nur wissenschaftlich dilettantische bzw. falsche Konstrukte, sondern schreckte sogar vor Fälschungen nicht zurück.

Im oben genannten Buch habe ich in meinem Beitrag "Fälschungen und Korruption in der Wissenschaft" das gemeingefährliche Treiben einiger Arbeitsmediziner scharf kritisiert und Triebig angemessen charakterisiert: "Die Durchleuchtung ihrer Gutachtenberge wäre dringend ratsam. Mit dem besonders fleißigen Triebig, der allein 1990 und 1991, also in 730 Tagen, 1260 "Gutachten" - das heißt etwa 2 pro Tag - produziert hat, befaßt sich endlich seit 1993 die Staatsanwaltschaft Heidelberg, nachdem er von einem Dioxin-geschädigten Wissenschaftler, den er "begutachten" sollte, beim Vertauschen von Blutproben erwischt wurde."

Da Triebig schließlich doch noch einen Anwalt überreden konnte, bei ihm könne dadurch "eine Ehre verletzt werden", ließ er gegen die Feststellung, er sei "beim Vertauschen von Blutproben erwischt worden", auf Unterlassung und Widerruf klagen, und zwar bei der Androhung von DM 500.000,- DM Strafe oder ersatzweise 6 Monaten Haft im Wiederholungsfalle.

Den Widerruf wollte Triebig laut Klageschrift in folgenden Zeitschriften abgedruckt sehen:

Die Richterinnen und Richter des Landgerichts Heidelberg urteilen jedoch anders:

Bei der vom Beklagten (Prof. Wassermann) aufgestellten Behauptung handelt sich auch nicht um eine sog. Formalbeleidigung:

Die Klage Triebigs wurde abgewiesen

Es handelt sich hier um ein Grundsatzurteil zum Schutz vor gefährlichen Gutachtern und zum Schutz des Rechtes, die Wahrheit ungestraft zu sagen. Damit gibt eine der Gerechtigkeit verpflichtete Justiz unzähligen, von profitgierigen Gefälligkeitsgutachtern geschädigten Menschen neue Hoffnung. Ich hoffe darüber hinaus, daß es nicht nur den Schutz gegen furchtbare Gutachter, sondern vielmehr auch Wissenschaftlern und Juristen den aufrechten Gang erleichtert - viele haben bislang nur eine latent vorhandene Neigung, diesen zu praktizieren.

Die Landesregierung Baden-Württemberg und die Universität Heidelberg müssen sich ihrer Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit bewußt werden und entscheiden, ob sie einen derartigen "Wissenschaftler" auf Kosten der - u. a. von ihm geschädigten - Steuerzahler/innen noch länger üppig bezahlen oder ob sie ihn ohne Fortzahlung von Bezügen und unter Aberkennung von Pensionsansprüchen sofort entlassen müssen.

Das Urteil des Landgerichts Heidelberg (Az. 10 154/95; 11.1.96) kann von mir erhalten werden.

Prof. Otmar Wassermann

Direktor des Instituts für Toxikologie, Christian-Albrechts-Universität Kiel, Brunswiker Str. 10, 24 105 Kiel, Tel. 0431/59 73 540, Fax 59 73 558

 


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