Zielstrebig das Bett finden
12.02.2001
"Die Erde ist unsere Mutter." So oder ähnlich ist die Ideologie, die aus dem Altertum von ungezählten Sekten und Kulten tradiert wird.
Oh, und in der Erde gibt es viele Dinge, deren Sinn dunkel ist und deren Mächte unerforscht, viele Dinge, die ungeahnte Kräfte über den Menschen haben... Naja, wer nichts weiß, der muß sich eben etwas zusammenfaseln.
Früher, im Altertum, im Mittelalter und noch bis weit hinein in die Zeit der Aufklärung, da wußten die Menschen nichts von den Kräften der Natur, von den physikalischen, chemischen und biologischen Grundlagen. Also muß man den Menschen dieser Zeiten zubilligen, daß sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten handelten - teilweise wenigstens, denn wie das Beispiel "Heiledelsteine" zeigt, wußten schon die alten Griechen vor 2000 Jahren, was für ein dummer Aberglaube "Heiledelsteine" sind. Für die alten Griechen eine reife Leistung, der man Respekt zollen muß.
Umso härter muß man jene in die Verantwortung nehmen, die heute, trotz all der Leistungen der Wissenschaften der letzten 2000 Jahre, Dinge behaupten, die - vorsichtig gesagt - schlichtweg falsch sind.
Der Mensch hat, und darauf lege ich größten Wert, nicht nur das Recht, an den Erkenntnissen der Wissenschaft teilzuhaben, sondern auch die PFLICHT, sie zu nutzen.
Aber ein Teil der Menschen legt keinen Wert auf Wissenschaft und lehnt sie ab. Der Grund ist ebenso einleuchtend wie erschreckend: Wissenschaft setzt Verstand voraus, denn Wissenschaft erfordert Verständnis, und das wiederum erfordert Denkarbeit. Wissenschaft erfordert rationales Handeln, doch im dumpfen Sumpf der Mysthik läßt sich viel schöner die Welt nach den eigenen egozentrischen Vorstellungen zurechtbiegen, und denken muß man auch nicht.
Die Zeit, wo ein Gott die Sonne um die Erde kreisen ließ, damit die Menschen ihr Wohlgefallen hatten, diese Zeit war schön, da war der Mensch der Mittelpunkt der Welt, alles drehte sich um ihn (sic!) - er war der Herr der Erde und die Natur ihm untertan.
Die Erkenntnis der Wissenschaft, daß der Mensch nur ein fataler Fehler der Evolution ist, ein mieser zerstörerischer Schädling, diese Erkenntnis geht in die Hirne der meisten Menschen nicht hinein, weil sie deren Existenzberechtigung in Frage stellt. Nunja, bei jenen, wo das so ist, denke ich, daß diese Infragestellung unrecht nicht ist...
Warum diese lange Vorrede? Weil das Thema dieser Webseite keines der Physik, sondern eines der Mysthik ist - und auf dem Unwillen zum rationalen Denken beruht.
Es geht um Erdstrahlen, Wasseradern und Rutengänger.
Die Erde ist, das wissen wir durch Messungen, nicht homogen. Einfachstes Beispiel sind die verschiedenen Gesteine und Mineralien, und natürlich Wasser, das in Bächen und Flüssen über und unter der Oberfläche fließt. Wir wissen, daß allein aus Gründen der unterschiedlichen Massenverteilung und der unterschiedlichen magnetischen Eigenschaften es ortsabhängige physikalische Felder geben muß.
Mit Hilfe von höchstempfindlichen Magnetometern arbeiten Archäologen, um durch die typischen Muster von Grundrissen, die Gebäude auch nach Tausenden von Jahren hinterlassen, diese Spuren früherer menschlicher Siedlungen aufzuspüren, ohne erst den Boden wie Maulwürfe durchgraben zu müssen.
Bergbauingenieure arbeiten ebenfalls mit solchen Hilfsmitteln - um Erz und Mineralien zu finden.
Aber trotz aller Anstrengungen, auch unter Einsatz der Höchstleistungen der Technik, ist es nicht möglich, den Einfluß der Erde auf die darauf lebenden Menschen zu messen.
Dessen ungeachtet wird - sogar mit tatkräftiger Unterstützung der Medien - immer wieder der Glaube an Erdgeister, Erdstrahlen und Wasseradern propagiert.
Der Mensch will betrogen werden - und das ist ein Markt, der bedient werden muß. Der gesamte Esoterik-Markt ist Kunden-orientiert: Will jemand Erdstrahlen, wohlan, er soll sie bekommen!
Man hat Versuche gemacht und Rutengängern künstliche Wasseradern suchen lassen, wozu unter einem Fußboden Wasserleitungen verlegt waren, durch die man Wasser wahlweise durch diese oder jene Rohre fließen ließ. Der Erfolg der Rutengänger auf der Suche nach diesem Wasser war fatal: Ihre Ergebnisse hätte man ebensogut durch Würfeln erreichen können... Alles reiner Zufall!
Außer zum Suchen nach Wasser werden die Rutengänger geholt zum Suchen nach schädlichen Strahlen und Adern in Häusern.
Während beim überall gleichen Fußboden der Rutengänger keine Anhaltspunkte hat, bei der Wohnung hat er sogar sehr markante Anhaltspunkte! Wie sie genutzt werden, zeigt dieser Text aus dem Usenet, den ich mit Erlaubnis des Verfassers wiedergeben darf:
<quote> From: Tom Berger Newsgroups: de.alt.naturheilkunde,de.sci.medizin.misc,de.soc.recht.misc Subject: Re: Giftmord oderKörperverletzung durch Homoeopathie Date: Wed, 10 Jan 2001 15:53:03 +0100 Message-ID: <3A5C774F.94BEA3E1@t-online.de> Norbert Nuss schrieb: > Die annahme, dass die Hochpotenzen nur Plazebowirkung haben löst > natürlich das Problem -:) Dies ist *keine* Annahme. In von Homöopathen kontrollierten Doppelblindstudien und vielen, vielen anderen Versuchen wurde keine über den Placebo Effekt hinausgehende Wirkung festgestellt. Wer immer noch daran glaubt, ist einfach blind und verweigert sich der Wirklichkeit. Mir ist klar, daß ich mit solchen Argumenten die Gläubigen nie bekehren kann. Mir geht es, wenn überhaupt, darum, die noch skeptischen Zweifler aufzuklären. Ich selbst als ehemaliger Physiker habe bis vor etwa 10 Jahren die Sache mit den Wünschelruten durchaus für möglich gehalten. Ich hatte verschiedene Theorien parat, wie sowas funktionieren könnte. Auch hier haben aber zahlreiche Versuche (an einem vom Hessischen Fernsehen ausgerichteten war ich sogar selbst beteiligt) ergeben, daß exakt gar nichts 'dran ist. Am besten war der Versuch, bei dem mittels Wünschelrute sogenannte "maligne Punkte" in einer Wohnung festgestellt werden sollten. Etwa zehn gewerbliche Wünschelrutengänger wurden nacheinander (ohne voneinander zu wissen) in die Wohnung geholt. Der erste fand spontan einen sehr bösen "malignen Punkt" mitten im Bett, ungefähr an der Stelle, wo das Herz des Schläfers liegen würde. Er zeichnete nach komplizierten Messungen ein seltsames Liniengitter, nach dessen Ausrichtung er dann empfahl, das Bett umzustellen, was auch geschah. Dann kam der zweite Wünschelrutengänger. Wo fand der nun den malignen Punkt? Richtig, mitten auf dem eben umgestellten Bett, in Herzhöhe. Das Bett wurde wieder nach seinen Anweisungen umgestellt, es kam der Dritte usw usf. - jeder einzelne von den zehn Spezialisten fand untrüglich den "malignen Punkt" immer inmitten des Bettes, immer in Kopf- oder Herzposition. Um wieder OnTopic zu werden: Schade eigentlich, daß der WDR, der das Spektakel veranstaltete, die saftigen Honorare der Wünschelrutengänger bezahlte. Ich hätte zu gerne die zehn Prozesse um die ausstehenden Honorarforderungen miterlebt, bei denen jeweils die zehn anderen Wünschelrutengänger als "Gutachter" hinzugezogen worden wären :-) </quote>
Der Mensch will betrogen werden - und das ist ein Markt, der bedient werden muß.
Der gesamte Esoterik-Markt ist Kunden-orientiert: Will jemand Erdstrahlen, wohlan, er soll sie bekommen!
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Aribert Deckers