Netzwerke und Seilschaften
* * *

MLM

Der Fall Karl Pilsl


23.10.2008

Zu den vielen Betrugen mit der Sprache gehören auch die Begriffe "Mini-Franchising" oder "Network-Franchise" in Zusammenhang mit MLM.

Insbesondere ein gewisser Karl Pilsl, der als "Wirtschaftsjournalist, Trainer und Buchautor" dargestellt wird, mißbraucht den Begriff des Franchising. Schlimmer noch: Er behauptet, MLM sei ein "naturkonformes Wirtschaftssystem" - und deshalb sei es seriös.

Was jenen, die - unter anderem in Mittelstandsvereinigungen und anderen Organisationen - als Zuhörer in teure "Wirtschafts"vorträge gelockt werden, völlig unbekannt sein dürfte: was es im Hintergrund mit diesem Karl Pilsl auf sich hat, was der in Österreich gemacht hat, was in den USA, und welch katastrophalen Flurschaden Pilsl - insbesondere in den letzten Jahren - bei den Evangelischen Freikirchen in Deutschland und Österreich angerichtet hat.

Kirchenkreise im In- und Ausland sind empört. Hier zwei Artikel aus der Zeitschrift "Aufatmen", die ich mit freundlicher Genehmigung des Bundes-Verlages hier wiedergeben darf.

Dies ist die Web-Site des Verlages: http://www.bundes-Verlag.de

Aribert Deckers

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Leckerer Fisch mit tödlichen Gräten?

Heilung, Spaltung und Zerstörung: Helmut Bauer und das Glaubenszentrum "Wort + Geist" in Röhrnbach.
Von Debora Roth

AufAtmen
Sommer '06

Röhrnbach. Eine beschauliche Marktgemeinde
tief im Bayerischen Wald, nah
an der tschechischen Grenze. Knapp
fünftausend Einwohner leben hier. In letzter Zeit
hat sich der Erholungsort zu einer regelrechten
Pilgerstätte entwickelt, was vor allem an einer
Gemeinde namens "Wort + Geist" liegt. Röhrnbach
ist Zentrum und Urzelle von mittlerweile
vierzehn Tochtergemeinden zwischen Klagenfurt
und Hildesheim, die in den letzten fünf Jahren in
Deutschland und Österreich gegründet wurden.
Neben den monatlichen Heilungsgottesdiensten
zieht zurzeit vor allem die Bibelschule Christen
nach Röhrnbach. Unterdessen findet die Lehre
von "Wort + Geist" immer mehr Anhänger, während
sie gleichzeitig die Gemüter scheidet und
Gemeinden spaltet.

18. April 2006. Viermal im Jahr lockt das
Zentrum zur einwöchigen Vierjahreszeiten-Bibelschule
mehrere Hundert Besucher an. Das "Wort +
Geist"-Zentrum ist nach dem Eingangsschild das
Erste, was Besucher von Röhrnbach zu sehen bekommen.
Der Saal im ehemaligen Möbelhaus ist
mit einem bunt gemischten Publikum gut gefüllt.

Wer noch einen Platz ergattern konnte, hat sich
Monate im Voraus angemeldet. Bayerischer Lokalkolorit
ist allgegenwärtig, denn in Röhrnbach
wird nicht nur gern auf gut bayrisch gepredigt,
man hat sich lobpreistechnisch auch am regionalen
Musikgeschmack orientiert. Und so versetzt
die hauseigene "Dynamit-Band" die gelegentlich
begeistert mitschunkelnde Bibelschulgemeinde
in eine gelöste Festzeltatmosphäre - Lederhosen
und schmetternde Trompetensoli inklusive.

In der ersten Reihe sitzt Helmut Bauer. Der
von den meisten liebevoll "Pastor Helmut" genannte
Leiter des Zentrums sticht allein durch
seine große Statur und die dunklen Kringellocken
erkennbar aus der Menge hervor. Erst recht, wenn
er in sein ansteckendes, lautes Lachen ausbricht.
Die Geschichte des Begründers von "Wort + Geist"
ist außergewöhnlich: Im Jahr 1990 erlebt der Kaufmann
im Außendienst eine intensive Begegnung
mit dem Heiligen Geist - und das, obwohl er, so
berichtet die Zeitschrift "Charisma", vorher nie
etwas mit Jesus Christus zu tun gehabt habe. Er
übergibt sein Leben Jesus, vier Jahre später schließt
er sich der Freien Christengemeinde im niederbayrischen
Freyung an, wird Mitglied im Leitungskreis
der Gemeinde und gründet einen Hauskreis.

Bald aber wird deutlich, dass Bauer Ambitionen
hat, die mit denen der Gemeinde nicht konform gehen.
Die theologischen Unstimmigkeiten offenbaren sich
an verschiedenen Stellen. So zeigt Bauer nur wenig
Interesse an einem überkonfessionellen Leitertreffen,
in dem für Einheit im Leib Christi gebetet wird. Stattdessen
zeigt er bald eine ganz eigene Haltung in Bezug
auf den Umgang mit Sünde: "Es gibt nur einmal Buße
und Umkehr", soll Bauer zu Hildegard Jankenschläger
gesagt haben, die damals mit ihm im Leitungskreis
war und noch immer zur Freien Christengemeinde
gehört. Gleichzeitig soll er der Gemeinde vorgehalten
haben, im Gesetz zu leben, während er selbst aus
Gnade lebe. Nachdem es zudem Differenzen in Bezug
auf die von Bauer favorisierte Wohlstandslehre kommt,
macht dieser deutlich, sich der Meinung der Gemeindeleitung
nicht unterordnen zu wollen.

1999 verlässt er die Gemeinde, im Schlepptau rund
die Hälfte der Freyunger Gemeindemitglieder. Die Bitte,
keine neue Gemeinde zu gründen, schlägt er ab. "Wir
haben nach dieser Spaltung als Gemeinde noch lange
Jahre zu kämpfen gehabt", schildert Jankenschläger.

Sündlosigkeit im Angebot

Bauer besucht von 1997 bis 1999 das "Rhema"-Bibeltrainingszentrum
im österreichischen Wels. Seine
neu gegründete Hauskirche wächst stetig. Hildegard
Jankenschläger erklärt sich dies damit, dass der redegewandte
ehemalige Vertreter in Gemeinden im Umland
immer wieder mit der besonderen Freiheit geworben
habe, die in seiner Gemeinde herrsche. Kritik wies er
stets ab: Er könne ja nichts dafür, wenn ihm die Leute
nachliefen. In den Jahren 2000 und 2001 werden erste
Tochtergemeinden gegründet, 2002 wird der Sitz der
Gemeinde schließlich nach Röhrnbach verlegt - mitsamt
der neu gegründeten Bibelschule, deren Teilnehmerzahl
von anfangs sechzig auf heute über tausend
anwächst. Mittlerweile ist das Interesse so groß, dass
die Bibelschule auch ins Haus kommt: per Audio-CDs,
Internetdownload oder MP3. Monatlich werden gegen
eine Gebühr von 100 Euro pro Teilnehmer allein für die
Bibelschule 24.000 CDs kopiert, denn der Unterricht
umfasst neun Stunden Lehre pro Woche.

Worin jedoch unterscheidet sich die Lehre von
"Wort + Geist" von der anderer Gemeinden? "Der Unterschied
liegt darin, dass die normale Bibellehre wenig
bewusstseinsbildend ist, sie ist eher eine Verstandesinformation.
Das verändert dich nicht", heißt es.

Mit "Bewusstsein" ist die Erkenntnis über die neue
Identität durch Christus gemeint, begründet durch Bibelstellen
wie Galater 2,20 und Kolosser 1,27. Die Betonung,
dass der Mensch nicht nur ein leib-seelisches,
sondern ein geistliches Wesen sei, ist wohl selten so
deutlich formuliert worden wie hier. Mit der Bekehrung
wird - der Lehrmeinung von "Wort + Geist"
zufolge - der Mensch zur Gerechtigkeit, womit auch
das Thema Sünde angeblich ein für alle mal beseitigt
ist. Zumal der neue Mensch ja nur noch im Fleisch,
jedoch nicht im Geist sündigt. Daher wird auch das
Hinweisen auf Sünde bei "Wort + Geist" abgelehnt.
Helmut Bauer erklärt: "Wenn wir beginnen, die Menschen
in ein Sündenbewusstsein zu führen, handeln
wir religiös". In der Kinderbibelschule von "Wort +
Geist" wird den Acht- bis Zwölfjährigen der Umgang
damit beigebracht. Mit Römer 8,1 ("In Christus gibt
es keine Verdammnis") und der Begründung auf ihr
neues Leben sollen sie Vorwürfe in Bezug auf fehlerhaftes
Verhalten selbstbewusst abweisen.

Mei, geht's mir guat!

Ihre Wurzeln hat die Lehre bei Wort + Geist in der so
genannten "Wort-des-Glaubens"-Bewegung. Diese
aus dem angelsächsischen Raum stammende Lehre
ist in Deutschland vor allem durch die Bücher des US-Amerikaners
Kenneth Hagin bekannt geworden, der
vor Jahren in einigen charismatischen Gemeinden
großen Anklang fand. Sie vertritt, dass "der Mensch
primär ein geistbegabtes Wesen ist, das mit Hilfe seines
Geistes und seiner Vorstellungskraft, sofern diese
mit Gottes Geist verbunden sind, teilhat an göttlicher
Macht und erneuernden und heilenden Einfluss
auf Seele und Leib ausüben kann" fasst Reinhard
Hempelmann von der Evangelischen Zentralstelle
für Weltanschauungsfragen die Dogmatik dieser


Mittlerweile haben sich etwa die Gemeinden
im Bund Freier Pfingstgemeinden (BFP)
und charismatische Gemeinde-Netzwerke
wie das D-Netz ausdrücklich von
"Wort + Geist" distanziert.



Bewegung zusammen. Zentral ist hierbei,
dass "Realität durch die Vorstellungskraft
des Geistes und das Bekennen des Mundes
geschaffen wird. Durch das Proklamieren
des göttlichen Gesetzes kann der Mensch
Krankheit und Armut überwinden und
seine Lebenssituation grundlegend verändern".

Eine Sicht, die sich auch in den Predigten
von "Wort + Geist" niederschlägt.
Zum Beispiel wenn Fritz Zellner, der Leiter
der "Wort + Geist"-Bibelschule seinen
Zuhörern zuruft: "Du bist Geist! Du bist aus
Gott geboren! Du wirst nicht Geist, wenn die
natürlichen Dinge, die Elemente dieser Welt
dein Leben dominieren, wenn du von den
Umständen gelebt wirst". Dass ein konstantes
Ignorieren von Krankheitssymptomen

bei gleichzeitigem Proklamieren von "Wort
+ Geist"-Slogans wie "Mei, geht's mir guat!"
gesundheitliche Risiken bergen könnte, wird
hier nicht thematisiert. Zweifel oder Probleme
mit dem Glauben sind hier ohnehin
nicht existent, denn - so Zellner: "Du hast
keine Schwierigkeit zu glauben, weil deine
Natur erfüllt ist. Du bist ein Glaubender!"

Mit der Betonung des Ist-Zustands,
sprich, dass durch Jesu Auferstehung der
Sieg bereits errungen und alle Probleme
gelöst sind, hängt auch die Sicht von
"Wort + Geist" auf Krankheit zusammen:
"Krankheit gehört (…) nicht zu uns und
hat bei keinem Menschen etwas verloren.
Beanspruche Gottes Verheißung für deine
Heilung und deine Gesundheit! Gottes
Wille für dich ist ein Leben ohne Krankheit
und ohne Schmerzen!", so heißt es auf der
Website von "Wort + Geist".


Gemeinde-Tourismus und Heilungsgabe

Tatsächlich sind es die monatlichen Heilungsgottesdienste,
für die "Wort + Geist"
zunächst bekannt wurde. Die besondere
Heilungsgabe ist Gesprächsstoff an den
Stammtischen im niederbayrischen
Umland, sie hat allerdings auch in vielen
Gemeinden in Deutschland und Österreich
einen schieren Gemeindetourismus ausgelöst:
Stunden vor Beginn der Heilungsveranstaltung
werden hier Plätze besetzt,
berichten Besucher. Die Quote der Spontanheilungen
während der Heilungsgottesdienste
wird intern auf fünfundachtzig bis
neunzig Prozent geschätzt. Wie viele dieser
Heilungen aber tatsächlich von Dauer sind,
ist unbekannt. Fakt ist jedoch, dass man bei
"Wort + Geist" auch für so exotische Praktiken
wie dem Auflegen von "gesegneten
Taschentüchern" offen ist - eine moderne
Interpretation von Apostelgeschichte 19,12.

Laut einer Presseerklärung sollen
sich von den etwa tausend Besuchern
monatlich zugleich etwa zweihundert
bekehren. Tatsächlich gehören trotz rund
zehntausend Gottesdienst-Besuchern in
den letzten Jahren aber kaum mehr als
zweihundert Personen fest zur Gemeinde
vor Ort in Röhrnbach. Was daran liegen
mag, dass eine aktive Nacharbeit aufgrund
des großen Vertrauens in die Natur des
neuen Menschen und die Führung des
Geistes nicht praktiziert wird. Zudem würde
dies auch dem Anspruch der absoluten
Freiwilligkeit und Freiheit widersprechen,
der hier einen hohen Stellenwert genießt.

"Entspannt euch! Wir müssen nichts
tun!", sichert der Nachwuchsprediger Ralph
Schuppan den Teilnehmern der Bibelschule
zu und fordert seine Zuhörer auf: "Wenn
du hier bist, mach dir keine Gedanken.
Schalt einfach ab. Du musst dem Wort in dir
Raum geben, ohne dass deine Gedanken es
kontrollieren". Diese Botschaft scheint bei
den Teilnehmern auf fruchtbaren Boden zu
fallen, was sich an abwechselnd andächtig
geschlossenen Augen und begeistertem Klatschen
im Publikum offenbart - auch dann,
wenn die Schwächen und Fehler anderer
Christen aufs Korn genommen werden.

Es ist alles so einfach

"Es gibt genügend Gemeinden, die immer
unter sich bleiben. Wenn einer dazu kommt,
dann wird ihm gleich gesagt, was er tun
darf und was nicht. Und wenn er nicht beim
zweiten Mal einen Neuen mitgebracht hat,
dann wird ihm gesagt, er interessiere sich
nicht genug für das Evangelium", karikiert
Karl Pilsl, ein zweiter wichtiger Kopf für
Röhrnbach, die Lage mancher Gemeinden.
Dass der selbsternannte Medienunternehmer,
Bestsellerautor, Wirtschaftsberater,
-journalist und -evangelist auch als Motivationssprecher
und Seminarleiter tätig ist, ist
kaum zu überhören: Seine Rhetorik zeichnet
sich durch eine schlichte, aber umso eingängigere
Sprache mit vielen Wiederholungen
aus. "Es ist alles so einfach", strahlt Pilsl
immer wieder. "Unser Lifestyle ist ein Lifestyle
des Befehlegebens, nicht des Bettelns.
Wir sind die Eigentümer! Gott wartet darauf,
dass wir sagen: "Ich nehm's in Anspruch."

Pilsl vermittelt, dass diese Strategie bei ihm
selbst aufgegangen sei. In einem Gespräch
erklärt er, er habe, finanziell gesehen, mehr
als er brauche und er kenne auch gar "kein
anderes Evangelium als ein Wohlstandsevangelium",
auch wenn damit nicht unbedingt
materieller Wohlstand gemeint sei.

Einige Wochen später betont er
in einer Predigt: "Es ist so einfach! Wir
brauchen's nur fließen lassen und schon
sind wir flüssig! Die Kunden laufen dir
nach und stecken dir das Geld überall hin.
Geld läuft dir nach. Wer von euch möchte
das?" Und verspricht im Anschluss: "Wenn
du nur einige Weizenkörner in der Hand
hast, ist das absolut ausreichend, damit du
in einigen Jahren ein Multimillionär bist."

Brisanz gewinnen diese Aussagen vor
dem Hintergrund von Pilsls persönlicher
Lebensgeschichte als Pastor und mehrfacher
Firmengründer in Personalunion. Nach
diversen Firmenpleiten bekehrt sich der
Österreicher und lässt sich von 1988 bis 1990
im "Rhema Bible Training Center" in Tulsa
(Oklahoma) unter Kenneth Hagin zum Pastor
ausbilden. Mitte der neunziger Jahre kehrt
er nach Europa zurück, um eine Gemeinde in
Wels zu gründen. Parallel dazu startet er eine
Firma mit Beschäftigten aus dem Gemeindeumfeld.

"Weil die Spenden seiner Schäfchen
nicht ausreichen, den laufenden Betrieb
samt Nebenkosten mit großem Fuhrpark
und luxuriöser Villa abzudecken, versucht
sich der selbsternannte Pastor als Unternehmer",
kommentiert die "Welser Rundschau"
am 25. Juli 1996 die Unternehmung und folgert:
"So beutet ein Guru seine Jünger aus."

Schulden und verbrannte Erde

Als Pilsl im Oktober 1997 vom Gemeindevorstand
einstimmig seines Amts enthoben
wird, hinterlässt er neben unbezahlten Rechnungen
auch einen enormen Schuldenberg
nicht nur auf dem Firmen-, sondern auch
auf dem Gemeindekonto. Im Januar 1997
wandert er mit seiner Familie nach Tulsa aus,
kehrt aber im September 1998 zurück und
siedelt nach Wittenberg über. Doch auch hier
hinterlässt er eine Gemeinde ein halbes Jahr
nach ihrer Übernahme finanziell und seelsorgerlich
ruiniert. Pilsl zieht weiter nach Hof.

Als Helmut Bauer ihn als Prediger zu "Wort
+ Geist" hinzuzieht, ist Pilsl erneut am Ende
seiner finanziellen Mittel. Pilsls Ausbildungsstätte
erkennt ihm unterdessen im Jahr 2002
seine Ordination ab. Auch die Bibelschule,
in der Bauer ausgebildet wurde, distanziert
sich offiziell: ",Rhema Bible Training Center"
kann die Dienste und Methoden Karl Pilsls,
das "Wort + Geist"-Zentrum und jegliche ihrer
Partner weder billigen noch unterstützen
oder empfehlen."


Dass diese Hintergründe weitgehend
unbekannt zu sein scheinen, zeigt sich an
der lauffeuerartigen Ausbreitung von "Wort
+ Geist". Während an manchen Orten nur
wenige Mitglieder begeistert sind, springen
andere Gemeinden fast geschlossen auf den
rasant fahrenden Zug eines scheinbar perfekten,
unbesiegbaren Erweckungszentrums
auf. Wer möchte schließlich nicht an einem
solchen Segen teilhaben, wenn er schon einmal
nach Deutschland kommt - wenn auch
ins hinterste Eck der Nation? Nachdem sich
die Bewegung zunächst im süddeutschen
Raum verbreitet, gibt es mittlerweile auch
weiter nördlich "Wort + Geist"-Gemeinden.

Wie viele Gemeinden sich derzeit im
Prozess befinden, zu solchen zu werden
oder sich lehrmäßig an stark "Wort +
Geist" zu orientieren, darüber gibt es keine
genauen Zahlen. Manche Beobachter sprechen
jedoch von Hunderten, die auf die
Lehre von Wort + Geist setzen. Wie die Veränderungen
in einem solchen Fall aussehen
können, schildert ein Gemeindemitglied
aus Franken: "Die Predigten werden zunehmend
einseitiger: Hungrigen wird Sattheit
gepredigt. Probleme werden unterdrückt
und nicht bearbeitet, sie werden nur noch
als "Umstände" gesehen. Buße und Umkehr
sind kein Thema mehr. Fürbitte fehlt, da
wir "ja schon alles haben"."

Vergewaltigung am Reich Gottes

Fest steht: Gerade im Süden Deutschlands
hat "Wort + Geist" bei Pfingstlern bis zu
Landeskirchen und Brüdergemeinden zu
etlichen Gemeindespaltungen beigetragen
und eine Spur von Problemen hinterlassen.

Pastor Hubert Jarnig aus dem österreichischen
Klagenfurt war schockiert, als
rund vierzig ältere Gemeindemitglieder
geschlossen seine Gemeinde verließen,
um eine Tochtergemeinde von "Wort +
Geist" zu gründen: "Wir standen am Rand
des Konkurses: Innerhalb eines Monats
hatten wir bei denselben Kosten für den
Gemeindebetrieb nur noch die Hälfte des
Einkommens". Jarnig hatte zuvor versucht,
den Dialog mit "Wort + Geist"-affinen Gemeindegliedern
aufrecht zu erhalten und
auf deren Wünsche einzugehen. Mit Bauer
hatte er vereinbart, dass ohne Absprache
keine Gemeinde in Klagenfurt gegründet
werden würde. Umso herber war die Enttäuschung,
als dieser die Gründung der
Tochtergemeinde auf einer eigens in Klagenfurt
veranstalteten Konferenz bekannt
gab. Die offensive Gemeindegründungspolitik
von "Wort + Geist" empfindet Jarnig
als "Vergewaltigung am Reich Gottes".

Bernhard Olpen, Pastor und Regionalleiter
für Nordbayern im Bund Freikirchlicher
Pfingstgemeinden, verlor rund zwanzig
Gemeindemitglieder an "Wort + Geist".
Gemeinsam mit Mitgliedern verschiedener
anderer Gemeinden gründeten sie vor Ort
eine neuen Ableger: "Das hat viel Unruhe
in Bayreuth verursacht - aber auch die
betroffenen Gemeinden aller Konfessionen
näher zusammengebracht." Olpen erkennt
an, dass bei "Wort + Geist" in einem Geist
der Auferbauung die durchaus notwendige
und segensvolle Lehre von "Christus in dir"
gepredigt" werde. Kritisch sieht er jedoch


"Es ist so einfach! Wir brauchen's
nur fließen lassen und schon
sind wir flüssig! Die Kunden
laufen dir nach und stecken dir
das Geld überall hin. Geld läuft
dir nach!"



die Einseitigkeit. Durch ein verkürztes
und tendenziös erklärtes Textverständnis
werde ein Heiligungsprozess wie ihn die
Bibel ausdrücklich beschreibt nicht gelehrt.
Außerdem fehle die "eschatologische Spannung",
das noch nicht vollständig herangekommene
Reich Gottes auf Erden. "Um in
einem Bild zu sprechen: In Röhrnbach wird
ein leckerer Fisch angeboten - aber mit
vielen Gräten darin, an denen man sich böse
verschlucken und sogar ersticken kann."
Schwachheit, von der beispielsweise Paulus
in seinen Briefen spricht, wird ausgeblendet.
Andere charismatische Leiter drücken es
etwa so aus: "20 Prozent der Lehre sind gut
und nötig - und die Leute merken nicht,
dass nach und nach 80 Prozent vergiftete
Botschaft folgen."

Dass die Lehre das Christsein und den
Alltag vieler "Wort + Geist"-Bibelschüler positiv
verändert und revolutioniert, sowie das
Selbstbewusstsein vieler gestärkt hat, wird
immer wieder betont. Weniger laut sind die Stimmen derer,
die von Depressionen unter "Wort + Geist"-Anhängern berichten
- von Menschen, die trotz Dauerproklamieren nicht
gesund werden. Es gibt noch deutlichere Stimmen - doch
wenige möchten sich zitieren lassen. Ein Phänomen, das
sich durch die Recherchen dieses Artikels zieht: deutliche
Statements, schmerzhafte Gemeindeerfahrungen, klare Ablehnung,
auch von gestandenen christlichen Leitern - doch
wenige möchten mit ihrem Namen dafür stehen. Was wohl
größtenteils der gut gemeinten Absicht entspringt, manche
unentschlossenen Gemeindemitglieder durch solche
Aussagen nicht ganz zu verlieren oder das christliche Nest
nicht zu beschmutzen. Mittlerweile haben sich diverse
Gemeindebünde wie etwa die Gemeinden im Bund Freier
Pfingstgemeinden (BFP) und charismatische Gemeinde-Netzwerke
wie das D-Netz oder die Geistliche Gemeinde-Erneuerung
im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden
ausdrücklich von "Wort + Geist" distanziert oder die
Zusammenarbeit beendet.

Darüber, wie "Wort + Geist" sich noch entwickeln
könnte, gehen die Meinungen auseinander. Manche Pastoren
befürchten auch langfristig einen anhaltenden Einfluss
auf die deutsche Gemeindelandschaft, während andere ein
nahes Ende der Bewegung sehen. Helmut Bauer selbst ist
optimistisch: "Diese Erweckung wird noch stärker werden
und über ganz Deutschland gehen - und sie wird vor allem
Heiden anziehen." Bleibt die Frage, wie wir in unseren
Gemeinden mit den Sehnsüchten langjähriger Christen umgehen,
die in Röhrnbach aufgegriffen und scheinbar erfüllt
werden. Eine Sehnsucht nach klaren, einfachen und eindeutigen
Antworten auf die Fragen und Probleme des Lebens.
Nach Freiheit, Freude, Liebe, Anerkennung und Ermutigung.
Nach überwältigenden Wundern, Sorglosigkeit, Wohlergehen,
Heilung von jeglichen Krankheiten. Nach einem kraftvollen,
unkomplizierten und attraktiven Glaubensleben ohne Sünde.
Danach, dass auch die widersprüchlichen, unerforschlichen
Bibelstellen plötzlich leicht verständlich werden.

Dass diese Sehnsüchte in ihrer Gesamtheit nie
jemals per Handstreich gestillt werden können - ob in
Röhrnbach oder sonst irgendwo auf dieser Erde -, scheint
klar. Warum viele Gemeinden und Bewegungen immer
wieder von der großen Einfachheit der Verkünder angezogen
werden, darüber sollte unsere christliche Landschaft
dringend einmal intensiver nachdenken und forschen.

Debora Roth studiert
Kommunikationswissenschaft,
Japanologie
und Sinologie und lebt in
München.

 
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Gottes flotte Fahr-Bereitschaft


Ein Kommentar zum Röhrnbach-Problem von Ulrich Eggers

Die Entwicklung des Glaubens-Zentrums
in Röhrnbach verdeutlicht
einmal mehr, wie sehr sich Schatten
und Licht in Bezug auf eine der größten
Gaben der charismatisch-pfingstlichen
Bewegung mischen: ihre Begeisterungsfähigkeit,
ihre leichte Entflammbarkeit. Diese
Gabe sorgt dafür, dass Menschen oder Orte
mit "besonderer Salbung" wie durch ein
Lauffeuer bekannt werden und schnell
überregionale Ausstrahlung gewinnen. Wo
geistlich gesehen etwas los ist, da will man
dabei sein. Wer ständig auf der Suche nach
Gottes neuestem Kick, der immer noch vollmächtigeren
Lehre oder Praxis, dem endlich
passierenden Durchbruch, der dringend ersehnten
Erweckung ist, der gehört sozusagen
zu Gottes "Fahr-Bereitschaft" auf Erden und
macht sich gerne und schnell auf den Weg.
Orte wie Toronto oder Pensacola sind die
klassischen Beispiele dafür.

Meist aber haben besondere Begabungen
auch ihre besonderen Schattenseiten.
Leicht-Entflammbarkeit braucht ein
spezielles Gegengewicht: Besonnenheit.
Nüchternheit. Gründliches Prüfen. Dieses
Gegengewicht wiederum ist die besondere
Gottesgabe (oder eher das vorherrschende
Persönlichkeitsprofil?) der traditionellen
Evangelikalen. Selbstverständlich wären
sie auf solch spektakuläre Töne wie die aus
Röhrnbach nicht so schnell "abgefahren" -
und stehen nun wieder mal als jene da, die
es sowieso schon vorher gewusst haben.

Das Ergebnis ist Wasser auf die Mühlen der
Hardliner und Ausdauer-Nahrung für das
wache Misstrauen der Gegner von Zusammenarbeit.

Für den außen stehenden Beobachter
ist schwer verständlich, warum trotz dieser
allseits bekannten Muster und Gefahren
neue Helden wie Helmut Bauer und Karl
Pilsl immer wieder so leicht und schnell
"Persilscheine" durch charismatische Leiter
und Gemeinden bekommen. Sehr viele von
ihnen haben ihre Gemeinden in den ersten
Jahren ausdrücklich zu einem Wahrnehmen
dieses scheinbar neuesten Segens Gottes eingeladen.

Hängt das mit einer Art negativem
Fraktionszwang zusammen? Mit dem Außendruck
auf die Bewegung, die nach innen
ein allzu kritikloses Zusammenrücken provoziert?
Mit der Begeisterung und Ungeduld
von Gemeindegliedern, die man durch allzu
kritische Stimmen nicht verlieren will? Mit
dem hohen (und oft selbst geweckten …)
Erwartungsdruck, ständig etwas Spektakuläres
im Köcher haben zu müssen?

Kann man solche Unfälle vermeiden?

Immerhin: Führende charismatische Gemeindeleiter
haben versucht, Bauer und
seine Bewegung durch Einbinden in Gesprächsstrukturen
zu binden und lenken.
Das ist misslungen. Seit einiger Zeit nun
rudern sie entschieden zurück: BFP, D-Netz
und Leitungskreise haben sich distanziert.
Und geraten nun selber unter Feuer durch
die Aggressivität der Strategie von "Wort +
Geist", müssen weitere Spaltung und Verlust
infizierter Anhänger fürchten.
Wer ein besseres Miteinander der unterschiedlichen
Frömmigkeitstraditionen
fördern will, fragt sich natürlich, wie man
solche Unfälle vermeiden kann. Größere
Vorsicht und Besonnenheit wären mit
Sicherheit hilfreich. Liebevolle Selbstkritik,
die rechtzeitig im vertrauten Rahmen
ansetzt und auch einmal wagt, theologische
Schwächen abzuarbeiten und alte
Falschaussagen oder Einseitigkeiten zu
widerrufen. "Die sind oft einfach zu schnell
in ihrem Urteil", sagt ein Insider aus der

Warum bekommen neue Helden immer wieder so
leicht und schnell "Persilscheine"
durch charismatische Leiter
und Gemeinden?


Pfingstbewegung - und hat wohl recht:
Während manche Evangelikale zu behäbig
und kritisch sind, scheinen manche Charismatiker
zu eilig und gutgläubig. Gegen
aus dem Ruder laufende Propheten aber ist
letztlich keine Bewegung völlig geschützt.
Helfen könnte auch, wenn statt kritisch-
arrogantem Außendruck durch konkurrierende
christliche Bewegungen mehr
freundliche Bruderschaft im Leib Christi
herrschen würde, die Fronten aufbricht und
sachliches Gespräch möglich macht. Begeisterungsfähigkeit
und Besonnenheit sind
Gaben Gottes - die allen Christen gut tun.
Sich darin zu ergänzen und voneinander zu
lernen wäre ein guter Schritt. Nur gemeinsam
ist der Leib Christi optimal geschützt
vor Krankheit, Müdigkeit und Irrlehren.
Dem einzelnen Christen kann man
sicher nur raten, sich fest und bewusst in die
Struktur seiner Heimatgemeinde einbinden
zu lassen und trotz mancher Kritik und Leiden
fest in ihr verwurzelt zu sein. Das Hören
auf die eigenen Leiter, eine feste biblische
Verwurzelung und die gründliche Information
über Herkunft, Geschichte und Umfeld
einer neuen Idee oder Bewegung kann sich
niemand ersparen. Prüfet alles - und das
Gute behaltet. Je spektakulärer und "alles
ganz einfach(er)" eine neue Sache ist, umso
mehr Zeit sollte man sich damit lassen.

Ulrich Eggers ist Redaktionsleiter von AUFATMEN.

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