23.1.2003
Die Masern-Epidemie 2001/2002 in Coburg war Anlaß zu heftigen Diskussionen in Webforen.
Hier eine Reihe von Anmerkungen zum Thema Tetanus. Dazu wurde von Ulrike S. aus einem alten Buch zitiert, das die Situation um 1900 wiedergibt, also aus einer Zeit, bevor uns die Impfstoffe gegen diese Krankheiten zur Verfügung standen.
Ich danke Ulrike S. und den anderen Teilnehmern für die Genehmigung der Wiedergabe ihrer Forumsbeiträge.
Aribert Deckers
Ulrike S.
Zitate aus dem Buch "Die Aerztin im Hause", von Dr. med. Jenny Springer, das um das Jahr 1900 geschrieben wurde:
Die Aerztin im Hause" (in zwei Baenden), von Dr. med. Jenny Springer,
erschienen bei der Oesterreichischen Verlagsgesellschaft M. O. Groh & Co.
Wien VI 1927
"Schutzformel fuer die Vereinigten Staaten von Amerika:
Copyright 1910 by Dresdner Verlagsbuchhandlung Max Otto Groh, Dresden,
Alle Rechte, einschliesslich des Uebersetzungsrechts vorbehalten"
Ulrike S.
Mich interessiert besonders, wie die einzelnen Infektionskrankheiten beschrieben werden, denn zum Zeitpunkt, in dem das Buch geschrieben wurde, gab es nur die Pockenimpfung (um die Jahrhundertwende des letzten Jahrhunderts).
Von Impfgegnern hoert man ja ab und zu, dass die heute impfbaren Krankheiten erst dann als gefaehrlich beschrieben wurden, als es Impfungen gab. Vorher waren sie als voellig harmlos eingestuft.
Das stimmt nicht, ebensowenig wie der Grossteil der "Informationen", den die Impfgegner hinausposaunen.
Die Impfgegner, die dieses "Argument" verwenden, uebersehen auch ganz, dass Impfungen in langjaehriger und muehsamer, teurer Arbeit entwickelt wurden, um die Menschheit vor potentiell gefaehrliche Krankheiten zu schuetzen, gegen die es keine wirkungsvolle medizinische Behandlung gibt, wenn sie einmal ausgebrochen sind. Welchen Sinn haette es, Impfungen gegen den Schnupfen zu entwickeln...?
------------------------------------------------------------------------------- Der Tetanus oder Wundstarrkrampf gehoert zu den unheilvollsten Infektionskrankheiten. Er entsteht durch die Tetanusbazillen, deren Stoffwechselprodukt von ganz ausserordentlicher Giftigkeit sind. Gelangen Tetanusbazillen in den Koerper, so wirken diese giftigen Stoffe (Toxine) als echtes Gift auf das Gehirn und erzeugen den gefuerchteten Starrkrampf, dem ungezaehlte Menschenleben zum Opfer gefallen sind und noch fallen. Fast ausnahmslos liegt dem Tetanus eine Verletzung zugrunde, die nicht selten so klein ist, dass sie kaum noch nachgewiesen werden kann. Ganz besonders beobachtet man Tetanus nach Verletzungen an Haenden und Fuessen, wenn diese mit Erde oder Holzsplittern verunreinigt sind. Die Untersuchungen haben denn auch ergeben, dass Boden, Gartenerde, Muell und Kehricht haeufig Tetanusbazillen enthalten. Auch in Spinngeweben sind sie gefunden worden - ein triftiger Grund zur Warnung vor dem noch immer anzutreffenden Unfug, frische Wunden zur Blutstillung mit Spinngeweben zu bedecken. Auch Pferde koennen indirekt die Uebertragung auf den Menschen vermitteln, da Tetanusbazillen besonders haeufig in Pferdekot gefunden werden. Die Krankheit entwickelt sich haeufig nicht immer gleich nach der Verletzung, sondern kann noch Tage, ja Wochen nachher ausbrechen, wenn die Wunde laengst vernarbt ist. Das erste Symptom ist eine eigentuemliche Steifigkeit in den Kiefern der Kranken. Sie koennen den Mund nicht recht oeffnen und klagen ueber ziehende Schmerzen in den Kaumuskeln. Dieser Zustand wird als Trismus bezeichnet. Gewoehnlich besteht gleichzeitig hohes Fieber. Die ganze Gesichtsmuskulatur ist krampfhaft zusammengezogen und verleiht dem Kranken einen merkwuerdig starren Ausdruck. Sehr bald zeigt sich eine deutliche Nackenstarre, der sich krampfartige Zusammenziehungen von ganz kurzer bis zu minutenlanger Dauer anschliessen. Diese Krampfanfaelle koennen die Muskeln sowohl des Rumpfes, als auch der Gliedmassen ergreifen und sind ausserdordentlich schmerzhaft. Schon die leisesten aeusseren Reize, wie Beruehrung des Kranken, grelles Licht, Geraeusche, Betreten des Krankenzimmers u.a. koennen sie zur Qual des Patienten hervorrufen. Die Kaumuskeln bleiben dauernd fest zusammengezogen. Das Bewusstsein ist stets frei, trotzdem das Fieber fast stets die hoechsten Grade erreicht. Durch die starke Muskelspannung wird auch die Atmung sehr erschwert, so dass der Zustand ein entsetzlich qualvoller ist und die Kranken in Schweiss gebadet liegen. Der Durst ist brennend, seine Stillung aber durch die Unmoeglichkeit, den Mund zu oeffnen, hochgradig erschwert. Von diesem Durchschnittsbild des Tetanus kommen mancherlei Abweichungen vor. Es gibt Faelle, mit so rasch toedlichem Verlauf, dass es nicht einmal zur Temperaturerhoehung kommt. Es besteht dann eine so ausgebreitete Muskelstarre, dass die Kranken vollstaendig steif daliegen, ohne dass auch nur das leiseste Nachlassen der Starre erfolgt. Diese schlimmsten Faelle fuehren schon in wenigen Stunden zum Tode. Das Gegenteil sind die leichteren Faelle, bei denen die Spannung der Muskeln eine verhaeltnismaessig geringe bleibt und die Krankheit nach mehrwoechiger Dauer mit Genesung endet. Im allgemeinen verlaeuft der akute Tetanus, wie er vorstehend geschildert, ueberwiegend toedlich, nachdem er nur wenige Tage bestanden. Zieht sich die Krankheit laengere Zeit hin, so waechst die Moeglichkeit der Heilung, wenn auch Monate vergehen koennen, bis die Nachwehen der schweren Erkrankung ueberwunden sind. Tritt der Tod ein, so erfolgt er meistens durch Herz- oder Atmungslaehmung oder als Folge einer uebermaessigen Temperatursteigerung. Abgesehen von seiner Bedeutung als einer der gefaehrlichsten und tueckischsten Infektionskrankheiten ist der Tetanus noch dadurch von besonderem Interesse, dass er den Anlass zur Entdeckung der immunisierenden Eigenschaft des Blutserums bei Infektionskrankheiten gegeben hat, auf die sich die moderne Serumbehandlung gruendet. Die Behandlung des Tetanus stoesst auf grosse Schwierigkeiten. Oertliche Behandlung einer Verletzung bei schon ausgebrochener Krankheit ist ganz nutzlos, da die Bazillen und ihre Gifte laengst in den Saeftestrom des Organismus eingedrungen sind. Die Gifte gelangen in die Gehirnzellen, von denen sie so fest gebunden werden, dass sie jeglichem Mittel zu ihrer Unschaedlichmachung widerstehen. Darauf beruht die Wirkungslosigkeit des Tetanusheillserums, von dem man sich anfangs die groessten Erfolge versprach. Es versagt vollstaendig, wenn es erst nach Auftreten der ersten Krankheitssymptome eingespritzt wird. Dagegen leistet es dann vortreffliche Dienste, wenn es prophylaktisch, als Vorbeugungsmittel angewandt wird. In einer Reihe von Beobachtungen bei Arbeitern eines Berufs, in dem Tetanus haeufig auftrat, hat sich ergeben, dass, wenn bei Verletzungen mit Verunreinigunen durch Erde sofort Tetanusserum eingespritzt wurde, der Starrkrampf dauernd ausblieb. Die einzelnen Krampfanfaelle koennen nur mit narkotischen Mitteln bekaempft werden. Sie sind nicht nur entsetzlich qualvoll und schmerzhaft, sondern auch ueberaus gefaehrlich, da jeder Krampfanfall den Kranken in Erstickungsgefahr bringt oder doch mindestens eine bedrohliche Verminderung der Kraefte hervorruft. Von allen Mitteln dieser Art bewaehrt sich am besten das Morphium, das die Uebererregbarkeit des Nervensystems rasch herabsetzt, so dass nicht bei jedem kleinsten Anlass die Muskelstarre eintritt. In Verbindung mit Einspritzungen von Tetanusserum sollen ausgezeichnete Erfolge erzielt worden sein. Besonders schwierig ist die Ernaehrung, da der Mund durch die krampfhafte Zusammenziehung der Kaumuskeln fest zusammengepresst ist und nicht geoeffnet werden kann. Auch wenn dieser Umstand nicht besteht, tritt haefig beim Versuch, etwas herunterzuschlucken, ein so heftiger Krampf der Schlingmuskeln auf, dass sich der Kranke verschluckt und ersticken kann. Daher muss jede Nahrungszufuhr vom Mastdarm aus erfolgen oder auch unter die Haut gespritzt werden. Im Uebrigen muss der Kranke vor Erschuetterung, Geraeusch und grellem Licht sorgfaeltig geschuetzt werden. -------------------------------------------------------------------------------
Diejenigen, die solche Informationen bewusst verbreiten, sind nicht gutglaeubig.
(Ulrike S.)
Preventing and treating tetanus:
http://bmj.com/cgi/content/full/326/7381/117
(Ulrike S.)
Beispiel aus einem Forum:
Also, erstmal sind nach Angaben des "Robert-Koch-Instituts"
95% der Vorschulkinder gegen Tetanus geimpft:
http://www.rki.de/INFEKT/EPIBULL/2002/07_02.PDF
Ältere Leute sind deutlich gefährdeter, weil zum einen ihr Impfschutz schlechter ist, zum anderen weil sie häufiger an Sachen leiden, die das Tetanus-Risiko erhöhen:
Zweitens können Kinder sehr wohl an Tetanus erkranken:
In den USA wurden es zwischen 1992 und 2000 15 Tetanusfälle bei
Kindern unter 15 Jahren gemeldet.
Details gibt es hier:
http://www.pediatrics.org/cgi/content/full/109/1/e2#T1
(AnneL)
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Aribert Deckers