29.12.2003
Diesen Artikel darf ich dank der freundlichen Erlaubnis der Autoren hier wiedergeben.
Er erschien in Deutsches Ärzteblatt 100, Ausgabe 49 vom 05.12.2003,
MEDIZIN. Die im Artikel
erwähnten Grafiken finden Sie in der Printausgabe.
Aribert Deckers
Stephan Arenz, Helen Kalies, Maria-Sabine Ludwig, Wolfgang Hautmann, Anette Siedler, Bernhard Liebl, Gabi Morlock, Rüdiger von Kries:
Der Masernausbruch in Coburg: Was lässt sich daraus lernen?
Deutsches Ärzteblatt 100, Ausgabe 49 vom 05.12.2003,
MEDIZIN
Zusammenfassung
Im November 2001 begann in der Stadt und im Landkreis Coburg
ein Masernausbruch, der insgesamt acht Monate dauerte. In
dieser Zeit wurden 1191 Masernfälle gemeldet,
entsprechend einer kumulativen Inzidenz von 882/100000
Einwohner mit 43 (4 Prozent) gemeldeten stationären
Masernfällen. 398 Patienten konnten anhand von
Fragebögen untersucht werden; in dieser Gruppe traten
bei 28 Prozent Komplikationen auf, es kam jedoch zu keinen
Masernenzephalitiden oder Todesfällen. Neun Prozent der
Masernpatienten waren geimpft. Bei Durchimpfungsraten von 90
Prozent oder höher in den Nachbarlandkreisen blieb der
Ausbruch auf Stadt und Landkreis Coburg beschränkt, wo
die Durchimpfungsrate bei 77 Prozent lag. Im Rahmen einer
Interventionsmaßnahme während des Ausbruchs, bei
der die Eltern persönlich angesprochen wurden, stiegen
die Verkaufszahlen des Masernimpfstoffs kurzfristig
drastisch an. Schätzungsweise bis zu 50 Prozent der
für Masern empfänglichen Population der unter
15-Jährigen konnte dadurch zusätzlich
geschützt werden. Durch diese
Interventionsmaßnahme wurde ein relevanter Anteil der
Bevölkerung für eine Impfung motiviert. Mittels
einer kleinräumigen Gesundheitsberichterstattung
können Regionen mit einem erhöhten Risiko für
Masernausbrüche identifiziert werden.
Möglicherweise lässt sich bei einem beginnenden
Ausbruch durch personenbezogene Interventionsmaßnahmen
die Durchimpfungsrate auch in diesen Regionen mit einem
hohen Anteil an Ungeimpften und Impfgegnern kurzfristig
erheblich steigern.
Schlüsselwörter: Masern, Schutzimpfung,
Epidemiologie, Durchimpfungsrate
Summary
The Outbreak of Measles in Coburg - What Lessons Can we
Learn?
An outbreak of measles occurred in Coburg between November
2001 and June 2002. 1191 cases of measles were reported,
accounting for a cumulative incidence of 882/100 000
inhabitants with 43 (four per cent) hospitalized cases.
Complications were reported in 28 per cent of the cases, no
measles-encephalitis or deaths were observed. In nine per
cent of the cases the patients were vaccinated. The outbreak
was limited to the district of Coburg, where the vaccination
coverage was 77 per cent compared to 90 per cent or above in
the surrounding districts. A vaccination campaign directly
addressing individuals during this outbreak prompted a
dramatic increase in vaccine-sales, which would be enough to
vaccinate up to 50 per cent of the susceptible population
under 15 years.
A relevant part of the population could be motivated for a
vaccination by these interventions. The availability of
local vaccine coverage data may be useful to identify these
regions at risk for outbreaks. At early stages of the
outbreak vaccination campaigns addressing individuals might
improve vaccination coverage even in regions with low
measles vaccination coverage due to a considerable part of
the population opposing vaccination.
Key words: measles, vaccination, epidemiology, vaccination
coverage
Die Stadt- und Landkreise Aachen und Coburg und der
Landkreis Leer meldeten im ersten Quartal 2002
Masernausbrüche (1).
Von diesen Ausbrüchen war der Coburger der
größte. Hierüber wurde auch in den
internationalen Medien berichtet. In diesem Beitrag werden
die Besonderheiten dieses Ausbruchs dargelegt. Dabei werden
folgende Fragen fokussiert:
- Warum kam es zu dem Ausbruch - muss auch in anderen
Regionen mit solchen Ausbrüchen gerechnet werden?
- Warum blieb der Ausbruch auf Coburg begrenzt?
- Welche Aufklärungskampagnen zur Riegelungsimpfung
sind erfolgversprechend?
Epidemiologische Untersuchung
Für die epidemiologische Untersuchung des
Masernausbruchs wurden mehrere Datenquellen verwendet. Die
Routinedaten der Masernmeldungen gemäß § 6
und § 7 des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) wurden zur
Beschreibung des Ausbruchs in Coburg und der Erfassung der
Masernfälle in den umliegenden Landkreisen
herangezogen. Die Meldepflicht für den behandelnden
Arzt besteht nach folgender klinischer Falldefinition
für Masern: länger als drei Tage anhaltender
generalisierter makulopapulöser Ausschlag und Fieber >
38,4°C und mindestens eines der Symptome Husten,
wässriger Schnupfen, Kopliksche Flecken,
Konjunktivitis. Darüber hinaus ist jede durch
labordiagnostischen Nachweis bestätigte Maserninfektion
meldepflichtig. Der Beginn des Ausbruchs wurde auf November
2001 festgelegt, nachdem in Stadt und Landkreis Coburg in
der 46. Meldewoche zehn Fälle angezeigt wurden,
wohingegen zuvor dort keine Masernerkrankungen berichtet
worden waren. Als Ende des Ausbruchs wurden ausbleibende
Masernmeldungen in zwei aufeinanderfolgenden Meldewochen
definiert.
Die Meldungen der Masernfälle waren Veranlassung
für die Kontaktaufnahme zu den betroffenen Familien
mittels eines Fragebogens. Den gemeldeten Patienten wurde
vom Gesundheitsamt Coburg ein anonymer schriftlicher
Fragebogen zugesandt. Ziel der Fragebogenaktion war, die
Diagnose Masern anhand der klinischen Falldefinition zu
überprüfen, Komplikationen - einschließlich
stationärer Aufnahmen - im Rahmen der Masernerkrankung
zu erfassen und den Impfstatus der Masernfälle zu
erheben. Bei fehlender Antwort folgte nach zwei Monaten ein
Erinnerungsschreiben. Unplausible Angaben zu den Impfungen
wurden in einer schriftlichen und telefonischen Nacherhebung
überprüft. Dort wurde nochmals betont, dass nur
Angaben zu Masernimpfungen gemacht und diese Angaben dem
Impfpass entnommen werden sollten. Die
Repräsentativität der zurückgesandten
Fragebögen wurde anhand der Kriterien
Geschlechtsverteilung, Alter, Rate der stationären
Aufnahme und Verteilung auf Stadt und Landkreis Coburg
überprüft.
Darüber hinaus wurde für stationäre Patienten
um die Übersendung eines Arztbriefes gebeten. Da der
Großteil der stationären Masernpatienten in der
Kinderklinik Coburg behandelt worden war, wurde dort gezielt
nach der Diagnose Masern gesucht, um alle stationären
Masernfälle von November 2001 bis Juni 2002 zu
erfassen. Zusätzlich wurden alle Kinderkliniken in der
weiteren Umgebung von Coburg kontaktiert und es wurde um die
Zusendung der anonymisierten Arztbriefe stationär
behandelter Kinder mit Masern gebeten. Zur Erfassung
hospitalisierter Masernfälle im Erwachsenenalter wurden
die betreffenden Medizinischen Kliniken gezielt
angeschrieben.
Die Daten der bayerischen Schuleingangsuntersuchungen von
1998/1999 bis 2000/2001 und die Durchimpfungsraten in
Thüringen bei Schuleingangsuntersuchungen für 2001
(5) wurden zur Erfassung
der Durchimpfungsraten in Coburg und den benachbarten
Landkreisen herangezogen. Darüber hinaus wurden die
Durchimpfungsraten in allen bayerischen Landkreisen erfasst,
um zu überprüfen, ob auch in anderen Landkreisen
vergleichbare Masernausbrüche auftreten
könnten.
Nachdem das örtliche Gesundheitsamt den beginnenden
Ausbruch erkannte, wurden im Dezember 2001 die
Gemeinschaftseinrichtungen von Stadt und Landkreis Coburg
sowie die niedergelassenen Ärzte über die
Notwendigkeit einer Impfung und die Vorschriften des
Infektionsschutzgesetzes, insbesondere die Meldepflicht bei
Masernerkrankungen, informiert. Vom Bayerischen Landesamt
für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit wurde dann
Anfang März 2002 ein umfangreicher Aktionsplan
erarbeitet. Wichtigste Maßnahme war ein Aufruf zur
Riegelungsimpfung an die Bevölkerung und die
niedergelassenen Ärzte. Im Unterschied zu der
vorherigen Intervention wurden hierbei die Eltern
persönlich angesprochen. Dazu wurden an allen Schulen,
städtischen Kindergärten und
Kindertagesstätten in Stadt und Landkreis Coburg
Merkblätter mit einem Aufruf zur Masernimpfung
verteilt. Der Erfolg dieser Intervention wurde anhand der
monatlichen Verkaufszahlen der Masernimpfstoffe
überprüft. Es wurden die Verkaufssegmente Coburg,
Neustadt bei Coburg und Bad Rodach/ Ebersdorf erfasst, die
in etwa dem Gebiet von Stadt und Landkreis Coburg
entsprechen.
Ergebnisse
Masernausbruch Coburg
Zwischen November 2001 und Juni 2002 wurden dem zuständigen Gesundheitsamt 1191 Masernerkrankungen in Stadt und Landkreis Coburg gemeldet.
Ausgangspunkt war eine anthroposophische Schule. Von hier aus breiteten sich die Masern auf das Stadtgebiet und die Gemeinden im Landkreis aus.
Die kumulative Inzidenz für alle Altersgruppen betrug 882 Masernfälle pro 100.000 Einwohner für diesen Zeitraum. In der Stadt Coburg lag sie mit 1.015 pro 100.000 etwas höher als im Landkreis Coburg mit 815 pro 100.000 Einwohner.
Die Altersgruppe der Ein- bis
Vierjährigen hatte die höchste Inzidenz mit 7 182
pro 100 000 Einwohner. Grafik 1 zeigt die epidemiologische
Kurve des Masernausbruchs in Stadt und Landkreis Coburg nach
Meldewochen.
Das Alter lag im Median bei sechs Jahren, 23 Patienten (2
Prozent) waren jünger als ein Jahr und der älteste
gemeldete Patient war 86 Jahre alt (Altersverteilung siehe
Tabelle 1). 54 Prozent der Masernfälle waren
männlich.
Bei 43 der 1191 gemeldeten Fälle (4 Prozent) wurde ein stationärer Aufenthalt angegeben.
Für 38 Fälle erhielten die Autoren Arztbriefe über die stationäre Behandlung - darunter 34 von Kinderkliniken und 4 von Medizinischen Kliniken. Hierbei zeigte es sich, dass drei Säuglinge zur Behandlung mit Immunglobulinen bei Maserninkubation aufgenommen worden waren und bei zwei Kindern die Diagnose Masern in der Klinik nicht bestätigt wurde. Todesfälle und Enzephalitiden wurden weder gemeldet noch in den Arztbriefen aufgeführt.
In Grafik 2 a und 2 b sind die Durchimpfungsraten und die nach IfSG gemeldeten Masernfälle von Coburg und den umliegenden Landkreisen gegenübergestellt, sodass der Zusammenhang zwischen Durchimpfungsraten und Erkrankungshäufigkeit deutlich wird. In den umliegenden Landkreisen lagen die Durchimpfungsraten durchweg bei 90 Prozent oder höher. Masernerkrankungen blieben dort auf Einzelfälle beschränkt (bei Einwohnerzahlen zwischen 67 000 und 212 000).
Komplikationen und Impfstatus der Masernfälle
An 762 von 1191 gemeldeten Masernfällen wurden Fragebögen versandt. Den Erkrankten, die zwischen November 2001 und Februar 2002 gemeldet wurden, konnten - mit wenigen Ausnahmen - keine Fragebögen zugeschickt werden, da deren Originalmeldebögen bereits vernichtet worden waren und daher die Adressen nicht mehr zugänglich waren.
Von den 762 versandten Fragebögen wurden 510 zurückgeschickt, was einer Ausschöpfung von 67 Prozent entspricht. Die folgenden Daten beziehen sich auf die 510 auswertbaren Fragebögen. Die Teilnehmer unterscheiden sich hinsichtlich Geschlecht, Alter, Verteilung auf Stadt und Landkreis und Rate der stationären Aufnahmen nicht von der Gesamtheit aller Erkrankten.
Die klinische Falldefinition für Masern wurde bei 398
von 510 Patienten erfüllt. Das entspricht einem Anteil
von 78 Prozent. Von den 112
Patienten ohne erfüllte klinische Falldefinition fehlte
bei 64 Patienten das länger als drei Tage anhaltende
Exanthem, 53 Patienten hatten kein Fieber > 38,4 °C und
18 Patienten hatten keine Koplikschen Flecken, keinen
Husten, Schnupfen oder Konjunktivitis (teilweise
Mehrfachnennungen). Die 398 klinisch bestätigten
Masernfälle bildeten die Grundlage für die
Erfassung der Komplikationen. Zu Komplikationen kam es bei
113 Erkrankten (28 Prozent). 21 dieser Patienten (5 Prozent)
wurden stationär im Krankenhaus behandelt. Die
Komplikationen sind in Tabelle 2 aufgeführt.
In 393 von 398 Fragebögen wurden Angaben zur Impfung
gemacht. Insgesamt wurde in 45 Fällen (11 Prozent) eine
Masernimpfung angegeben. Für 40 Fälle war das
Impfdatum bekannt, sodass man Inkubationsimpfungen
identifizieren konnte, 6 dieser Fälle waren in der
Inkubationszeit und 3 nach Beginn der Erkrankung geimpft
worden. In diesen 9 Fällen handelte es sich jeweils um
die Erstimpfung. Insgesamt können somit 9 Prozent der
Masernfälle als geimpft gelten (Tabelle 3).
Verkaufszahlen von Masernimpfstoffen in Coburg und Umgebung
Die Anzahl verkaufter Masernimpfdosen (Mono- oder Kombinationsvakzine) im Raum Coburg von Januar 2001 bis September 2002 in Relation zu Impfaufrufen durch das Gesundheitsamt und andere staatliche Institutionen zeigt Grafik 3. Im Zeitraum von November 2001 bis Februar 2002 stiegen die monatlichen Verkaufszahlen um das 1,5-fache im Vergleich zum Jahr 2001 vor Beginn des Ausbruchs. In den zwei Monaten nach der oben beschriebenen Intervention stiegen die Verkaufszahlen noch einmal um das Fünffache.
Masernausbruch in Coburg durch niedrige Impfraten
Bei diesem Masernausbruch kam es erfreulicherweise im Gegensatz zu dem kürzlich berichteten Ausbruch in den Niederlanden (6) zu keinen Enzephalitis- oder Todesfällen, wobei sowohl Meldedaten gemäß IfSG, als auch Arztbriefe der stationär behandelten Patienten analysiert wurden. Auffällig war jedoch, dass die Otitis media als bakterielle Sekundärinfektion häufiger als in anderen Publikationen angegeben wurde. Die Diagnose Otitis media wird möglicherweise etwas überschätzt. So lag auch die Otitis-media-Rate im Sentinel der Arbeitsgemeinschaft Masern für den Ausbruch in Coburg nur bei 9 Prozent (2).
Überraschend war zudem, dass bei 11 Prozent der validierten Fälle mindestens eine Masernimpfung angegeben wurde. Bei einem Teil dieser Fälle stehen Impfung und Erkrankung jedoch in zeitlichem Zusammenhang. Hier wurde entweder zu spät in die Inkubationszeit hinein geimpft, was eine Masernerkrankung nicht mehr verhindern konnte, oder es handelte sich um Impfmasern. Diese Fälle sind als ungeimpft zu werten, sodass der tatsächliche Anteil der Geimpften bei 9 Prozent liegt. Ähnliche Ergebnisse brachte das Sentinel der Arbeitsgemeinschaft Masern, wo deutschlandweit zwischen Oktober 1999 und Juni 2002 für insgesamt 10 Prozent aller labordiagnostisch bestätigten Masernfälle eine Masernimpfung angegeben worden war. Von diesen Impfungen stand ein Drittel in engem zeitlichen Zusammenhang mit der Erkrankung (1).
Die Impfrate der Coburger Masernfälle ist darüber hinaus möglicherweise überschätzt worden, wenn angenommen wird, dass die auf den Fragebogen nicht antwortenden Eltern ihre Kinder auch eher nicht haben impfen lassen. Aus Vergleichen elterlicher Angaben mit Eintragungen in die Impfpässe ist zudem bekannt, dass in Analysen der elterlichen Angaben die Impfraten nicht immer exakt geschätzt werden (5).
Eindrucksvoll zeigen diese Daten, dass der Coburger Masernausbruch durch niedrige Impfraten in dieser Region ermöglicht wurde und dass Durchimpfungsraten von 90 Prozent und darüber in den benachbarten Landkreisen ausreichten, um den Ausbruch lokal zu begrenzen. Die Impfrate für mindestens eine Masernimpfung betrug im Landkreis Coburg bei Schuleingangsuntersuchungen 1998/1999 bis 2000/2001 durchschnittlich 77 Prozent. Sie lag damit deutlich unter dem bayerischen Durchschnitt von 88 Prozent in dieser Altersgruppe (Bandbreite 58 Prozent bis 96 Prozent). Bei weiteren 7 von insgesamt 77 Landkreisen oder Städten in Bayern lagen die Impfprävalenzen jedoch ebenfalls unter 80 Prozent, sodass auch in diesen Landkreisen unter ungünstigen Umständen ähnliche Masernausbrüche auftreten könnten.
Durch verstärkte und gezielte Aufklärungsarbeit soll versucht werden, die Durchimpfungsraten in diesen Landkreisen zu steigern. Da kleinere Masernausbrüche in den letzten Jahren auch in anderen Bundesländern beobachtet wurden, muss angenommen werden, dass es auch dort Landkreise mit Durchimpfungsraten unter 80 Prozent gibt. Erfreulicherweise wurden in immerhin 36 bayerischen Landkreisen Durchimpfungsraten von 90 Prozent oder höher beobachtet (3), die - wie die hier gezeigten Daten zeigen - offenbar ausreichen, um ein Übergreifen von Masernausbrüchen zu verhindern.
Auffallend ist der zeitliche Zusammenhang zwischen den Interventionen an Schulen und anderen Institutionen in Stadt und Landkreis Coburg und dem Anstieg der Verkaufszahlen der Masern-, Mumps-, Rötelnvakzine. Offenbar konnte durch eine gezielte Aufklärungskampagne noch ein bedeutsamer Teil der Bevölkerung innerhalb kurzer Zeit für eine Masernimpfung mobilisiert werden. Unter der Annahme, dass die gesamte Impfrate aller Altersgruppen der Impfrate bei den Einschulungsuntersuchungen entspricht, waren in Coburg zu Beginn des Masernausbruchs von circa 22 300 Kindern im Alter von 1 bis 15 Jahren etwa 5 100 (23 Prozent) nicht geimpft. Vor Beginn des Masernausbruchs wurden in der Region Coburg monatlich im Durchschnitt etwa 240 Impfdosen verkauft. Diese Zahl wurde zwischen November 2001 und Juni 2002 deutlich überschritten. Insgesamt wurden in diesem Zeitraum mehr als 2 750 Impfdosen mehr verkauft, als ohne den Ausbruch zu erwarten gewesen wäre. Die daraus folgende deutliche Steigerung der Durchimpfungsrate ist insbesondere in Coburg überraschend, da in dieser Region von einer besonders großen Zahl von Impfgegnern ausgegangen werden musste: 90 Prozent der Eltern von im AGM-Sentinel erfassten Masernfällen hatten die Impfung abgelehnt. Im Bundesdurchschnitt waren dies nur 35 Prozent (4).
Bei der Abschätzung des Einflusses der Aufklärungskampagne wurden die Verkaufszahlen der Vakzine als Surrogat der durchgeführten Impfungen eingesetzt, unter der Annahme, dass der verkaufte Impfstoff auch in der Verkaufsregion verwendet wurde. Dies erscheint plausibel. Nicht differenziert werden konnte jedoch, wie viele der verkauften Impfstoffe für Erst- und Zweitimpfungen verwendet wurden. Selbst wenn die Hälfte der Impfstoffe für Zweitimpfungen verwendet wurde, wäre durch die Impfkampagne immer noch der Anteil der masernempfänglichen Population um mehr als ein Viertel reduziert worden.
Masernausbrüche können frühzeitig entdeckt werden
Die vorliegenden Daten zeigen eindrucksvoll, dass
Durchimpfungsraten von mehr als 90 Prozent vor solchen
Ausbrüchen schützen. Durch die hohen
Durchimpfungsraten der benachbarten Landkreise blieb der
Ausbruch in diesem Fall auf Stadt und Landkreis Coburg
begrenzt.
Mit Masernausbrüchen muss jedoch auch in anderen
Landkreisen mit niedrigen Durchimpfungsraten gerechnet
werden. Aus diesem Grund ist eine kleinräumige
Gesundheitsberichterstattung nötig, um Gegenden mit
niedriger Impfprävalenz identifizieren und
gegebenenfalls Interventionsmaßnahmen einleiten zu
können.
Bei gehäuften Masernmeldungen sollte in Regionen, in
denen die Durchimpfungsraten unter 90 Prozent liegen,
unverzüglich versucht werden, durch rechtzeitige
Interventionen einen möglichst großen Teil der
(nicht geimpften) Bevölkerung für eine Impfung zu
gewinnen. Wie an diesem Beispiel sichtbar, ist es Erfolg
versprechend, die Eltern unter Einbeziehung der
Kindereinrichtungen direkt anzusprechen. Dadurch
könnten eventuell beginnende Ausbrüche noch
eingedämmt beziehungsweise verhindert werden.
Darüber hinaus können die niedergelassenen
Ärzte ihre Kenntnisse über den Impfstatus ihrer
Patienten nutzen und diese an die Impfung erinnern und
gegebenenfalls impfen. Auch die Ärzte des
öffentlichen Gesundheitsdienstes und die
sozialmedizinischen Assistenten können bei den
Schuleingangsuntersuchungen Impflücken erkennen und die
Eltern auf die Notwendigkeit der Impfung ansprechen.
Die Routinedaten der Meldungen gemäß IfSG sind
geeignet, Masernausbrüche frühzeitig zu entdecken.
Die Autoren danken den Mitarbeitern des Gesundheitsamtes
Coburg (Leiter: Dr. med. Helmut Weiß) für ihre
Mitarbeit. Die Daten zu den Verkaufszahlen von
Masernimpfstoffen wurden freundlicherweise von IMS Health
zur Verfügung gestellt.
Manuskript eingereicht: 13. 3. 2003; revidierte Fassung
angenommen: 21. 7. 2003
Zitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 3245-3249 [Heft 49]
Literatur
1. Arbeitsgemeinschaft Masern: Sentinel-Surveillance der Arbeitsgemeinschaft Masern (AGM) - Ergebnisse bis zum Ende des 1. Halbjahres 2002. Epid Bull 2002; 32: 269-273.
2. Arbeitsgemeinschaft Masern: Sentinel-Surveillance der Arbeitsgemeinschaft Masern (AGM). Unveröffentlichte Daten 2002.
3. Kalies H, von Kries R: Gesundheit im
Kindesalter. Kurzbericht über die Ergebnisse der
Einschulungsuntersuchungen 1998/1999-2000/2001.
Homepage des
Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit,
Ernährung und Verbraucherschutz.
http://www.stm-gev.bayern.de/blickpunkt/gesundheit/schul_unters.pdf
(2002)
4. Siedler A: Masern-Epidemie in Coburg - Warum es dazu kommen konnte. Kinderärztliche Praxis 2002; Sonderheft "Impfen 2002": 13-15.
5. Thüringer Landesamt für Statistik: Unveröffentlichte Daten 2002.
6. van den Hof S, Conyn-van Spaendonck
MAE, van Steenbergen JE: Measles epidemic in the
Netherlands, 1999-2000. J Infect Dis 2002; 186:
1483-186.
Anschrift für die Verfasser:
Dr. med. Stephan Arenz, MPH
Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit
Veterinärstraße 2
85764 Oberschleißheim
E-Mail: stephan.arenz {at} lgl.bayern.de
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Aribert Deckers