Wunder der Homöopathie
20.5.2003
Der folgende Artikel stammt aus Heft 1-2/2003 (Seiten 42, 43) des
"Laborjournal", einer hervorragenden Zeitschrift, die zu lesen ein
außerordentliches Vergnügen ist. Herr Siegfried Bär hat mir
freundlicherweise die Wiedergabe seines Artikels in meiner Web-Site erlaubt.
Mehr aus dem und über das "Laborjournal" lesen Sie in der Web-Site
http://www.laborjournal.de
Wunder der Homöopathie
Siegfried Bär
Daß unwissenschaftliche Methoden der Naturheilkunde wie die Homöopathie
auch heute noch ihre Anhänger haben, hat mich nie gewundert. So verschieden
sind wir vom Steinzeitmenschen und seiner Magie noch nicht und seit dem Mittelalter
ist es auch erst 500 Jahre her. Was heißt schon Mittelalter? Auch die sogenannte
Schulmedizin kann erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts, seit Pasteur und
Koch, den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, mehr Nutzen als Schaden zu stiften.
Und wer in die Forschungsabteilungen heutiger Kliniken schaut und sieht wie
die ihre Ergebnisse zusammenflicken und was die unter Wissenschaft verstehen,
der wundert sich nicht mehr über die praktischen Ärzte, die Bachblüten vertreiben
oder homöopathisch quacksalbern. Die Flucht aus der Wirklichkeit ist eben
bequem.
Aura der Fortschrittlichkeit
Was mich dagegen immer gewundert hat, ist die Aura der Fortschrittlichkeit
und moralischen Reinheit, die die Alternativmediziner umgibt. Dies gerade
bei jüngeren Leuten von grünem Holze und großen ethischen
Ansprüchen, teilweise sogar an sich selbst. Wie um Himmels willen kommt
zum Beispiel die Homöopathie, eine Theorie des 18. Jahrhunderts und nur
aus dieser Zeit heraus zu verstehen, zum Ruf der Modernität? Wie kann
eine Methode, deren Theorie abstrus und deren Wirksamkeit nie nachgewiesen
wurde, die aber trotzdem einiges kostet - riesige Firmen leben davon
- wie kann die bei Leuten Eindruck schinden, die sonst die ersten sind,
auf die Proftigier der Pharmaindustrie zu schimpfen?
Die Industrie muß doch wenigstens die Wirksamkeit ihrer Produkte
nachweisen und geht mit naturwissenschaftlichen Methoden vor.
Ich weiß es nicht. Ich weiß es um so weniger zu sagen, wenn ich
mich in der Geschichte der Homöopathie umschaue. Besonders erhellend ist
in dieser Hinsicht die Rolle der Homöopathie im Dritten Reich.
Heraus mit der Nazi-Keule!
"Jetzt holt er die Nazi-Keule raus", denken Sie. In der Tat
ist es bei den Deutschen gute Sitte, jemanden, den man moralisch
disqualifizieren will, mit der NS-Ideologie in Verbindung zu bringen. Auch ich
bin ein guter Deutscher.
Aber das ist nicht der Grund, warum ich es hier unternehme, die Rolle der
Homöopathie im Dritten Reich anzureißen.
Der Grund ist Faulheit: Es macht wenig Arbeit nachzuweisen, daß sich
Naturheilkunde und besonderes die Homöopathie nahtlos in die NS-Ideologie
einpaßte. Man muß nur die Gallionsfiguren der damaligen
Naturheilkunde zitieren, so Karl Kötschau, den Inhaber des 1935
errichteten Jenaer Lehrstuhls für biologische Medizin.
Zur Klärung: Biologische Medizin unterschied sich im damaligen
Sprachgebrauch von der Naturheilkunde wie der Ochse vom Rindvieh. Ordinarius
Kötschau also ließ sich über den Zusammenhang zwischen
Naturheilkunde und Nationalsozialismus folgendermaßen aus:
"Nationalsozialistisch denken und biologisch denken aber sind eins. Wir
finden in der biologischen Medizin wieder die Natur- und Volksverbundenheit
des Nationalsozialismus, ebenso finden wir in beiden das ganzheitliche Denken
und die Ablehnung mechanistischer Zerstückelungen"
(dieses Zitat und alle weiteren stammen aus Prokop/Wimmer, "Der moderne
Okkultismus", 2. Auflage,
Gustav Fischer).
Unter Kötschaus Oberaufsicht wurde beispielsweise Tuberkulose
homöopathisch behandelt. Damit scheint er wenig Erfolg gehabt zu haben,
denn Lehrstuhl und Klinik wurden noch vor dem Krieg wieder aufgelöst.
Aber es hat keiner in allem unrecht, auch Kötschau nicht. Naturheilkunde
sei ein Kind der nationalsozialistischen Weltanschauung behauptete er einmal,
und es würde mir nie einfallen, einem Ordinarius zu widersprechen.
Fans der alternativen Medizin
Auch die Größen des NS-Regimes taten es nicht. Fast die ganze Blase
hing der "alternativen Medizin" an: Heinrich Himmler, Julius
Streicher, Reichsärzteführer Wagner und - allen voran -
Rudolf Hess, der Stellvertreter des Führers. Hess diente 1937 dem 12.
internationalen homöopathischen Kongress als "hoher
Protektor" und gab auf seiner Eröffnungsrede folgende erhellenden
Ausführungen:
"...immer stärker wird die Forderung erhoben, über dem Befassen
mit Teilen das Ganze nicht aus den Augen zu verlieren - eine Forderung
allgemeingültiger Art, der Befolgung bereits staatspolitisch Früchte
getragen hat. Auf dem Gebiet der Medizin lautet daher diese Forderung: Zur
Heilung eines kranken Organs mehr als bisher den Weg über die
Einflußnahme auf den Gesamtorganismus zu gehen. Die Homöopathie ist
eine naturnahe Heilweise, die diesen Weg von jeher beschritten hat.
(...) Vor nicht allzu langer Zeit forderte die Behauptung, Nationalsozialismus
und Sozialismus hätten sich einander zu ergänzen, schwerste
Angriffe, Hohn und Spott heraus. Heute ist dem gesamten deutschen Volk zur
Selbstverständlichkeit geworden, daß sie sich in der Tat
ergänzen.
In der Paralelle zu dieser politischen Erfahrung glaube ich getrost
voraussagen zu können, daß auf medizinischen Gebiet die Zeit kommen
wird, in der ebenso selbstverständlich Homöopathie und Allopathie
nicht als einander ausschließend, sondern als sich ergänzend
angesehen werden..."
Schirmherrschaft damals und heute
Ob die Hess'sche Nachfolgerin in der Funktion des "hohen Protektors",
die Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer, das auch so sieht? Sie hatte
die Schirmherrschaft über den 1. internationalen Homöopathie-Kongreß für
chronische Krankheiten 1998 in Frankfurt/M. inne. Ihre Rede, falls sie
eine gehalten hat, scheint nichts bewirkt zu haben.
Die Rede von Hess dagegen löste eine Überprüfung der Behauptungen
der Homöopathen durch das Reichsgesundheitsamt aus. Es wurde ein Arbeitskreis
eingesetzt, dem die Pharmakologen Bonsmann und Kuschinsky, der Internist
Siebert und der Homöopath Rabe angehörten. Der Arbeitskreis führte placebokontrollierte
Arzneimittelprüfungen durch und prüfte homöopathische Mittel auch klinisch
im Robert Koch Krankenhaus in Berlin.
Die Ergebnisse waren vernichtend. So vernichtend, daß Rabe - bei ihm
handelte es sich immerhin um den 1. Vorsitzenden des Deutschen Zentralvereins
homöopathischer Ärzte - gegen Ende der Untersuchungen unter dem Zwang des
Faktischen die Ansicht vertrat, daß die Homöopathie wahrscheinlich gar keine
pharmakotherapeutische Methode sei, wie bisher immer angenommen worden
wäre, sondern eine gewisse Form der Psychotherapie.
Heinrich Himmler, ebenfalls glühender Anhänger der Homöopathie, hielt
dies nicht davon ab, 1942 im SS-Lazarett Dachau homöopathische Mittel an
Häftlingen auszuprobieren. Behandelt wurden unter anderem Sepsis und Malaria.
Über das Ergebnis berichtete der Reichsarzt der SS, Grawitz, an Himmler
(mit Biochemie und biochemischen Mitteln bezeichnete man damals eine Sonderform
der Homöopathie; der Verfasser):
Der Brief des Reichsarztes der SS
"Die Sepsisfälle wurden zum größten Teil künstlich
gesetzt. Als bisheriges Ergebnis ist zunächst festzustellen, daß
der ungünstige Verlauf bei kaum einer der schweren Erkrankungen durch die
biochemischen Mittel aufgehalten werden konnte. Sämtliche
Sepsisfälle kamen ad exitum. Die Malariafälle blieben völlig
unbeeinflußt.
Die Fälle mit ausgedehnten phlegmonös-eitrigen Prozessen, mit
Absceßbildungen, die Pleuraempyem, die septische Endocarditis, die
Nephrose, die chronische Ischias und die Gallensteine zeigten keinen auch nur
einigermaßen sicheren Einfluß der biochemischen Behandlung. Soweit
sie günstig ausgingen, zeigten sie keinen anderen Verlauf, als sie nach
ärztlicher Erfahrung bei absoluter Ruhestellung im Bett auch ohne
besondere Maßnahmen zu nehmen pflegen..."
Die Antwort des Reichsführers SS
Der Reichsführer SS nahm das sehr ungnädig auf. Folgendes schrieb
Himmler dem Reichsarzt zurück:
"Lieber Grawitz! Ihr Bericht vom 29.8.1942 befriedigte mich in keiner
Weise. Die gemachten Versuche und der in dem Schreiben enthaltene geradezu
typische Satz, daß den Kranken das Einnehmen der Tabletten alle 5
Minuten sehr unangenehm wäre, zeigt mir, wie man hier wieder einmal eine
unangenehme Sache abgedreht hat. (...) Ich bin der Überzeugung, daß
Sie, der Sie selbst den Titel Professor bekommen haben und ihn, wenn ich nicht
irre, sehr gern gebrauchen, bei diesen Versuchen die Möglichkeit
hätten, Ihren wissenschaftlichen Beitrag zu leisten und das Fundament
für diesen Professorentitel nachträglich zu legen. (...)
Es ist also so: Eine Anzahl Leute vertrauen auf uns in dem Glauben, bei
der SS eine Institution zu finden, die sich noch nicht den chemischen Trusts
gebeugt hat, sondern noch wissenschaftlich forscht. Inzwischen werden sie
unter Benutzung meines Namens und unter Berufung auf die SS von den
großen Medizintrusten abgewürgt."
Unter Wissenschaft scheint Herr Himmler, das zeigt der Tenor des Briefes
deutlich, das verstanden zu haben, was seine vorgefaßte Meinung
bestätigt. Die Abneigung gegen die "chemischen Truste" stammt
vermutlich aus seiner Zeit als Laborant einer Düngemittelfirma, wo er
wohl einige "Schönungstechniken" mitbekam Nicht unwesentlich
dürfte des Pantoffelhelden Himmlers Einsatz für die Homöopathie
von seiner Frau gefördert worden sein, die eine Klinik für
Naturheilverfahren betrieb.
In schöner Eintracht passend zur Ideologie
In schöner Eintracht also hielten sowohl die Größen der
Homöopathie als auch jene der Partei die Homöopathie für
ungemein passend zur NS-Ideologie - und wo sie recht haben, haben sie
recht.
Wo waren wir stehengeblieben? Bei der Frage, wie die Homöopathie es
in den letzten 30 Jahren geschafft hat, sich mit dem Ruhm der
Fortschrittlichkeit und Menschenfreundlichkeit zu schmücken. Ich
kann's mir beim besten Willen nicht erklären. Ich kann mich nur
wundern.
Anmerkung:
Ich suche weitere Bilder zu diesem Sujet. Für Hinweise oder Material
würde ich mich freuen.
Aribert Deckers
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